24 Stunden

CoLyrik Es ist Sommer. Die Hitze ist unerträglich. Sinnvoll, wenn man ein Deodorant benutzen kann, kommt aber wohl auch auf die Marke an wie man dann riecht, wenn es riecht...
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24 Stunden

Es ist HEIß.

Sehr HEIß!

Es fließt der Schweiß.

Ich schwitze.

Eine Fliege landet auf mir.

Doch mein Deodorant hält.

Ich hab‘s neulich im Internet bestellt.

Der Schweiß läuft, fließt und trieft.

Die Ganze Masse in der Straßenbahn mieft.

Es ist HEIß.

Sehr HEIß!

Immer mehr Fliegen erobern meinen Körper.

Kleine Pfützen sammeln sich an Stellen,

in der Nähe von Dellen,

die man nicht unbedingt sehen will.

Ich trage eine dunkle Sonnenbrille.

Das wirkt anonymer in der Sommerhitze.

In der Straßenbahn ist es unerträglich.

Die Klimaanlage ist ausgefallen.

Es stinkt nach Urin und Schweiß.

Es ist HEIß.

Verdammt HEIß!

Die zierliche Frau vor mir

duftet nach einem Hauch von leckerem Jasmin-Reis.

Ich würde so gerne tiefer ein- und ausatmen.

Die Angst vor diesen schwarzen Fliegen lähmt mich.

Es ist viel zu HEIß!

Überall klebt der Schweiß!

Meine schwarze Sonnenbrille

und die vielen Fliegen sind inzwischen eins,

eine pechschwarze Symbiose

mit Gesumme und Gebrumme.

Ich werde ungefragt zum KKK.

Zum interaktiven

Kribbel-Krabbel-Kunstwerk in der Straßenbahn.

Genau

neben mir stinkt es übertrieben nach Parfüm,

waschen wäre sinnvoller gewesen.

Die Frau wirkt irgendwie sonderbar kalt,

so nach Jenseits von Gut und Böse.

Ihre angewiderten Blicke richtet sie auf mich.

Sie ist uralt, stirbt bald, so denke ich.

Die Ganze Masse in der Straßenbahn mieft.

Der Schweiß läuft, fließt und trieft.

Immer mehr Fliegen landen auf mir.

Es ist viel zu HEIß!

Verdammt HEIß!

Überall viel zu viel Schweiß.

Der Mann mit dem dicken Bauch

direkt hinter mir

riecht entsetzlich nach Bier, Döner,

rohen Zwiebeln

und nach viel zu viel Knoblauch!

Er rülpst im Minutentakt auf mein Genick,

das ist wahrlich nicht schick.

Ich spüre förmlich diese warme Luft

an meinem Hals, an meinen Ohren vorüberziehen.

Zuzüglich

jenem minimalistisch vernebelten Auswurf,

den ich fast wie feinsten Nieselregen erlebe

und doch eher als brühwarme Kontaminierung empfinde.

Kein Wunder,

dass ich zum Kribbel-Krabbel-Kunstwerk wurde.

Es ist viel zu HEIß!

Viel mehr als verdammt HEIß!

Es bildet sich mehr, als nur ein Meer von Schweiß.

Nur nicht ruckartig bewegen,

ansonsten könnte viel mehr Schweiß fließen und kleben.

Ich sitze praktischerweise

in sommerlicher Ruhe bewahren-Haltung.

Das hält die vielen Fliegen nicht fern,

die haben mich anscheinend heute besonders gern.

Die meisten Leute in der Bahn sind ziemlich fett,

wirken auf mich trotzdem eigentlich relativ nett,

wenn sie nur schweigen würden, so bitte ich innerlich.

Das Geschrei ist inzwischen unerträglich.

Die Hitze ist zum Kotzen.

Ein "Kleinkind", so um die Sechzehn,

übergibt sich, als es mich sieht.

Das Kauen und Verdauen

muss es noch üben.

Es ist viel zu HEIß, um sich darüber aufzuregen.

Mit dem interaktiven Kribbel-Krabbel-Kunstwerk

kann sich verständlicherweise

nicht jeder neue Fahrgast anfreunden,

muss er auch nicht.

Es ist viel zu HEIß, um darüber nachzudenken.

Die Ganze Masse in der Straßenbahn mieft.

Der Schweiß läuft, fließt und trieft.

Die Fliegen nehmen überhand.

Doch mein 24 Stunden-Deodorant hält und hält.

Ich hab‘s sogar relativ günstig im Internet bestellt.

Bei der nächsten Haltestelle steige ich aus,

gehe den Rest dann zu Fuß nach Haus.

Zum Laufen ist es eigentlich derzeit viel zu HEIß.

Ich transpiriere, mir läuft tierisch der Schweiß.

Das Gesumme und Gebrumme hört nicht auf.

Das interaktive Kribbel-Krabbel-Kunstprojekt

bleibt bestehen.

Jetzt kann mich jeder aus meiner

Straße als Kunstprojekt sehen.

Frau Sommer klotzt

oder auch der pensionierte Terrassenbauer Lauer,

aber immerhin hält mein neues Deodorant.

Es riecht ganz anders, aber nicht zu penetrant.

Und so dufte ich auch weiterhin intensiv lieblich,

extrem süßlich nach Venusfliegenfalle

mit einem besonders hohen Anteil von Grüner Galle.

© Corina Wagner, 12. Juni 2014

13:48 13.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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