Blatts Manuskript

CoLyrik Manchmal möchte man mit Journalisten nicht wirklich tauschen ...
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Archibald Blatt, ein Journalist, schreibt seit Jahren unter Pseudonym. Er reiste bislang für das Politmagazin Unser Schicksal quer durch die Welt, um Steuersündern auf die Spur zu kommen.

Jetzt hat er die hübsche Journalisten-Schnauze voll, kündigte vor drei Tagen. Er widmet sich nun ausgiebig seiner Passion und zieht sich in das alte Forsthaus am Silbersee zurück. Er will mal wieder angeln und ganz nebenbei schreibt er noch ein Buch. Blatt will einen Roman über Steueroasen schreiben, wahrscheinlich ein gelungener Krimi, der noch viel mehr als die üblichen Besteller-Qualitäten aufweisen wird. Den Titel hat er auch schon parat: Die bizarre Briefkasten-Affäre. In seinem Buch wird es um die richtig dicken Fische gehen. Deshalb will er auch inmitten einer kleinen Idylle ganz in Ruhe das Manuskript schreiben. Er kam in den letzten Monaten an Daten, die förmlich danach schreien, dass man sie veröffentlicht. Steuerbetrüger zittern jetzt schon, dass man ihre Identität im Roman wiederfinden könnte. Er wird in seinem Manuskript über Leichen gehen, so die bange Vermutung. Blatt fuhr neulich nach Amerika. Durch einen ausländischen Kollegen entdeckte er ein Haus. Es sah von außen ganz unscheinbar aus. Im Inneren des Gebäudes befanden sich über 200000 Briefkasten-Firmen. Darunter viele bekannte deutsche Firmen. Archibald Blatt war so geschockt, dass er beschloss, dann doch eine Auszeit zu nehmen, um das Erlebte schriftlich zu verarbeiten. Woher ich diese Informationen habe? Ich arbeite für den Geheimdienst und man nennt mich auch Census, die Wanze.

© Corina Wagner, April 2013

23:53 06.04.2013
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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