Hochzeit

IM KINO Emir Kusturicas »Schwarze Katze, weißer Kater«

Breit und behäbig wie die Frachtkähne, die stromauf nur langsam vorwärts kommen, fließt die Donau dahin. Am Anleger vor seinem Haus liegt Matko Destanov (Barjram Severdzan) in einer Hängematte und pokert. Zare (Forijan Ajdini), Matkos Sohn, hat sich derweil ein Spiegelei in der Sonne gebraten. Ein Bild des Friedens, in das unvermittelt Leben kommt. Der Grund: Ein Streit um das Ei in der Pfanne, und dann entdeckt Zare auf einem Kahn die Russen, mit denen Matko Schwarzhandel treibt. Daß Matko ein liebenswürdiger Loser ist, zeigt schon die ungeschickte Abwicklung der Geschäfte.

Nie mehr wollte er einen Film drehen, hatte Emir Kusturica vor drei Jahren angekündigt, weil seinem gewaltigen Filmepos über das verlorene Jugoslawien, Underground, unter anderem schlimme »serbische Propagandalügen« vorgeworfen wurden. Zum Glück hat der »Rebell aus kommunistischem Elternhaus« sein Versprechen nicht gehalten. Frieden ist eingekehrt im Kino des bosnischen Fellini. Filmdebatten und Tragödien hat er überwunden. Keiner seiner Filme, die ohne Ausnahme mit europäischen Filmpreisen überhäuft wurden, ist von so ansteckender Lebensfreude durchdrungen wie Schwarze Katze, weißer Kater.

Matko strebt nach Reichtum. Vom besten Freund seines Vaters, dem einflußreichen Paten Pitic, verschafft er sich das Startkapital für den großen Coup. Er flunkert dem Alten vor, daß sein Vater Zarije gestorben sei. Pitic ist gerührt vom Tod seines Freundes, und Matko erhält, wie erwartet, den Kredit. Dadan (Srdan Todorovic), ein übermütiger Halunke und hemmungsloser Draufgänger, hilft Matko bei der Durchführung seines Plans, bei dem ein mit Benzin beladener Güterzug so plötzlich auftaucht, wie er verschwindet. Aber Dadan schlägt Matko im entscheidenden Moment k.o., um sich das erbeutete Geld in die eigene Tasche zu stecken. Während der Betrogene noch grübelt, wie er vielleicht an den gut versteckten Sparstrumpf seines Vaters Zarije gelangen kann, kommt es dem despotischen Dadan in den Sinn, seine Schwester »Ladybird« mit Matkos Sohn Zare zu vermählen. Mit Dadan, der in guter Stimmung schon mal zu Songs wie »Pitbull Terrier« mit Revolvern und Handgranaten jongliert, ist in dieser Frage nicht zu spaßen. Was folgt, ist ein fulminanter Bildzauber, der in einer Doppelhochzeit gipfelt, bei der selbst tote Großväter wieder auferstehen. Und wie zwischen Rick und Captain Renault in Casablanca kündigt sich zwischen Matko und Dadan der Beginn einer wunderbaren Freundschaft an.

Zwischen Pech und Glück, sagt Emir Kusturica, spielt das Leben. Das war schon in seinem tragikomischen Spielfilmdebüt Erinnerst Du Dich an Dolly Bell? und in Papa ist auf Dienstreise so. Filme, die den schmerzvollen Abschied von der Kindheit im sozialistischen Jugoslawien beziehungsweise die Zeit des jugoslawischen Stalinismus aus der Perspektive eines kleinen Jungen schildern. In Schwarze Katze, weißer Kater ist Kusturica seinen poetisch-realistischen Grundsätzen treu geblieben, nur daß ihm diesmal, vor dem Hintergrund grotesker Friedenszeiten, eine unbeschreiblich komische Parabel auf den Kampf ums Überleben gelungen ist. Ähnlich wie in Time of the Gypsies setzen sich auch hier auf rätselhafte Weise Großmütter, Gehängte, Hochzeitspaare und Kartons von selbst in Bewegung.

Gedreht wurde in Slowenien und an der Donau. Seine Darsteller, nur wenige sind professionelle Schauspieler, hat Kusturica in Roma-Siedlungen in der Nähe von Skopje gefunden. Skurille Typen mit dem Charme glänzender Goldzähne und blitzender Dolche. Doch von einem Rückschritt des »Hoffnungsträgers des europäischen Films« kann deshalb keine Rede sein. Bemerkenswert ist, mit welcher Leichtigkeit Gordan Mihics, der auch das Drehbuch für Time of the Gypsies geschrieben hat, Vergänglichkeit und wechselnde Machtverhältnisse reflektiert. Ein hinreißendes Bild entsteht an einer staubigen Straßenbiegung, an der ein ausgeschlachteter Trabant von einem einsamen Hausschwein aufgefressen wird. Gewalttätigkeit ist aus den Bildern fast verschwunden. Gleichwohl wird auch im Frieden gnadenlos gekämpft. Die Menschen in Schwarze Katze, weißer Kater sind arm, reich, gut und schlecht, und es gibt Lügner, Wahrsager, Mafiosi, Feudalisten. Von Brüderlichkeit wird viel gesprochen, aber die gibt es in Wirklichkeit kaum. Nur im Kino. Wie die Anspielung auf den Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die sich wie ein cineastisches Glaubensbekenntnis bis zum Schluß durch die Handlung zieht.

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