Klimawandel und die einfache Sprache

Wagners Randnotiz „Waldschutz ist die einfachste Maßnahme für den Klimaschutz“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt Menschen in Machtpostionen, die verwenden eine einfache Sprache mit dem Ziel Dinge verständlich zu benennen, um die breite Masse zu begeistern. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein, solange man bei der Wahrheit bleibt. Angeblich soll z.B. Präsident Trump im Schnitt die Sprache und die Grammatik eines Viertklässlers anwenden. Einfach, konkret Sprache anzuwenden, muss nicht unbedingt schädlich sein, wenn man gleich zur Sache kommt. Auf die Formulierung kommt es an, wie und was man sagt, schreibt und twittert. Bei Fragen wie zum Beispiel: Könnten Sie mit nur einem Wort ganz einfach beschreiben, wie die momentane weltweite Situation bezüglich Klimawandel ist? Und die Antwort lautet knapp: Scheiße (engl. shit, crap). Das Wort Scheiße ist zwar nicht vornehm, aber treffend. Deutsche Viertklässler verwenden dieses Wort in ihrem Vokabular. Nur wenige Eltern regen sich noch darüber auf. Schließlich steht das Wort Scheiße im Duden.

Ich gehöre noch zu einer Generation, da wurde dieses Fäkalien- Wort mit spitzen Fingern angefasst und von Eltern gehasst, wenn die Sprösslinge es in den jugendlichen Mund nahmen. Das Wort war tabu. Man durfte Ersatzwörter verwenden, wie z.B. ätzend, grässlich, verheerend, erbärmlich und scheußlich. Das Wort Scheibenkleister durfte ich auch sagen, wenn mir danach war, klingt damenhafter und unauffälliger. Mir wurde noch beigebracht, dass man mit gutem Benehmen, Höflichkeit und prima Tischmanieren nichts falsch machen kann. Im Laufe der vielen Jahre, die ich nun auf der Welt bin, habe ich öfters Scheibenkleister gesagt und das Wort Scheiße natürlich gemeint. Umso älter ich werde, umso häufiger verwende ich es auch in Texten, auch wenn es sich vielleicht für den ein oder anderen Leser ordinär liest. Es wirkt vielleicht auf einige Menschen befremdlich, da es überhaupt nicht mehr nach guter Kinderstube aussieht, aber wenn‘s im Duden steht, dann sollte man mit der Zeit gehen. Für viele wirkt es auch irgendwie befreiend, wenn man es im Alltag ohne Hemmungen aussprechen darf.

Ich find’s total Scheiße, was da auf der Welt passiert. Ein einfacher Satz, den jeder versteht.

Es kommt also u.a. auf den Verstand, Bildung, auf den Charakter eines Menschen an, auf seine gesteckten Ziele, die Ideologie, die er verfolgt, aber auch auf die persönliche Tagesverfassung, wenn er die einfache Sprache im Alltag verwendet. Kann man nun so denken, kopfnickend hinnehmen, muss man aber nicht. Sich gewählt auszudrücken, liest sich meiner Ansicht nach immer noch vorteilhafter, aber für manche Menschen wirkt so etwas ermüdend, da im gestressten Alltag dies viel zu anstrengend erscheint. Die globale Gesamtsituation in ihrer ganzen Scheusslichkeit missfällt mir, aber ich fühle mich zu schwach, um meine Stimme lautstark zu erheben. Ich habe viele Fragen, aber keiner will sie mir ehrlich beantworten. Da bin ich lieber ruhig.

Schneller geht die modernere Formulierung: Die Weltlage ist scheiße, alles ist scheiße. Es ist wie es ist. Scheiße. Man spricht von einem großen Haufen, aber geht nichts ins Detail. Wer will schon scheiße nachfragen, wenn man vorher schon weiß, dass Scheiße dabei rauskommt?

Kurze knappe Formulierungen sind angesagt, deren Inhalte oftmals so stark reduziert werden, um es angeblich auf den Punkt zu bringen, Nicht selten werden wichtige Informationen absichtlich weggelassen. Viele Menschen machen sich nicht mehr die Mühe zu recherchieren und geben ihr Schicksal in die Hände von diversen, skrupellosen Politikern, die nur ein Ziel vor Augen haben: Sie bereichern sich auf Kosten des Artensterbens. Diesen Leuten ist es völlig egal, welche katastrophalen, zerstörerischen Szenarien bereits durch ihre Verantwortungslosigkeit ausgelöst wurden und noch werden.

Das angewendete Vokabular ist rein theoretisch in seiner Außenwirkung ganz wichtig, so wie man quasi in den Wald hinein ruft, schallt es auch wieder heraus. Blöd nur, wenn wie zum Beispiel im Regenwald riesige Flächen abgeholzt werden. Da schallt nichts mehr heraus. Nichts. Absolut nichts mehr. Eigentlich verständlich, wenn kein Baum mehr neben dem anderen steht. Dafür muss man nicht studiert haben, um das ganze Ausmaß der Abrodung nachvollziehen zu können.

Etliche Wissenschaftler sind der Meinung, der festen Überzeugung, dass Waldschutz die einfachste Maßnahme für den Klimaschutz ist. Diese Aussage der Wissenschaftler versteht eigentlich jeder. Waldschutz! Es wäre total einfach, würde man auf den Rat der Wissenschaftler hören. Nur keiner verhindert jetzt diese immensen Rodungen im Regenwald. In einfacher, verständlicher Sprache, kann man doch sagen, dass es dem ganzen Weltklima lebensbedrohlich schadet, wenn man rodet. Das Problem existiert nicht erst seit gestern. Viele Menschen sprechen weltweit nicht erst seit Wochen darüber, aber es wurde und wird weiterhin im Regenwald gerodet:

Jahr für Jahr, Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute.

Es wäre ganz einfach: „Stopp!“ zu sagen, wenn alle „Stopp!“ sagen würden, Schluss. Ende. Das Aus für die Rodung im gesamten Regenwald, auch im Teil des Regenwalds in Brasilien!

Wie kann die Welt zuschauen, dass Brasiliens neuer Präsident Bolsonaro es zulässt, dass in diesem Jahr 60 Prozent mehr Fläche im Regenwald abgeholzt wurden, als noch vor einem Jahr. Es ist der höchste Wert seit drei Jahren. Man spricht von einer Rekord-Abholzung im brasilianischen Regenwald. Bolsonaro wird inzwischen als „Trump der Tropen“ tituliert.

Laut Medien wurden alleine im Juni 2019 im Regenwald von Brasilien 769 Quadratkilometer gerodet. Im Vorjahr, im Juni 2018, waren es noch 488 Quadratkilometer, die abgeholzt wurden. Diese Rodungen lassen alle zu. „Man kann eh nix machen!“, so denken viele. Fatal für alle auf der Welt. Das ist Fakt.

Zum Vergleich: Ein Fußballfeld (Standard) misst 7.140,00 m². So kann man sich diese 769 Quadratkilometer, die vorigen Monat im brasilianischen Regenwald abgeholzt wurden, besser vorstellen. Doch die wenigsten wollen sich dieses dramatische Ausmaß eines Monats, diese immense Abholzung vorstellen. Es ist ja auch viel bequemer, wenn man nicht darüber nachdenkt. Ein (1) Quadratkilometer sind eine Million (1.000.000) Quadratmeter. Bloß nicht darüber nachdenken. Nur nicht mit dem Rechnen beginnen. Es gibt auch viele Menschen mit spontaner Dyskalkulie, Mathematikschwäche, so kann man das Thema bequemerweise verdrängen. Die Naturkatastrophen nehmen zu. Egal. Irgendwann müssen wir ja alle sterben, früher oder später. Durch genau solche Denkweisen, dem Nichtstun und Abwarten werden wir die Erde schneller zerstören, als unsere Ahnen vermuteten.

Wir haben es selbst in der Hand. Jeder einzelne Mensch sollte Verantwortung für unseren Planeten übernehmen. Die Zivilgesellschaft kann gemeinsam handeln.

Alle Menschen auf der Welt gehören nur zu einer der vorkommenden Arten. Forscher sprechen von bis zu etwa 10 Millionen Arten von Organismen auf der Erde. Menschen haben es zu verantworten, wenn die Artenvielfalt ausstirbt. Der Klimawandel ist menschengemacht. Was der Klimawandel nicht schafft, werden Nuklearwaffen, Kriege erledigen.

Die Stimme des Intellekts ist leise“, so habe ich vor einigen Wochen auf einem Denkmal im „Sigmund-Freud-Park“ in Wien gelesen. Man änderte die Inschrift vor einigen Jahren ab, denn ursprünglich stand dort „Die Stimme der Vernunft ist leise“. Dieses Freud-Zitat lautet im Original:

"Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzähligen oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf.“

(Ges. Werke XIV/1927c, 377)

Sigmund Freud, Arzt, Begründer der Psychoanalyse starb 1939 in London.

Ich wünsche allen ein langes, erfülltes und glückliches Leben, ohne Denunzierung, Hass, Gewalt, Krieg und Naturkatastrophen.

Corina Wagner, 15. Juli 2019

Quellen:

https://www.duden.de/rechtschreibung/Scheisze

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/brasilien-rekord-abholzung-im-regenwald-hoechster-wert-seit-drei-jahren-a-1275652.html

https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Denkmale/Freud%2C%20Sigmund%2C%20Denkmal

https://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Bernhard-Lohr-Die-Stimme-fuer-den-Regenwald-id43676216.html


Anmerkung zum Text

Community-Autor Aussie42 inspirierte mich zu dem Beitrag Klimawandel und die einfache Sprache. Sein Artikel Zukunft: K1, Umwelt und die Katastrophe ist absolut empfehlenswert!

https://www.freitag.de/autoren/hreinhardk/zukunft-ki-umwelt-und-die-katastrophe

21:38 15.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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