Oder der Wilde Sommer der Anarchie

Laurence (8) Achte Folge der Sommer-Novelle "Laurence", die langsam ihrem Ende zugeht. Angesichts der katastrophalen Flüchtlingssituation ist so eine Novelle beinahe eine Provokation
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Foto: Wikimedia Commons, Épicerie Fine (Delikatessen) in Aigre, Charente, Autor: Michael Clark

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Laurence oder der Wilde Sommer der Anarchie

Folge 8

Wie zwei umeinander flatternde und werbende Vögel begaben sich Laurence und Rudolf zur nahegelegenen ‚Épicerie Fine‘.

„Laurence, meinst Du nicht, es wäre besser, wir würden ganz normal im Lädchen einkaufen, wie sich das in Aigre gehört? Die gutmütige Ladenbesitzerin in ihren Fünfzigern wird bestimmt stutzig werden. Was soll sie von Dir denken, dass Du einmal mit François, das andere Mal mit mir im Laden flirtest? Zu ihrer Jugendzeit wäre Dein Verhalten mehr als eine Provokation gewesen.“

„Rudolf, das ist mir ganz egal. Du bist ja mitschuldig. Auch Du wärest vor dem Krieg mit schrägen Augen angesehen worden. Ich bin eben verliebt, verliebt in meine zwei Männer. Und das darf die ganze Welt wissen!“

Die beiden kauften frisches Obst, Käse und Baguettes fürs Frühstück ein. Auch ein Roter Bordeaux durfte nicht fehlen. Der Madame schien das verliebte Pärchen ganz und gar nicht die Laune zu verderben.

„Hauptsache, wir geben Geld aus,“ dachte sich Laurence. „Vielleicht ist sie aber auch neidisch auf die heutige Jugend, die so leben will, wie es ihr in den Sinn kommt.

Bevor sich die Frischverliebten auf den Weg zur Épicerie begeben hatten, liebten sie sich abermals bis zur Erschöpfung. Unter der Dusche fassten sie dann den Entschluss, nach einem ausgiebigen Frühstück mit beider Familiengeschichten fortzufahren. Das sollte aus Gründen der Zweckmäßigkeit am besten in Rudolfs Dachkammer geschehen. Da waren sie vor aller Augen und Ohren geschützt und konnten es sich im Bett bequem machen. Laurence sperrte das Fenster auf und ließ die Morgensonne herein.

„Rudolf, wie lange haben wir in der Nacht aneinandergeklammert geschlafen, als wollten wir den Anderen nicht hergeben? Auch heute Morgen spürte ich das gleiche Verlangen danach, Dich derart zu umfassen, Dich in mich ganz einzuschließen und nicht mehr herauszulassen. So ein Bedürfnis habe ich vorher nie gehabt? Lieben ja, mit allen Freuden, aber nicht so, wie wir es taten. Ich spüre eine neue Kraft in mir aufsteigen, als läge es ganz bei mir, Dich glücklich zu machen.“

Die beiden hatten es sich im Bett bequem gemacht. Laurence saß gegen Kopfkissen und Wand gelehnt, während Rudolf neben ihr lag und dabei seinen Kopf auf ihren Schoss bettete.

„Laurence, dieses Gefühl meinerseits, angstfrei ganz in Dich hineinkriechen zu wollen, habe ich auch nie vorher bei J. gehabt. Ich hätte mich vor ihr geschämt und mich schwächlich gefühlt. Du hast mir diese Angst genommen, mich schwach zu fühlen. So konnte sich mein Denken, an dem ich sonst selbst beim Liebesakt festhielt, auflösen in Nur-Noch-Fühlen, Nur-Noch-Sehnen. Meinst Du, ich bin noch normal?“

„Ich glaube, diese neue Erfahrung von uns beiden hat etwas mit menschlichen Ur-Sehnsüchten, mit Instinkten zu tun. In matriarchalischen Gesellschaften wird die Frau verehrt, weil sie Leben erschaffen kann, wie Mutter Erde. Sie sichert durch den gezielten Anbau von Nahrungs- und Heil-Pflanzen das Überleben der Familie, und in gleicher Weise garantiert sie durch das Gebären der Kinder ihr Fortbestehen. Frauen in diesen frühen Gesellschaften waren sich ihrer Kraft bewusst. Diese Schöpferkraft der Frau besitzt der Mann nicht. Und er erkannte sie an, in dem er Göttinnen schaffte und verehrte. Trotz aller körperlichen Kräfte hatte er Angst vor den Herausforderungen des Lebens. Erst durch die Vereinigung mit der Frau gewann er die nötige Kraft, um hinaus in die Welt zu gehen. Die patriarchalische Welt hat diese Instinkte als Schwäche gesehen, und um diese auszumerzen, hat das Patriarchat die Herrschaft des Mannes über die Frau gesetzt. Das hatte die Einschränkung seiner Liebesfähigkeit und die Einschränkung der Fähigkeit des Gebens zur Folge sowie das immerwährende Bedürfnis nach Macht und Herrschaft. Der Ausstieg aus dem ‚Paradies‘ des Matriarchats hat uns eine Welt des ewigen Krieges und Kampfes, der Herrschaft und Unterdrückung, des Leidens und der Not beschert. “

„Was Du vom Patriarchat sagst, stimmt sicher so. Das trifft auch auf mich zu. Doch mache ich mit Dir die Erfahrung, dass erst dieses offene Eingeständnis meiner Schwäche, dieses Schleifen meiner inneren Festung Erlösung und neue Stärke mit sich bringt. So jedenfalls empfinde ich das, wenn ich bei Dir bin. Du hast Recht, Deine Liebe zu mir, wenn wir uns umklammern, ist wie ein Schöpfungsakt. Ich fühle mich hinterher angstfrei, gestärkt, möchte jubeln wie ein kleines Kind. Sicher ist es so, dass Mann wie Frau nicht nur aus dem Einen oder Anderen zusammengesetzt sind, das heißt entweder aus Männlichkeit oder aus Weiblichkeit. Wie ich es mit Dir erfahre, meine ich, wir Menschen sind jeweils aus beiden Qualitäten konstituiert. Und das Schicksal bestimmt, in welchem Verhältnis das Männliche wie Weibliche in uns ist. Die Gesellschaft kann, wie Simone de Beauvoir es ausdrückt, von Geburt an die eine oder die andere Qualität befördern oder unterdrücken. Aber diese beiden Qualitäten sind unzweifelhaft in jedem Menschen von Beginn an vorhanden und warten darauf, dass wir sie entwickeln. Durch Dich weiß ich, dass neben meiner Virilität Weiblichkeit in mir steckt, und wieso soll ich mich dessen schämen? Es ist nicht die Weiblichkeit im Sinne Deiner Schöpferkraft, es ist die sogenannte gesellschaftlich verstandene Weiblichkeit im Sinne von Aufgabe von Machismus und damit Aufgabe von Herrschaft mir selbst gegenüber. Es ist die Fähigkeit, gänzlich nackt zu sein im Urvertrauen dem geliebten Menschen gegenüber und vielleicht später ebenso den Anderen gegenüber.“

„Wo wir schon bei stark und schwach sind, bei gesellschaftlich verstandener männlicher Stärke und beim ‚Schwachen Geschlecht‘: Welche Probleme hattest Du oder hast Du noch immer mit Deinem Vater?“

„Liebe Laurence, ich ahne, dass unsere Väter wie auch unsere Mütter vieles gemeinsam haben. Nicht umsonst entwickelten wir unabhängig voneinander unsere Lebensauffassungen vom Anarchismus. Ich will versuchen, Deine Frage so kurz wie möglich zu erklären. François habe ich auf der Tour nach Mouthiers schon viel aus meiner Familiengeschichte berichtet. Nun bist du dran.“

Als ob Rudolf Kraft für seine kommende Erzählung bräuchte, umarmte er liebevoll den Unterleib von Laurence, seufzte tief und hob nach einer kleinen Pause an: „So weit ich mich erinnere, hatten meine Mutter und mein Vater immer ein sehr distanziertes Verhältnis zueinander. Vielleicht war das einmal anders, als sie sich während des Studium in den schwierigen 30er Jahren kennenlernten. Ich weiß das nicht. Meine Mutter hat mir immer Liebe geschenkt. Jedoch habe ich nie eine zärtliche Geste zwischen meinen Eltern gesehen. Mein Vater war ein überzeugter Nazi, bis zum bitteren Ende des Krieges. Vielleicht ist er es in seinem Inneren bis heute geblieben und stellt als gefeierter Architekt nur eine demokratische Charakter-Maske ins Schaufenster der Öffentlichkeit des Nachkriegsdeutschlands. Selbstverständlich erzählte er nur im engsten Familienkreis über seine Kriegserlebnisse. Dabei hörte ich als kleiner Junge immer wieder seinen Stolz und seine Befriedigung heraus, wenn er vom Bunkerbau in La Rochelle sprach, und wie es ihm gelang, Tausende von Zwangsarbeitern zu diesem gigantischen Bau zu zwingen. Er lobte stets in höchsten Tönen Albert Speer und seine angeblich unübertroffenen architektonischen Leistungen, die dem ‚Übermenschen‘ Speer aus seinem schieren ‚Willen zur Macht‘ entsprungen wären. Diese Terminologie von Nietzsche interpretierte er fälschlicherweise im Sinne einer Rechtfertigung der Benutzung der ‚letzten Menschen‘, d. h. den ohne ‚Willen zur Macht‘ ausgestatteten Menschen, für die Zwecke des Übermenschen. Mein Vater kritisierte schon früh mein enges Verhältnis zu meiner Mutter und schalt mich des Öfteren ein ‚Muttersöhnchen‘. Durch Dich weiß ich heute, dass ich neben einem gesunden ‚Willen zur Macht‘, neben dem Streben nach Erkenntnis und Behauptung in einer feindlichen Umgebung, auch eine gesunde ‚Weiblichkeit‘, eine Sehnsucht nach Liebe, Fallenlassen, Gemeinsamkeit, Vertrauen und Geben habe. Ich werde mich zukünftig offen zu dieser mir innewohnenden Verschmelzung von Männlichkeit und Weiblichkeit bekennen. Das ebnet den Weg zur Freiheit und Liebe, den Weg zur Abwesenheit von Herrschaft endgültig.“

Laurence hatte Rudolf schweigend zugehört. Dabei hatte sie seinen Kopf fest gegen ihren Schoss gedrückt. Dann richtete sie sich plötzlich auf und lief in dem Zimmer auf und ab.

„Mein lieber Rudolf, Du warst aufrichtig zu mir. Du hast mir Dein volles Vertrauen geschenkt. Ich werde mich revanchieren. Nicht nur Du hast mich gebraucht, um Dich selbst zu entdecken. Jetzt brauche ich Dich auch, um mich von vergangenen bösen Geistern zu befreien. Ich muss jetzt hinaus, hinaus an den Fluss, wo wir gestern waren und uns zum ersten Mal liebten. Lass uns die Fahrräder nehmen, schnell, ich kann es kaum erwarten.“

Laurence rollten dicke Tränen über ihre Wangen. Rudolf umarmte sie fest. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie die Treppe hinunter zum Garten. Sie nahmen nur ein paar Badehandtücher mit und radelten schnurstracks in Richtung Verteuil. Nach einer Stunde erreichten sie den Charente-Fluss bei Chenon et Chenommet und ließen sich an derselben Uferstelle wie Gestern nieder. Außer Atem entledigten sie sich ihrer Kleider und warfen sich ins kühlende Wasser.

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Foto: Wikimedia Commons (2010), Charente-Fluss bei Chenon und Chenommet, Autor: Jack ma

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Still lagen beide im Halbschatten der Bäume, Sträucher und Blumen und lauschten den Vögeln und Insekten in ihrer Nachbarschaft. Es war noch so warm, dass sie sich unbekleidet auf den Handtüchern liegend dem frühen Nachmittag hingeben konnten. Beider Erregung hatte sich gelegt. Rudolfs einfühlsames Streicheln gab Laurence die nötige Kraft, die Geschichte ihrer Mutter zu erzählen.

„Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr wohnte meine Mutter mit der Großmutter im Hause der Familie des jung verstorbenen Großvaters. Dessen Eltern waren Gymnasiallehrer an einem bekannten Lyzeum in Oran. Diese drangen darauf, dass ihre Enkeltochter, meine Mutter, schon früh eingeschult wurde und die bestmögliche französische Schulausbildung bekam. Meine Großmutter, die nur ein paar Jahre in einer Dorfschule in der Kabylei auf dem Buckel hatte, Schreiben und Lesen und vor allem phantastisch über die Geschichte und Kultur der Kabylen erzählen und singen konnte, besorgte die andere Hälfte der Erziehung meiner Mutter. Dabei übermittelte sie ihre Muttersprache, die Traditionen ihres Volkes und ihre eigene Unabhängigkeit an ihre Tochter. So wuchs meine Mutter in zwei Kulturen gleichzeitig auf, der französischen und der Kultur der Kabylen. Dank der Tatsache, dass meine Mutter ebenso intelligent, schön, stolz und für die Franzosen exotisch wirkte wie meine Großmutter, sorgte sie auf der Universität in Algier, wohin sie die Großeltern väterlicherseits schickten, sogleich für Furore unter den Studenten. Unter den jungen Männern, die meiner Mutter den Hof machten, war mein Vater, der Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie aus Oran. Dank der finanziellen Zuwendungen seiner Familie führte er den aufwendigsten Lebensstil aller Studenten und hatte um sich eine Schar von verwöhnten Söhnen und Töchtern der ‚weißen‘ Haute Volée aus der Kolonie versammelt. Ideologisch standen diese in scharfem Gegensatz zu den sozialistischen und kommunistischen Studentenzirkeln, die auch den Kontakt zu den muslimischen Studenten suchten. Um es abzukürzen: Das Zusammentreffen von meinem Vater mit meiner Mutter war wie das Zusammentreffen von Wasser und Feuer. Nur kurz währte das heftige Buhlen meines Vaters um meine Mutter, dann hatten sie sich ineinander verliebt. Der äußere Glanz des Geldes hatte meine in Liebesdingen unerfahrene Mutter geblendet. Schon nach kurzer Zeit wurde sie mit mir schwanger und mein Vater hielt um ihre Hand an. Die Hochzeit fand mit Pomp inmitten einer Gesellschaft der reichsten Kaufmannsfamilien in Oran statt, und kurz darauf erfolgte die Übersiedlung von Algier nach Oran. Damit begann der Leidensweg meiner Mutter. Das Wasser schwappte über das Feuer und löschte es in einem Zug.“

Wieder füllten sich Laurence‘ Augen mit Tränen, die ihr Rudolf behutsam wegküsste. „Laurence, ich möchte Dich nicht drängen. Aber wenn Du willst, kannst Du mir die volle Wahrheit über Deine Mutter getrost anvertrauen. Sie wird unter uns bleiben, das verspreche ich Dir.“

„Rudolf, wir lebten in Oran in einem riesigen Haus mit parkähnlicher Gartenanlage im privilegiertesten Stadtviertel. Meine Schwester und ich teilten uns ein geräumiges Kinderzimmer. Meine Großmutter wohnte in einem Anbau. Es geschah mitten in der Nacht. Ich wachte schweißgebadet auf. Es war, als ob ich Schreie aus der Richtung des Elternschlafzimmers gehört hätte. Ich war damals in der zweiten Grundschulklasse, sieben Jahre alt. Meine fünfjährige Schwester schlief fest wie immer. Auf Zehenspitzen schlich ich durch die Tür auf den langen Flur, an dessen Ende das Schlafzimmer der Eltern lag. Die Schreie wurden lauter. Ich bekam fürchterliche Angst um meine Mutter. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, wie ich den Mut besaß, durch die Ritzen der hölzernen Schlafzimmertür zu blicken. Ich erstarrte, als ich sah, wie mein Vater meine Mutter, die jetzt nur noch still vor sich hinwimmerte, zwang, mit ihm Sex zu haben. Ich hatte damals Todesangst um meine Mutter, die regelrecht vergewaltigt wurde. In meiner Verzweiflung lief ich zur Großmutter und berichtete ihr von dem Geschehnis. Sie nahm mich mit in ihr Bett, um mich zu beruhigen. Sie meinte, ich würde das später verstehen lernen. Das geschähe manchmal zwischen Erwachsenen. Leider käme das zwischen den Eltern häufiger vor. Aber ich sollte keine Angst um meine Mutter haben. Rudolf, mit dem Älterwerden verstand ich, dass es keine Liebe zwischen meinem Vater und meiner Mutter gab, schon von der Heirat an nicht. Meine Mutter hatte eine traditionelle Rolle in dem französischen Kolonialisten-Haushalt zu spielen, in der sie den Sexgelüsten ihres Ehemanns hilflos ausgeliefert war, und in der sie in der Gesellschaft die schöne Trophäe eines virilen und reichen Kaufmannes vorzuspielen hatte. Ihr Feuer war wortwörtlich erloschen. Meine Eltern teilten keine Interessen, keine Toleranz vor der anderen Kultur und vor dem anderen Geschlecht. Für meinen Vater zählte nur die unbedingte Unterordnung unter sein Patriarchat; es zählte der Reichtum und seine Geschäfte. Meine Mutter durfte ohne ihn nicht außer Haus. Die Familiensituation änderte sich erst halbwegs im Frühjahr 1962, als absehbar war, dass die Unabhängigkeit von Algerien jederzeit Realität werden könnte und De Gaulle die Verhandlungen mit der Nationalen Befreiungsfront FNL vorantrieb. Da kaufte mein Vater ein Haus in Nizza, und wir Frauen verließen Hals über Kopf Algerien, um uns dort neu einzurichten. Mein Vater blieb noch in Oran, um die rechte französisch-nationalistische Terrorgruppe OAS (Organisation de l’Armée secrète), die mit allen Mitteln die Unabhängigkeit Algeriens zu boykottieren suchte, zu unterstützen. In Oran zerstörte die OAS zahlreiche kulturelle Einrichtungen, die man einem unabhängigen muslimischen Algerien nicht überlassen wollte und veranstaltete Bombenattentate gegen FNL-Mitglieder. Meinem Vater gelang es noch vor dem Racheakt der FNL in Oran, am 5. Juli 1962, aus der Stadt nach Nizza zu fliehen. Die FNL veranstaltete an diesem Tag ein grausames Massaker, bei dem Tausende von Europäern als Vergeltung für mehr als hundertjährige französische Kolonisierung ermordet wurden. Rudolf, das Schlimme an der Geschichte meiner Mutter ist, dass sie das Opfer der sexuellen Ausbeutung und Unterdrückung durch meinen Vater bis heute auf sich genommen hat, um, wie sie uns Schwestern erklärte, uns ein zukünftiges unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, wie es die Frauen der Kabylei zumindest innerhalb der Familien stets im Laufe der Geschichte geführt haben. Und Großmutter meinte, das Opfer der Mutter sei vergleichbar mit dem von Dihya, die durch ihre Hinrichtung durch das Schwert das Leben ihrer Söhne retten wollte. So Rudolf, jetzt weißt Du, was mich und meine Schwester verfolgt. Aber wir haben uns geschworen, dass wir, wenn wir genügend eigene Mittel haben und von meinem Vater unabhängig werden, unsere Mutter aus dieser Ehe herausholen werden und sie in die Freiheit mitnehmen, zusammen mit unserer geliebten Großmutter. Von Dir wünsche ich mir, dass dieses Familiengeheimnis unter uns beiden bleibt. Ich weiß nicht, ob ich es eines Tages mit François teile. Noch bin ich nicht bereit dazu.“

Langsam verdrängte die kühle Luft über dem Charente-Fluss die warme Luft der Uferböschung. Die beiden Liebenden zogen sich ihre Kleider über und machten sich auf den Heimweg. Diesen Tag der Offenbarung wollten sie mit einem guten Rotwein ausklingen lassen. Da am morgigen Tag mit der Rückkehr von François zu rechnen war, wollte Laurence in ihrem Bett schlafen. Sie machte mit Rudolf aus, dass beide François ihr Liebesverhältnis erst offenlegen wollten, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen sei. Dann würde es sich auch herausstellen, wie es mit den Dreien weiterginge.

Die Heimfahrt nach Aigre durch die wunderschöne Landschaft der Charente beruhigten Herz und Sinne. Kurz bevor sie Aigre erreichten, machten Laurence und Rudolf noch einen letzten Halt an einem der mittelalterlichen Hügelgräber von Tusson, wo sie sich wie schon so oft in Ortschaften der Charente an die Zeit der Kreuzzüge erinnert fühlten.

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Foto: Wikimedia Commons (2012), Mittelalterliches Hügelgrab bei Tusson, 5 km vor Aigre, Charente, Foto: Rosier

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Schluss der achten Folge

Die neunte Folge wird bald erscheinen.

Noch ein schönes Wochenende,

LG, CE

20:28 05.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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