Kims Engel

CoLyrik-Kurzgeschichte "Echt überirdisch!", was in deutschen Schlafzimmern passieren kann. Kims Engel ist ein Beweis, so könnte man vermuten...
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Kims Engel

„Wow!“, flüsterte Kim und starrte währenddessen gegen die Schlafzimmerdecke. Dort betrachtete sie einen kleinen nackten Engel aus cremefarbenem Stoff, dessen Gesicht so genäht war, dass er sie pausbäckig angrinste. Seine Flügel waren mit goldenem Garn eingefasst. Er baumelte an einer 15 cm langen bernsteinfarbenen Glasperlenkette, die an einem verzierten Messinghaken hing. In jenem Moment hatte sie den Eindruck, als hätte jener Engel, der inzwischen eine kleine Ewigkeit dort hing mit ihr kommuniziert. Sie hatte ihn vor Jahren auf einem Flohmarkt entdeckt. Da saß er auf einem ramponierten Regal aus der Gründerzeit und frohlockte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Kim konnte nicht widerstehen und kaufte ihn für 2 Euro. Die Worte des achtzigjährigen Verkäufers brannten sich in ihr Gedächtnis ein, denn bei der Verabschiedung sagte er zu ihr: „Der Engel war eine gute Wahl. Sie werden mit ihm noch ein kleines Wunder erleben, das verspreche ich Ihnen!“. Kim lachte damals und verschwand anschließend im Gemenge der Flohmarktbesucher. Zuhause angekommen wusch sie ihn behutsam in einem Bad aus Desinfektionsmittel und Handwaschmittel mit Rosenduftextrakten, so dass der modrige Kellergeruch gepaart mit widerlichem Mottenkugelduft verflog. Danach suchte sie einen passenden Platz in ihrem Schlafzimmer, denn der knuffige Engel sollte fortan an ihrem Bett wachen. Spontan kam sie an jenem Tag auf die Idee den neuen Schutzengel über ihrem Bett zu positionieren. Ihre Sexualpartner wechselten im Laufe der Zeit, aber der Engel blieb über die Jahre hinweg stets treu über ihrem Bett hängen. Ihr letzte Männerbekanntschaft Tim hatte anfangs massive Probleme mit dem Engel. Angeblich konnte er nicht, wenn er den grinsenden Engel sah. Tim, ein nicht praktikzierender Katholik, fühlte sich beobachtet, wenn es im Bett zur Sache ging. Da er aber unbedingt mit Kim schlafen wollte und sowieso dabei die Hosen herunterließ, drapierte er deshalb jedes Mal zunächst seine Boxershorts über dem Engel. Nur so kam es dann für beide zu den zu erwarteten Höhepunkten, die die Nachbarn wohl störten, da nicht nur das Messingbett quietschte, sondern auch die alten Bohlendielen im Rhythmus knarrten. Abgesehen von Kims Lustschreien, die nach allem Möglichen klangen, aber nicht nach Elfengesang, so behauptete jedenfalls Tim. Dazu gesellte sich das ätzende Geräusch von Ara Berta, deren Käfig auch im Schlafzimmer stand, die dann Kim imitierte. Kims Haustier störte Tim witzigerweise im Schlafzimmer nicht. Vielleicht lag es daran, dass ab 22 Uhr eine Decke über dem Käfig hing und sich Tim nicht beobachtet fühlte. Zumal er immer erst weit nach Mitternacht in Kims Bett landete. Es war immer tierisch laut und schien immer unerträglich für die feinfühligen Ohren der Nachbarn zu sein, die vermutlich nie ohne Besenstiel ins Bett gingen, um damit gegen Kims und Tims Rhythmus anzuschlagen, aber auch gegen Bertas Geräuschkulisse. Vermutlich lag es nur daran, dass sich ihre Sexspiele in die Länge zogen und das Ganze nicht nach fünf Minuten zu Ende war wie bei den langweiligen Nachbarn unten drunter. Vielleicht war auch ein bisschen Neid dabei, wenn der Besenstiel gegen die Decke hämmerte, aber sie hatten keinen Papagei im Schlafzimmer, sondern Rauhaardackel Luzifer, der angeblich am Fußende von Frauchen Lisa schlief. Luzifer jaulte stets, wenn Nachbar Rudi mit voller Wucht den Besen als Waffe benutzte. Luzifers Gejaule klang bei weitem nicht so grässlich wie Bertas Versuch zu Stöhnen. Das Wort: geil beherrschte Papagei Berta perfekt und dies dann in einem schrillen hohen Ton, der selbst Kim manchmal während des Beischlafs stresste. Seit einem Monat war nun der Besenstiel nicht mehr im Einsatz. Luzifer und Berta schliefen wie Lämmchen. Tim kam nicht mehr zum Verkehr und an dieser Tatsache war Kim nicht ganz unbeteiligt. Sie hatte ihrer Badminton-Partnerin von seiner Ausdauer bis ins kleinste Detail vorgeschwärmt. Hätte sie besser gelassen, denn sie war jünger, schlanker und für ihr eigenes Ego clever, wenn es darum ging einen Mann für ihre Zwecke zu missbrauchen. Gitte, das Biest, hatte ihn zu einem Trost-Drink eingeladen, als es Kim hundeelend ging. Genau an dem Tag, als sie frühmorgens in der überfüllten Straßenbahn stand, um ins Büro zu fahren, schmiedete Gitte bereits ihren Plan, um Tim zu verführen. Eine ältere Frau im Nachthemd überquerte gedankenversunken mit ihrem Rollator die Straße. Der Straßenbahnfahrer bremste dermaßen abrupt ab, so dass Kim nach vorne fiel. Sie landete zwar trotz alledem weich und dies auf dem Körper eines Herrn im gediegenen Sommeranzug. Für ihre Nase roch er in jenem Augenblick des Aufpralls himmlisch nach einem Designer-Duftwasser und sie war wie von Sinnen. Im Nachhinein kein schlechter Sturz, denn der Mann wirkte durchtrainiert und sah überraschenderweise ziemlich attraktiv aus, als sie die Augen nach wenigen Sekunden wieder öffnete. Aber es knackste in Kims Rücken während der ruckartigen Bewegung nach vorne, als sie auf ihm landete, so dass sie sich zunächst noch nichts Schlimmes dabei dachte. Vermutlich stand sie unter Schock, denn ihr Rock war hochgerutscht und die Hand des Herrn griff wohlmöglich reflexartig zu, als sie auf ihn purzelte. Mit der einen Hand fasste er an die Innenseite ihres Oberschenkels, berührte sie dadurch mit den Fingerspitzen bereits im Schritt und mit der anderen Hand hatte er seinen Aktenkoffer fest im Griff, als wären dort Goldbarren hinterlegt. Ein Mädchen weinte fürchterlich. Es blutete am Kopf und eine Frau leistete sofort Erste Hilfe. Der Herr ließ währenddessen sofort seine Hand von Kims Oberschenkel los und entschuldigte sich bei ihr für seinen missglückten Rettungsversuch. Sie sah ihn ein bisschen verstört an und entschuldigte sich auch, da sie während des Bremsmanövers auf ihn stürzte. Sie hätte auch auf den jungen Mann fallen können, dessen aufgedunsenes Gesicht aus lauter Pickeln und mehreren Piercings bestand. Er roch extrem nach Bierfahne, kaltem Zigarettenrauch, aber auch nach altem Frittierfett und war wohl auf dem Heimweg einer durchzechten Nacht. Der Mann auf den sie nun gestürzt war, hatte sich bestimmt einige gemeine Prellungen zugezogen. Er ließ sich nichts anmerken. Erst schwiegen sie sich an, dann kamen sie ins Gespräch. Er wirkte sehr sympathisch, obwohl er sie unsittlich berührt hatte. Man musste auf die Polizei warten. Kim tauschte sogar mit dem Herrn im feinen Zwirn die Telefonnummern aus, was sie im Normalfall nie und nimmer spontan getan hätte. Man musste gemeinsam ausharren, warten, bis die Polizei die Personalien von Zeugen in der Straßenbahn aufnahm. Johannes Kasper hieß der Herr, war vermutlich Hobbyseelsorger und Steuerberater von Beruf. Er wohnte sogar in ihrer Nähe, stellte sie fest, als sie sich unterhielten, um die Zeit zu überbrücken, bis sie von einer Polizistin befragt wurden. Er, aber auch Kim hatten die Frau gesehen, als sie einfach über die Straße lief, ohne auf den Verkehr zu achten.

An jenem Mittag hatte sich Kim mit Tim und Gitti zum Mittagessen verabredet. Gitti war unglaublich neugierig wie Tim wohl in Natura aussieht und Kim wollte ein bisschen mit ihm angeben. Im Laufe des Vormittags bekam Kim immer stärkere Schmerzen. Ihre linke Hüfte, aber auch ihr Bein schmerzten gleichzeitig immens, so dass sie ihre Pumps im Büro ausziehen musste, da sie mit den Schuhen nicht mehr laufen konnte, als sie aufstand, um sich einen Kaffee zu holen. Sie atmete tief ein und aus, aber einige Entspannungsübungen, die sie normalerweise zur Ruhe kommen ließen, halfen nichts. Sie känzelte daraufhin alle ihre Termine und suchte sich im Internet die Nummer der Unfallambulanz heraus. Danach rief sie Tom an. Sie gab ihm die Telefonnummer von Gitti und sagte ihm, dass er sie bitte kontaktieren solle. Beide sollten wie geplant sich zum Mittagessen in Paolos Restaurant treffen und das vorbestellte Meeresfrüchte-Risotto essen. Er müsse sich nicht sorgen. Weder Tim noch Gitti sollten sie ins Krankenhaus begleiten, da war sie eisern. Sie meldete sich anschließend im Personalbüro krank, rief sich ein Taxi. Danach nahm das ganze Elend seinen Lauf. Sie wartete ewig in der Notaufnahme. Der Unfallarzt in der Ambulanz überwies sie nach dem Röntgen in die Orthopädie und da arbeitete Klaus, ein Exfreund aus Teenagerzeiten. Er legte Hand an und griff ohne Hemmungen zu. Anschließend jagte er ihr eine Spritze in die Hüfte und verschrieb ihr starke Medikamente gegen die Schmerzen. Klaus drohte mit einem Kontrollbesuch bei ihr zu Hause. Er legte ihr ans Herz sich wahrlich zu schonen. Sobald sie ein Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen im Bein feststellen würde, sollte sie sich unverzüglich bei ihm auf Station melden. Gitti nutzte derzeit die neue Situation schamlos aus und Tim ließ sich von ihr ausgiebig trösten. Einen Tag später gestand er ihr, als er Kim zu Hause besuchte, dass beide bereits am frühen Abend wie Bonobo-Äffchen übereinander herfielen. Es wäre Liebe auf den ersten Blick gewesen. Kim sah sowieso bereits kreidebleich aus. Nach diesem Geständnis hatte sie das Gefühl sterben zu müssen, aber ließ ihn dies nicht bewusst spüren und bat ihn zu gehen. Sie wünschte ihm viel Glück mit seiner neuen Liebe. Sie verschwieg ihm, dass sie seit Stunden Lähmungserscheinungen im Bein hatte. Aus Mitleid sollte er nicht bleiben. Durch die ruckartige Bewegung in der Straßenbahn bekam sie eine starke Blockierung, die auch letztendlich die Lähmungserscheinungen im Bein verursachten. Jetzt war es soweit. Die Lähmungserscheinungen jagten ihr ein bisschen Angst ein, aber sie wollte sich von dieser neuen Angst, die sie bislang nicht kannte, nicht beherrschen lassen und starrte lieber gegen ihre Schlafzimmerdecke, um sich vom grinsenden Engel ablenken zu lassen. Da sah sie ein trauriges Gesicht. Der Engel hatte sein Grinsen verloren. Sie schloss die Augen, öffnete sie wieder und glaubte, dass die Schmerzen im Kreuzdarmbereich zu solchen Wahrnehmungen fähig sind. Sie griff mit der Hand nach einer Medikamentenschachtel, die auf ihrem Nachtisch stand. Sie wollte zur Ablenkung ein Opiat einnehmen, das Klaus ihr heimlich zusteckte, bevor sie das Behandlungszimmer verließ. Für den Notfall in der Nacht, wenn die Schmerzen unerträglich sind, so meinte er. Die Tablette fiel zu Boden und Kim bückte sich ziemlich ungelenk nach unten, um die Tablette aufzuheben. Dabei krachte es wieder in ihrem Rücken. Plötzlich war sie beinahe schmerzfrei. Die Lähmungserscheinungen im Bein ließen nach. Die Angst vor einer Operation verschwand.

Von da ab wusste sie, dass der Engel überirdische Fähigkeiten besaß, denn als sie wieder nach oben zur Decke starrte, grinste er sie wie eh und je an, als sei nichts gewesen.

© Corina Wagner, September 2016

13:29 09.09.2016
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Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
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