The luxury of choice

Konsumkritik Eine Selbstreflexion der sozio-ökologischen Elite
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Konsum und Konsumgüter sind normal in der deutschen Mittelschicht. Es soll in diesem Text nicht um das Anschaffen von lebensnotwendigen Dingen gehen, sondern vielmehr um den Lifestyle der westlichen Mittelschicht, von dem Konsum jedoch einen wesentlichen Bestandteil ausmacht. Zu diesem Konsum-Lifestyle gibt es heutzutage natürlich Gegenbewegungen, den Lifestyle des Minimalismus beispielsweise. Aber welchen Lifestyle wir wählen, ist unsere eigene Entscheidung und erfordert das Angehören einer bestimmen sozialen Schicht, damit es intellektuell begründet zum Lifestyle werden kann. Wenn Menschen ärmerer sozialer Schichten zu wenig Besitz gezwungen sind, dann ist das kein Lifestyle, sondern schlichtweg Mittellosigkeit.

Und hier kommt etwas, was ich the luxury of choice, also den Luxus des Auswählens nenne. Die Mitte der Gesellschaft kann es sich eben aussuchen, ob sie viel oder wenig besitzt. Das Wichtige dabei ist jedoch, dass sie es jederzeit ändern könnte. Das gibt ganz andere Perspektiven und verschafft Selbstbewusstsein und Stolz auf den eigens gewählten Verzicht. Wenn jederzeit in Aussicht steht, sich danach irgendwann mal ein Haus zu kaufen, dann ist das Leben in einer WG mit Mitte 30 kein allzu großes Leiden, wenn es Perspektiven auf Selbstverwirklichung und angebliche Freiraum im höheren Alter gibt. Dies gilt auch für die ganze Hipster-Kultur, die sich Lifestyles nahezu aneignet, die sich wirklich mittellose Menschen eben nur leisten können, zum Beispiel im Bereich Kleidung. Dies ist kein Appell zum Tragen von Markenklamotten, ich teile schlichtweg eine Beobachtung, denn das Kaufen neuer Kleidung – und nicht gerade günstiger – bleibt ja nicht aus, sondern ist eben nur im runtergekommenen Hipster-Style (es gibt natürlich noch die Öko-hipster, die sich Kleidung ausschließlich durch Tauschen und Second Hand verschaffen, und das ist der umweltfreundliche Versuch, sich im Trend (Hipster-Mode) zu kleiden, aber trotzdem keine neu Produktion dabei anzuregen). Also verzichtet die Mittelschicht mal öfter auf Anzug und Krawatte, weiß aber, dass diese zu jeder Zeit - zum Beispiel zu besonderen Anlässen- wieder rausgeholt werden kann, weil man einer gewissen (z.B. akademischen) Schicht angehört.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Retten von Lebensmitteln, ein wirklich großartiges Engagement von tausenden von Menschen weltweit, um etwas der Überproduktion und Ungleichverteilung von Nahrung entgegenzusetzen. Foodsharing darf jedoch nicht mit dem Abholen von Lebensmittel von Tafeln oder gegebenenfalls auch aus Abfalleimern verglichen oder gleichgesetzt werden. Es ist wieder einmal eine Frage der Wahl und damit ist ersteres ein Luxus, für den wir uns entscheiden können, jedoch nicht in irgendeiner Form abhängig sind.

Das gilt auch im Bereich Bildung und Beruf für Kinder wohlhabender Eltern, die natürlich das Studium gezahlt bekommen, es aber nicht nötig haben, sich voll darauf zu konzentrieren, sondern sich vor allem selbst finden müssen und eher nebenher studieren. Dies ist eine Art der Dekadenz, die sich immer mehr zeigt, einfach weil man es kann. Die Mittel sind eben da, da muss man nicht vor 30 in das Berufsleben einsteigen. Diese Zeit wird zwar auch oft für soziales/ökologischen Engagement genutzt, aber eben nicht nur. Es ist auch nichts Schlechtes, sich zuerst einmal zu orientieren, verschiedenes auszuprobieren und dabei mehr über sich selbst zu lernen. Das gilt auch für Auslandsaufenthalte, die natürlich für die Leute selbst von Vorteil sind, da es den berühmten Blick über den Tellerrand ermöglicht und sehr stark zu eigenen Selbstreflektion beiträgt. Dies war in meinem Fall nötig, um meine eigene Position in der Gesellschaft verorten und überhaupt so einen Artikel verfassen zu können. Dennoch ist es dekadent, gerade wenn es darum geht, verstehen zu lernen, auf Kosten derer, die es sowieso schon schwerer haben. Das vermeintliche Helfen oder „etwas zurückgeben“ dient eben der Selbstfindung, verfolgt also egoistische Ziele, damit wir die Welt besser verstehen lernen. Das kann wie gesagt zur positiven Einbringung führen, und erst dann kann man von „etwas zurückgeben“ sprechen, wenn überhaupt. Denn das Privileg gibt man auch damit nicht ab. Aufgrund dieser – mittlerweile fast obligatorischen Engagements (im Lebenslauf) - erhalten wir dann die spitzen Jobs, die einen Überblick über die gesamte Welt erfordern. Ich fasse nochmal kurz zusammen: Wir lernen das Leid der Armen kennen und erreichen dadurch gegebenenfalls sehr gut bezahlte Jobs, aus denen heraus wir versuchen, ihnen zu helfen oder eben auch nicht. Das ist keine Kritik am Lebenslauf einzelner, wenn überhaupt ist es Kapitalismuskritik. Und eine Beobachtung, die zum Nachdenken anregen soll.

Im anderen Fall aber und das ist eben auch wieder der Luxus der Auswählens, schlagen wir einen alternativen Weg ein, nutzen unser akademisches Wissen und die Zeit an der Uni nicht, um wenigstens zu versuchen etwas zu verändern, sondern lassen uns treiben, sorgen für unser eigenes Vergnügen und geben uns genügsam mit mittelmäßig bezahlten Jobs zufrieden – um nicht zu den Reichen zu gehören (damit man uns nichts anhängen kann, weil wir gehören ja auch zu den Mittellosen) – und nutzen somit die Ressourcen und Möglichkeiten nicht, sich einzubringen, Dinge zu verändern, für die unsere Eltern eventuell hart gearbeitet haben, um sie uns zu ermöglichen. Das ist auch eine Wahl. Am greifbarsten finde ich hier ein Beispiel der sogenannten Begpacker, also beg von begging, betteln. Backpacker, die in wirtschaftlich ärmeren Ländern unterwegs sind und denen ihr Geld ausgeht, und sie dann betteln gehen oder Fotos ihrer Reise als Postkarten verkaufen, um sich eine Weiter – oder Rückreise zu finanzieren, neben Menschen, die nicht die Wahl hatte, ob sie betteln wollen, sondern es einfach müssen, um zu überleben.

Dieser Trend, mit dem eigenen Privileg umzugehen, ihn dem man sich vermeintlich selbst zum Opfer macht, ist auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel rassistischer Diskriminierung zu finden (z.B. wenn weiße Menschen meinen, sie wären auch Opfer von Rassismus, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe als reiche Touristen identifiziert werden). Hier wird ganz klar nicht erkannt, dass die vermeintlich Diskriminierten eine Wahl hatten, sich in eben beschriebene Situation zu bringen, andere Menschen jedoch nicht. Der/die weiße Tourist*in muss nicht zum eigenen Vergnügen in ein Land fahren um sich dort die möglicherweise prekären Lebensbedingungen und Lebensrealitäten anzusehen oder, noch schlimmer in meinen Augen, nur aufgrund der aufregenden Natur mit keinem Funken Interesse an den Bürger*innen des Landes zu haben.

Wir haben als Privilegierte also immer die Wahl, wie wir uns verhalten, einen Luxus eben. Sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden, diese nicht länger abzustreiten und zu akzeptieren, dass uns die Opferrolle in bestimmten Bereichen einfach nicht zusteht, ist essentiell wichtig und bedeutet Verantwortung zu übernehmen, nicht Schuld. Selbstreflexion und Bewusstmachen ist meiner Meinung nach der erste Schritt, der hoffentlich bei Verinnerlichung und Beherzigung auch eine Veränderung im Verhalten nach sich zieht. Und wenn dies schlichtweg bedeutet, dass wir zuhören um zu Erkennen und dabei die wahren Experten für bestimmte Themen sprechen lassen.

20:26 27.10.2020
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