Offener Brief

CoLyrik - Seitenhiebe Ein offener Brief zum Thema Erdogan und seinen Nazi-Vorwürfen gegenüber Deutschland
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Guten Tag,

hallo liebe Freunde mit türkischen Wurzeln, jene Zeilen sind nicht nur an euch gerichtet, sondern auch an diejenigen, die ich noch nicht persönlich kenne, aber die seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten hier in Deutschland leben, hier vielleicht sogar geboren sind. Diese Zeilen werden eventuell auch jene lesen, die ihre türkischen „Freunde“, Mitmenschen einschüchtern, bedrohen, nur weil sie anderer Meinung sind. Ich bin weltoffen, habe keine Vorurteile, bilde mir aber eine Meinung und darf diese auch äußern, da in Deutschland die Meinungsfreiheit erlaubt ist.

Ich lebe gerne in Deutschland, einem Land in dem die Demokratie existiert und wahrlich auch praktiziert wird. Es wird debattiert und meistens konstruktiv gestritten, wenn man sich im Beruf oder in der Freizeit begegnet und Veränderungen anstrebt. Wir sind vielleicht sogar Weltmeister, wenn es um Gespräche an sogenannten runden Tischen geht, wenn man in Kommunen und Gemeinden nur das Beste will. Es gibt manchmal weniger kluge, aber auch viele clevere Antworten auf wichtige Fragen und es gibt immer eine gewaltfreie Lösung für ein Problem, da man Kompromisse schließt. Debattieren ist natürlich anstrengender, nerviger, zeitraubender, als einfaches Wegsperren und mundtot machen, wenn man nicht konform ist. Für unsere PolitikerInnen, die die Zivilgesellschaft in Deutschland vertreten, steht es auch nicht auf dem Terminplaner, dass sie im Wahlkampf seriöse Journalisten verhaften lassen, nur weil diese unbequem sind und mit ihren Texten hinterfragen und Menschen sind, die nach soliden Recherchen nicht alles durch die rosarote Brille sehen. Wenn man ein Land regiert, muss man auch politische Gegner, Menschen mit anderer Meinung aushalten können, sofern es keine Terroristen sind, sondern nur Menschen wie z.B. Satiriker und Kabarettisten, aber auch Journalisten.

Liebe Erdogan-Anhänger,

wenn ihr diesen Mann so sehr verehrt und liebt, dann geht bitte wieder zurück in die Türkei und wählt ihn dort vor Ort, stimmt mit einem Ja für das Referendum. Nehmt in Kauf, dass es dort keine Meinungsfreiheit gibt, aber lebt in der Türkei glücklich und zufrieden mit allem, was euch Erdogan verspricht und bietet. Bitte lasst alle jene Menschen, die türkische Wurzeln vorweisen können, in Ruhe, die gerne in Deutschland leben und mit unserer Demokratie zufrieden sind und diese schätzen. Ihr könnt eure Landsleute in der Türkei bedrohen und einschüchtern, die Menschenrechte mit Füßen treten und alternative Fakten schaffen, um Leute wegzusperren, die anderer Meinung sind. Seid unfair, diffamierend und denunzierend dort, wo es euch am besten gefällt, aber bitte nicht in Deutschland, sondern in der Türkei. Ihr solltet dort auf die Straße gehen, um zu jubeln, um für Erdogan die Fahnen zu schwingen, wo es Sinn macht. Hier nicht. Erdogan hat mit seinen Nazi-Vorwürfen gegenüber Deutschland erst kürzlich bewiesen, dass diese Formulierung absurd war. Diese Vorwürfe sind unerträglich und damit legt er ein demokratieverachtendes Verhalten ab, dass man vehement verbal entgegnen muss, wenn man wie ich die Werte, die Errungenschaft der Demokratie in Deutschland als Teil/Person der Zivilgesellschaft mitträgt. Mit dieser Aussage verherrlicht Erdogan das Grauen der Nazizeit. Der Wahlkampftourismus von türkischen Regierungsmitgliedern hat in Deutschland nichts suchen. Diese Meinung vertrete ich nicht alleine. Viele Menschen in Deutschland empfinden genauso, auch deutsche PolitikerInnen.

Wer in Deutschland lebt und in der Türkei wählen darf, sich dazu entschlossen hat für das Referendum im April zu stimmen, sollte auch so konsequent sein und in die Türkei umziehen, vor Ort dann bitte auch leben. Es kann nicht sein, dass man hier Erdogan feiert, aber nicht mit ihm im eigenen Land leben will und weiterhin die Vorzüge einer Demokratie nutzen möchte. Wer a sagt, also ja sagt, muss auch b sagen und beweisen, dass man in der Türkei nach dem Referendum super gut leben kann.

Beste Grüße

Corina Wagner

PS. Gleichgültigkeit ist die schlimmste Einstellung“, so die richtige Meinung, Aussage von Stéphane Hessel (ehemaliger französischer Widerstandskämpfer und UN-Diplomat), der das Pamphlet/Buch "Empört Euch" 2010 veröffentlichte.

11:17 07.03.2017
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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