Deutschland im Herbst: Der röhrende Hirsch.

Der rechte Weg: Aus den Wohnzimmern braust ein Ruf wie Donnerhall: Gegen Gutmenschen und Unrechtsstaaten. AFD, CSU und FCB - aus deutschem Aspik schält sich eine Parallelmoral.
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I.
Eine Alternative für Deutschland

Der Herbst ist ein Meister aus Deutschland, nach Rilke und Andreas Baader. Während sich Thüringen, Herzland der Bratwurst außerhalb der Hoeneß’schen Wurst-Hegemonie, im Dunst des Herbstes langsam aber sicher in einen Unrechtsstaat verwandelt und mitsamt Skipper Ramelow nach einem Vierteljahrhundert zurück in die Arme von Putin und Margot Honecker driftet, während sich das Vaterland im Würgegriff einer Unrechtsgewerkschaft befindet, steigen aus dem weißen Nebel an Steuerbord gar wunderbar die selbsternannten Alternativen empor: Die AfD, die Schutzmacht des Altgoldes, entstanden aus der Antithese zum politischen Credo der Merkel-Ära, hat sich unter der irreführenden Bezeichnung „politische Partei“ zu einem diffusen Sammelbecken deutscher Befindlichkeiten gemausert. Pünktlich zum Weltkriegsjubiläum haben Feldgrau und Pickelhaube nicht nur Einzug in die Geschäftssparte „Erinnerung“ des deutschen Buch- und Zeitungsmarkts gehalten, sondern auch ins Parlament: Dem alten Schlieffen eingedenk ("Macht mir den rechten Flügel stark") zelebriert die AfD die Renaissance des Preußentums. Bismarck’sche Außenpolitik ist im Herbst 2014 wieder en vogue und der Brandenburgische Spitzenkandidat Gauland (ein Name wie von einem Marketing-Strategen erdacht) ließ in seiner Eröffnungsrede als Alterspräsident im Potsdamer Landtag keinen Zweifel: „Wir sind hier in Preußen, da herrscht Pünktlichkeit.“ Wunderbar. Anders als die Piraten, zu deren raschen Erfolg sich viele Parallelen zogen, will die AfD keinesfalls an Unpünktlichkeit und mangelhafter Organisation zugrunde gehen - nicht zuletzt weil viele ihrer Funktionäre zumindest eine militärtheoretische Schrift des 19. Jahrhunderts in der häuslichen Bibliothek stehen haben. Trug man bei den Piraten Opas Pullunder und das Harris Tweed Sakko noch als popkulturelles Zitat, so tragen nun bei der AfD die unironischen Großväter selbst ihre Tweedkollektion auf, befreien in einem ideologischen Rollback das Ölgemälde vom röhrenden Hirsch von der Ironie der Enkel, die sie nicht mehr verstehen, und hauchen ihren Programmen den muffigen Odem der guten Stube ein. Diese krude Mischung aus Preußentum und Kohl-Ära nennt sich nun „Alternative für Deutschland“: Eine politische Nummernrevue der Untoten.

Während nun vielfach von der rechtspopulistischen Kraft brauner Unterhemden bei dieser Partei zu hören war, so zeigt sich doch in Wahrheit hinter schwungvollem Altgoldhandel und aufgetragenen Strickpullovern das wahre, piefige Gesicht des moralisch-kulturellen Retro-Biedermeier. Es ist auch nicht besonders verwunderlich, dass eine Gesellschaft, die bei Manufactum fleißig Bakelit-Lichtschalter kauft, auch wieder von den Zeiten träumen möchte, in denen Wetten Dass und der Hamburger SV noch erfolgreich waren. Eine Gesellschaft, die allerorten die architektonische Preußenherrlichkeit eines alten Kommißstaates aus Ruinen auferstehen lässt, findet Bismarcks Außenpolitik vielleicht auch weniger abwegig, als es einem lieb sein kann. In Europa wird wieder Deutsch gesprochen. Überhaupt, die Sprache: Der Einzug der AfD in Parlamente und Talkshows sorgt nun auch für das tatsächliche Wiederaufleben extremer Wortwahl und harter Kampfrhetorik. Endlich wieder richtige Sozialistenschelte. Eine Aggressivität in der Sprache, die viele bei der CDU der Merkel-Ära vermisst haben, die innerhalb der Union allenfalls noch heimlich im Oggersheimer Keller gepflegt wurde. Dieser Umstand zeigt eindrucksvoll die weichmachende Kraft des „C“ im Namen der Unionsparteien: Noch immer scheinen die Christen beider Konfessionen in Deutschland eine wichtige Wählermasse zu sein, weil sie genauer anzusteuern sind als ein indifferenter Pulk an Jungwählern in Ostdeutschland. Wenn sie nun dieses „C“ fallen lässt, dann sieht man, was von der Union bleibt: Die ehemaligen CDU-Mitglieder Gauland, Lucke und Co. zeigen, welch grausiges Potenzial in Deutschland unter dem Mehltau der political correctness inkubiert war. Die Batallione der braven „Manwirddochnochmalsagendürfen“-Bürger, für die jahrelang nur die Kommentarspalten unter Thilo Sarrazin-Rezensionen auf Spiegel Online als Ventil dienten, verlassen die Büßerhaltung und recken den Kopf nach oben in die kühle Luft des nahenden Winters. Da bläst ein neuer Wind: Deutschland im Herbst 2014 ist am rechten Rand ein erschreckend dynamisches Wirrwarr von nie gekannter Bandbreite, von AfD-Landtagsfraktionen über Xavier Naidoo bis hin zu Pegida und Hogesa.

Mag für manche dieses neue Oberwasser auch nur ein geistiger Karneval sein, wo man auf einem Wahlzettel endlich das tun kann, was man das restliche Jahr sauber in Beruf und Konvention unterdrückt, so ist doch bei einer Vielzahl der neuen AfD-Wähler eine Hybris des rechten Wutbürgers zu spüren, die sich angesichts der neuen Wildheit am rechten Rand nicht mehr lange mit preußischer Altherrenmentalität im Salon bewegen wird. Dieser Spagat wird der AfD auch das Genick brechen. Die Widersprüche äußern sich bereits im Kleinen: Entstanden nach Markt- und Potenzialanalyse florierte die AfD rasch – sie war eine gute Geschäftsidee zur rechten Zeit. Doch ihre Köpfe haben den Kapitalismus mit der Muttermilch aufgesogen: Sie nennen sich Ökonomen, sind aber doch nur Geschäftemacher durch und durch – dass sie ihre eigene Partei als Goldbörse benutzen, programmatisch aber nicht in der Lage sind, auf Kurs zu kommen, wird ihnen das Genick brechen. Diese piefige Schacherei wird weder der brüllenden Kapitalismuskritik der neuen Rechten gerecht, noch den hausbackenen Vorstellungen von Parallelmoral pensionierter Philatelisten. Auch, wenn es derzeit anders aussehen mag: Diesem vogelwilden Gemisch fehlt die Bindungskraft, um langfristig zu bestehen, preußische Disziplin hin oder her.

II.
CSU und FCB. Der Bayerische Weg.

Einzig in Bayern, diesem Schneekügelchen, in dem die eherne Retro-CSU seit ihrer Gründung erfolgreich die dynastische Fortsetzung der Wittelsbacher Monarchie spielt, scheint derzeit weder ein AfD-Erfolg vorstellbar, noch ein Occupy Allianz-Arena/Südkurve gegen Salafisten. Verglichen mit dem Prinzregenten-Stil der CSU ist die AfD-Sehnsucht nach den ewigen Achtzigern in Bayern ja beinahe progressiv – über die sprichwörtliche gute alte Zeit sprach der verblichene Gustl Bayrhammer mit bebender Schilddrüse einst in einer beliebten bayerischen Fernsehserie den Satz, der wie aus einem AfD-CSU-Koalitionsvertrag klingt: „Es war halt noch vieles in Ordnung, damals.“ Doch es ist nicht die Stärke der CSU, die mit schimmernder Wehr die AfD an der Mainlinie aufhält. Im Gegenteil. Die Seehofer-Partei rochiert mit einer Beliebigkeit zwischen Positionen, die ihre alte bayerische Dialektik („dafür und dagegen sein“) so strapaziert, dass man an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln muss. Maut und Herdprämie polarisieren zwar, zeugen jedoch hauptsächlich von inhaltlicher Harmlosigkeit. Selbst klassische CSU-Abziehbilder wie der falsche Doktor Scheuer, deren Nummer man verläßlich wählen kann, wenn man in einer Talkshow ein paar markige Sprüche gegen Ausländer braucht, haben keinerlei Format: Mit seiner honigfarbenen Sartre-Brille, die in derart ironischem Kontrast zu seinem falschen Dativgebrauch steht, hätte dieser Kerl eher als Gesamtkunstwerk einen Kabarettpreis verdient. Der CSU-Generalsekretär ist kraft seines Amtes immer auch der Testamentsvollstrecker des allzu oft zitierten Strauß’schen Credos, rechts der CSU dürfe gefälligst niemand stehen. Der rechte Flügel der Arrièregarde, um bei Clausewitz und Gauland zu bleiben. Doch dass die AfD nicht in diese Lücke stoßen kann, liegt nicht nur daran, dass man in Bayern kulturell grundsätzlich preußische Tugenden und Bismarck’sche Außenpolitik mit Argwohn betrachtet, sondern dass bindende Kraft von einer außerparlamentarischen Instanz übernommen wird, deren Parallelmoral gefühlt längst über dem Staat steht: Mia san mia.

Der FC Bayern: Die Fortsetzung der CSU mit anderen Mitteln.

Der Nepotismus gehört zur bayerischen Politik wie die Gicht zu Kim Jong Un. Warum jüngste Skandale wie um Christine Haderthauer, Georg Schmid oder den Miesbacher Sonnenkönig Landrat Kreidl politisch keine wirklichen Konsequenzen für die CSU heraufbeschwören, liegt auch an der relativierenden Kraft des ultimativen role models: Uli Hoeneß, bauernschlau, selbstgerecht, Bazi und selbsternannte Mutter Teresa, Kapitalist und väterlicher Beschützer – die ganze bayerische Dialektik in einer Person vereint. Und jetzt auch noch Steuersünder. Beinahe huldvoll war es, als er verkündete: Ich trete meine Strafe an. Und richtig gruselig wurde es, als er sich mit ekelhaftem Pathos von seinen Mitstreitern verabschiedete. Ein Mann weint nur am Heldengedenktag und im Stadion. Doch Hoeneß darf alles: Während sein holsteinischer Parteifreund Christian von Boetticher ob seiner larmoyanten Liebesbeichte medial gekreuzigt wurde (Liebe scheint ein schlechtes Motiv zu sein), durfte sich Hoeneß vor seiner Roten Armee in tränenersticktem Selbstmitleid suhlen, berauscht am eigenen Schicksal mit brechender Stimme die Fortsetzung des Kampfes bis zum „letzten Atemzug“, zum letzten Hauch von Mann und Rosswurst beschwörend. Eine obskure Mischung aus verbalem Wilhelminismus und der Gefühlssauce von „Sturm der Liebe“ im ARD Nachmittagsprogramm. Wo war hier der abgebrühte Comedy-Zynismus von Heute Show & Co., die als Parteitagscrasher bislang noch jeden einfachen grünen Basisdelegierten ob Zahnlücke oder Sprachfehler genüßlich vorführten? In der Causa Hoeneß regierte seltene Dezenz. Vielleicht, weil Oliver Welke, der Lordsiegelbewahrer des tumben Sozen- und Gutmenschen-Witzes, ja in Bälde wieder in der gebührenfinanzierten Champions League mit erschreckender Ernsthaftigkeit die Kultur des Spielfeldrandinterviews mit ebendiesem Uli Hoeneß pflegen wird? Ach, Uli. Wie Du damals vor laufenden Kameras diesen linken Hühnern Hannelore Kraft und Katja Kipping die Leviten gelesen hast. Herrlich. Sicher hättest Du auch den Limburger Bischof das Sparen gelehrt, oder Ulrike Meinhof übers Knie gelegt, um ihr die Flausen auszuprügeln. Uli Hoeneß, du bist der beste Mann. Es war halt noch vieles in Ordnung, damals.

Doch nicht nur in Steuerfragen darf der Fußballverein eine moralische Wagenburg gegen das Recht bilden: Während beim Abgeordneten Sebastian Edathy der bloße Verdacht auf den Besitz pornografischer Bilder bereits ausreicht, um ihn am Stammtisch zum Tode zu verurteilen, darf sich hingegen der Gladiator Franck Ribéry trotz Sex mit einer Minderjährigen nicht nur der Rückendeckung aus der Kurve sicher sein, sondern auch der schützenden Hand der FCB-Granden. Der Popularität des Spielers tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Vermutlich würden ihm die Bayern-Fans auch das ius primae noctis bei ihren eigenen Töchtern einräumen, solange er nur gegen Dortmund trifft. Dass die Verantwortlichen wohl tatsächlich keinerlei Gefühl mehr dafür haben, dass sie sich innerhalb eines größeren Systems bewegen, zeigen nicht nur unversteuerte Rolex-Uhren, sondern auch die Selbstverständlichkeit in der Anspruchshaltung des Unternehmens FC Bayern AG z.B. an die Stadt München, die den Stillstand des öffentlichen Lebens zu gewährleisten habe, damit ein Premium-Produkt auf Steuerzahlerkosten seine Eigenwerbung auf Leopoldstraße und Rathausbalkon betreiben kann. Während jede Diätenerhöhung im Bundestag einen moralischen Sturm innerhalb und außerhalb der Biergläser auslöst, schafft es das System FC Bayern (mehr noch als alle anderen Vereine), die Diskrepanz zwischen den absurden Millionärsgehältern für seine Angestellten und den Einkommensverhältnissen seiner Fans zu überbrücken: Hier gibt es keine Neiddebatte. Hier gibt es noch Hochämter des Kapitalismus, wenn auf der Jahreshauptversammlung die Geschäftszahlen wie Psalmen verlesen werden. Hier gibt es Kampfgeist, Stadionwurst, Blut, Schweiß und Männertränen – und es ist mehr als nur Brot und Spiele. Auch, weil die feuilletonistische Überhöhung des Fußballs einen gräßlichen Relativismus befördert. Als Feigenblatt gibt es die Kritik an der FIFA, der gepflegte Antiamerikanismus des liberalen Fußballfans, die aber rechtzeitig zu großen Turnieren von einem wiederholten Aufguss an Schland-Patriotismus zum Schweigen gebracht wird. Systemfrage unmöglich. Der FC Bayern, die Fortsetzung der CSU mit anderen Mitteln. Wenn nun aus der Parallelmoral des Fußballs „Hooligans gegen Salafisten“ hervortreten, dann mag das zunächst ein Einzelfall für das kommunale Ordnungsamt sein. Aber der Primat des Fußballs entpolitisiert nicht, sondern wird mehr und mehr zur politischen Subversion, zur geistig-moralischen Wende in die Hoeneß-Ära. Dagegen ist der Kampf der „Alternative für Deutschland“ um die Wiedereinführung der Achtziger dann tatsächlich eine putzige Rührseligkeit.

16:24 04.12.2014
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Geschrieben von

Bernardo Soares

Ihr fühlet aber / Auch andere Art.
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Bernardo Soares

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