EVOL-Love-LIEBE in der Theaterwerkstatt Ulm

Wagners Randnotiz "EVOL" von Pavel Kohout und "Irgendwann wird es von selber hell" von Jörg Neugebauer/Welturaufführung
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Die Theaterwerkstatt Ulm e.V. hat dem Publikum das neue Projekt EVOL – Love - LIEBE vorgestellt. Zwei anspruchsvolle Theaterstücke, die mit einer Menge Emotionen, aber auch mit viel Humor rund ums Thema Liebe die Zuschauer begeistern. Die Premiere war nun am 10.02.2017. Die Werke „EVOL“ von Pavel Kohout und „Irgendwann wird es von selber hell“ von Jörg Neugebauer standen auf dem Programm. Der Einakter von Ensemblemitglied und Autor Jörg Neugebauer war sogar eine Welturraufführung. Chapeau.

Seit mehr als 25 Jahren gibt es nun das kleine Theater in Ulm, das seit 2008 von der Stadt Ulm und dem Landesamateurtheater-verband Baden-Württemberg gefördert wird. Ein Verein, dessen Schauspieler sich nicht verstecken müssen. Ganz im Gegenteil! Von September bis Mai werden jährlich rund 40 Veranstaltungen angeboten. Es werden Produktionen mit dem eigenen Ensemble gezeigt, aber auch Gastspiele von Künstlern aus der Region, jene Kreative nutzen regelmäßig die Spielfläche in dem kleinen Theater. Am Freitagabend war die Premiere ausverkauft. Ensemblemitglieder Elvira Lauscher und Jörg Neugebauer kenne ich seit vielen Jahren. Sie gehören wie ich zu den Gründungsmitgliedern der Ulmer Gestalten, ein Netzwerk von Kreativen in und um Neu-Ulm/ Ulm herum. 2016 absolvierte ich z.B. gemeinsam mit Jörg Neugebauer die Veranstaltung Schienengesänge unter der Ulmer Eisenbahnbrücke.

Elvira Lauscher und Jörg Neugebauer sind seit etlichen Jahren vielen Ulmern durch ihre Veranstaltungsreihe Wortkunstlauf ein Begriff. Ich bin ein großer Fan von beiden. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass ich zur Premiere des neuen Theaterprojekts der Theaterwerkstatt kam.

„Ein Abend mit zwei Theaterstücken rund um das Thema "Liebe" (und deren Ende) - bewegend, witzig, mitreißend und emotional.“ Diese Zeilen findet man als Hinweis im Internet zur Veranstaltung. Dies kann ich nun nach der Premiere wahrlich bestätigen.

Zunächst wurde das Stück EVOL von Pavel Kohout gezeigt, dessen Übersetzung von Alexandra und Gerhard Baumrucker stammen. http://www.pavel-kohout.com/biografie.html<

Das Bühnenbild ist sehr schlicht gehalten: weiße Wände, Bistrotische und Stühle. Ein Speisesaal eines Ferienhotels wird dargestellt. Nichts lenkt das Publikum durch das Interieur ab. Ein Mediziner, ein älterer Professor (Jörg Neugebauer) sitzt mit seiner zwanzig Jahren jüngeren Frau Tina (Elvira Lauscher) am Tisch und beide genießen ihren Urlaub. Sie führen in der Öffentlichkeit stets sichtbar eine sehr glückliche Beziehung und erregen damit viel Bewunderung, aber auch Neid. Ein junges Paar nervt die beiden zu Beginn des Theaterstücks, als sie sich zu ihnen an den Tisch gesellen. Doch Tina verliert ihr Dauerlächeln nicht und bleibt letztendlich glücklich lächelnd alleine am Tisch zurück, will dann endlich die Ruhe genießen, um zu lesen. Plötzlich erscheint ein junger, attraktiver Mann (Patrick Steiner), der binnen weniger Minuten ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. “Warum haben Sie keinen Hund?“ Diese zunächst lapidar wirkende Frage wird im Laufe der weiterführenden Unterhaltung zur Schieflage ihrer Ehe, denn Evol trifft sie mit seinen vielen Fragen im Innersten, im Zentrum ihrer Sehnsüchte. Gegen ihren Willen verwickelt er sie immer mehr in ein schier endlos wirkendes, geradezu immer ernsteres, für sie unangenehm werdendes Gespräch. Trotz Dauerlächeln bemerkt sie innerlich immer mehr, dass ihre Ehe mit dem viel älteren Professor mit Leere gefüllt ist. Sie nimmt viel zu viel Rücksicht auf ihn. Der junge Mann mit dem ungewöhnlichen Namen Evol zieht sie immer mehr in seinen Bann, der sie nicht wie jeder normale Mensch einfach nur nach ihrem Namen fragt. Er macht ihr ganz deutlich, dass Namen überbewertet werden. „Wozu? Ein Name ist wie ein Buckel – oder die Augenfarbe. Es ist etwas, wofür man nichts kann.“ Evol, der auch verkehrt herum lesen und sprechen kann, erklärt schließlich dem Professor, dass er sie mitnehmen möchte und seine Frau glücklich machen würde. Tina befindet sich inzwischen in einem sehr labilen Zustand und widerspricht dem jungen Mann nicht, hat sie doch zwischenzeitlich erkannt, dass der Name Evol auf seinem Arm rückwärts gelesen das Wort Love bedeutet. Ihr bislang sehr selbstsicherer Gatte wird beim Anblick seiner Frau derart aufgerüttelt, so dass er zum ersten Mal in seinem Leben handgreiflich wird. Er prügelt sich mit dem jungen Rivalen. Völlig überraschend erscheinen im Speisesaal des Ferienhotels zwei Pfleger aus der benachbarten Irrenanstalt. Sie waren auf der Suche nach Evol, dem entsprungenen Geisteskranken aus der Psychiatrie und nehmen ihn sofort mit. An dieser Stelle endet das Stück und man wird nie erfahren, ob Tina und ihre Gatte wieder zur Tagesordnung zurückkehren und weiterhin gemeinsam ihren Urlaub genießen…

„Mir scheint, dass die Zukunft zweier Menschen, die hier scheinbar in Frage gestellt und zerstört ist, in Wirklichkeit gerettet wird“, schreibt Pavel Kohout über sein Stück. „Die Schläge, die hier fallen, und die Tränen, die emporschießen, bedeuten zwar das Ende der Gewissheit, aber gleichzeitig auch den Anfang von etwas, was einen neuen und höheren Wert bedeuten kann.“ Quelle: https://www.theatertexte.de/nav/2/2/3/werk?verlag_id=jussenhoven_und_fischer&wid=o_86851577&ebex3=3

Es spielten: Elvira Lauscher, Patrick Steiner, Jörg Neugebauer, Julia Knaut, Robert Niemetz und Jasmin Trojan. Regie: Jörg Zenker, Regieassistenz: Hanne Thiesen, Maske: Diet Sehl, Silvia Huber, Technik: Rolf Schairer, Robert Keller, Markus Rabe

"Jörg Zenker, Regisseur, über "Evol": Wird nicht jedem von uns mal eine Frage gestellt, die wir uns selbst verboten haben? Manchmal braucht es offenbar jemanden wie Evol, damit eine längst verstummte innerliche Stimme wieder erklingt." (Quelle: Programmheft)

Mein Fazit: Sehr sehenswert. Die gespielten Dialoge zwischen Elvira Lauscher und Patrick Steiner sind eine Wucht. Tinas Dauerlächeln verfolgt mich übrigens bis heute. :-)

Danach folgte eine Pause.

Im zweiten Teil des Theaterabends stand eine Welturaufführung auf dem Programm:

„Irgendwann wird es von selber hell“ von Jörg Neugebauer https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Neugebauer_(Autor)

Wer nun von den Zuschauern eine platte Boulevard-Komödie erwartet hatte, die Autor Jörg Neugebauer 2014 verfasste, saß nach der Pause im falschen Theater. Die Handlung des Einakters spielt in einem Zug. Auf der Bühne standen zwei Stühle, deren Sitzfläche jeweils mit rotem Stoff bezogen ist. Das war es dann auch schon für das Auge des Betrachters. Auch hier wurde wieder auf „Theater-Schnickschnack“ verzichtet. Nichts lenkt das Publikum ab, bis auf ein bisschen melancholische Musik zu Anfang. Eine Frau (Bettina Maigler) und ein Mann (Jörg Neugebauer) begegnen sich dort das erste Mal in ihrem Leben, in einem Zug. Das Publikum wird auf eine Reise mitgenommen, eine Fahrt durch die Nacht- in die man sehr viel hinein interpretieren kann. Das Stück beginnt sehr heiter. Die Dialoge sind witzig. Der Schlagabtausch zwischen Frau und Mann ist absolut köstlich, stellenweise ironisch. Beide kennen sich nicht, aber sind offen für all‘ das, was noch kommen könnte. Ihre Fantasie lässt es zu, dass sie während der Zugfahrt zu einem Paar werden. Im Zeitraffer erleben beide Höhen und Tiefen einer Partnerschaft. Sie durchleben alles, was die meisten Paare miteinander bewegt. Sie bauen sich im Zugabteil sogar eine Höhle, da sie ein bisschen die Abenteuer von Tom Sawyer nachspielen möchten, um die Langweile im Zug zu überrücken. In der Fantasie ist alles möglich und dazu benötigt man keine Requisiten. Sie trägt ein rotes Kleid, das zum Brautkleid werden soll. Denn er bittet sie, dass sie sich dies einfach vorstellen soll. Doch ohne Kirchenmusik will sie nicht heiraten und so ertönt dann im kleinen Theater Orgelmusik vom Band. Währenddessen führt er sie von der Bühne herunter, sie singt und beide laufen durch den Mittelgang nach draußen. Das Publikum wird dabei miteingebunden und wird dadurch zu Hochzeitgästen in einer Kirche. Ziemlich schräg das Ganze und sehr unterhaltsam. :-) Kurze Zeit später stehen beide wieder gemeinsam auf der Bühne, aber sie trägt einen weißen Schleier. Ein Requisit des Stücks, das später ganz zum Schluss noch einen optischen Höhepunkt erlebt. Denn sie wird mit seinem Ableben am Ende des Spiels konfrontiert und ihre Wege trennen sich danach wieder, da es „irgendwann wieder von selber hell“ wird und der Abschied im Zugabteil bevorsteht…

Mein persönliches Fazit: „Irgendwann wird es von selber hell“ ist ein tiefgründiges Stück in der sich die Tragikomik des Lebens widerspiegelt. Die Dialoge sind stellenweise ironisch, bissig formuliert. Herrlich. Mehrmals habe ich laut gelacht. Später wird das Stück ernster. Das Ende, der Tod überrascht, gehört aber zum Leben dazu. Das Theaterstück bietet schwarzen Humor vom Feinsten mit Kaffee und Sahne und viel Freiraum zum Nachdenken. Jörg Neugebauer spielte sogar in seinem eigenen Stück mit und dies vorzüglich, grandios spielte aber auch Bettina Maigler in der Rolle der Frau!

Es spielten: Bettina Maigler und Jörg Neugebauer, Regie: Thomas Laengerer, Regieassistenz: Elvira Lauscher, Maske: Diet Sehl, Silvia Huber, Technik: Rolf Schairer, Robert Keller, Markus Rabe

"Thomas Laengerer, Regisseur, über "Irgendwann wird es von selber hell": Ein Mann, eine Frau, eine Reise. Was zunächst wie ein missglückter Flirt im Zugabteil anmutet, wird zu einer Reise durch ein ganzes Leben. In sparsamsten Worten entwickelt sich ein Theaterstück welches Geschichten nur andeutet und dabei viel Raum für Assoziatives, Selbsterlebtes, Eigenes lässt. Dieses Stück ist alles andere als geschwätzig. Es ist eine Hommage an die Stille, die Langsamkeit, das nicht Gesagte" (Quelle: Programmheft)

Weitere Termine findet man hier: http://www.theaterwerkstatt-ulm-ev.de/

© Corina Wagner, 13.02. 2017

20:18 13.02.2017
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Geschrieben von

Corina Wagner

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Corina Wagner

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