Hitzewelle

CoLyrik-Märchen Zeit für ein Sommermärchen ...
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Sommermärchen Hitzwelle von Ina Venus

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in Deutschland mit inzwischen sehr hohen sommerlichen Temperaturen und einem idyllisch gelegenen See, den es schon seit Menschengedenken gibt. Ein Ort an dem Spießbürgertum kein Fremdwort ist und das Businessleben funktioniert. Weltoffen, modern und spießig zugleich zu sein, dies alles passt in jenen Ort wie ein Zuchtbulle oder Samenkorn mit Erfolgsgeschichte.

Erst sehnte ich mich nach ihm, so einem super schönen Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Ich konnte es kaum erwarten. Dann war er endlich da. Blauer Himmel, Sonne pur! Ein fröhliches „Hurra!“ kam über meine mit dunkelrotem Lippenstift aufgehübschten Lippen, als ich aus dem Fenster sah.

Ich war auf ihn gut vorbereitet. Leichte Bekleidung war genau mein Ding, auch mein Chef freute sich bestimmt über mich, wenn ich ihm halbnackt im Büro begegnen würde.

Meine Nachbarin grüßte ich zunächst beim Verlassen des Zehnparteienhauses wie immer besonders freundlich, mit einer herausstechenden Nettigkeit, denn ich konnte sie nicht leiden. Mit Nettigkeit konnte man Gegner noch in der größten Hitze eiskalt abservieren. Den Spaziergang bis zu meinem Arbeitsplatz genoss ich in der herrlichen Frühsonne, tankte Energie für den Tag und war prima gelaunt. Die Sonne schien so schön. Endlich.

Für meinen Chef sollte es in Zukunft tierisch heiß werden, so ahnte ich, als ich voller Elan die Eingangstür zum Büro öffnete. Noel-Kari Fell saß bereits hinter seinem Schreibtisch. Er trug einen viel zu warmen, dunkelblau gestreiften Anzug, ein hellblaues Hemd dazu und eine rosa Krawatte mir dunkelblauen Tupfen. Dazu steckte das passende Einstecktuch in der Anzugsjacke. Zwei Stunden später öffnete er zu Beginn der Frühstückspause den obersten Knopf seines Hemdes und seine Krawatte saß danach ein bisschen legerer. Es war das erste Mal, dass er dies tat. Auf Etikette und gutes Benehmen legte er viel Wert, lag eventuell an seiner Erziehung. Er besuchte als junger Mensch ein Elite-Internat, bevor er an einer Elite-Universität studierte. Ein Anfang vom Elend, so könnte man vermuten, wenn ich in diesem Zusammenhang an die extrem angekündigte Hitze, ihn und mich dachte. Schweißperlen machten ihm zu schaffen, aber er hatte noch ganz andere Probleme, die ich sah. Irgendwie gefährlich, wenn ein Mann nach Eisbär aussieht und sich eigentlich sehnlichst eine Eisscholle wünscht, aber bestimmt nicht mich. Pech für ihn. Ich war nun mal auch kein Walross, das mit ihm auf Vertrauensbasis zusammenarbeitete, auch kein gestrandeter Wal oder Pinguin, den er zum Fressen gern hatte.

Noel-Kari putzte mit einem Mikrofasertuch ziemlich akribisch seine Brille, als könnte er mich anschließend mit Röntgenblick sehen, aber auch jeden kleinsten Fehler, den ich vor ihm vertuschen könnte. Insgeheim sehnte er sich wahrscheinlich nach einer Burka oder Targia für mich, so dachte ich, als ich spürte, dass er mich in jenem Moment beobachtete. Ich saß ihm im Büro genau gegenüber und sah ganz deutlich, dass er immens schwitzte. Die Schreibtische hatte er damals absichtlich zusammenstellen lassen, so dass er mit mir stets Blickkontakt halten konnte. Manchmal kamen mir wenige Sekunden wie Stunden vor, wenn wir uns genau in die Augen schauten.

Ich trug mit voller Absicht ein dünnes Sommerkleidchen, ein Hauch von Blümchenstoff mit viel Beinfreiheit. Wir zwei saßen in dem piekfein eingerichteten Raum, als hätte man uns irgendwo in der Pampa ausgesetzt und sehnten uns beide nach einem Ortswechsel. Irgendetwas löste ich in ihm aus, da war ich mir hundertprozentig sicher. Sein intensiver Blick irritierte mich, so ausdauernd hatte er mich bislang noch nie betrachtet. Vielleicht hatte er neue Brillengläser.

Ab der Mittagspause wich er nicht mehr von meiner Seite. Wir gingen gemeinsam zum See. Das Bürogebäude seiner Eltern lag nur sechs Minuten zu Fuß vom See entfernt. Auch ein Grund, warum ich mich dort damals um die Stelle bewarb. Bei schönem Wetter genoss ich die einstündige Mittagspause vorzugsweise am See. Während des Gehens schwitzte Noel-Kari noch mehr, als zuvor. In einer Hand hielt er eine Tragetasche, die mit Getränken und zwei Pizzaschachteln vollgestopft war. Ich trug einen Rucksack über den Schultern. In ihm steckte eine Menge Krimskrams für den Aufenthalt am See.

Vielleicht hätte er seinen Anzug, Socken und seine Schuhe aus feinstem Leder ausziehen sollen. Wir gingen eine Weile in der prallen Sonne und dann querfeldein auf einem Trampelpfad zwischen Büschen und Bäumen weiter. Ich lief inzwischen barfuß. Er wirkte ein bisschen deplatziert zwischen all den Nudisten, die es dort auf dieser Seite des Sees am Ufer gab, als wir uns ans Wasser auf die von mir mitgebrachte Decke setzten. Trotz alledem zog ich sämtliche Blicke magisch an, lag vermutlich am schönen Sommertag, der mich dazu inspirierte auf Risiko zu gehen. Ich liebkoste die Sonnenstrahlen ganz ohne Schutz. Wir nahmen uns spontan den Rest des Tages einfach frei. Dies hätten wir nicht tun sollen, aber er ist mein Vorgesetzter, mein Chef. Ich folgte seinen Anweisungen.

Er lag wie versteinert stundenlang neben mir auf dieser farbenfrohen Picknickdecke von Öko-Oma Irmgard und genoss anscheinend meinen Anblick in der puren Sonne bei schlechten Sichtverhältnissen. Seine Brillengläser waren inzwischen total beschlagen und das Brillenputztuch war nicht greifbar. Auf seinem Kopf lag zerknüllt mein Kleidchen, da er weder Sonnenhut noch –kappe mit an den See genommen hatte. Ich trug nichts mehr, außer einem winzig kleinem, gehäkeltem, sonnengelbfarbenem Dreieck mit Fäden zum Schnüren, das er aber wahrscheinlich nicht wirklich wahrnahm. Es war kein halbaufgewickelter Topflappen aus Omas Küche der Siebziger, um Missverständnisse zu vermeiden, sondern wurde extra minimalistisch fabriziert. Dies sagte ich auch zu ihm, als er mich fragte, warum ich nicht gleich darauf verzichten würde, so viel würde das Teil auch nicht mehr verdecken. Ich hatte das Designerteil im Internet für meinen Sommerurlaub erstanden. Jetzt schien so schön die Sonne, so dass ich es auch ungeniert hier vor Ort tragen konnte. Mein Chef starrte mich unentwegt an und vergaß die Welt um uns herum am See. Wahnsinn. Er hielt viel aus in seinem dunkelblauen Anzug.

Dann verließ mich der geliebte Sommertag von einer Nacht auf die andere, aber auch mein Chef, der besser in der Antarktis wohnen sollte, so krebsrot sah er im Gesicht aus.

Es blitzte und krachte gewaltig. Starker Regen setzte ein, aber nicht lange genug, um ihm eine echte Abkühlung zu bringen. Am nächsten Tag kam er wieder im Anzug ins Büro. Irgendwie tat er mir schon ein bisschen leid. Vielleicht hätte ich ihm tags zuvor meine Sonnencreme anbieten sollen. Dieses Mal trug er einen anderen Maßanzug in der Farbe dunkelgrau, ein weißes Business-Hemd und eine schlichte rote Seidenkrawatte, dazu wieder ein Einstecktuch, auch aus dem gleichen Seidenstoff und rote Socken. Er hatte die Krawatte, das Einstecktuch und die Socken farblich auf seine neue Gesichtsfarbe abgestimmt.

Beinahe hätte ich das Wort Bravo gerufen und geklatscht. Da öffnete ich doch viel lieber demonstrativ das Fenster, aber auch einen Knopf mehr an meiner Figur betonten kurzärmeligen Bluse mit Froschkönig-Motiv. Dazu trug ich eine passende Kette mit einem kleinen Froschkönig-Anhänger, der zwischen meinen Brüsten baumelte, als gäbe es für ihn nichts Schöneres auf der Welt. Da staunte er nicht schlecht, mein Chef, als er den Anhänger entdeckte.

Danach wurde es von Tag zu Tag heißer, draußen und drinnen, aber besonders auch für ihn. Die unterschiedlichen Ausschnitte meiner Oberteile wirkten wie kleine Hitzeattacken auf ihn. Er saß mir täglich gegenüber, bekam Hitzestau und hoffte wahrscheinlich innerlich auf den Weltuntergang.

Die von Meteorologen angekündigte Hitzewelle sorgte für einen Ausnahmezustand zwischen ihm und mir. Er trug weiterhin stets einen Anzug aus feinem Zwirn und langärmelige Hemden darunter. Ich provozierte mit Charme, noch weniger Bekleidung und einem Tischventilator aus dem Baumarkt. Die Auswahl meiner Oberteile, Hotpants in Kombination mit High Heels oder Espadrilles machten ihm sichtbar zu schaffen.

Mein hitzegestresster Chef wirkte nach zwei darauffolgenden Sommertagen ziemlich erschöpft, als ich ihn in voller Montur fragte, ob er mit mir während der Mittagsause wieder ins Freie will. Sein Blick sprach Bände bei plus 41 Grad Celsius. Ich gab ihm zum Trost spontan einen Kuss. Zum Dank verlor er die Kontrolle über sich und mich. Seine Brille zog er sich selbst aus, die war mal wieder total beschlagen. Dieses Mal hätte er nicht so schnell ein- und ausatmen sollen, als ich direkt vor ihm stand. Im Büro herrschten Temperaturen wie in einem Glutofen. Ich hatte keineswegs Mitleid mit ihm, als er ohne Brille seinen Tastsinn deswegen einsetzen musste.

Vielleicht lag es daran, dass ich ihm aus dem viel zu warmen Anzug half, als er zu hyperventilieren begann. Danach hatte er wohl eine kleine, aber feine Bewusstseinsstörung. Er sah mich an, als wäre ich eine Fata Morgana. Ich drückte ihm deshalb seine Brille wieder in die Hand. Dieser Eisbär würde nie zum Tiger werden, musste ich mir eingestehen und ließ ihn dann wieder völlig zugeknöpft zu seiner Mami nach Hause gehen. Ich benötigte dringend eine kurze Auszeit.

Darum verliebte ich mich höchst wahrscheinlich auch aus lauter Frust in den angekündigten Wüstentag.

Die gefühlte Temperatur verführte mich frühmorgens auf dem Weg ins Büro. Deshalb kam ich irgendwann verspätet an. Mein Chef war natürlich sauer auf mich, als ich in seinem Büro so spät erschien und ließ Dampf ab. Kein Wunder, trug er doch wieder Anzug, ein langärmeliges Hemd und Krawatte. Er schnaufte, als er mit mir meckerte und nebenbei mit seiner viel zu vollen Kaffeetasse auch noch kleckerte. Ein elegantes Fluchen folgte, war es doch frisch aufgebrühter, heißer Kaffee, der sich über ihn ergoss. Sekundenlang herrschte Totenstille in der Gluthitze des Büros. Mein Chef sah aus, als hätte er schon bessere Zeiten erlebt. Ich fingerte instinktiv flink an ihm herum und half ihm aus dem Jackett, aber auch aus dem viel zu klebrigen Hemd. Danach griff ich auf die Schnelle nach der Flasche in meiner Tasche. Ein Smoothie aus Gurke, Spinat und Salat kühlte ihn ab bis auf die Knie. So hilflos habe ich meinen Chef noch nie gesehen.

Ich hätte jetzt alles getan, um bei diesen hohen Temperaturen mit ihm gemeinsam im See baden zu gehen. Panik brach in seinem Gesicht aus, als hätte er meine Gedanken lesen können. Ich blieb völlig ruhig, zog wie selbstverständlich meine Bluse aus, um die winzigen Reste des Smoothies von seinem Körper zu wischen. Irgendwie peinlich, aber auch fürsorglich, so glaubte ich und half ihm auch noch aus dem Rest der Klamotten. Alles wäre bestimmt in der Gluthitze gut ausgegangen, hätte es nicht an der Bürotür energisch geklopft. Seine Mutter überraschte uns im Büro mit Unmengen von Eistee und Noel-Kari kam in Erklärungsnot. Derweil zog ich meine Bluse wieder an und sagte völlig unaufgeregt: „Geh‘ dann mal in die Mittagspause und zieh‘ mich zu Hause um.“ Ich ließ ihn mit der Eisheiligen alleine zurück.

Draußen in der Wüstenhitze angekommen, ging ich nicht direkt nach Hause, sondern an den See. Ich sprang ohne Abkühlung ins lauwarme Nass und dachte kurz über mein Leben nach. Viel zu warm war das Gewässer, viel zu nass meine Kleidung und immer noch viel zu gut meine Laune. Währenddessen trank er literweise eisgekühlten Tee und verwirklichte dabei die fatale Idee seiner Mutter. Noel-Kari Fell kündigte mir fristlos aus reiner Willkür und nannte es unangemessener Büro-Dresscode im Sommer. Er sprach mir dies alles ziemlich gefühlskalt auf den Anrufbeantworter.

Sommermärchen enden anders, so glaubte ich und schmollte dezent.

Nur einen Tag später stand der Eisbär, mein Ex-Chef Fell, früh morgens in Bermudas und T-Shirt vor meiner Haustür. Wow. Zur Sicherheit rieb ich mir die Augen. Anschließend wurde mir ganz warm ums Herz. Ich träumte nicht.

Und wenn wir beide bislang noch nicht an Hautkrebs gestorben sind, so liegen wir heute manchmal gemeinsam Hand in Hand, am viel zu warmen See und sehnen uns nach Bäumen, die Schatten spenden.

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© CoLyrik, Juli 2019

17:27 29.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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