Prozentzahlen nerven...

CoLyrik Michaela hat irgendwie u.a. massive Probleme mit 52 % ...
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Prozentzahlen nerven

Michaela Deutsch sitzt zu Hause an ihrem ollen Eichentisch und beißt gierig in einen Döner. Den hat sie von Ali, zwei Straßen weiter. Der beste Döner weit und breit. Sie trinkt dazu türkischen Mokka und liest in der neuen Regionalzeitung Schland. Einige nennen die Zeitung auch den tiefgründigen deutschen Boten.

Können Sie rechnen? Können Sie mit allem rechnen?

<< Eine total gemeine Überschrift! >>, flüstert Michaela und liest weiter.

Was passiert eigentlich, wenn man mit einem Endergebnis nicht zufrieden ist? Raten ist erlaubt. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Bequem ist es, wenn man wegschaut und vergisst.

Michaela, eine Urdeutsche mit ausländischen Wurzeln verdreht die Augen und will die provozierenden Worte verdrängen. Verstehen sollen es die anderen. Ihre Auffassungsgabe ist prima, das ist nicht das Problem. Sie beißt in das letzte Stück vom Döner, will noch genießen und abschalten. Wie böse Magie lassen sie die Fragen nicht mehr los.

Sie kann sich seit gestern mit einer Prozentzahl absolut nicht anfreunden, die in einem anderen Land durch Wahlen aufgetaucht ist. Das ist Fakt. So etwas gibt’s. Genau! Es war zu vermuten, dass diese Rechnung so aufgeht. Zum Freuen ist ihr jetzt nicht zu Mute, aber anderen. Die freuen sich immens.

Sie liest den ganzen Artikel und schüttelt immer wieder den Kopf, weil die Journalistin mehr als 150 Zeilen für den Artikel verwendete. Anstrengend. Sie überwindet sich und will den Artikel ein zweites Mal lesen. Zunächst trinkt sie noch einen Schluck Mokka.

Obwohl man auf den ersten Blick nicht zum Rechenkünstler werden muss, macht sich so mancher kluge Mensch Gedanken darüber, was da im tiefgründigen Boten steht. Stimmt`s. Das Wort klug ist natürlich sehr dehnbar, wie eine Blase. Jetzt gibt es eine türkische Blase, so steht’s in der Zeitung Schland und deshalb trinkt Michaela noch einen Schluck Mokka, weil sie plötzlich das Gefühl im Hals hat, als würde noch ein Stückchen Döner nicht flutschen wollen. Es blähte sich banalerweise die Gedankenlosigkeit auf. Das gibt es öfters auf der Welt. Kein Phänomen. Völlig aufgebläht und umjubelt, schwebt sie nun über der Türkei.

<< Boooooooooooooooooar! >>, entfleucht es Michaela. Der Artikel regt die Fantasie an, denkt sie.

Ist es tragisch, wenn man plötzlich Magengrummeln bekommt und Prozentrechnungen doof findet?

<<Der Döner war völlig in Ordnung. Ali arbeitet blitzsauber und hat immer frisches Fleisch auf seinem Drehspieß. Genau! 52 Prozent! Ali hat noch seinen türkischen Pass. >>, schießt es ihr durch den Kopf und endet als Selbstgespräch in ihrer Küche. Zumal sie in Ali verliebt ist. Das Ganze ist echt „komplizierlich“ für eine Frau vermutet sie und schweigt nun zunächst.

Wenn sie jetzt einen Leserbrief an Schland schreiben würde, dann könnte man ihr wahrscheinlich sofort unterstellen, dass ihr Rechnen keinen Spaß macht. Den Artikel verfasste sogar eine Frau. Es wäre alles halb so schlimm wie sie befürchtet. Und doch schüttelt sie ganz energisch den Kopf, als sie die Prozentzahl 52 in der Zeitung liest. <<52 %! Oh mein Gott! >> Schreit sie völlig hysterisch, so dass ihr Kanarienvogel Caruso tot von der Stange fällt. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Sie geht zum Käfig, öffnet ihn und nimmt den toten Caruso mit zum Tisch. Bevor sie ihn in den tiefgründigen Boten wickelt, hält sie nochmals inne. Sie hatte den Vogel von Gülsen und Fatma zum Geburtstag geschenkt bekommen, damit sie nicht mehr so alleine ist. War das jetzt ein böses Omen? Nein!

Gülsen und Fatma lebten mit Mann und Kindern ganz in ihrer Nähe, aber in einer Paraellwelt. Michaela weiß das. Beide sind sehr hübsch und können nicht nur charmant lächeln, sondern laut lachen. Gülsen und Fatma haben ein ansteckendes Lachen. Das gefällt Michaela, wenn sie sich auf dem Kinderspielplatz treffen. Dann wird es immer sehr lustig, wenn die Kinder toben und die Frauen sich währenddessen unterhalten. Da sind alle gleich, auch wenn Michaela kein Kopftuch trägt. Nur wenn ihre Männer mit dabei sind, dann ist alles anders. Dann sind die Frauen sehr ruhig, wirken eingeschüchtert. Tierische Gänsehaut überkommt Michaela. Sie rülpst laut und der Geruch von Döner verflüchtigt sich über dem Tisch, als würde die Seele von Caruso auf einem unsichtbaren Teppich in die Türkei fliegen. Sie hätte ihn Erkan anstatt Caruso nennen sollen.

Was soll sie morgen Gülsen und Fatma sagen, wenn beide sie wieder heimlich besuchen? Dann sind die Kinder in der Schule und im Kindergarten und ihre Männer arbeiten. Was wohl beide von Prozentrechnungen halten? Panik breitet sich langsam aus. Michaela atmet tief ein und aus. Dann wird sie wieder ruhig und betrachtet eine kleine Ewigkeit den toten Kanarienvogel. Währenddessen schnauft sie tief durch und denkt an beide Freundinnen. Sie waren schon öfters ohne das Wissen ihrer Männer bei ihr. Immer auf das ein oder andere Likörchen. Es war bislang immer so schön und beide fühlen sich bei ihr geborgen.

Michaela grübelt, denkt nach und starrt auf diese 52 Prozent, die schwarz auf weiß abgedruckt im tiefgründigen Boten stehen.

Ihr wird es ganz sonderbar und deshalb trinkt sie noch einen Schluck vom kräftigen Mokka. Caruso nimmt sie vorsichtig, fast zärtlich in die Hand und liest dann weiter.

Wenige rechnen seit gestern mit dem Schlimmsten und diese Rechnung könnte eventuell tatsächlich aufgehen. Vorübergehende Dyskalkulie? Wie bitte? Michaela lässt dabei vorsichtig Caruso auf die Tischplatte plumpsen und liest weiter:
52 Prozent von? = 50 Prozent Diktatur plus 2 Prozent Meinungsfreiheit
Manche verrechnen sich im Laufe eines Lebens zum Schaden anderer...

Die Journalistin ist mutig, geht es Michaela durch den Kopf und lässt den toten Vogel nicht aus den Augen.

Ihr dürfte es eigentlich egal sein, wie die Wahlen in der Türkei ausgingen, denn sie genießt ihre Freiheiten in Deutschland. Ein Schauer läuft ihr trotzdem über den Rücken, als sich eine Fliege auf den Kopf von Caruso niederlässt. Zeitgleich macht sie sich Sorgen um Gülsen und Fatma, deren Männer erzkonservativ sind und mit allen folgenden Konsequenzen auf das Endergebnis von 52 Prozent stolz sind. Ein zweite Fliege lässt sich nun auf dem toten Vogel nieder, da das geöffnete Küchenfenster dazu einlädt. Völlig desinteressiert liest Michaela im tiefgründigen Boten weiter.

2012 lebten in Deutschland 1.575.717 Türken in Deutschland. Wie viele leben jetzt in Deutschland? Wie viele davon mögen das Endergebnis von 52 Prozent? Und wie viele Frauen passen davon nicht in das von türkischstämmigen Männern geforderte Familienbild?

Michaela lenkt sich jetzt lieber ab und sucht nach anderen Rechenaufgaben. Sie wird in der Zeitung sofort fündig. Schon wieder Prozentzahlen. Echt fies. Jetzt beschäftigt sie sich mit Prozentzahlen und deutschem Grillfleisch. Sie dachte bislang, da müsste man nur die Anzahl des Grillguts berechnen, wenn man Gäste einlädt. Gefährliche Erreger schrecken nun vom Rechnen ab. Teutonisch toll.

14 Prozent!

Sie liest und staunt:

In 14 Prozent der getesteten Produkte wurden die Erreger nachgewiesen, Krankenhauskeime gefunden, die gegen die gängigen Antibiotika wirkungslos sind.

Michaela bekommt schon wieder Bauchgrummeln. Dann sagt sie ganz leise:

<<Willst Du Freunde nicht gleich um die Ecke bringen, dann lade sie doch einfach zum Grillen ein…>>

Danach greift sie nach Caruso und wickelt das tote Tier in den tiefgründigen Boten ein. Zwei Minuten später steht sie auf ihrem Balkon, um einen geeigneten Platz in einem ihrer Blumenkübeln zu finden.

© Corina Wagner, August 2014

18:13 11.08.2014
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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