Wir sind Frida

Mexiko Im multiethnischen Land waren die Models immer weiß und die Kleidung europäisch. Jetzt endlich entwickelt sich im Bereich der Mode eine eigene Identität

In der Altstadt sind sie überall zu sehen: Große Billboards werben mit Models, deren Haut in Oliv- und Bronzetönen schimmert, und nicht wie sonst mit weißen Menschen. Die neuen Fast-Fashion-Outfits auf den Bildern strotzen vor Mode-Referenzen aus den Barrios Bravos, den Vierteln der „kleinen Leute“ in Mexiko-Stadt. Aus diesen als gefährlich geltenden Vierteln, in die sich nur die dort Geborenen und ein paar Künstler und Freaks wagen, kommen kreative Einflüsse oder Modewellen. Mal sind es aus ordentlich viel Strass und Glasklunkern gefertigte Heiligenaufnäher, mal der gigantische Sombrero eines besonders ambitionierten Mariachis, mal ein Mädchenunterhemd, das die Jungs sich einen Sommer lang anziehen. Sie verbreiten sich im „Barrio“ wie Lauffeuer.

Auf einem der Billboards ist eine am Boden posierende Ghettoschönheit von Männern, die Tribal Boots tragen – also Cowboystiefel, deren Spitzen bis zum Knie hinaufragen –, umringt. Am unteren Rand prangt die Signatur von Hennes & Mauritz. „H&M LOVES MADERO“ steht auf einem roten Banner, das quer über das Bild läuft. Die Großkonzerne der Modewelt haben das geheime Herz der Stadt entdeckt. Die Avenida Madero ist deren einst prächtigste Straße, seit Jahren eine offene Wunde. Ähnlich wie in Detroit, New York und Los Angeles konnte man auch in der Ciudad de México den white flight, also den kollektiven Abzug der Oberschicht aus den Zentren in die Vorstädte, beobachten. Ohne das Kapital der Wohlhabenden aber verarmte der 1535 von den spanischen Konquistadoren auf den Ruinen der Aztekenstadt Tenochtitlan aufgebaute Stadtkern. Prachtbauten standen leer oder wurden besetzt, Bäume verendeten, und Räuberbanden eroberten die Straßen. Das große Erdbeben von 1985 versetzte dem Zentrum den Todesstoß.

Schimmernde Eroberer

Doch während sich die Oberschicht in den Gartenstädten am südlichen und westlichen Rand der Stadt einrichtete und sich eine Hochstraße bauen ließ – die ganze Stadtviertel zerschnitt –, erblühte unter den Vergessen um die Avenida Madero eine populäre Kultur. Als Reaktion auf Trump und seine kulturrassistischen Ideen ist Ethno-Marketing auf der anderen Seite dieser Welt wieder einmal populär. Hollywood-Filme werden mit Afro- und Latinoamerikanern besetzt, Museen setzen Schwerpunkte auf Kunst von Menschen mit Migrationshintergrund, und auch die Mode entdeckt (so wie Benetton bereits während der 1990er Jahre) Gesichter, in deren Hautfarbe und Physiognomie sich die ganze Welt widerspiegelt. Nun eröffnet H&M seinen Flagshipstore mitten auf der Avenida Madero. Das Unternehmen erhofft sich die Erschließung einer neuen Käuferschaft, deren Potenz von den Industriellen des Landes, aus schierer Ignoranz oder aber wegen einer stillen Angst vor deren politischem Potenzial, über Jahrhunderte hinweg übergangen wurde.

Eine Tugend des frühen, also der ersten Phase des Kapitalismus ist es, so sagt man, einen Demokratisierungsprozess herbeizuführen. Die kleinen Leute, welche die Hälfte des Landes ausmachen, wurden nach China, das seit Jahren billigen Trash aller Art nach Mexiko exportiert, nun auch von dem Konzern aus Stockholm sowie dessen spanischem Rivalen Zara entdeckt: Das Kapital kennt keine Klassen und Hautfarben, keine Klassenkämpfe und soziokulturellen Unterschiede – es kennt nur Käuferschaften und Produzenten. Und gefräßig ist es auf der Suche nach immer neuen Märkten. So war es Anfang des 20. Jahrhunderts ein schlauer Zug von Henry Ford, seinen Fließbandarbeitern einen besseren Lohn zu zahlen, als andere Industrielle es zu jener Zeit taten. Dadurch hatten die Arbeiter das Geld, jenes Modell, das sie zusammenbauten, gleich selbst zu kaufen – die Tin Lizzie und vieles mehr. Auch verdient eine Arbeiterin in China heute um einiges mehr als ihre Vorgängerinnen in den chinesischen Sweatshops der 1990er Jahre – was zu einem stärkeren Konsum dieser Menschen aus der aufstrebenden Mittelschicht führte und diese, der Logik des Kapitalismus nach, freier und gleicher machte. Zwei junge Verkäufer in dem taufrischen H&M auf der Avenida Madero, Jorge und Mario, selbsternannte Modenarren, geben bereitwillig Auskunft über ihre Meinung zu ihrem Arbeitgeber. Sie würden schon seit Jahren Zeitschriften und Blogs lesen und fest an einen Wandel im Modebewusstsein der Mexikaner glauben.

Haben die Mexikaner noch viel zu lernen in Sachen Mode? Der 21-jährige Mario, dessen Ohrläppchen ein Strassohrring ziert, der bis auf die Schulter hinunterreicht, gibt zurück: „Es ist weniger Mode, was die Mexikaner zu lernen hätten, sondern eher ganz generell, ihre Identität zu finden und diese anhand von Mode und anderen Dingen auszudrücken.“ Später möchte er Stylist werden, aber erst einmal habe er noch viel zu lernen. Das Mitarbeitertraining, das die Storemanager der neuen Filiale mit jeder neuen Kollektion veranstalten, helfe ihm dabei. Kann eine neue Identität über die Mode entstehen? Von der mexikanischen Angst davor, sich über Mode zu definieren, ist hierzulande jeder Einzelne, vor allem auch jede Schicht, auf seine Weise befallen. Diese Verunsicherung begann mit den neuen Herren der Stadt, den Konquistadoren, die während des 16. Jahrhunderts in ihren schimmernden Rüstungen den Menschen wie Götter erschienen.

Dann wurde den Menschen die europäische Mode einfach aufgepfropft. Indios aus Hunderten verschiedenen ethnischen Gruppen wurden aus ihren Tüchern gewickelt. Deren Muster, Webtechnik und geometrische Schnitte und Formen entsprangen einem Jahrhunderte andauernden Mantra, einem inneren Dialog des Webers mit der Natur, seinen Ahnen und dem Kosmos. Sie wurden in Hemden und Hosen, Blusen und Rücke aus grobem weißen Baumwolltuch gesteckt. Nachdem die Malerin Frida Kahlo sowie andere Mitstreiterinnen der kleinen Avantgarde im Mexiko der 1930er Jahre begannen, mexikanische Trachten zu tragen, wurde die Kleidung der Indígena plötzlich salonfähig. Und ihre Textilfertigung – die jahrhundertealten Web- und Färbetechniken – wurde ins Museum gebracht und von der herrschenden Klasse bestaunt. Der kleine, ja wörtlich kleine Mann Mexikos – dessen Haut dunkel, dessen Augen schwarz leuchtend, dessen Zähne weiß vom vielen Calcium im Mais sind – bemüht sich umso mehr, so auszusehen wie die einstigen Invasoren. Und versucht, weiß zu sein.

Denn die Reichen Mexikos sind bis auf ein paar kleinere „Pannen“ meist etwas hellhäutiger, etwas höher gewachsen. Sie sind eurozentrisch, halten viel auf ihre Wurzeln, die bis in die Alte Welt zurückreichen, auch wenn die mexikanische Bevölkerung heute zu 99 Prozent aus Mestizen besteht, Mischlingen, immer wechselnden Varianten von Ethnien, die aus der Durchmischung von mehr als 100 indigenen Gruppen Mexikos, den Nachkommen afrikanischer Sklaven, chinesischen Wanderarbeitern und eben Europäern entstanden sind. Und die bis in ferne Zukünfte weiter entstehen werden. Doch diese Schönheit findet in der öffentlichen Wahrnehmung keine Reflexion: Die Models mexikanischer Werbekampagnen – egal, ob Milch, Babynahrung, Autos oder Regierungsprogramme beworben werden – waren bis jetzt durchweg Weiße. So trivial es einem in der westlichen Welt erscheinen mag, diese Kampagne – „H&M LOVES MADERO“ – ist ein Durchbruch.

Wege zur Selbstachtung

Der Fotograf, den die Werbestrategen dafür gewinnen konnten, ist der junge Künstler Dorian Ulises López Macías. Er hat die vergangenen Jahre damit verbracht, Mexikaner der unteren sozialen Schichten zu porträtieren, auf der Suche nach einer ganz eigenen, mexikanischen Schönheit. Die Arbeiten von López Macías, die an den von August Sander während der Weimarer Zeit fotografierten Porträtatlas Menschen des 20. Jahrhunderts erinnern, schafften es bis in die Kollektion des New Yorker Whitney Museum. Und wen möchte er mit dieser Kampagne erreichen? „Es ist eine Botschaft für Verbraucher und Nichtverbraucher, für Kreative in Agenturen und die nationale Modegilde, für uns alle: Wir müssen die Vorurteile, die wir im Zusammenhang mit Schönheit haben, beiseiteschieben und lernen, uns endlich selbst wertzuschätzen.“ Es ist an der Zeit, es nicht mehr nur vom einen Prozent der Gewinner des Landes bestimmen zu lassen, was eigentlich das Lebensgefühl eines Mexikaners ausmacht.

„Dieser neue Mexikanismus in der Mode“, so López Macías, „oder besser, die Neuentdeckung der eigenen Identitäten, sie kommt inzwischen von überallher – und sie verbreitet sich innerhalb der Generation der Millennials wie ein Lauffeuer.“ Und so hat die mestizaje, also die Vermischung von Ethnien, ein neues Selbstgefühl angestoßen.

Corinna Koch lebt seit fünf Jahren als freie Autorin in Mexiko und in Deutschland

06:00 21.03.2018
Geschrieben von
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