Im freien Fall

Alberto García-Alix Der spanische Fotograf Alberto García-Alix war Teil und Zeuge der "Movida Madrileña" der wilden Post-Franco-Jahre. Nun legt er einen Band mit Bildern aus Formentera vor

Es gibt drei Sorten von dokumentarisch arbeitenden Fotografen. Die ersten sind Teil der Szene und fotografieren ihr Umfeld in aller Unschuld. Die zweiten sind beobachtende Begleiter, die mit gezückter Kamera warten, bis sich die Situation zu einem Bild komponiert. Der spanische Fotograf Alberto García-Alix gehört seit Beginn seiner nunmehr drei Jahrzehnte umfassenden Karriere zur dritten Kategorie jener, die aus dem Mittelpunkt eines Geschehens fotografieren, dessen Teil sie selbst sind.

In García-Alix’ Fall war dieses Geschehen die „Movida Madrileña“, eine lose Formation junger Künstler, die nach dem Fall des Franco-Regimes zur Entstehung des modernen Spanien beitrugen. García-Alix, der schon mit elf aus seiner Heimatstadt León zum Besuch der höheren Schule nach Madrid kam, wird erst Teil und dann Fotograf der Bewegung. Die Keimzelle der Movida war das Stadtviertel Malasaña, wegen der dort hausenden Künstlergemeinschaft auch „Republica Independencia Malasaña“ genannt. Hier wurden die jahrzehntelang unterdrückten Bedürfnisse nach geistiger und physischer Freiheit, Selbsterfahrung, Hedonismus, Liebe und Exzess ausgelebt.

Hypnotisierendes Licht

Während König Juan Carlos I. in der Übergangsphase der transición die unter Franco erstarrte Nation auf den Weg in die Demokratie zu lenken versuchte, entwarf die Movida das Bild einer Gegenkultur aus Musik, Kunst und Film. Man orientierte sich dabei an den Punk- und New-Wave-Szenen in Berlin und London, deren Vertreter bei Auftritten und Besuchen von ihren spanischen Fans mit großer Begeisterung empfangen wurden.

Als Fotograf ging García-Alix bald jedoch auch andere Wege. Eine Urlaubsreise führt ihn 1982 ein erstes Mal auf die Balearen, es beginnt damit ein sich jährlich wiederholendes Ritual. Ibiza war damals schon von Touristen überlaufen und viel zu teuer für den jungen Tramper. Was er aber nicht mehr vergaß, war das hypnotisierende Licht, in dem mittags die Horizontlinie über der Straße zu tanzen beginnt und das die Szenerie in eine eigenartige Zeitlosigkeit entrückt. Ein betrunkener Engländer tätowiert ihm eines sehr heißen Nachmittags einen Dämon auf den Oberarm, García-Alix erzählt immer wieder davon.

Derweil formieren sich in Madrid die ersten Punk- und New-Wave Bands wie Kaka de Luxe, Alaska und Aviador Dro, die sich bald darauf von García-Alix für die einschlägigen Musikmagazine ablichten lassen. 1983 ist Andy Warhol persönlich zu Gast in der Fernando Vijande Galerie und bringt den US-amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe mit. Pedro Almodóvar dreht sein Filmdebüt Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón, eine der ersten Darstellungen der Movida, die über die inneren Zirkel hinauswirkt.

Traurig wie ein Hammer

In den folgenden Jahren teilen sich die Jugendlichen auf in Bohemiens, Rockabillys, Acid-Freaks und auch Junkies. García-Alix ist immer vorne mit dabei, eine treibende Kraft, die unermüdlich die Nacht zum Tag werden lässt, niemals allein, niemals stumm, immer im Rausch. Sein Freund Ray Loriga sagt über ihn: „Wo Alberto ist, sind immer Wein und Gesang, denkwürdige Parties, unmögliches Durcheinander, Streit, Geburten, Tode, Gefängnis, Tangos, Parks und der Rest der Dinge, die das Leben erträglich und unerträglich machen. Er ist intelligent, zerstörerisch, chaotisch. Traurig wie ein Hammer. Neben Alberto läufst du im Kreis. Du gewinnst so viel, wie du verlierst.“

García-Alix wird zum mit einer Kamera bewaffneten Sensenmann, der seine Modelle in ihren letzten Stündlein begleitet. Er fotografiert die Mutigsten und Extremsten, hält Momente des Exzesses fest, als könne er von Zauberhand eine Stop-Taste drücken, die Musik runterfahren, das Licht einrichten und seinen Modellen noch im Äußersten einen Augenblick der Konzentration für das Foto entlocken. Viele begleitet er so in ihrem freien Fall.

Die Porträtfotografie, sagt er, ist für ihn ein Akt der Liebe. Diese Liebe kennt viele Tonalitäten, von leicht und zerbrechlich bis düster und harsch. Das reicht bis zur überzogenen Romantik, deren schwere Süße dann doch purer Kitsch ist, einfach nur das Klischee von Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Da wirken die Bildmotive manchmal wie zusammengepanscht aus Jim Jarmusch, John Waters, Andy Warhol und Jonny Cash. Es kommen die ikonischen Bilder des spanischen Katholizismus dazu – das leidende Antlitz der Maria Magdalena, die fiebrigen Augen des Judas und nicht zuletzt der entrückte Jesus Christus am Kreuz.

Nah am Paradies

Die Insel Formentera, die García-Alix nicht kannte, bis 1988 ein Mädchen im Hafen von Ibiza ihren Namen in sein Ohr flüsterte, wird zu seinem sommerlichen Refugium. In ihrer Nacktheit, ihrer flimmernden Hitze und ihren sich samten wie ein Herointrip dahinziehenden Abendstunden wird sie sein Paradies – oder zumindest Lo Mas Cerca que Estuve del Paradiso (Der für mich am nächsten am Paradies gelegene Ort), so der Titel seines soeben erschienenen Bandes mit Bildern von Formentera.

Es ist nur ein Bruchteil der Aufnahmen darin gesammelt, die im Lauf von rund zwanzig Sommern auf der Insel entstanden. Es spricht Melancholie aus den Bildern, in den zufälligen Kompositionen der Möbelstücke und Küchengeräte in kargen Zimmern, in den Felsformationen, den windschiefen Wuchsrichtungen der Bäume und Sträucher, und nicht zuletzt in den vielen Porträts von Menschen, deren Charakter aus dem verwunschenen Ort selbst hervorzugehen scheint.

Formentera war bereits vor Francos Sturz zu einer Filiale des Hippie-Mekkas Ibiza geworden. Das hatte sich durch seine günstige Lage auf der Route zu den Mohnfeldern Kabuls und dank seiner separatistisch gesinnten Regierung zum Aufenthaltsort für alle möglichen und unmöglichen Figuren entwickelt. García-Alix’ Porträts halten diese Charaktere fest: das schwule Liebespaar, mit Blumenkränzen und Piercings geschmückt, das gerade seinen Bus am Strand geparkt hat und sich in den Armen hält; Liebhaberinnen mit gequälten Blicken, die, von García-Alix und seiner Kamera verfolgt, nackt durch die für die Siesta abgedunkelte Wohnung streifen; dann ein Mann namens Toni, der gerade mit seinem Moped die Einfahrt herauf kommt und der mit seiner grauen Haarmähne und dem groben Gesicht an Charles Bukowski erinnert; schließlich die deutschen Mädchen, die stoisch in die Kamera schauen und mit einer übergroßen Barbie auf der Bank sitzen.

Eine der jüngsten Aufnahmen zeigt Estrella, einen kahlrasierten Mann mit drahtigem Körper, der seine leeren Handflächen der Kamera entgegenstreckt, eine magische Geste, er hat sein Geschlechtsteil zwischen den Schenkeln verschwinden lassen. Das Treffen mit Estrella war für García-Alix ein Wiedersehen nach 20 Jahren – die Begegnung mit einem Gespenst. Vor ein paar Jahren zog der heute 55-jährige García-Alix nach Paris, gab das Trinken auf und begrub den Dämon, der seit jenem heißen Nachmittag auf seiner Schulter hockte, unter einer Badezimmerfliese.

La Mas Cerca Que Estuve del Paraiso Alberto García-Alix La Fabrica Madrid, 137 S., ca. 33

13:30 17.06.2011
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