Auf der Suche nach dem wahren Peru

Conchucos (3) En la búsqueda del Perú profundo - Geschichte aus dem heutigen Peru in Folgen
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Foto: Wikimedia Commons: Santuario Pachacámac (3. Jh. n. Chr. bis 1532, Zerstörung durch spanische Conquistadores), hier der Mond-Tempel, erbaut während der Inka-Epoche (1450 bis 1532), Autor: Kat Walsh

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Dritte Folge

(Bisherige Folgen sind hier einzusehen: Prolog , Folge 1 , Folge 2 )

„Profesora Paty (Frau Lehrerin Patricia), ist das Sanktuarium Pachacámac bei Lima so etwas Ähnliches wie der Tempel Willkawain gewesen?“ fragte eine Schülerin, die etwa 14 Jahre alt sein mochte.

„Das kann man schon so sehen,“ antwortete die Lehrerin. „Im Alten Peru waren diese Pilger-Stätten, wie auch 'Chavin de Huantar' im Callejon de Conchucos, zugleich Mausoleum, Orakel und Tempel, von Priesterinnen und Priestern geleitet, die die Vermittlung zu den Göttern herstellten. ‚Pacha-cámac‘, (Schöpfer der Erde) wie auch ‚Vira-cocha‘, (Sonnen-See, vom Titicacasee abgeleitet) waren die höchsten Götter, die vor der Ankunft der Spanier von unseren Vorfahren verehrt wurden. Denen wurde geopfert. Meistens waren das Haustiere wie Lamas und Alpacas, manchmal gab es auch Menschenopfer. Von den Göttern wurde Hilfe gegenüber den Unbilden der Natur und gegenüber den Feinden erbeten und Auskunft über die Zukunft erhofft. Diese Tempelanlagen waren die geistlichen Zentren der Städte und Völker im Altertum bis zum Beginn der Huari-Kultur im 7ten Jh. nach Christi. Ihr müsst Euch vorstellen, dass die Priesterinnen und Priester dieser Tempel so etwas wie die Regierung für diese Völker waren. Die Huari-Kultur zwischen 600 und 1100 n. Chr. und ab 1450 n. Chr. die Inka-Kultur waren erstmalig militärisch-politisch organisierte Staaten, die jedoch die heiligen Stätten früherer Kulturen achteten und sie ebenfalls als Orakel zu Rate zogen.“

Als Paty plötzlich das nahende Auto von Ricardo erblickte, unterbrach sie ihre Erklärungen an die etwa 20 Schülerinnen und Schüler im Pubertätsalter, die vor dem Tempel Willkawain ihr Picknick einnahmen. Sie erhob sich freudig und umarmte ihren Lehrerkollegen, der seinerseits den Besuch aus Lima vorstellte.

Walther schätzte Paty wie Sonia um die 30 Jahre alt ein. Paty unterrichtete auf der selben Oberschule wie Ricardo und hatte in den großen Ferien interessierte Schülerinnen und Schüler im Pubertätsalter aus der Stadt zu einem Ausflug auf freiwilliger Basis nach Willkawain eingeladen. Paty engagierte sich in ihrer Freizeit besonders für die Schülerinnen in dieser schwierigen Entwicklungsphase. Sie selbst war als Sechszehnjährige von einem ehemaligen Mitschüler schwanger geworden und hatte eine Tochter von 14 Jahren, die sie als Alleinerziehende unter schwierigsten Bedingungen großgezogen hatte.

Paty stammte aus einem Dorf im Departement Ayacucho und hatte als kleines Kind die Hinrichtung ihrer Eltern durch den Sendero Luminoso mitansehen müssen. Zusammen mit anderen Dorfbewohnern warf man den Eltern angeblichen Verrat an das peruanische Militär vor. Der maoistisch orientierte Sendero Luminoso verfolgte und eliminierte gnadenlos alle Menschen, die auf irgend eine Weise die ‚Alte Ordnung‘, das heißt den von der Nationalen Oligarchie beherrschten Staat stützten, wie lokale Administration, Kaufleute, Großgrundbesitzer, Polizei und Militärs. Wie in China (Kulturrevolution) und Kambodscha (Pol Pot-Regime) der Kampf gegen die ‚Alte Ordnung‘ geführt wurde, sollte in Peru ein neuer Staat auf der Macht der Kleinbauern-Massen als der am meisten ausgebeuteten Klasse aufbauen. Wurden diese Bauern jedoch durch Gewalt-Androhung vonseiten des Militärs gezwungen, an letztere Informationen weiterzugeben, wurden sie ebenfalls vom Sendero Luminoso als Verräter brutal ermordet.

Für die Militärs war die große Masse der Kleinbauern überwiegend verdächtig, Kollaborateure des Sendero Luminoso zu sein. Und so geschah es, dass die zumeist bitterarme indigene Bevölkerung der ‚sierra‘ die Hauptlast des Bürgerkrieges zwischen Militärs und Guerilla auszuhalten hatten. Der Familie von Sonia und Ricardo war es wie der Familie von Paty ergangen, nur dass ihre Eltern von den peruanischen Militärs niedergemetzelt wurden. Um dieser Unterdrückung von beiden Seiten zu widerstehen und einen Selbst-Schutz aufzubauen, organisierten sich die Kleinbauern im Verlaufe des Bürgerkrieges in ‚Verteidigungs-Komitees‘ oder ,Bauern-Wehren‘ und verhinderten so, dass sich der Sendero Luminoso auf dem Lande wie ein Fisch im Wasser bewegen konnte. Diese Isolation der Guerilla trug letztlich zu ihrer Niederlage bei.

Paty wuchs bei Verwandten in Lima auf, die rechtzeitig vor der Guerilla fliehen konnten. Sie hatte Jahre gebraucht, um langsam ihr Kindheitstrauma zu überwinden. Endgültig darüber hinweg kam sie erst durch die Sorge um ihr eigenes kleines Kind. Es war, als ob sie dadurch einen Sinn in ihrem Leben gefunden hätte, dem sie sich mit aller Kraft widmen müsste. Ihr gelang es, die Oberschule zu beenden und ein Lehrerstudium zu beginnen. Patys Tochter kannte ihren Vater nicht, dem es unter abenteuerlichen Umständen gelungen war, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Paty, Ricardo und Sonia hatten sich erst in Huaraz kennengelernt, wo sie nach dem Studium in Lima berufliche Anstellungen fanden. Ihre Freundschaft hatte sich auch aufgrund der Tatsache entwickelt, dass sie der Generation der Geschädigten des Bürgerkrieges angehörten. Immer wieder kamen in ihren Diskussionen die Frage auf, ob das Opfer ihrer Eltern und der Zehntausenden von Toten und Vertriebenen des Bürgerkrieges wenigstens zur Besserung der gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes beigetragen hätte. Sie weigerten sich, den Tod ihrer Eltern als Resultat eines sinnlosen Terrors zu akzeptieren. Das Land konnte einfach nicht so tun, als ob nichts geschehen sei und als ob die ‚Alte Ordnung‘, das heißt die gesellschaftliche Herrschaft der Nationalen Oligarchie, unbehelligt dort weitermachen könne, wo sie seit Erreichung der Unabhängigkeit vom spanischen Joch begonnen hatte.

Ricardo und Paty hatten mit der Zeit eine ‚relación sentimental‘ (Liebesverhältnis) begonnen, die den Lehrerkollegen nicht verborgen blieb. Jedoch wohnten sie weiterhin getrennt. Beide konnten sich bisher nicht zu einer festen Beziehung entschließen. Das lag wohl auch daran, dass Ängste vor Verantwortung auf beiden Seiten überwogen. Ricardo fragte sich oft, ob er bereit sei, die Vaterrolle für die Tochter zu übernehmen. Paty ihrerseits wollte ihre Tochter nicht dem Risiko aussetzen, sich erst an einen Ersatz-Vater zu gewöhnen und später eventuell enttäuscht zu werden, falls ihre Beziehung zu Ricardo nicht von Dauer wäre.

Unter Kolleginnen und Kollegen war Paty als äußerst engagiert bekannt. Sie vertrat die These, dass Jugendliche in diesem kritischen Alter, vor allem die Mädchen, eine verständnisvolle Unterstützung und Führung vonseiten der Schule bräuchten, um sich unbeschwert und doch gezielt auf das Erwachsenenalter vorzubereiten. Damit seien oft die Eltern, die noch überwiegend in der Tradition einer katholischen Erziehung aufgewachsen waren, überfordert. Die Tatsache auch, dass diese Jugendlichen noch einige Jahre auf der Schule verbrachten, bevor sie entweder ein Studium, eine sofortige Berufskarriere oder ein Leben als Hausfrau beginnen würden, trug dazu bei, dass sie ihren Zukunftsträumen freieren Lauf ließen als diejenigen, die unmittelbar vor dem Schulabschluss standen. Paty meinte immer, im Pubertätsalter müssten die Wurzeln für Rebellion und Wandel in der Gesellschaft gelegt werden. In späteren Jahren würden die materiellen Sorgen alle Träume erdrücken und die jungen Menschen würden in Konformität und Anpassung gezwungen. Die meisten Schülerinnen und Schüler verfügen über wenig Freizeit. Vor allem auf dem Land müssen sie von klein auf neben der Schule in den Familien mitarbeiten. Trotz dieser Schwierigkeiten war es Paty gelungen, diese jungen Menschen ein oder zwei Mal die Woche außerhalb der Schule zu gemeinsamen kulturellen oder sportlichen Aktivitäten zu versammeln.

Auf einem Lehrerfest hatte Ricardo Paty seiner Schwester Sonia vorgestellt. Beide Frauen verstanden sich auf Anhieb und entdeckten gemeinsame Interessen. Walther würde die beiden als gesellschaftlich interessierte Frauen des Wortes und der Tat klassifizieren, vor denen er seit jeher Respekt hatte. Schon nach kurzer Zeit des gegenseitigen Kennenlernens der beiden Frauen begann Sonia im lokalen Fernsehprogramm über Patys Engagement zu berichten und die Leitung des Senders von der Notwendigkeit zu überzeugen, besondere Bildungsprogramme für Jugendliche bereitzustellen.

„Ricardo und Walther, setzt Euch doch einen Augenblick zu uns. Wir können dann nach dem Picknick den Tempel Willkawain gemeinsam besichtigen.“ Die beiden Männer waren einverstanden.

Die Jugendlichen setzten ihre Diskussion über das ‚peru antiguo‘ fort. Die Frage, die alle am meisten bewegte, formulierte ein Schüler so: „Profesora Paty, wir haben in Peru unendlich viele archäologische Zeugnisse schon vom 12ten Jahrtausend v. Chr. an; doch welche Bedeutung haben diese und die Geschichte unserer Vorfahren für uns heute, außer dass wir Peruaner stolz auf unser präkolumbianisches Erbe sein können?“

„Das ist eine gute Frage, die ich an alle weitergebe. Aber ich frage Euch zuerst: Wer von Euch spricht noch Quechua in der Familie, das seit dem Imperium Huari Staatssprache wurde und dessen Ausbreitung während des Inkareiches von Nordargentinien bis zu Südkolumbien reichte?“

Zwei Schülerinnen, die in der Nähe von Willkawain zuhause waren, meldeten sich stolz.

„Eigentlich ist das traurig, dass von Euch zwanzig Schülerinnen und Schülern nur noch zwei das Quechua beherrschen. Ich selbst gestehe, dass ich auch nur ein paar Wörter kenne. Meine Eltern haben sich in ihrem Dorf in der Region Ayacucho beinahe ausschließlich in Quechua verständigt. Ich bin in Lima aufgewachsen und habe Quechua leider nie gelernt, das heute noch von weit mehr als zehn Millionen Menschen im Andenraum als Muttersprache benutzt wird. Die Sprache und die Kosmovision unserer Vorfahren sind von den spanischen Conquistadores mit Gewalt unterdrückt worden. Auch das archäologische Erbe wurde mit Fleiß dem Erdboden gleichgemacht. Die Ausbeutung der mineralischen Schätze Perus konnte nur durch militärische Gewalt und Ausrottung der überlieferten Kulturen gelingen. Doch gab es gegen diese Barbarei bis heute Widerstand. Ihr wisst sehr wohl, wie die indigene Bevölkerung und die arme Mestizen-Bevölkerung in der ‚sierra‘ gegen die Ausbeutung der peruanischen Reichtümer durch die multinationalen Unternehmen und die Nationale Oligarchie protestieren. Selbst die katholische Kirche kann nicht darauf verzichten, präkolumbianische kulturelle Manifestationen in religiöse Zeremonien einzubeziehen.“

„Frau Lehrerin, ich glaube das Wichtigste, was wir von unseren Vorfahren übernehmen sollten, ist die Ehrfurcht vor der Natur. Wenn heute eine Hohe Priesterin von Willkawain sehen könnte, welche Verwüstung wir durch die Ausbeutung von Gold, Kupfer und anderen Metallen durch Barrick und Antamina im Tagebau veranstalten, würde sie sicher den Zorn der Götter über uns herbeiwünschen, und wir müssten Angst vor dem nächsten fürchterlichen Erdbeben oder Tsunami haben.“

„Völlig richtig. Die animistische Weltsicht bedeutete für unsere Vorfahren, dass die Natur insgesamt eine belebte und beseelte ist, die die Menschen zu achten haben. Nicht nur Tiere und Pflanzen leben, auch Himmel und Erde wie Landschaften, Berge, Täler und Meer. Naturkatastrophen wurden von den Hohen Priesterinnen und Priestern der heiligen Stätten der Vorfahren als Strafe für Fehlverhalten der Menschen interpretiert, und die Seelen der Verstorbenen lebten in der Vorstellungswelt der Menschen fort und zeigten den Nachkommen, wie sie sich zu verhalten hätten.“

„Señora Paty, was wir im Unterricht über die Entstehung von Erdbeben, Tsunamis und Vulkanen durch das Aufeinandertreffen der Nazca- und der Südamerikanischen Erd-Platte gelernt haben, die Teil des Pazifischen Feuerrings sind, wurde von unseren Vorfahren im ‚peru antiguo‘ nur als konkrete Erfahrung erlebt. Deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, dass diese Naturphänomene, wie auch ‚el niño‘ mit der Erwärmung des Meereswassers und seinen daraus entstehenden Regenfällen, die verheerende Überschwemmungen in der nordperuanischen Wüste anrichten, als Strafmaßnahmen der Götter gedeutet wurden.“

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Foto: Wikimedia Commons (2003), Pazifischer Feuerring, Credits: Galilea

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An dieser Stelle mischte sich Walther in die Diskussion ein. Für ihn war diese unvorhergesehene Teilnahme an Patys Klassenausflug ein eindrucksvolles Lehrstück, wie peruanische Jugend heute zu einem umfassenden Weltbild gelangen kann, wenn Erkenntnisse aus Vergangenheit und Gegenwart sowie aus Tradition und Moderne mit nationalen wie internationalen Entwicklungen verknüpft werden. Nachdem er sich vorgestellt hatte, fragte er die Jugendlichen, ob sie wüssten, wie die Wirtschaft des Inkareiches organisiert war, und ob man daraus etwas für die heutige Zeit lernen könnte.

Ein Schüler meinte: „José Carlos Mariátegui, der Gründer der ‚Sozialistischen Partei Perus‘, hat vor 90 Jahren den Inka-Staat als einen sogenannten ur-kommunistischen Staat bezeichnet und zugleich die kulturelle Strömung des ‚Indigenismus‘ begründet. Das stieß damals auf weitgehendes Interesse in Peru und ganz Lateinamerika. Aber von Kommunismus will heute nach all den negativen Erfahrungen mit Recht keiner etwas wissen.“

Da widersprach ihm eine der beiden Schülerinnen, deren Muttersprache Quechua war, energisch: „Bei uns im Dorf haben sich noch heute viele kollektive Traditionen aus der Inkazeit erhalten. Zwar hat jede Familie in meinem Dorf heute privaten Landbesitz, aber wir helfen uns gegenseitig beim Kartoffel- und Maisanbau. Auch die Terrassen und die Bewässerungskanäle bauen wir gemeinsam. Und das geschieht nicht gegen Entgelt sondern gegen Essen und Trinken. Das ist noch das gleiche ‚ayni‘-System, das es im ‚ayllu‘ (Dorfgemeinschaft) unserer Vorfahren gab. Auch gibt es noch die ‚minka‘, die gemeinsame ehrenamtliche Arbeit auf unserem Dorfacker, wo wir Produkte anbauen, die wir in Huaraz auf dem Markt verkaufen, um den Erlös dann zur Finanzierung unserer Feste zu benutzen.“

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Foto: Asociación Andes, Cuzco, „Minga“ (kollektive Arbeit der Bewohner des „ayllu“ in den Hochanden)

Foto: Wikimedia Commons, Die "Prinzessinnen" beginnen den Gabentanz (um die Götter gut zu stimmen?), Autor: Julian grillo

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Walther gab der Schülerin recht. „Es ist wahr, dass viele nützliche Traditionen aus der Inkazeit heute in der ‚sierra‘ bei den indigenen Kleinbauern fortdauern. Gäbe es die gegenseitige Hilfe nicht in den Dörfern, wären die Bauern wie in den Ortschaften der Mestizen von Krediten und öffentlichen Infrastrukturarbeiten abhängig. Im modernen Peru war die ‚minka‘ Staatspolitik unter Präsident Belaúnde Terry (1963 – 68 und 1980 – 85). In dieser Zeit wurden die meisten Straßen, Brücken, Bewässerungskanäle und Gemeindeinfrastrukturen im ganzen Land mit Hilfe von unentgeltlicher Arbeitsleistung der jeweiligen Nutznießer erbaut. Südkoreaner haben dieses System der kollektiven Arbeit in der ‚sierra‘ studiert und wendeten es dann mit großem Erfolg im eigenen Land an. Das Prinzip der gegenseitigen Hilfe wird in vielen Teilen der Welt genutzt, um die Armut auf dem Land zu bekämpfen. Meine Eltern waren Landarbeiter bei einem Großgrundbesitzer im Callejon de Conchucos. Als die Militärdiktatur die Landreform durchführte und die Eltern selbstständige Kleinbauern wurden, waren sie schnell verarmt und sind nach Lima gezogen. Sie hätten mit den anderen Landarbeiterfamilien auch das ‚ayni‘-System der gegenseitigen Hilfe anwenden können. Aber die Mestizen-Familien waren dazu nicht bereit. Die kapitalistische Lebensweise hatte selbst die armen Landarbeiter infiziert. Auch kannten sie nicht die Techniken der Konservierung von Bodenfruchtbarkeit in der ‚sierra‘, wie sie von den indigenen Bauern beherrscht wird. Würden heute die indigenen Bauern der ‚sierra‘ ihre auf gegenseitiger Hilfe beruhende Wirtschaftsweise aufgeben, würden wir eine massenhafte Landflucht in die Städte befürchten müssen.“

„Professor Walther,“ antwortete ein Schüler, „diese zunehmende Landflucht gibt es heute doch nicht nur bei den Mestizenbauern. Auch immer mehr indigene Jugendliche verlassen nach der Schule die ‚chacra“ (kleinbäuerlicher Hof), weil die Arbeit einfach zu mühselig ist.“

„Sicher. Da trägt auch der Schulunterricht zum Teil mit bei, da die Neugierde nach der städtischen und modernen Welt geweckt wird. Das Problem liegt aber darin, dass unsere Oberschulen auf dem Land keine beruflichen Ausbildungsgänge für die letzten drei Schuljahre anbieten. Es gäbe so viele Möglichkeiten, die bäuerliche Landwirtschaft in der Sierra zu verbessern, sodass die jungen Generationen auf dem Land einen ähnlichen Lebensstandard erreichen könnten wie in den Städten oder sogar noch besser. In Bolivien wurden unter Präsident Evo Morales im bolivianischen Alto Plano tausende von berufsbildenden Oberschulen eingerichtet, damit die indigene Bevölkerung zukünftig ihre pflanzlichen und tierischen Ressourcen soweit verarbeiten lernen, dass sie auf den Märkten wertvolle Endprodukte anbieten können. Auch das Handwerk wird dadurch modernisiert und die Menschen kommen aus Armut und Rückständigkeit heraus. Da besteht dann viel weniger der Wunsch, die Heimat zu verlassen, in der das Leben attraktiver sein wird als in den Städten.“

„Ja, das geschieht in Bolivien. Und was ist bei uns? Wenn wir eine gute Berufsausbildung haben wollen, müssen wir vom Land in die Städte gehen und sehen, wie wir uns da allein durchschlagen oder vielleicht bei Verwandten unterkommen. Die Eltern haben in den wenigsten Fällen das nötige Geld für das Studium,“ meinte ein anderer Schüler. „An unserer Schule, selbst in unserer Klasse haben wir viele Schülerinnen und Schüler vom Land. Von denen ist keiner hier. Sie müssen in den Ferien zurück zu ihren ‚chacras‘. In der Schulzeit versuchen sie nebenher alles, um irgendwie an Geld und Unterhalt zu kommen. Da sind dann auch die Schulleistungen endsprechend.“

Nach dieser Diskussion machten sich die Jugendlichen und die Lehrer auf, um die dreistöckige Tempelanlage Willkawain genauer zu besichtigen. Jeder Stock hat seinen eigenen Eingang und ist in verschiedene Grabkammern unterteilt. Das Hauptgebäude und seine kleineren, etwas oberhalb gelegenen Nebengebäude, waren wohl Regionalsitz des Huari-Reiches nach der Eroberung der lokalen 'Recuay'-Kultur im Callejón de Huaylas. Es grenzt an ein Wunder, dass die Willkawain-Tempelanlage mit ihren über neun Metern Höhe nach mehr als 1000 Jahren äußerlich unversehrt geblieben ist und allen Erdbeben seither getrotzt hat. Nur im Innern haben die Erderschütterungen die Grabkammern und unterirdischen Gänge teilweise zerstört.

Es wurde Zeit, nach Yungay aufzubrechen. Ricardo, Walther und Paty machten aus, sich nach dem Besuch in Yungay gemeinsam mit Sonia zum Abendessen zu treffen. Paty wollte darüber mit Sonia sprechen, mit der sie am Nachmittag noch eine Jugend-Sendung vorzubereiten hätte.

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Foto: Wikimedia Commons, Yungay Viejo (2500 m. ü. M.) vom Friedhofshügel aus gesehen. Die hell markierte Fläche zeigt die Lage des Erdrutsches (Eis-, Schlamm-, Gerölllawine) vom 31.05.1970, verursacht durch ein Erdbeben, bei dem ein Teil der Westflanke des Huascaran Norte (6652 m) abbrach. Yungay Nuevo liegt hinter der markierten Fläche in Bildmitte. Autor: Uwebart

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Das Erdbeben vor der Küste von Ancash im Jahre 1970, bei dem zwischen 70 und 80 Tausend Tote zu beklagen waren und insgesamt 3 Millionen Menschen in der einen oder anderen Weise durch das verheerende Naturereignis zu Schaden gekommen waren, bedeutete zweifelsohne eines der fürchterlichsten Naturkatastrophen, welche Peru je heimgesucht hatten. In Yungay selbst und einem Nachbarort verschüttete eine durch das Beben ausgelöste Erdlawine jeweils 20.000 Menschen. In Huaraz wurde die koloniale Altstadt beinahe vollständig zerstört. Dort fanden ebenfalls 20.000 Menschen den Tod. Das auf der Richter-Skala mit 7,9 Stärke registrierte Beben war selbst bis im entfernten Brasilien zu spüren. Eine Welle der Solidarität aus der ganzen Welt half Peru, diese Naturkatastrophe mit der Zeit zu überwinden und Ancash wieder zu einer pulsierenden Region zu machen. An der Küste herrschen Fischindustrie und moderne Landwirtschaft vor, während die Ausbeutung von Erzen, der Tourismus und eine bäuerliche Subsistenzwirtschaft die Sierra-Wirtschaft kennzeichnen.

Walthers Eltern waren glücklicherweise schon ein Jahr vor dem Erdbeben, das für viele Überlebende als Strafe Gottes aufgefasst wurde, nach Lima gekommen. Die Naturkatastrophe löste einen beispiellosen Exodus aus der ‚sierra‘ zur ‚costa‘ (Küstengebiet) aus. Doch ungeachtet dieser schrecklichen Erfahrungen lockten vor allem die Ausbeutung der reichen Erzvorkommen sowie die einzigartige Landschaft mit den Möglichkeiten eines blühenden Tourismus neue Menschen aus allen Teilen des Landes an. Für Ricardo, seine Schwester Sonia und Paty, die aufgrund des grausamen Bürgerkrieges die Region Ayacucho im Südosten von Lima verlassen mussten und dann in Lima aufwuchsen, war der wirtschaftliche Aufschwung in Ancash ein Grund, dort Arbeit zu finden. Aber auch die Tatsache, dass die Sierra von Ancash überwiegend von indigenen Kleinbauern bevölkert ist und ein ähnliches kulturelles Milieu wie Ayacucho aufweist, machte ihnen die Entscheidung leicht, in Huaraz eine neue Heimat zu finden. Lima war ihnen immer fremd geblieben.

Ricardo besuchte mit Walther die jetzt verlassene ehemalige Stadt Yungay mit seinen Ruinen und führte den Besucher schließlich auf den in Terrassen auf einem ehemaligen prä-inkarischen Palast angelegten Friedhofshügel mit der zehn Meter hohen Statue des ‚Cristo de Yungay‘. Diese Statue überstand auf wundersame Weise den Erdrutsch zusammen mit einigen wenigen Überlebenden der Katastrophe, die auf dem Friedhof eilends Schutz gesucht hatten. Das Antlitz der Statue ist über die ehemalige Stadt gerichtet in Richtung auf Perus höchsten Gletscher, den Huascarán. Der ,Cristo‘ hatte die riesige Erdlawine im Blick, wie sie dreitausend Meter hinunter ins Tal donnerte, die gesamte Stadt unter sich begrub und direkt vor ihm zum Stehen kam.

Es wurde langsam Abend. Die untergehende Sonne aus Richtung der Cordillera Negra beleuchtete golden die Spitzen der Cordillera Blanca, als Ricardo und Walter den restaurierten Friedhofshügel zum Auto hinabstiegen. Walthers Gedanken waren auf der Rückfahrt nach Huaraz bereits bei Sonia und Paty, mit denen er den Abend verbringen würde.

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Foto: Wikimedia Commons, Blick vom Friedhofshügel in Yunguay auf den Huascarán, Autoren: Fmendez46 u. Manuguf

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Fortsetzung folgt (hoffentlich bald!)

LG, CE

07:30 17.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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