Stunde der Zivilgesellschaft

Flüchtlingsproblematik Das 21te Jahrhundert wird ein Jahrhundert weltweiter Wanderungen. Einzig Zivilgesellschaften werden Integration nachhaltig lösen können.
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Foto: Flüchtlinge im mosambikanischen Bürgerkrieg (1979 – 1992), Autor: Hermann Gebauer, Reproduktion eines Fotos aus dem Norden Mosambiks (Nampula-Provinz)

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Wer über 70 Jahre nach dem 2. Weltkrieg Elend und Ausbeutung sät, wird dafür 100 Jahre lang in die Pflicht genommen werden. Der weltweite Kapitalismus wird zur Kasse gebeten werden. Nur die bisher passiv an der Seite stehenden Zivilgesellschaften werden dieses Jahrhundert-Problem weltweiter Wanderungen dauerhaft lösen können.

Ich habe hier schon mehrfach auf die historische Schuld der Metropolen an der gnadenlosen Ausbeutung der Peripherie seit dem 2. Weltkrieg hingewiesen. Dem globalen Kapital waren die Verwertung natürlicher Rohstoffe nebst Verwertung billigster Arbeitskräfte oberstes Gebot, nicht eine soziale, globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit für die Menschheit und die Natur. Jetzt stößt dieses todbringende System an seine Grenzen.

Die Menschen in den Metropolen, in Deutschland und Europa, sind aufgeschreckt. Reiben sich die Augen. Schlagen sich gegenseitig auf die Schultern und rufen sich Mut zu:

„Wir schaffen das!“

Regierungen ernennen neue verantwortliche Krisenmanager. Finanzminister öffnen widerwillig öffentliche Schatullen, die brave Untertanen füllen. Kapitaleigner fragen sich zum x-ten Mal, wie sie aus der Krise neue Extra-Profite quetschen können. Internationale Finanzinstitutionen im Verein mit Zentralbanken und nationalen Großbanken elaborieren Krisenstrategien, um ihre eigene Haut zu retten. Gefräßige politische Parteien diskutieren ohne Ende, wie sie ihre Wähler-Klientel bei der Stange halten oder besser vergrößern können. Daran hängt ja ihre eigene jämmerliche Knete. Und alle Verantwortlichen dieses menschenverachtenden gesellschaftlichen Systems appellieren wieder einmal unisono:

„Anständige, wir schaffen das! Kommt aus Euren Löchern. Zeigt Willkommenskultur! Stellt Eure Empathie und Solidarität kostenlos zur Verfügung. Politik, Staat und Wirtschaft brauchen Euch ("liebe Untertanen") jetzt in der Stunde der Not der Rettung unseres geliebten gesellschaftlichen Herrschafts-Systems.“

Die Antwort auf diesen Appell an die Zivilgesellschaften darf nur lauten:

„Wir nehmen die Herausforderung an. Aber nur unter Bedingungen: Ab jetzt muss die Zivilgesellschaft historisches Subjekt werden und Wanderungen und Integration eigenverantwortlich, nachhaltig und planvoll in die Hand nehmen. Integration kann nie nachhaltig über Kommandostrukturen der Politik, des Staates und der Wirtschaft gelingen. Nur gastgebende Zivilgesellschaften selbst können wandernde Zivilgesellschaften auf Dauer friedfertig und menschenwürdig in die eigene Gesellschaft eingliedern. Soll diese größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts erfolgreich sein, muss sich die Machtverteilung im Staat so ändern, dass die Zivilgesellschaft endlich Souverän im Lande wird, wie es das Grundgesetz verlangt.“

Dazu mein dringender Vorschlag:

In allen Gemeinden in Deutschland, und auch in Gemeinden europäischer Nachbarländer, sollten sich umgehend eingetragene Vereine bilden (sogenannte Integrations-Komitees), die sich verantwortlich dem Problem der Integration annehmen. Diese Vereine (e.V.) mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, sollten aus öffentlichen Kassen die notwendigen finanziellen Mittel bekommen, um „haupt- und nebenamtliche“ Mitarbeiter anstellen und für jede Gemeinde einen „Integrations-Plan“ ausarbeiten zu können. Niedriglöhner, HartzIVler, Arbeitslose, Asylanten selbst können und sollen dabei in Brot und Arbeit kommen. Öffentliche Behörden, Wirtschaft, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Rote Kreuz sollten in Beiräten vertreten sein und nach besten Kräften beitragen, dass der „Integrations-Plan“ erfolgreich umgesetzt wird.

In diesen Vereinen sind selbstverständlich ehrenamtlich tätige öffentliche Angestellte und Arbeiter, sowie auch Mitglieder von politischen Parteien (letztere aber nicht als Parteisoldaten sondern als schlichte Bürger) willkommen. Aber eine solche landes- und europaweite Vereinsbewegung muss unabhängig von Politik und Wirtschaft bleiben. Oberstes Prinzip ist:

Gast-Zivilgesellschaft ist verantwortlich für Flüchtlings-Zivilgesellschaft.

Wenn Politik und Wirtschaft, die das ganze Dilemma der Wanderungen durch 70 Jahre verfehlter Politik zu verantworten haben, jetzt nicht begreifen, dass sie endlich ihre falsch verstandene Herrschaft und ihr mangelhaftes Demokratie-System aufgeben müssen, dann sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, sondern nur nacktes Grausen.

Der Glaube auch, mit dem Ende des Syrien-Krieges sei alles wieder einmal erfolgreich überstanden, ist eine Schimäre. Afrika steht vor Europas Türen. Das ist Europas Erbe und Verantwortung. Daran geht kein Weg vorbei. Auf den Zivilgesellschaften lastet eine Jahrhundertaufgabe.

Noch eine schöne Rest-Woche!

LG, CE

20:34 07.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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