Perfektion zum kleinen Preis

Ratgeber Die Auflagen steigen, das Angebot wächst, doch warum gibt es überhaupt so eine große Nachfrage? Warum wir es brauchen an Ratgeber zu glauben und glauben sie zu brauchen.
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Wir wollen Perfekt sein, ein perfektes Leben haben, perfekte Beziehungen führen, perfektes Aussehen, perfekte Eltern sein, bei Krisen werden wir unsicher und brauchen Rat. Alle anderen bekommen es doch auch hin, warum wir nicht? Stimmt etwas mit uns nicht?

Die Lösung sind Ratgeber. Ob kleine Helfte oder Dicke Bücher. Sie Preisen uns in ihren Titeln die Universalantworten für alle Lebenslagen an. Denn egal um welches Thema es geht, die Kern aussage ist immer: „Schauen sie, wir haben Statistiken. Sie sind nicht allein, das was sie erleben ist völlig normal. Sie sind völlig normal. Auf diese Weise können sie selbst ausbrechen, sie brauchen keinen Therapeuten!“. Letzteres ist tatsächlich eine enorm wichtige Message. Denn in einer Zeit in der alle Menschen möglichst gut funktionieren müssen und nach Leistungen definiert werden, werden viele „Unperfektheiten“ Pathologisiert. Wer nicht immer gut gelaunt ist ist depressiv, wer den Focus mehr auf sich oder die Karriere als auf die Familienplanung legt ist beziehungsunfähig usw.

Erfolg hat nur wer Ehrgeizig ist und wer das nicht ist muss das lernen. Selbst die Entspannungs-Ratgeber dienen vor allem der Burnout Prävention. Während ich den Beruhigenden Aspekt von Ratgebern: „Du bist nicht allein, das ist normal und du kannst was dagegen tun“ gut finde, mag ich es persönlich überhaupt nicht was sich aus dem Hohen Angebot ableiten lässt. Die bloße Existenz, die ja durch die hohe nachfrage entsteht, dieser großen Auswahl an Ratgebern, zeigt wie sehr unsere Gesellschaft auf Perfektion und Reibungslosigkeit geeicht ist.

Natürlich ist meine Perspektive von meiner Sozialisation und meinen Möglichkeiten geprägt mir meinen Rat bei Familie und Freunden zu holen. Ratgeber helfen mir nicht, weil ich schon eigene Strategien entwickelt und diese zu Verhalten und Gewohnheiten weiter entwickelt habe. Doch genau wie die Ratgeber schon sagen: man ist nicht allein. Auch ich mit meinen Erfahrungen und von den Ratgebern abweichenden Strategien bin es nicht. Das merke ich in Gesprächen mit Freunden und auch dazu gibt es Studien. Diese werden in den Ratgebern nur nicht beachtet, weil die Menschen die darunter fallen weniger Wahrscheinlich Ratgeber kaufen.

Menschen nämlich die schon erlebt haben, dass es keine Universelle Antwort gibt. Solche Menschen glauben einem Ratgeber der Universelle Antworten verspricht natürlich nicht. Ratgeber wenden sich an Menschen die darauf Hoffnungen, dass das was da steht klappen könnte. Die Hoffnung darauf haben, dass die Wissenschaft antworten für sie bereit hält. Denn nichts anderes sind Ratgeber. Übersetzungen von Statistiken und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hauptsächlich aus den Bereichen Philosophie, Pädagogik, Psychologie und Verhaltensforschung im Allgemeinen.

Ich möchte nicht behaupten alle Ratgeber zu allen Themen gelesen zu haben, aber jene die ich in der Hand hatte waren wenig Hilfreich. Da ging es zum Beispiel um Partnerschaften. Im O-Ton der Bücher, manchmal auch ganz klar in einer Checkliste zusammengefasst wurde gesagt wann Partner gute Partner sind. Es werden Erwartungen gesetzt, die niemand erfüllen kann und somit Enttäuschungen vorprogrammiert. Aber keine Sorge, es gibt auch Trennungsratgeber zum Beispiel in Form von Ratgebern darüber wie man wieder alleine glücklich wird. Wenn man dann mal wieder alleine ist, am besten auch noch verlassen wurde, nagt das Selbstbewusstsein am absteigenden Ast. Einige Ratgeber für mehr Selbstbewusstsein raten sich neue Hobbys zu suchen, ein neues Umfeld aufzubauen, in dem man nicht als die oder der „Verlassene“ gesehen wird. Hobbys oder Aufgaben auf der Arbeit in denen man Erfolge sammelt. Damit man sieht was man kann. Dabei tun sich mir einige Fragen auf, wann hört man damit wieder auf? Ist hier der Übergang zu den Anti-Stress und Entspannungsratgebern? Ist man durch kurzzeitige Erfolge tatsächlich so gefestigt, dass man dadurch Trennungen von Menschen die man geliebt hat überwindet? Gelten die selben Rezepte für alle Menschen? Und warum gibt’s dann bei Beziehungsratgebern welche für Männer und welche für Frauen?

Die Erkenntnis, dass Männer und Frauen sich eben nicht von Natur aus in ihren Denkstrukturen maßgeblich und grundsätzlich voneinander unterscheiden, ist nicht neu. Wirft aber am ende mehr Fragen auf als sie beantwortet. Also wird sie übergangen, denn wer will in einem Ratgeber lesen: übrigens, wenn sie ihren Partner nicht verstehen, passen sie vielleicht einfach nicht zusammen.

Niemand. Wir wollen lesen, dass alle Männer so sind, das wir nichts falsch gemacht haben, weder in unserer Auswahl noch in unserem Verhalten. Dann meckern wir weiter bis die Beziehung irgendwann doch zerbricht. Weil wir das Problem aber an der falschen Stelle suchen haben wir nichts gelernt und kaufen in der nächsten Beziehung den nächsten Ratgeber.

Dabei ist gerade in Liebesdingen Ratgebern so einfach. Wenn man das Paar kennt und keine Pauschalantwort sucht. Die wirklichen Ratgeber sollten darum nicht Bücher, sondern Freunde sein. Genauso wie man sich in Abnehmfragen von einem Arzt beraten lassen sollte, schließlich gibt es Millionen verschiedene Aspekte die bei der Gewichts zu – bzw. abnahme eine Rolle spielen, dass man sich dumm und dämlich hungert wenn man an der falschen Stelle ansetzt. Alles was man dann verliert ist Motivation, aber selten Gewicht.

Ratgeber, in Form von Büchern, sind nicht grundsätzlich verkehrt. Doch sollten sie viel mehr dabei helfen den Kern des Problems zu finden. Wenn jemand ein Problem mit dem Selbstbewusstsein hat, kann man sich natürlich Methoden angewöhnen wie einen das schwache Selbstbewusstsein im Alltag nicht behindert. Doch wirklich mehr Selbstbewusstsein erlangen tut man dadurch erst einmal nicht. Sowieso sollte Selbstbewusstsein nicht mit einem Präsenten auftreten verwechselt werden. Es gibt viel zu wenig Ratgeber darüber wie man sich selbst mal zurück nehmen kann. Ein ganzes Team voller über selbstbewusster Alfa-Tierchen stelle ich mir grauenhaft vor. Wir brauchen sie, die Verschiedenheit der Menschen. Mit verschiedenen Stärken, verschiedenen Eigenschaften und verschiedenen Leidenschaften.

Es gibt kein Handbuch fürs Leben oder für jede Schwäche oder schwierige Lebenslage egal wie sehr wir uns das Wünschen. E. H. Ericsson sagt Krisen sind wichtig um uns weiter zu entwickeln. Meiner Meinung nach gilt das nicht nur für die kindliche Entwicklung, sondern auch für zwischen Menschliche Beziehungen und jeden Erwachsenen. Darum sollten wir Krisen nicht aus dem Weg gehen.

Wenn es schon Ratgeber-Bücher geben muss, weil nicht jeder Freunde zur Seite hat, die einen Beruhigen und unterstützen, sollte auf jeder ersten Seite eines jeden Ratgebers folgendes stehen:

„Dies ist kein Handbuch, denn Handbücher sind dick und schwer und nehmen einem den Spaß am erleben. Verlange von dir Selbst nie mehr, als du von anderen verlangst. Wenn du Menschen magst die nicht Perfekt sind, werden dich auch Menschen mögen, wenn du nicht perfekt bist.“

09:39 28.10.2015
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Geschrieben von

Coo

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