cortovere

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RE: Sichtbares Zeichen | 06.01.2010 | 14:43

Das alles könnte man so benennen, wenn nicht gleichzeitig aus der Formulierung "Vertreibung war ein Unrecht" oder gar "Vertreibung war ein Verbrechen" zwangsläufig eine Unterstützung der materiellen Forderungen der Vertriebebenverbände entstehen würde. Dass Menschen vertrieben werden war und ist Unrecht. Aber genauso gilt auch: das Unrecht, das zwischen Völkern, Staaten und Nationen entstanden ist, kann nicht (nicht immer) vom letzten Teil der Geschichte her geklärt werden. Und an manchen Wegscheiden der Geschichte muss man verlangen (verlangen können), dass erlittenes Unrecht nicht weiter verfolgt wird. Und um es banal zu sagen: die Vertriebenen aus den Ostgebieten des deutschen Reichs haben im neuen Deutschland ein guten Leben gefunden, anders Millionen andere Vertriebene in der Welt, die Jahre und Jahrzehnte nach der Vertreibung noch immer in Wellblechdörfern leben und allein auf die Unterstützung durch die UNO angewiesen sind.
Nur als Fußnote: Ich bin selbst als Nachfahre Inhaber eines Vertriebenenausweises (ausgestellt 1953 und als Museumsstück in der Kommode)und hätte nach der Auffasssung der Verbände einen Anspruch auf Haus, Hof und Land, und bin immer wieder erschüttert, wie die deutsche Politik noch immer von diesem "Problem" beherrscht wird. Aber offenkundig gilt: nielmals eine Niederlage akzeptieren, auch wenn sie nur, einzig nur durch die eigene Mannschaft verursacht wurde. Spalten statt Versöhnen ist die Devise - genau das Gegenteil von dem, was mit der Gründung der Stiftung versprochen wurde.

RE: Ehrlich gesagt | 10.12.2009 | 15:38

@michael Jäger: Danke für die Lorbeeren. Da sich niemand zur Frage: Wer hat dann gewonnen? geäußert hat, führe ich hier einen Monolog in eigener Sache weiter.
Die Opposition hat erreicht, das Krieg Krieg genannt wird. Die Regierung hat erreicht, das Krieg auch als Krieg geführt werden kann. Was wiegt mehr? Das Gefühl, das endlich die Wahrheit gesagt wird oder dass nach der Wahrheit gehandelt werden kann?
Ein Schritt zurück: Weshalb wurden ausgerechnet der BILD die "geheimen Dokumente" zugespielt? Guttenberg ist nicht nur wegen seines brillianten Starts ein Liebling in diesem Blatt, sondern auch wegen seiner adligen Herkunft. Es mischt sich bei der BILD Boulevard mit dem goldenen Blättern und dem schneidigen Nachfahren aus adliger Herrschaft, deren männliche Vorfahren alle im Militär gedient haben, vorzugsweise im Generalstab.
Der könnte Offizier sein, vielleicht später auch General, ganz anders als dieser Verwaltungsbeamte aus Hessen, der wegen der Kenntnisse über Koch einen Posten im Bundeskabinett bekam.
Jung hatte ein unangemehmes Erbe hinterlassen. Er hatte sich weder getraut, Krieg Krieg zu nennen noch Farbe zu einem umstrittenen Einsatz zu bekennen.
Der adlige Schneid sagte dem neuen Minister: Klartext reden. Krieg Krieg nennen und dann gelten auch andere Regeln. Und der erste Impuls sagte: jetzt muss dem Militär der Rücken gestärkt werden.
Dafür bekam er in BILD viel Beifall. Doch die Durchsicht der Hinterlassenschaft zeigte, dass er überhastet gehandelt hatte. Nicht nur sein Vorgänger wusste um die eigentlichen Tatsachen, sondern auch ihm hatten sie in Form eines Berichtes vorgelegen - nicht gelesen, denn dafür hat man ja Mitarbeiter (ich spare mir das /innen, denn die gibt es auf dieser Ebene nicht), die ihn aber nicht gewarnt hatten.
Schnelle Wende: Jetzt Entscheidungsfreudigkeit zeigen. Voraussetzung ist allerdings, dass nicht das Ministerium neue Fakten entdeckt, sondern dass man aufgrund von Veröffentlichungen unter Druck ist. Die BILD war bisher kein Ort solcher Veröffentlichungen, weshalb man im Umkehrschluss davon ausgehen kann, dass es sich um eine gezielte Information gehandelt hat.
Ergebnis: falscher Einsatz, scheiß Krieg, falscher Minister: jetzt kommt der Aufräumer.
Aber manche Dinge laufen eben nicht so wie geplant. Wie konnte Guttenberg von einem "angemessenen Einsatz" sprechen, obwohl ihm vor dieser Entscheidung der Bericht der NATO vorlag, in dem sich der Bericht der Feldjäger befand, der in BILD den Ausschlag für die Verurteilung Jungs gab?
Ich könnte in dieser Weise fortfahren. Es kommt jedoch am Ende immer wieder heraus: Es gibt eine Idee, dass es sich dort um einen Krieg handelt, in den man mit heingeraten ist, ohne es wirklich zu wollen, dass man, wenn man dort Truppen hinschickt, diese und die einzelnenen Beteiligten schützen muss, dass man dafür die hier eigentlich geltenden Grundregeln außer Kraft setzen muss, dass man dieses nicht gerne tut, dass man es nur tut, wenn Not am Mann ist und dass dafür dann im entscheidenden Moment "schneidige Männer" (Guttenberg) gebraucht werden, die die Sache durchziehen, oder aber "moralische Menschen" (Fischer), die es der Bevölkerung verklickern.
In Deutschland glaubt keiner, dass die Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, ich betone: keiner, nicht Merkel, nicht Guttenberg, nicht Fischer, nicht Trittin, nicht Westerwelle, die Namen derjenigen, die es sowieso immer gesagt haben, führe ich nicht auf. Der Einsatz in Afghanistan geht auf ein Bündnisversprechen gegenüber den USA zurück, dem sich die rot-grüne Bundesregierung anders als beim Eintritt in den Irak-Krieg nicht verschließen wollte (meinte nicht verschließen zu können oder zu dürfen). Merkels CDU hätte diesen Kriegseinsatz damals überzeugt zugestimmt, würde aber heute genauso wie die USA am Liebsten schnellstmöglich das Land verlassen. Die Krux ist wie im Vietnamkrieg: in diesen Kreisen wird nur an den Gesichtsverlust gedacht, der mit einem Truppenabzug verbunden sein würde. Nachgeordnete Parteigliederungen sprechen derweil immer noch davon, dass die Truppen zur Aufrechterhaltung der Mädchenschulen gebraucht werden. Sie werden bald eine andere Sprachregelung lernen müssen.
Als Quinessenz bleibt die Frage: wie kann man erreichen, dass nicht nur der "falsch geführte Krieg" oder der "verlorene Krieg" sondern der Krieg an sich geächtet wird? Die Verdammung der ersten beiden Varianten ist möglicherweise ein Hilfsmitte, aber aus politischen, moralischen und humanistischen gründen eigentlich zu wenig.

RE: Merkels Krieg und Krise | 09.12.2009 | 12:05

JA steht vor dem immer gleichen Dilemma: für jedes politische oder Kriegsverbrechen gibt es Ideengeber, Befehlshaber und ausführende Handlanger. Kann man George Bush für die Folterungen von Abu Ghraib strafrechtlich verantwortlich machen? Nach der Logik von JA nicht, denn er ist nur einer, der im Reigen seiner Militärs und Sicherheitsberater vielleicht gesagt hat: "Da müsste man mal härter durchgreifen." Vielleicht hat er auch nur genickt, als dieser Satz von einem der Sicherheitsberater kam.
Es ist unwahrscheinlich, dass Kissinger mit Pinochet oder einem DINA-Genaral die Morde an chilenischen Oppositionellen geplant hat. Aber sicher ist, dass er die us-amerikanische Unterstützung für den Putsch mit organisiert hat und dass er organisiert hat, dass in Kenntnis der Mordmaschinerie, die von Pinochet in Gang gesetzt wurde, dieses Regime weiterhin die Unterstützung der USA hatte.
JA hat keine moralischen Skrupel, sich mit den politischen Verantwortlichen und Hintermännern an einen Tisch zu setzen, aber er hätte diese Skrupel, wenn er wüsste, dass es sich um einen der Handlanger handelt, der gerade aus dem Foltergefängnis kommt und sich nun ans Bankett setzt.
Die Verlogenheit besteht eben genau darin, dass die Ideen- und Auftraggeber sich auf jedem Bankett wohlfühlen dürfen, die Handlanger auf die Ächtungsliste kommen. Keiner empfängt gerne den Henker, aber der Staatsanwalt und der Richter sind gern gesehene Gäste.
Es kann sein, dass der Oberst Klein ein schießwütiger Militär ist, der es leid war, im US-Casino als "Weichei" verlacht zu werden und endlich mal zeigen wollte, dass Deutsche immer noch Krieg führen können. Das wäre eine individuelle Schuld, die überprüft, verfolgt und geahndet werden müsste.
Aber er wäre genauso Opfer. Opfer einer politischen Entscheidung, in einen Kriegseinsatz einzustimmen, Menschen (Soldaten) in einen Krieg zu senden, der Öffentlichkeit weis zu machen, dies sei Aufbauhilfe, und im entscheidenden Moment als dort eine Entscheidung, möglicherweise eine Fehlentscheidung, getroffen wurde zu sagen: das waren nicht wir, das war der Oberst Klein.
Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Jung und die in dieser Zeit amtierende Bundeskanzlerin Merkel sowie der ehemalige Búndeskanzler Schröder und die ehemaligen Außenministe Fischer und Steinmeier werden weiterhin an jedem Bankett ihren Platz haben. Oberst Klein dagegen wird von der gesellschaftlichen Elite einschließlich JA gemieden werden, denn er hat das Blut an den Händen. Er wird dann seinen Platz bei den "Patrioten" und "national Gesinnten" haben, wo eine neue Folge der "Dolchstoßlegende" erfunden wird.
Das ist die Logik des Krieges und die Logik der gesellschaftlichen Eliten: alles zu bestimmen aber für nichts verantwortlich zu sein.

RE: Ehrlich gesagt | 09.12.2009 | 11:27

Es gibt bei alle grundsätzlichen Fragen einen Aspekt, der bisher kaum beachtung findet. Kurz nach antritt seines Amtes hat der neue Verteidigungsminister von "kriegsähnlichen Zuständen" gesprochen. Er wurde dafür von vielen Seiten gelobt, insbesondere auch den Gegener des Militäreinsatzes, weil sie sich in ihrer Auffassung bestätigt sahen und weil sie darin ein Stück neuer Ehrlichkeit der Regierung sahen. Jetzt ist dieses Eingeständnis möglicherweise anders zu interpretieren. Wenn es kein Krieg ist, den die Bundeswehr in Afghanistan führt, aufgrund der Faktenlage der Einssatz in Kundus aber als "unangemessen" bezeichnet werden musste, wäre die Konsequenz gewesen: Oberst Klein hätte wegen "Totschlag" oder mindestens wegen "fahrlässiger Tötung" vor ein ziviles Gericht gestellt werden müssen. Ist es aber ein "Krieg" oder mindestens ein "kriegsähnlicher Einsatz", dann unterliegt das Handeln des Obersten ganz anderen Regeln.
Könnte es nicht so sein, dass Guttenberg wusste, dass die Aussage, es handele sich um einen "angemessenen Einsatz" nicht zu halten sein würde und er mit der Klassifizierung des Gesamteinsatzes als "kriegsähnlichen Einsatz" der Truppe im Allgemeinen und dem Oberst Klein im Besonderen den Rücken freihalten wollte?
Zur Entscheidung des Obersten gibt es ganz im Groben drei Möglichkeiten. Die erste: Er hat in den beiden entführten Tanklastwagen tatsächlich eine gravierende Gefahr für die dort stationierten soldaten gesehen. Dann ist die folgende Entscheidung eine, die richtig oder falsch sein kann, aber sich im Rahmen der militärischen Kriegs(Logik) befindet, die zwangsläufig die Oberhand gewinnen wird/muss. Die zweite: er war überfordert. Das kann jedem in Stresssituationen passieren und müsste nach Kriterien beurteilt werden wie der Schusswaffengebrauch eines Polizisten. Die dritte: ein Oberst, der es leid ist, nicht wie ein ausgebildeter Miltär handeln zu können, sondern Aufbauhelfer sein soll, der es leid ist, sich von amerikanischen Militärs anhören zu müssen, dass die deutschen Einheiten "Weicheier" sind, wollte sich, seiner Truppe und den Amerikaner zeigen, dass auch "die Deutschen" noch richtig Krieg führen können.
Das Dilemma von Guttenberg ist: er muss einerseits diesem Oberst den Rücken freihalten, weil sonst innerhalb der Truppe die Akzeptanz für den Einsatz in die Brüche geht, und er muss anderseits gegenüber der öffentlichen Meinung demonstrieren, dass die Politik die Gewehrläufe kommandiert und nicht umgekehrt.
Das Ergebnis wird sein: dieser Einsatz war "unangemessen" (was sich nicht mehr leugnen lässt), aber solche Fehler passieren eben "im Krieg", weshalb man die Beteiligten "nicht im Stich lassen" dürfe, um die "Moral der Truppe" nicht zu gefährden.
Nicht jeder dieser Schritte wird nach einem vorher erdachten Verschwörungsplan gegangen werden, sondern die Sache entwicklet sich Schritt für Schritt - aber eben auch planmäßig.
Am Ende wird stehen, dass die Regierung zugibt, Krieg zu führen, womit die Opposition meint, einen wichtigen Sieg in der Deutungshoheit gewonnen zu haben, und die Regierung wird sich die Hände reiben, dass sie nun den Militäreinsatz nach neuen Spielregeln, denen eines Kriegseinsatzes, bestimmen kann.
Wer hat dann gewonnen?

RE: Zukunft / Bezahltes Internet / 3. Teil | 09.10.2009 | 16:04

Liebe Anna, ein Nachtrag:
Der FREITAG hatte früher den Untertitel: "Die Ost-West-Wochenzeitung". Darin drückte sich ein Gründungsverständnis aus, aber eben auch eine Aufgabe. Seit Februar heißt der Untertitel: "Das Meinungsmedium", auch darin drückt sich ein Selbstverständnis aus. Nun muss man nicht allzu viel da hinein interpretieren, aber die Macher haben sich natürlich schon etwas dabei gedacht (wollen wir mal hoffen, dass es nicht nur ein Werbegag einer Agentur ist).

RE: Zukunft / Bezahltes Internet / 3. Teil | 09.10.2009 | 15:55

Liebe Anna,

"Meinung MACHEN - das finde ich als journalistische Aufgabe auch immer gefährlich", schreiben Sie.
Mit Verlaub: das halte ich nicht für haltbar. Wenn ich ein "Meinungsmedium" herausgebe, dann will ich Meinung anbieten, transportieren und letzlich beeinflussen. Alles andere wäre - gelinde geagt - verlogen. Wenn ich aufgrund der Fakten, Analysen und dem Hintergrundwissen zu der Auffassung gelange, dass der Militäreinsatz in Afghanistan so schnell wie möglich beendet weden muss, dann muss ich in dieser Richtung "Meinung machen". Wenn ich das nicht will, dann wähle ich als Markentitel der Zeitung: "Das unabhängige Informationsportal". Kann man machen, aber in eine Richtng muss man sich entscheiden.

RE: Ein Preis zur falschen Zeit | 09.10.2009 | 15:39

Nachtrag: Dieser Kommentar des Chefredakteurs (bei so einem wichtigen Thema schreibt ausnahmsweise auch mal der Chefredakteur) ist so abgeklärt wie vorhersehbar. Seit Wochen tobt sich die ganze Meinungsschickeria aus, dass Obama nicht das hält, was er versprochen hat. Hat mal jemand überlegt, wie man diese Sachen in diesem Amt umsetzen kann? Richtig: das hätte er (Obama) auch überlegen müssen. Mir ist aber immer noch einer, der an der Durchsetzung seiner Ziele scheitert lieber, als einer der keine oder die falschen Ziele hat.
Medien, die alles besser wissen, die den ganzen Mainstream des Neoliberalismus mit Wohlwollen begleitet haben, weil ihre Träger auch zu den Mittelstandsgewinner gehören, haben wir genügend. Die Häme der Journalistenriege von WELT, SPIEGEL und SZ, dass eben auch dieser Präsident nur mit Wasser kocht, kann ich nicht mehr ab. Die Schadenfreude ist eben so durchsichtig: selbst solche wie Obama ändern nichts, was dann die Botschaft beflügelt: ändern kann man eigentlich auch nichts.

RE: Ein Preis zur falschen Zeit | 09.10.2009 | 15:26

"So entsteht der Eindruck, dass Obama vor allem für all die Hoffnungen ausgezeichnet wurde, die andere in ihn setzen. Das ist ein neues Kriterium. Und es ist ein falsches Kriterium. Bisher wurden Menschen oder Organisationen vor allem dafür ausgezeichnet, was sie vollbracht haben. Nicht dafür, was sie vorhaben." (Philipp Grassmann)
Warum nicht einmal anders herum? Warum nicht einen Ansporn setzen, die Absichten in Taten umzusetzen? Das wäre keine Ehrung postum, sondern ein Scheck auf die Zukunft - natürlich ungedeckt, natürlich spekulativ, aber so ist Zukunft eben. Mehr täuschen als in vielen Fällen rückwärts gewandt kann sich das Komitee eigentlich auch nicht.

RE: Zukunft / Bezahltes Internet / 3. Teil | 09.10.2009 | 15:13

Liebe Anna,
ich bin weit davon entfert, die individuelle Arbeitsleistung von Menschen, in diesem Fall von Redakteuren, gering zu schätzen. Ihr verständliches Engagement zur Verteidigung dieser Leistung in Ehren, aber Sie gehen nicht auf meine Kritik ein.
Zu Afghanistan und dem Meinungstitel: mir geht es nicht um einen weiteren Button, auf dem man für Ja, Nein drücken kann. Mit geht es um ein "Meinungsmagazin" das Meinung nicht nur transportiert, sondern auch macht (nicht Parteipolitik). Vorbild wäre so etwas wie die "Weltbühne" (die Zeitung von Tucholsky und Ossietzki nicht die heute existierende).

RE: Zukunft / Bezahltes Internet / 3. Teil | 09.10.2009 | 13:41

Lieber Michael Angele,
da Sie sich als Mitglied der Redaktion persönlich angegriffen sehen, hier eine direkte Antwort auf diesen Aspekt. Ich hatte geschrieben, dass sich die Printredaktion nicht an der Online-Ausgabe beteiligt (bis auf die Tageskommentare und natürlich die Einstellung der Artikel, die für die Druckausgabe geschrieben werden). Sie empfinden dies als Kritik an der Arbeitsmoral der Redaktion (oder gegen Sie persönlich). Ich kann Sie versichern, das liegt mir fern. Sie haben eben recht, dass ich über die Arbeitsverhältnisse beim FREITAG nicht Bescheid weiß. Kann sein, dass Sie erst am Ende eines stressigen Arbeitstages für die Druckausgabe dazu kommen, sich um die Online-Ausgabe zu kümmern: also in ihrer Freizeit und unbezahlt (da bei der Zustandsbeschreibung des Verlegers kaum vorstellbar ist, dass dies als Überstunden bezahlt wird). Ich kann Ihnen dann mein Bedauern mitteilen, mehr aber auch nicht.
Denn bei diesem Stand der Debatte ist dies für mich als Außenstehenden und Konsumenten uninteressant. Ich beurteile ein Produkt nach seinem Auftritt und versuche, die Versprechen, die am Anfang gemacht wurden, mit der Wirklichkeit zu vergleichen.
Dabei ist mir eben aufgefallen, dass es keinen professionellen, journalistischen Kern des Online-Auftritts gibt. Natürlich hört es sich immer gut an, dass das Netz eben zur Vernetzung da ist, aber der FREITAG ist eben kein Freizeit- sondern ein Wirtschaftunternehmen, dies jedenfalls ist bei mir vor allem von den Eingangsworten des Verlegers haften geblieben. Ja, ein Netz kann sich unkontrolliert ausweiten, immer größer werden, immer mehr Community-Mitglieder generieren: aber zu welchem Zweck?
Zweck und Inhalt nach Worten des Verlegers sind: ein Meinungsmedium in Deutschland zu werden, das sich aber auch selbst finanzieren muss (und nicht am Tropf von gutmütigen und -gläubigen Menschen hängt).
Selbst bei einem Netz wie einer Musiktauschbörse steckt ein Zweck dahinter, nicht der immer größer und immer mehr Menschen einzubeziehen, sondern der, kostenlos an Musik zu kommen.
Meine Kritik war, dass ich diesen inhaltlichen Aspekt weder in der Druckausgabe erkennen kann und in der Online-Ausgabe schon gar nicht davon sehe. Noch eine Comunity neben tausend anderen zu gründen ist nicht besonders spannend.
Wenn Sie und die Redaktion diese Aufgabe nicht stemmen können bzw. nicht in beiden Bereichen (Druck und Online) dann geht mich das erstmal nichts an. Das müssen Sie mit Ihrem Verleger ausmachen, denn ich kann ja nur auf das Produkt reagieren wie es bei mir ankommt - und das ist anders als versprochen.
Ein Beispiel, was man anders machen könnte und zwar ohne großen Geldeinsatz: Eine Woche vor der Bundestagswahl kommt ein Aufruf zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan raus. Es ist ein Wochenthema in der Druckausgabe: ein Kaufanreiz für diese Ausgabe am Kiosk. Natürlich steht es auch im Netz. Natürlich kommt auch der eine oder andere Kommentar. Dann ist Ende wie bei jedem anderen Thema auch. Ich sage: alles verschenkt.
Ein "Meinungsmedium" hätte folgendes gemacht: das Thema wäre im Juni eingestellt worden. Man hätte daraus nicht ein Wochenthema sondern das Wahlkampfthema gemacht. Man hätte nach den 25 Erstunterzeichnern Unterschriften gesammelt. Man hätte die Parteien damit konfrontiert. Man hätte eine Abstimmung im Netz organisiert.
Statt eine Wahlkampfarena zu schaffen, die sich mehr oder weniger sinnige Freitags-Fragen ausdenken muss (man konnte die Quälerei geradezu spüren) hätte man drei zentrale Politikthemen zur Debatte und Abstimmung gestellt. Am Ende wäre eine Haltung des "Meinungsmediums" FREITAG zur Wahl herausgekommen. Die FTD hat sich dieses getraut, das "Meinungsmedium" FREITAG nicht.
Meine Ansicht: es fehlt der Mut, den Markennamen "Das Meinungsmedium" mit Inhalt zu füllen: weil möglicherweise die falsche (die für falsch gehaltene) Meinung heraus kommen könnte.
Ich meinte nicht Ihre Arbeitsleistung und die der anderen Redakteure und Redakteurinnen sondern ich habe festgestellt: "Das Meinungsmedium" ist von diesem Ansprcuh weit entfernt. Vielleicht ist es so, dass Sie sich jeden Tag enorm abstrampeln. Das kann ich nicht beurteilen, denn ich sehe nur das Ergebnis - und nur das kann und will ich beurteilen. Wie es zustande kommt, das müssen Sie mit Ihrem Verleger ausmachen. Das ist weder meine noch die Sache der Community.