Schirrmacher, Krautreporter

Vierte Staatsgewalt Vertreter des Volkes oder Eigengewächs oder Büttel der Nationalen Oligarchie
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Foto: Hermann Gebauer (20. Mai 2014), Wahlplakat der CDU in Stralsund zur Europa-Wahl am 25. Mai 2014 (Das Warum des Fotos wird aus dem Beitrag ersichtlich)

Gerade wieder in Panamá zurück von der Deutschlandreise überfallen mich zwei Nachrichten aus der Heimat: Schirrmachers Tod und die Geburt der Krautreporter.

Als gründlicher Ignorant der deutschen Medienlandschaft und seiner jüngeren Geschichte gestehe ich, erst einmal mit beiden, Schirrmacher und Krautreportern, nichts anfangen zu können. Ich hatte von beiden bisher nichts vernommen, obwohl doch Schirrmacher laut Beileidsbekundungen (siehe auch der Freitag) der „Zampano“ (hier im positiven Sinne) der deutschen Medienlandschaft gewesen sein soll und die Krautreporter eine selbsternannte, ehrenwerte Journalistentruppe darstellt, die danach trachtet, neue, vom schnöden Kapital unabhängige Horizonte der Vierten Macht zu eröffnen.

Von derlei öffentlichem Lob und Eigenlob - sicher ist auch Kritik dabei, Neider, Pessimisten und Gehässige gibt es immer - aus traurigem (Tod von Schirrmacher) wie auch freudigem Anlass (Geburt der Krautreporter) überwältigt, stelle ich an beide Protagonisten der Medien die Fragen bzgl. unserer deutschen Gesellschaft, die mir am meisten auf den Nägeln brennen, und die sie als Vierte Macht im Staate und „Vertreter des Volkes“ gegenüber der Staatsmacht ebenfalls (hoffentlich) öffentlich gemacht haben (Schirrmacher) bzw. machen sollten (Krautreporter). Leider kann Schirrmacher nicht mehr persönlich antworten, jedoch wird es sicher Hinweise in seinen Werken geben, wird er doch allseits als der große deutsche Zukunftsdenker dargestellt.

Lieber Herr Schirrmacher, liebe Krautreporter:

1. Ist Ihnen aufgefallen, dass unser deutsches Vaterland seit 1949 eine unvollendete Demokratie darstellt, die zwar laut Verfassung Volkssouveränität verspricht, dessen Bewohner aber permanent als Untertanen einer Bundestags-Parteien-Diktatur (gelenkt vom deutschen Großkapital) behandelt werden, die lediglich alle vier Jahre die drei Staatsgewalten (via BT-Wahl) abzunicken haben? Wie haben Sie sich zu diesem Grundproblem der unvollendeten deutschen Demokratie gestellt (Schirrmacher) bzw. wie werden Sie sich dazu stellen (Krautreporter).

2. Konnten Sie sich vorstellen (Schirrmacher) bzw. können Sie sich vorstellen (Krautreporter), dass das Internet ein technisches Hilfsmittel darstellt, dass zukünftig Volksentscheide in wichtigen Fragen und somit eine soziale Kontrolle der Staatsgewalten möglich machen kann? In diesem Sinne: Dass das Internet bei Abschaffung von Parteienfinanzierung und Finanzierung von parteinahen Stiftungen (die die größte Lobby der BT-Parteien darstellen) den parteiunabhängigen zivilgesellschaftlichen Organisationen den gleichen Zugang zur Teilhabe an politischer Verantwortung und Macht ermöglicht wie den politischen Parteien (Volkssouveränität)?

3. Ebenfalls das Internet betreffend: Hielten (Schirrmacher) bzw. halten (Krautreporter) Sie es für nützlich, besser gesagt notwendig, dass sich durch das technische Hilfsmittel des Internets eine unabhängige Medienlandschaft jenseits der etablierten Medien entwickelt, das völlig frei von Kapitaleinflüssen und auch professionellem Journalismus existiert und ein Medium der Zivilgesellschaft für die Zivilgesellschaft darstellt, d. h. die Demokratie weiter vertiefen hilft und den Untertan langfristig zum Bürger befördert, der zukünftig in der Lage sein wird, die drei klassischen Gewalten und die Vierte Gewalt zu kontrollieren? (Es geht schließlich um die Freiheit des Bürgers und seine Souveränität, nicht um die verselbstständigte Macht der vier Gewalten im Staat)

4. Jetzt zur gegenwärtigen Wirtschaftsform der Republik: Sicher ist Ihnen aufgegangen, dass das Kapitalismus-Modell der Republik absolut nichts mit Sozialer Marktwirtschaft zu tun hat. Seit 2000 (Schröder/Fischer mit Agenda 2010) hat sich der Armenanteil fast auf 30% der Bevölkerung erhöht. Parallel zur Einführung des Euros in derselben Zeitspanne hat sich die Armut und Arbeitslosigkeit in den übrigen europäischen Ländern dramatisch verschlechtert. Besserung ist in beiden Fällen nicht zu erwarten. Wie war bzw. ist ihre Haltung gegenüber der zukünftigen Herausbildung eines ökonomischen Paradigmas jenseits von Kapitalismus und Sozialismus?

4. Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass Deutschland seit Einführung des Euro immer mehr als Hegemonialmacht in Europa gesehen wird, das mit seiner unsolidarischen Haltung gegenüber Resteuropa das europäische Projekt, das uns bisher langen Frieden beschert hat, infrage stellt, wie ganz deutlich bei der Europa-Wahl zu sehen war. Diese war eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der Kanzlerin und ganz Deutschlands. Meinen Sie, dass die Häuslebauer-Mentalität der Deutschen im privaten Leben auch ein gültiges Rezept im gesamteuropäischen Rahmen darstellt (Merkels Totspardiktat)?

5. Wäre es nicht seit dem Fall der Mauer an der Zeit gewesen, im Sinne von Friedensstiftung, mit Russland und der Ukraine europäische Freundschaftsverträge einzugehen, ungeachtet der Einsprüche vonseiten der USA? (Das würde auch bedeuten, dass Europa sich gegenüber den USA aus der Vasallen-Position befreit.)

6. Seit Einführung der Anti-Baby-Pille in den 60er Jahren wissen besonders wir Deutschen, dass wir einem Bevölkerungsrückgang mit Überalterung entgegengehen, der nur durch Einwanderung ausgeglichen werden kann, falls wir das wünschen. Wir wissen auch, dass die Prosperität in Europa gegenüber den uns umgebenden Regionen zunehmend Wirtschaftsmigranten anlockt. Das hat es in der Geschichte immer gegeben. Migration ist ein universales Menschenrecht. Auch Millionen Deutsche haben in vergangenen Jahrhunderten neue Heimaten mit besseren Lebensbedingungen gefunden. Leider hat die deutsche und internationale Entwicklungshilfe seit dem Zweiten Weltkrieg zugunsten der heimischen Wirtschaften die Ausplünderung und Verarmung der europäischen Nachbarregionen trotz vollmundiger gegenteiliger Beteuerungen mir Verve vorangetrieben, so dass wir in den nächsten Jahrzehnten einer Zuwanderung von Hunderten von Millionen armer Menschen entgegensehen. Sollte es angesichts eines Szenariums von Einwanderungsbedarf auf europäischer Seite und ungeheuren Entwicklungsbedarfs auf Seiten unserer Nachbarn nicht notwendig sein, umgehend gezielte Einwanderung zuzulassen und parallel eine effektive und effiziente europäische Ausbildungsinitiative in den Nachbarregionen zu starten, um die dortigen Entwicklungsgrundlagen zu fördern? Die gegenwärtige deutsche und europäische Politik braucht in dieser Hinsicht eine sofortige Korrektur, wenn wir die Lebensgrundlagen und den Frieden für zukünftige Generationen sichern wollen.

Zum Abschluss meiner wichtigsten Fragen an Schirrmacher und die Krautreporter kann ich vom Ersteren vielleicht über seine Werke Antworten erhalten und von den Krautreportern hoffen, dass sie sich auf den Hosenboden setzen und nicht nur tönen (Obwohl mir durchaus bewusst ist, wie hart das materielle Überleben in der Republik geworden ist, wenn man nicht im Mainstream schwimmt. Allein das verdient Anerkennung.).

Allerdings: Das Entstehen von Meinungsmedien jenseits von Kapital und professionellem Journalismus ist vorrangig Priorität, wenn wir es mit der Demokratie ernst meinen.

LG aus Panamá, CE

08:17 15.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Reise über das Meer".
Costa Esmeralda

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