Aufstand in der Blutbahn

Fotografie Bruce Davidsons Bildband „Subway“ legt Zeugnis ab über die achtziger Jahre des New Yorker Untergrunds. Wer nicht auf sie angewiesen war, hielt sich von ihren Eingängen fort

Es gibt drei Sorten von Fotografen. Die ersten wissen nicht, was sie tun, folgen nur einer leisen Eingebung, die ihnen sagt: „Hier passiert etwas Denkwürdiges, halt es fest“. Die zweiten sehen die Menschen, die sich in ihrem Dunstkreis bewegen als Statisten ihrer Bilder an. Der dritte und letzte Typus ist der Urmensch unter den Fotografen – ein Jäger und Fallensteller, dessen Bilder immer dann gut sind, wenn sie von Wachsamkeit, Ausdauer und Respekt vor dem Leben zeugen.

Die „MTA“, die „Metropolitan Transportation Authority“, ist Blutlaufbahn einer Stadt, deren frei liegendes Herz „Big Apple“ heißt und von dem glitzernden Wasser des Hudson Rivers umspült wird. Sie pumpt bereits seit über hundert Jahren die immer neurotischer werdenden Blut-Körperchen durch ihr fast siebenhundert Meilen langes Netz aus Verkehrsadern und haucht diesem Stadtkörper so Tag und Nacht Leben ein – ein Körper, der sich in der schönen Landschaft der New York Bay ausgestreckt hat und dort Jahr um Jahr wächst und schon vieles durchgemacht hat, was sich nicht nur an Haut und Herz bemerkbar macht, sondern auch am Zustand seiner Blutkanäle.

Eine ewig fahrende Bühne

Die achtziger Jahre waren eine Zeit der Angst und Gewalt. Über drei Millionen Menschen transportierte das viertgrößte Untergrundnetz der Welt in diesen Jahren täglich. Wer nicht auf das Massentransportmittel angewiesen war, hielt sich fern von den Eingängen des Untergrundes, denn es war nie sicher, was man dort unter der Erde verlieren würde – das Geld, das Leben, die Unschuld. Neben den Räubern und Dieben frequentierten auch die Drogendealer den Untergrund, der Song „I’m Waiting for the Man“ von The Velvet Underground zeugt davon. Den Freaks waren die ewig fahrenden Züge eine Bühne für ihre Dramen, und den Obdachlosen eine fahrende Herberge. Musste man als Normalsterblicher doch für eine Fahrt hinab steigen, rüstete man sich, verhärtete die Gesichtszüge und alarmierte die Sinne – bereit zu rennen, wenn es galt zu entkommen, bereit zu schreien, wenn es darum ging, Hilfe einzufordern, bereit zurückzuschlagen, wenn man nicht gerade eine Waffe an der Schläfe oder an die Rippen gesetzt spürte.

Zeuge dieses Aufstand des Blutes war ein Fotograf, der sich im Laufe dieser Dekade todesmutig in die rasenden Ströme aus Menschenblut warf, um nach etwas zu suchen, was längst verloren gegangen schien. Der 1933 geborene Bruce Davidson war auf der Suche nach dem Humanismus in der Untergrundbahn von New York – wie sein kürzlich erschienener Bildband Subway mit einem Abstand von nun fast 30 Jahren eindrücklich belegt. Aus den Gesichtern, die dort aus dem Rahmen ihrer düsteren Umgebung treten, spricht die Ursuppe der menschlichen Gefühle: Mitgefühl und Aversion, Stolz und Zartgefühl. Mit dem Aufblitzen seiner Kamera lockte er sie aus der Reserve, um mit ihnen in einen Dialog zu treten, der nur ein paar Wimpernschläge andauerte.

Der Jäger Davidson wurde süchtig nach dieser seiner Jagd, tauchte bald täglich in den Untergrund ab und trainierte seinen Körper, um der äußeren Gefahr und der inneren Angst zu trotzen. Für seine Reisen unter der Haut dieses Molochs warf er sich in Lumpen, um sich unauffällig und gemein zu machen, ganz wie Odysseus nach seiner Rückkehr nach Ithaka. Davidsons Fotos entstanden, als die dimm beleuchteten Tunnel und Kanäle der MET noch allen denkbaren Alpträumen Platz gab. Es war die Zeit, bevor der Rudy Giuliani Bürgermeister wurde und mit seiner „Zero Tolerance“ für eine teilweise Befriedung sorgte. Die Stadt krankte unter dem weit aufklaffenden Spalt zwischen Arm und Reich in ihrem Fleisch. Während an der Wall Street das Geld gescheffelt wurde und Reichtum als purer Sexappeal gehandelt wurde, saßen in den Problemvierteln die Arbeitslosen zu Hause, unfähig ihren Kindern eine Perspektive zu bieten. Diese fanden dann eine eigene Sprache, um ihre Ohnmacht der Stadt mitzuteilen, und sobald sich die Botschaft dieser neuen Phonetik zu verbreiten begann, wurden ihre Wörter an jede Wand geschleudert, gebombt und getaggt, mal in Form von Graffitis, die meterlang über die Flanken der Züge gezogen wurden, mal als eilig mit Edding geschriebene Tags, die sich wie eine Flechte über das Innere der Wagen zu ziehen begannen.

Diese Glyphen der revoltierenden Jugend sind auf Davidsons Subway-Bildern deutlich zu sehen, mal ähneln sie archaischen Höhlenmalereien, deren blassrote Farbe an getrocknetes Blut erinnert, mal sind sie in messerfeinen Strichen an die Wand geworfen worden, mal läuft die Farbe der zu fett gemalten Buchstaben in endlos rollenden Tränen aus der Schrift heraus. Bald fungieren sie als rätselhafte Sprechblasen der stummen Kreaturen, die dort grell angeblitzt in die Kamera blicken – träge und selbstvergessen erinnern sie in ihren bunt schimmernden Kleidern der achtziger Jahre an Karibikfische. „When you are in the Subway, what is beautiful appears bestial, and what is bestial appears beautiful“, sagt Davidson.

Vorbild Cartier-Bresson

Fotografiert hatte er bereits als kleiner Junge. Später fuhr er dann mit der U-Bahn in die verschrienen Nachbarschaften seiner Heimatstadt Chicago, in der Hoffnung, Bildmotive vorzufinden, die denen seines großen Vorbildes, dem französische Magnum-Fotograf Henri Cartier-Bresson, glichen. Rasch aber entwickelte Bruce Davidson eine ganz eigene Bildsprache, deren Zärtlichkeit in deutlichem Kontrast zu der Härte seiner sozialkritischen Themen steht. Eine Reportage über die Brooklyner Jugendgang „The Jokers“ markierte seinen Durchbruch, und schon bald trat er in den Kreis der wenigen Fotojournalisten ein, die in den sechziger Jahren für die großen Blätter umfassende Fotogeschichten von den Bewegungen der Zeit erstellen durften. Doch anders als seinen Kollegen gelang es dem Jäger Davidson nicht, seine Arbeitskraft auch in kommerziell lukrative Arbeit fließen zu lassen. Es war ihm unmöglich, Fotos von Freiheitskämpfern im rassistisch geprägten Süden der Vereinigten Staaten zu schießen und gleichzeitig Fotomodelle abzulichten, die den elitären Leserinnen der US-Vogue die Herbstmode schmackhaft machen sollten. Lieber ging er in die Subway.

SubwayBruce Davidson Steidl 2011, 140 S., 35,95

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14:30 06.12.2011
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Ausgabe 38/2020

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