Ausländerfeindliche Sprüche

CoLyrik-Gefährliches Negatives Erlebnis beim Discounter in Ulm
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Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, würde ich mich politisch einmischen. Zitat Astrid Lindgren

Ausländerfeindlichkeit finde ich extrem widerlich und ich mische mich ein, wenn ich ihr in der Öffentlichkeit begegne. Zitat Corina Wagner

Ausländerfeindliche Sprüche in Ulm

Montag war Fremdschämen im Kassenbereich beim Discounter Lidl in Ulm angesagt. Zwei Kassen waren besetzt, zwei Schlangen. Eigentlich Normalität beim Einkaufen am Vormittag. Die linke Schlange war ein bisschen kürzer an der ich anstand. Ich beobachtete einen Mann, der an der anderen Kasse seine Waren zunächst vom Band nahm, kurz stutzte, dann etwas sagte und die Ware wieder auflag. Große Beachtung schenkte ich dem Ganzen zunächst nicht und achtete deshalb auch nicht auf die Wortwahl. Er wollte vermutlich zunächst die Kasse wechseln, weil es ihm zu lange dauerte. Ganz vorne fand ein Bezahlvorgang statt, der anscheinend etwas länger dauerte. Eine Familie mit ausländischen Wurzeln stand dort vorne. Anscheinend gab es zuvor bei der Verständigung und Abwicklung Probleme, so dass das ganze Prozedere ein bisschen länger dauerte. Eigentlich nichts zum Aufregen. Plötzlich hörte ich von hinten eine Männerstimme mit schwäbischem Akzent, dass dieser Mann es gut findet, dass „ die in Amerika Knarren dabei haben, dann könnte man jetzt abknallen“. Stille im Laden. In meinen Ohren klang es wie eine Morddrohung, aber hier wurde kein Kinofilm gedreht. Kein Filmteam war vor Ort und drehte. Versteckte Kamera ? Wäre es ein Dreh z.B. zur Fernsehsendung ‚Verstehen Sie Spass?‘ gewesen, dann wäre dieser Dialog für die Betroffenen jener Szenerie keineswegs witzig, so empfand ich es in jener Situation. Ich drehte mich um, um zu sehen, wo diese widerliche Bemerkung herkam. Jener Mann, mittleren Alters mit aggressivem, völlig genervtem Gesichtsausdruck stand an dieser Kasse weit hinten in der Schlange. Der Mann sprach weiter, deutlich hörbar mit Schwäbischen Akzent und starrte währenddessen nach vorne zu dieser Familie. „Krieg! Die hätte man nicht reinlassen sollen, das haben wir jetzt davon“. So die Worte, die ich hörte. Alle Leute, die im Kassenbereich standen, die ich wahrnahm, blickten ernst, verschämt, aber keiner sagte etwas, außer mir. Ich sagte knapp, aber gut hörbar, während ich meine Ware aufs Band legte: “AfD-Sprüche.“

Alle waren still, außer ihm und er sagte wieder mit schwäbischer Aussprache: „Die könne noch nicht einmal gescheit deutsch.“ Jeder hörte dies im Kassenbereich, wenn man nicht taub ist. Ich antwortete ihm als einzige und sagte zu ihm: „Sie können auch kein richtiges Deutsch, sprechen Dialekt.“ Absolute Stille herrschte. Der Mann sagte nichts mehr, aber auch keine andere Person erhob die Stimme.

Beim Bezahlvorgang sagte ich dann zu dem jungen Angestellten an der Kasse: “ Es ist schlimm, dass hier im Laden Ausländer angepöbelt werden.“ Der junge Mann sagte nichts zu mir, nickte nur mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Ich ging aus dem Laden und konnte es nicht fassen. Kein Mensch außer mir erhob die Stimme gegen den öffentlich zelebrierten Ausländerhass. Diese Tatsache erinnerte mich spontan an dunkle Zeiten in Deutschland.

Draußen auf dem Parkplatz hielt ich noch Ausschau nach der Familie, aber sie war schon weg. Der Hetzer verschwand mit seinem Einkauf zu Fuß. Hatte noch Bedenken, ob er mich vor der Tür auch anpöbelt. Im Nachhinein ärgere ich mich nun, dass ich nicht nach seinem Namen fragte.

Die Zeiten sind rauer geworden, auch in Ulm in der Stadt von Sophie und Hans Scholl. „Empört Euch!“, wenn ihr solchen Typen beim Einkaufen begegnet. „Wehret den Anfängen!“, fällt mir noch dazu ein.

© Corina Wagner, 14. Dezember 2017

11:41 14.12.2017
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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