Auf der Suche nach dem wahren Peru

Conchucos (2) (En la búsqueda del Perú profundo) Geschichte aus dem heutigen Peru in Folgen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://3.bp.blogspot.com/-3M3zR3AyiF4/UMQ3w2jZziI/AAAAAAAAAQA/InO6doMQLCE/s1600/20080304193848_img_5471_w.jpg

Foto: Für die Beschäftigten und Familienangehörigen von Antamina eigens erbauter Stadtteil „El Pinar“ in Huaraz. Autor: ForosPerú

- - -

Conchucos, Folge 2

Der Prolog und Folge 1 sind hier nachzulesen.

Walther wurde am nächsten Tag pünktlich um acht Uhr morgens vor dem Hotel von Ricardo abgeholt. Sonia hatte ihren Bruder, der als Lehrer in Huaraz arbeitete und sich für gewöhnlich in den Ferien mit Taxifahren etwas hinzuverdiente, überredet, Walther für ein geringes Entgelt zu seiner Tagestour zur Verfügung zu stellen. Beide Männer machten aus, zuerst den von Antamina erbauten Stadtteil „El Pinar“ zu besuchen. Ricardo kannte einen kolumbianischen Ingenieur, der mit seiner Familie in dem exklusiven „El Pinar“ lebte, und hatte deshalb keine Probleme, in die gut bewachte Siedlung hineinzukommen.

Von der kolumbianischen Familie trafen Walther und Ricardo nur die Ehefrau an. Ihr Mann absolvierte gerade seine ‚Zwei-Wochen-Schicht‘ in der Puna von Huari. Die drei Kinder besuchten an diesem Vormittag die El Pinar-eigene Schule. Rosa Maria bot den beiden Lehrern auf ihrer Haus-Terrasse einen peruanischen Öko-Kaffee aus Villa Rica an, einem von deutschen Auswanderern 1925 gegründeten Ort im Amazonasgebiet des Departements Pasco. Bei diesem schmackhaften Kaffee genossen die Drei die über der ‚Cordillera Blanca‘ heraufziehende Morgensonne. Jenseits der Cordillera Blanca ziehen sich der Callejón de Conchucos und der Fluss Marañon, einer der Hauptzuflüsse des Amazonas, in süd-nördlicher Richtung dahin.

„Mein Gott, Rosa Maria, ich hatte ja schon viel von El Pinar gehört, aber dass dieser Stadtteil so privilegiert und modellhaft für ganz Peru ist, hätte ich nun doch nicht gedacht. Da hat sich das Unternehmen Antamina für ihre Beschäftigten etwas ganz Besonderes einfallen lassen!“ Walther kam aus dem Staunen nicht hinaus, angesichts des modernen Stadtteils und der eindrucksvollen Sicht zur Cordillera Blanca, auf die Stadt Huaraz hinunter und auf die gegenüberliegende ‚Cordillera Negra‘, die den Callejón de Huaylas in Richtung Pazifischer Ozean begrenzt.

„Das ist richtig. Und wie Du siehst, unser Haus liegt in dieser in Kolosseum-Form angelegten Siedlung noch dazu im besten Bereich, wo die Chefs und Ingenieure von Antamina wohnen. So hierarchisch wie die Beschäftigungsstruktur des Unternehmen angelegt ist, ist auch El Pinar organisiert. Dazu haben wir unsere eigenen Schulen, Geschäfte und Gemeinschaftsanlagen und sind über eine asphaltierte Straße von Huaraz einfach zu erreichen. Wenn Du so willst, ist unsere Siedlung so etwas wie ein Wunschtraum der Andenmenschen der Zukunft.“

„Walther, glaub nicht, dass die Bevölkerung von Ancash so einhellig positiv über Antamina und auch Barrick, das Goldabbauunternehmen nicht weit von Huaraz in der Cordillera Negra, denkt. Diese transnationalen Minen-Unternehmen mit australischem, schweizer, kanadischem, japanischem und US-amerikanischem Kapital sind durchschnittlich 15 bis 30 Jahre im Land und holen sich, was zu holen ist. Und das zumeist mit ausländischem, hoch spezialisiertem Personal und Einsatz von importierten Anlagen, Maschinen und Transportmitteln. Wir Peruaner tragen wenig zur Produktion bei und erben schließlich Umweltprobleme, die unsere Bevölkerung selbst noch jahrzehntelang auslöffeln muss. Die Bonanza wird früher oder später zu Ende gehen. Wenn Du Dir die Websites der großen internationalen Minenunternehmen ansiehst, glaubst Du, sie seien die verantwortungsvollsten Wohltäter der Menschheit. Du kannst Dir von Antamina bei Deinem Besuch im Callejón de Conchucos selbst ein Bild machen. Hier in Huaraz wirst Du von der Opposition der lokalen Bevölkerung gegenüber Barrick erfahren. Die Vorwürfe betreffen die Verunreinigung der Wasserqualität durch Schwermetalle, damit verbunden die Beeinträchtigung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und die geringe Beteiligung an den Erlösen,“ warf Ricardo ein.

- - -

http://barricklatam.com/barrick/site/artic/20120709/imag/foto_0000000720120709122048.jpg

Foto: Barrick-Goldmine ‚Pierina‘ (Tagebau) in der Cordillera Negra, Callejón de Huaylas, Peru. Autor: Barrick Perú, Firmensitz Kanada

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/94/Propaganda_against_Barrick_Gold_Corp_%28Huaraz%2C_Per%C3%BA%29.JPG/484px-Propaganda_against_Barrick_Gold_Corp_%28Huaraz%2C_Per%C3%BA%29.JPG

Foto: Wikimedia Commons (2008), Protestplakat der kleinbäuerlichen, indigenen Anwohnerschaft der Barrick-Goldmine Pierina in der Cordillera Negra nahe Huaraz, Autor: Dtarazona

- - -

“Walther, was Ricardo sagt, trifft zu. Mein Mann und ich befinden uns hier in einer wahren Gewissens-Zwickmühle. Einerseits verdienen wir wirklich gut. Wenn Antamina noch voraussichtliche 15 Jahre im Callejón de Conchucos Kupfer, Zink, Molybdän, Silber und Blei aus der Puna herausbuddeln wird und mein Mann hier solange arbeiten kann, ist unsere Familie materiell aus dem Schneider. Die Kinder werden ein Studium absolviert haben; wir könnten sie später auf eine der besten Privatunis schicken. Wir Eltern hätten eine ausreichende Pension, um uns in der Nähe von Cartagena an der karibischen Küste von Kolumbien zur Ruhe zu setzen. Hier in El Pinar haben wir bis dahin ein Leben, wie es nicht privilegierter sein könnte. Das teilen wir mit etwas mehr als 700 meist ausländischen Familien. Insgesamt 3.500 Menschen leben hier unter diesen paradiesischen Bedingungen. Gut, unsere Männer laufen Gefahr, ernste gesundheitliche Langzeitschäden davonzutragen. Aber das wollen wir nicht hoffen. Du wirst in Antamina erfahren, was es mit der Luft- und Bodenverschmutzung auf sich hat. Die dortige indigene Bevölkerung ist ebenso wie die im Einflussbereich der Pierina-Mine den Schwermetallen ungeschützt ausgesetzt. Insgesamt beschäftigt Antamina direkt 3.500 Angestellte und Arbeiter, die sich auf die verschiedenen Standorte des Unternehmens verteilen: von Lima, wo der Sitz des Unternehmens ist, über Antamina selbst hoch oben in der Puna und Huarmey, dem eigens eingerichteten Hafen am Pazifischen Ozean, wo die über mehr als 200 km lange Pipeline endet und die Rohstoffe auf Schiffe verladen werden. Zwar verkündet Antamina stolz, dass die Hälfte der Beschäftigen aus dem Departement Ancash kommt, aber diese Beschäftigten erledigen zumeist Hilfsdienste. Gut ausgebildete Peruaner können nicht von heute auf Morgen aus dem Boden gestampft werden. Ich fürchte, wenn es einmal eine nennenswerte nationale Mittelschicht gibt, die technisch gut ausgebildet ist, könnte es mit dem Minen-Boom vorbei sein. Du siehst, dass diese Milliarden Investitionen im Minensektor nur sehr wenig zur peruanischen Entwicklung beitragen. Aber, wie gesagt, bilde Dir selbst ein Urteil. Wir Latino-Ausländer sind froh, dass uns das internationale Kapital in Peru diese fantastischen Lebensbedingungen ermöglicht. Walther, bevor Du Antamina in der Puna besuchen willst, rufe mich an. Ich gebe dann meinem Mann Bescheid, Dir bei einer Besichtigung behilflich zu sein.“

Nach diesem aufschlussreichen Frühstück in El Pinar setzten Walther und Ricardo ihre Tour fort. Bei der Durchfahrt von Huaraz auf dem Weg zum Willkawain Tempel wurden sie urplötzlich von bewaffneter Polizei gestoppt. Mehrere Dienstfahrzeuge versperrten die Straße, die in der Nähe der Verwaltungsgebäude des Departements Ancash und der Provinz Huaraz vorbeiführt. Sie befanden sich inmitten eines Auflaufs von Fahrzeugen und Fußgängern, die Zeuge einer Festnahmeaktion von mehreren hohen Regierungsbeamten des Departements wurden. Ricardo erfuhr von Bekannten unter den Schaulustigen, dass es sich bei der Aktion um Verdacht auf Korruption und illegale Bereicherung der lokalen Behörden handeln solle. Schon längere Zeit wurde im Departement gemunkelt, dass die höchsten Verwaltungsbeamten die Gunst der Stunde nutzen wollten, um persönlichen Reibach zu machen. Die beiden transnationalen Minenunternehmen Barrick und Antamina spülten in die öffentlichen lokalen Kassen den höchsten ‚canon minero‘ (eine steuerliche Abgabe auf den Minenabbau, die zur Hälfte direkt ins jeweilige Departement abfließt) im gesamten Land. Gemäß gesetzlicher Vorschriften sollen die mit Beginn des Minen-Booms gezahlten Hunderten von Millionen Soles (peruanisches Zahlungsmittel, etwa 3 Soles = 1 Euro) auf den verschiedenen Verwaltungsebenen vom Departement über die Provinz bis hinunter auf Gemeindeebene für physische Infrastrukturmaßnahmen wie Straßen, Universitäten, Schulen, Krankenhäuser u. ä. verwendet werden.

„Walther, da haben offensichtlich unsere gewählten Staatsdiener kräftig zugelangt. Aber leider ist das in Peru das alte Lied. Seit Alan Garcia Ende der 80er Jahre haben alle Präsidenten ordentlich abgesahnt. Mit Ausnahme des ‚chinos‘ (Ex-Präsident Fujimori), der bis jetzt zusammen mit seiner ‚Grauen Eminenz Montesinos‘ im verdienten Knast sitzt, haben die anderen Präsidenten es trotz zahlreicher gerichtlicher Verfahren geschafft, den Gefängnisstrafen aus dem Wege zu gehen. Aber hoffentlich erwischt es jetzt unsere Provinzfürsten.“

Aus Ricardos Worten sprach die in Peru weitverbreitete Verbitterung über die Kungelei der staatlichen Repräsentanten auf allen Ebenen, vom Präsidentenamt herab bis zu den Gemeinde-Bürgermeistern. Auf den unteren Eben ist die Korruption besonders verheerend seit Beginn des 21ten Jahrhunderts. Das ist unmittelbare Folge der Einführung der Dezentralisierung im Zusammenhang mit der Ausschüttung finanzieller Mittel aus dem ‚canon minero‘.

„Ricardo, der Ausverkauf der mineralischen Reichtümer an die Metropolen dieser Welt bringt nicht nur Umweltprobleme mit sondern verursacht unter der Bevölkerung eine tiefverwurzelte Staatsverdrossenheit. Selbst meine Schüler in Lima haben keine Hoffnung, dass in Zukunft Korruption im Staatsapparat und in der Wirtschaft wirksam bekämpft würde. Das ermutigt selbstverständlich die Kriminalität innerhalb der Gesellschaft. So sagt man mit einigem Recht: ‚Was die da oben können, das können wir auch.‘ Ein ursprünglich positiver Ansatz, den lokalen Behörden mehr finanzielle Autonomie zu verschaffen, wird erst dann erreicht werden, wenn künftige Generationen den staatlichen Stellen effektiver auf die Finger schauen und wir eine wahrhaft unabhängige Gerichtsbarkeit aufgebaut haben. Aber sieh mal! Ist das da vorn nicht Sonia?“ Dabei deutete er auf eine Rangelei, die sich direkt vor dem Eingang zum Amtssitz des Gouverneurs der Region Ancash abspielte.

Während einige höhere Beamte in Handschellen unter lautem Protest zu bereitstehenden Polizeifahrzeugen abgeführt wurden, gelang es einer Reporterin und einem Kameramann die Polizeisperre zu durchbrechen, um den abgeführten Gouverneur zu interviewen.

„Das ist eine Unverschämtheit! Ich werde mich gegen falsche Anschuldigungen zur Wehr setzen und hoffe auf Unterstützung vonseiten des peruanischen Präsidenten,” schnaubte der Gouverneur, bevor ihn die Uniformierten in ein Polizeifahrzeug zwangen.

Tatsächlich war es Sonia, die sich mit Erfolg am Polizeikordon vorbeigemogelt hatte. „Ricardo und Walther, dass ich an meinem ersten Arbeitstag gleich so einen ‚pez gordo‘ (dicken Fisch) an die Angel kriege, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich habe leider keine Zeit zu verlieren. Werde gleich meine Nachrichten vorbereiten. Hier hat der oberste Repräsentant der Region eine mafiaähnliche Korruptions-Struktur geflochten, in die wohl auch Mitglieder des Präsidenten-Clans aus Lima verwickelt sind. Walther, ich sehe Dich wie ausgemacht heute Abend.“ Mit diesen Worten brauste Sonia mit ihrem Kameramann in Richtung Fernsehstudio davon.

„Walther, da fällt mir doch gleich ein Widerstandslied der Quechua-Bauern aus der Puna ein, das sie häufig auf ihren Dorf-Festen anstimmen. Die Übersetzung ist ungefähr so:

Oh Du mein lieb Ancash!

Land der Gletscher und Vulkane,

Land der reichsten Schätze der Natur

in Berg und Tal und weiter Flur.

Sag mir doch, wie kommt es nur,

dass freche Schurken ganz hoch droben,

in Frack und teuren Roben

allein die süßen Früchte ernten, die doch für Alle sind?

Was sagst Du mein lieb Ancash?

Mein Rat an alle, die da darben, ist:

Bevor die Macht Euch frisst,

fresst Ihr sie auf mit Haut und Haar!

Ich könnte mir vorstellen, dass dieses kleine Liedchen in der Tradition der Pilger entstanden ist, die schon in Prä-Inkazeiten die Seelen der Vorfahren beschworen haben und die Orakel in heiligen Tempeln und Mausoleen um Rat befragten. Zu solch einem Volksgut haben die Pfaffen jedenfalls nicht beigetragen.“

Walther musste Ricardo beistimmen. Im ‚perú antiguo‘ (prä-kolumbianisches Peru) hatten die Orakel und ‚heiligen Pilger-Stätten‘ die Aufgabe, die Pilger, die oft von weit her kamen, in die Tradition der Vorfahren einzureihen und Handlungsanweisungen für die Zukunft auszugeben. Dadurch sollten die durch die Unbilden der Natur bedingten Ängste der Menschen soweit wie möglich gemildert werden.

„Ricardo, heute sind die Peruaner mit ihren Ängsten nicht viel weiter gekommen. Pilgerfahrten nach Rom oder die Teilnahme an bunten Prozessionen ungezählter Heiliger landauf landab, ist die Pilger-Manie der Moderne.“ Walther musste diese Spitze in Richtung katholischer Kirche loswerden, versuchte er doch mühevoll bei seinen Schülerinnen und Schülern eine Eigenverantwortlichkeit gegenüber dem Schicksal zu fördern.

Nach einer Stunde konnten Ricardo und Walther ihre Fahrt in Richtung Willkawain fortsetzen. Sie hatten noch die beifälligen Kommentare der Augenzeugen der Polizeiaktion gegen die immer dreister ausgeübte Korruption von öffentlichen Mandatsträgern und Beamten in ihrer Region in den Ohren, als sie nach etwa 7 Kilometern die Tempelanlage Willkawain erblickten.

- - -

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bb/WillkawainTempel2.jpg/640px-WillkawainTempel2.jpg

Foto: Wikimedia Commons: Tempel Willkawain (Kultur ‚Huari‘, 7. bis 13. Jh. n. Chr.), 7 km nordöstlich von Huaraz, Autor: Rio Negro

- - -

Ende Folge 2

PS: Vor Weihnachten und Neujahr werden weitere Folgen erscheinen.

Noch eine schöne Advents-Woche in weihnachtlichen Kriegszeiten! Wem haben wir das nur zu verdanken?

CE

07:52 08.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

Kommentare 9