Wi(e)der die Gewöhnung

US-Wahl Es wird schon nicht so schlimm werden - oder doch?
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Donald Trump wird der nächste Präsident der USA sein.

Mein Stiefvater ist treuer Leser der FAZ. Neben Stapeln alter Zeitungen habe ich kürzlich einen verstaubten Sammelband entdeckt, der die Titelseiten von 1949 bis 1990 führt. Seit ich das globale Geschehen um mich herum bewusst und einigermaßen informiert wahrnehme, trage ich das ambivalente Gefühl in mir, dass alle großen, alle weltbewegenden Ereignisse vor meiner Zeit stattgefunden haben. Durch die alten Zeitungen bin ich (deutscher bildungsbürgerlicher) Zeitzeuge des Vietnamkriegs geworden, der Kulturrevolution unter Mao oder etwa des RAF-Terrors. Und, um ehrlich zu sein, in der Berichterstattung fühlte sich alles gewöhnlich an, normal und unspektakulär: Vietnam wie Syrien, die Kulturrevolution vergleichbar mit einer heutigen Meldung über die Dunkelziffer der Hinrichtungen in China, RAF wie der IS; große, seitenfüllende Artikel vielleicht noch in den ersten Tagen, dann aber wieder Normalität und Tagespolitik.

Möglich, dass ich die Bedeutung der ausgewählten Ereignisse zwischen 1949 und 1990 überschätzt hatte. Vielleicht war aber auch seit 1990 mehr passiert, als mir bewusst war. Wahrscheinlich fällt es schwer, die Bedeutung eines Ereignisses zu bemessen, wenn man es selbst erlebt. Historische Ereignisse waren für mich immer auch vergangene, die sich außerhalb meiner Lebensspanne abspielten. Aus guten Gründen hat das Mahnmal der Vergangenheit bei uns eine besondere Bedeutung, und doch finden wir uns irgendwie mit allem ab, machen (negative) Ereignisse klein, indem wir uns an sie gewöhnen. Vielleicht sollten wir endlich aufhören, uns an alles zu gewöhnen.

Mit Donald Trump ist gerade ein Rassist zum nächsten Präsidenten der USA gewählt worden. Auf den denkbar kurzen Aufschrei folgte erwartungsgemäß die Selbstgeißelung des linksliberalen Milieus, sicherlich nicht ganz unberechtigt, und schließlich wurde ein gemeinsamer und komfortabler Tenor gefunden: Es wird schon nicht so schlimm werden. Wer hier ein Unglück nahen sieht, sei realitätsfern. In unserer pluralistischen Welt passiert so wahnsinnig viel gleichzeitig, dass wir glauben, es passiere gar nichts mehr. Es wird schon nicht so schlimm werden meint eigentlich: Es bleibt alles wie es ist, weil es sich so anfühlt, als bliebe alles wie es ist. Wir leben in einem Zeitalter der ständigen Gewöhnung und normalisieren Ereignisse, die dann in der Rückschau der Anfang sind, dem es zu wehren gilt.

Michel de Montaigne hat einmal gesagt, dass die Gewöhnung unsere Sinne abstumpft. Wir sollten uns nicht an Trump gewöhnen, nicht an den Hass und die Ausgrenzung. Wir haben nichts zu verlieren, wenn sich Trump in den nächsten Jahren tatsächlich als moderater erweisen sollte - es wäre wünschenswert. Ich glaube nicht, dass das nächste große Unglück unmittelbar bevorsteht; ich glaube nur, dass wir ihm einen Schritt näher gekommen sind.

18:02 26.11.2016
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