Brief zum Muttertag

CoLyrik - Seitenhiebe Betreff: Abschaffung des Muttertages
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Schönen guten Tag,

mein Name ist Protest und ich melde mich immer dann zu Wort, wenn ich das Gefühl habe, dass unser Land Veränderungen braucht. Seit dem ich auf der Welt bin, wurde mir Jahr für Jahr bewusster, dass man einen sonntäglichen Feiertag im Jahr durch einen anderen Feiertag ersetzen könnte. Warum schafft man den während des Dritten Reichs eingeführten Feiertag „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mutter“ nicht wieder ab? Kein Geld der Welt, kein teures Geschenk ersetzt an einem Tag im Jahr all die zwischenmenschlichen Versäumnisse, die sich im Laufe der Zeit zwischen Müttern und ihrem Nachwuchs ansammeln. In einer intakten Beziehung wird die Leistung einer Mutter mit all ihren Ecken und Kanten täglich wahrgenommen, aber auch honoriert, wenn sie fürsorglich und pflichtbewusst zum Wohle des Kindes handelt. Spürbare Herzenswärme konnte man noch nie kaufen. Ist es nicht herrlich, wenn man geherzt, geknuddelt, einfach nur geliebt wird? Ein Lächeln, eine Geste der Zuneigung, sich Zeit nehmen, kann mehr wettmachen, als Pralinen, ein Blumenstrauß und jeglicher Glitzer. Bei einigen Mütter könnten natürlich die gefärbten Haare zu Berge stehen, die angeklebten Fingernägel abfallen, aber auch die schönste Seifenblase im hübschen Reihenhaus oder in der bezahlbaren Plattenbausiedlung platzen, wenn diese Frauen einmal im Jahr nicht mehr innerhalb der Familie im Vordergrund stehen. Wie denken die spießigen Nachbarn darüber, wenn man den Muttertag ignoriert? Kein überdimensionales rotes Herz auf dem Balkon leuchtet? Rein theoretisch könnten einige Mütter Verlustängste bekommen, wenn man den Muttertag abschaffen würde.

Mutter zu sein, bedeutet mehr als nur zu Anfang Windeln zu wechseln und Jahre später nachzuschauen, ob das Pausenbrot im Ranzen schimmelt. Heutzutage gibt es Kinder, die weder ein Frühstück erhalten, noch ein Pausenbrot mit in die Schule nehmen. Diese Mütter werden trotzdem geliebt. Sie gehen oftmals vor den Kindern aus dem Haus, haben keine Kontrolle über ein gesundes Frühstück. Kinderarmut in Deutschland wird gerne unter den schönen Teppich gekehrt, obwohl wir ein reiches Land sind und kein Kind nüchtern in die Schule müsste. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder, die frühstücken, besser im Unterricht konzentrieren können. Manchmal hapert es bei Müttern an Organisationstalent und Tatendrang, andere werden zu sogenannten Helikopter-Müttern und schaden ihren Kindern deshalb auch. Die richtige Verantwortung für Kinder zu übernehmen, die später im Erwachsenenleben selbstbewusst, respektvoll und tolerant anderen gegenüber auftreten sollen, deren Existenz mal mehr oder weniger vom gesellschaftlichen Umfeld geprägt ist, verlangt viel ab. Mütter haben Macht, können alles richtig, aber auch alles falsch machen. Einmal im Jahr setzen viele die rosarote Brille auf, verdrängen Konflikte und kaufen Muttertagsgeschenke, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Eine Mutter, die dement im Altersheim lebt, bekommt wohl möglich nicht mehr mit, ob nun Muttertag ist oder nicht. Da genügt auch eine liebevolle Umarmung, aber auch Zeit für eine Unterhaltung.

Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn man den Muttertag abschafft und dafür den Internationalen Frauentag feiert.

Ihre Frau Protest

© Corina Wagner, 14. Mai 2017

13:37 15.05.2017
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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