Freude, Frust, Wut, Hass, Gewalt und Terror

Einheits-Ode Welche Stufe hat die Nachkriegs-Einheits-Gesellschaft bereits mit Erfolg erklommen? Nachlese zum 3. Oktober 2016 in Dresden
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Foto: Wikimedia Commons, Pegida Demo, 3. Oktober 2016

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Einheits-Ode

Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland.

Macht Mauer weg und Tor weit auf,

das Kapital schon wartet lang darauf.

Bananen und Begrüßungsgeld,

hinaus in neue deutsche Welt!

Oh Helmut, Helmut, Helmut!

Du schenkst mir großen Mut.

Dem Einheitsbrei der ES-E-DE,

dem sag ich nun geschwind Ade.

Blühend Landschaft wird verheißen

Im Land der Sachsen und der Preißen.

Freud erfüllt mein Herz,

vergessen ist mein Schmerz.

Oh Helmut, Helmut, Helmut,

Du schenkst uns großen Mut.

Und suchst Du Dir ein Mädchen

in einem Ossi-Städtchen,

wir alle finden es für Dich,

sei gewiss, denn alle lieben Dich.

Freud erfüllt unsre Herzen,

vergessen sind unsre Schmerzen.

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Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland.

Macht Mauer weg und Tor weit auf,

das Kapital schon wartet lang darauf.

Die Einheit ist vollzogen,

Ossis sind übern Tisch gezogen.

Die Treuhand schafft Privatisierung,

schafft rasche Modernisierung

und Extra-Gewinn fürs Kapital.

Die Ossis haben keine Wahl.

Frust und Enttäuschung machen sich breit.

Doch clevere Ossis sind bereit,

die Lektion des Kapitals zu begreifen

und selbst fette Knete abzugreifen.

Helmut hat sein Ossi-Mädel gefunden,

hat es weiß Gott für gut befunden.

Trotz Frust und Enttäuschung zwischen Oder und Elbe,

hoch soll‘n sie leben, die Wendehälse!

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Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland.

Macht Mauer weg und Tor weit auf,

das Kapital schon wartet lang darauf.

Was hat nach Kohl die Nation für Glück!?

Nun steht Rebell Gerhard auf Kanzler-Brück,

und Joschka ist sein Steuermann.

Doch welch übelstes Gespann

hat Volkes Wille als Lenker erkoren?

Blanke Armut steht vor den Toren,

getarnt als Agenda Zwotausendzehn,

das Lachen wird dem Volk schon vergeh‘n.

Gerhard und Joschka schaffen Reservearmee,

das Kapital lobt sie über den grünen Klee.

Derweil ist Helmut nun wieder daheim

in seinem trauten Oggersheim.

Sein Ossi-Mädchen führt die Union,

Macht über alles ist Wende-Lohn.

Des Volkes Seele schiebt Frust, dann Wut und Zorn.

Immer tiefer bohrt schmerzlich sich der Dorn

aus Ohnmacht, Armut und aus Qual.

Wieder schallt’s über Berg und Tal:

„Wer hat uns verraten?

Wie so oft, Sozialdemokraten!“

Und auch Grüne lieben Macht und Geld

über alles in der Welt.

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Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland.

Macht Mauer weg und Tor weit auf,

das Kapital schon wartet lang darauf.

Es schlägt die Stunde von Volkes Mutter.

Endlich scheint alles in bester Butter.

Die Faust gehau‘n vor Wut auf den Tisch,

macht Michel sein Kreuz und hofft für sich:

„Hoch Mutti aus Ossi-Land,

mit Dir wird all unsre Not verbannt.

Musst unsre Interessen vertreten,

ordentlich gegen Ausbeuter und Ausländer treten!“

Doch weit gefehlt.

Mutti kennt nur das Spiel der Macht.

Hat sich halb tot gelacht,

als Ackermann erzählt,

wie Geldvermehrung funktioniert.

Das läuft bei Deutscher Bank wie geschmiert.

Mit Siemens schwarzen Kassen,

mit VW’s Auto-Klassen,

mit Schäubles Geiz und Arroganz,

mit den Eliten ist Mutti beim Tanz.

Für‘s Volk gibt’s hohle Worte.

Die sind dann von der Sorte:

„Vertraut dem Staat,

vertraut der Saat,

die ich in Deutschland und Europa sä‘.

Ihr seid und bleibt die Machtbeschaffer,

zu mehr taugt Ihr nicht, Ihr Gaffer.

Statt Einheits-Partei jetzt Plural-Partei.

Nur mit ihr seid Ihr frei.

Das ist der Kern der Republik.

Sie ist unbarmherzig, aber schick.

Und Demokratie?

Die gibt es nie für tumbes Volk.

Schminkt Euch das ab.

Das wusste schon der Große Erich, Hut ab!

Was der Staat für Euch reserviert,

ist das Ehrenamt dort, wo er nicht funktioniert.

Ihr dürft auch Euer Maul aufreißen,

auf Demos grölen und Euch ereifern.

Doch mitbestimmen, wenn Ihr um Euer Leben rennt,

das überlasst dem Amt, das seine Vorschrift kennt.

Legt Euer Schicksal in Staatens Hände.

Er wird’s Euch richten bis zum Ende.

Der Elfenbeinturm der BT-Parteien

und die Paläste des Kapitals,

sie repräsentieren Demokratie.

Sie sind Gleichheit,

sie sind Einigkeit und Recht und Freiheit.

Kapiert das endlich

und hört gut auf Mutti‘s Botschaft

am Ende eines jeden Jahres.

Was in Euren jämmerlichen Wohnungen geschieht,

was sich in verwüsteten Heimaten der Welt vollzieht,

kenn ich nur vom Hörensagen.

Das reicht mir, kann ich Euch sagen.

Überlasst die Zukunft mir und den Eliten

Und erfreut Euch der staatlichen Piepen.“

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Einigkeit und Recht und Freiheit

für das deutsche Vaterland.

Macht Mauer weg und Tor weit auf,

das Kapital schon wartet lang darauf.

So genau der Schuss der Kanzlerin ist:

Er ging nach hinten los, gewiss.

Die Wut des Volkes schlägt um in Hass,

der langsam die Seelen der Menschen durchtränkt,

die immer noch an die Versprechen des Gesetzes glaubten.

Und was passiert mit diesem Hass

auf die Berliner Elfenbeinturm-Republik?

Politische Elite hat erste Zeichen von Gewalt erblickt.

Selbst Mutti hört, wie Hasstiraden immer wüster werden.

Wird Humanismus wie einst in Wahn ersterben?

Wie weit ist Deutschland entfernt vom Krieg?

Baut sich Politik und Kapital bereits die Bunker?

Eins steht wohl sicher fest im deutschen Tränen-Tal:

Beide, Politik und Kapital

wissen wieder einmal nicht,

wie so oft in deutscher Geschicht,

warum das Volk in Hass, Gewalt und Wahn

verliert sein menschliches Angesicht.

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Noch ein schönes Wochenende, CE

22:38 07.10.2016
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Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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