Irgendwo da draußen in Deutschland...

CoLyrik Frauenarmut kann man nicht schön reden oder schön schreiben, aber man kann mit Humor auf das heikle Thema aufmerksam machen...
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Folgende Kurzgeschichte wurde anlässlich Internationaler Frauentag verfasst und das erste Mal im Theater Neu-Ulm am 6. März 2014 im Frauenkabarett rezitiert. Beim Spontanlesen in Leipzig begeisterte sie das Publikum. Viele Freude beim Lesen!

Irgendwo da draußen in Deutschland…

Friedlinde beobachte eine kleine Weile ihre Freundin, die völlig apathisch auf dem Sofa saß und auf einen Briefumschlag starrte. Mensch Almut! Die verfluchte Altersarmut tut uns beiden bestimmt nicht gut, aber es könnte doch noch viel schlimmer sein. Entspann‘ Dich mal! Atme meinetwegen tief ein und aus oder denke an etwas total Tolles.“, sagte Friedlinde zu ihrer WG-Bewohnerin und öffnete ganz nebenbei eine Flasche Champagner, die Almut neulich bei einem Preisrätsel gewann. Almut war überhaupt nicht bei der Sache, so dass Friedlinde ihr einfach ins Ohr säuselte: „Denkst Du nun etwa an ne schnelle Nummer mit diesem viel zu jungen Inkasso-Heini von neulich?“

„Klar doch! Was Brunhilde im Treppenhaus in Form hält, kann mir nicht schaden!“, erwiderte Almut freudig erregt. Dann lachten beide fast schon zynisch und prosteten sich zu. Fast stilecht tranken sie das französische Lebenselixier aus gläsernen Zahnputzbechern, weil ihre Kaffeepötte noch in der Spüle klebten. Inzwischen fanden beide Frauen kaum noch Platz in ihrem Gemeinschaftswohnzimmer, weil dieser Raum langsam aber sicher zur Lagerhalle mutierte. Zwölf Pakete Windeln, sieben Toaster, fünf Mikrowellengeräte, neun Kaffeemaschinen, ein Stapel Lamahaar-Wolldecken, acht Rasierapparate, fünf Spielekonsolen, drei Kisten Wein, fünf Fresskörbe, drei Laptops, zwei Profi-Wokpfannen, ein Bollerwagen, vier fernsteuerbare Modellautos, zehn Funkwecker, 25 hochwertige Kuscheltiere und eine edle Felgen-Pflegebox stapelten sich dort zwischen einer Palette Katzenstreu und einem gigantischen Seesack voll mit Fischkonserven. Zwei Tiefkühltruhen und eine mobile Bierzapfstation versperrten inzwischen den bequemen Weg durch den schmalen Flur in der 75 qm großen Wohnung.

Mit Friedlindes Hilfe versteigerte Almut stets sofort die Fernseher. Meistens noch direkt in derselben Nacht, wenn ein Gerät tagsüber angeliefert wurde. Das war immer eine Tortur bis die modernen riesigen Flachbildschirme aus dem neunten Stock still und heimlich wieder durchs Treppenhaus verschwanden. Irre aufregend für Beide, wenn sie im Sperrgebiet, auf dem Hinterhof des Männerwohnheims, so eine Klotze heimlich an den Meistbietenden versteigerten. Alles musste total leise über die Bühne gehen. Eine echte Herausforderung für Almut und Friedlinde, wenn sie die alten geilen Böcke ohne Gekreische bei Laune halten mussten, damit sie nicht randalierten. Hitzewallungen und kleinere Blessuren blieben da nicht aus.

Die fernlenkbaren Modellautos vertickten beide Frauen nie an die Kerle. Sie jagten damit lieber nachts die unzähligen Ratten. Dabei hatten sie immer unglaublich viel Spaß, da Almut auch ein Monsterfahrzeug gewann. Ab und zu verkauften sie gemeinsam im Internet die Waren, durften sich aber von den verdeckten Ermittlern der Frauenaufsichtsbehörde nicht erwischen lassen. Almut hatte ein Fabel für Preisausschreiben aller Arten und hatte auch irgendwie immer wieder aufs Neue Glück. Es war ihr ganz persönlicher Strohhalm zur Außenwelt. Ihre Ablenkung vom Alltag in einer sozialen Wohnungsbau-Siedlung für Frauen. Hier wo der schwarze Schimmel geballt von den Decken hängt, die Ratten nachts in die Ecken kacken, Kakerlaken sich paaren und der Fahrstuhl seit Monaten nicht funktioniert.

In diesem Wohnhaus überlegte man sich zweimal, wie man ohne Atemnot und lautlos in den neunten Stock kommt, wenn man genau weiß, dass man an der Wohneinheit von Brunhilde im vierten Stock vorbei muss. Sie hatte immer ein Bein in der Eingangstür, weil ihr für neuen Stoff definitiv das Geld fehlte. Wenn sie ganz schräg drauf war, dann musste man auch schon mal die Polizei rufen. Die Jungs waren dann grundsätzlich immer außer Puste, also jene schwergewichtigen Polizisten, wenn Brunhilde wieder auf die Idee kam, handgreiflich zu werden. Männer waren Mangelware. Und Brunhilde zuckersüchtig. Außerdem wie die meisten Frauen in der Siedlung absolut mittellos, so eine die der Süßwarenindustrie bereits völlig verfallen war. Unter Entzug war sie stets zu allem fähig. Eine der fürchterlichen Single Frauen, die früher jeden Typ haben konnte, wenn sie nur einmal lächelte. Für Pralinen tat sie inzwischen alles, war sich für Nichts mehr zu schade. Welch ein sozialer Abstieg? Dabei hat sie früher einmal geglaubt, dass sie mit ihrem 400 Euro- Job in einer Konditorei und ihrem geliebten Giesbert sicher wäre. Da drohte noch kein Zerfall.

Brunhilde lebte einst mit ihren drei unehelichen Kindern in einem schmucken Häuschen am Stadtrand. Da sang sie noch auf der Weihnachtsfeier des Kanickelzüchtervereins: Für mich soll‘s Rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Das Glück sollte sich sanft verhalten. Es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten. Damals hatte Giesbert noch keine Neue.

Irgendwie könnte man schon ein bisschen Mitleid haben, wenn man nicht selbst so arm wäre. Hier lebten viel zu viele Frauen, die jahrzehntelang mit einem Kerl ohne Trauschein lebten und sich nicht selten ein Kind aufschwatzen ließen, um Deutschland zu retten. Jawoll! Deutschland retten! Ja, so kann es gehen, wenn man der Politik und den Banken vertraut. Von wegen Altersabsicherung? Davon merkt zumindest Brunhilde einen Moment lang nichts mehr, wenn sie mal wieder einen Stick Zucker vom Postboten bekommt, damit er ungehindert in den neunten Stock zu Almut kommt, ohne dass sie ihm an die Wäsche will.

„Hurra!“, schrie vor wenigen Minuten Friedlinde ganz euphorisch, als sie mit Almut den neuen Gewinn auspackte: Vier Wochen Heilfasten für zwei Personen.

© Corina Wagner, Februar2014

16:08 12.04.2014
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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