Wider die Mär von SOZIALER-Marktwirtschaft

SOLIDAR-Wirtschaft 4 Beitrag über Solidar-Wirtschaft, Soziale Marktwirtschaft, solidarische Ökonomie in Brasilien und Frauen-Kooperativen in Honduras und Mosambik in fünf Folgen
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Foto: Frauen-Kooperative COMUCAP (2013), Marcala, Honduras

Liebe dFC,

Seitdem Union und SPD jetzt gemeinsam das „Hohe Lied“ der (UN)-SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT singen, uns zukünftig zum Großen Genmais-Fressen ins Kanzleramt einladen, wo wir dann die Behandlungs-Resultate des MERKELSCHEN TOTSPARDIKTATES bezüglich unserer „kranken europäischen Brüder“ serviert bekommen, die sich doch tatsächlich schäublegleich am eigenen Haarschopf aus dem Dreck gezogen haben, und wir dann vom aufgeräumten Vizekanzler die rosigen Aussichten unserer kapitalistischen deutschen Zukunft vernehmen, möchte ich bescheiden daran erinnern: Es gibt auch ein Wirtschaften außerhalb von Kapitalismus und Sozialismus, nämlich die SOLIDAR-WIRTSCHAFT. Vielen von Euch wird sie zumindest dem Namen nach bekannt sein, Einige werden sie ausprobiert haben.

Ich werde hier in fünf Folgen meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu dieser Wirtschafts- aber auch Lebensform einstellen (selbstverständlich nicht in „wissenschaftlicher“ Form, das überlasse ich Uniseminaren).

Die erste Folge beschäftigt sich mit der Definition der Solidar-Wirtschaft.

Die zweite bezieht sich auf unsere verehrte „Soziale Marktwirtschaft“ (für mich „Unsoziale Marktwirtschaft“), die die deutsche angeblich „humane“ Variante des Kapitalismus beleuchtet, und die nach herrschender Auffassung der politischen und wirtschaftlichen Oligarchie im Lande (jetzt mit Verve von der GROKO inszeniert) den Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung markiert, die keiner weiteren Fortentwicklung bedarf.

Die dritte Folge geht auf die Bedeutung der Solidar-Wirtschaft in Brasilien ein.

Die Vierte beschreibt ein Beispiel in Honduras (Frauenkooperative COMUCAP in Marcala).

Die fünfte Folge beschäftigt sich mit der Union der Frauenkooperativen (UGC) in Maputo, Mosambik.

Folge 4

Frauen-Kooperative COMUCAP in Honduras

Die Lenca-Frauen-Kooperative COMUCAP (Coordinadora de Mujeres Campesinas de La Paz) im Kreis Marcala des Departements von La Paz in Honduras muss sich in einem denkbar schwierigen gesellschaftspolitischen Umfeld behaupten (Das indigene Volk der „Lenca“ ist das einwohnerstärkste von insgesamt neun autochthonen Völkern, davon sieben indigene Völker und zwei afrika-abstämmige, in Honduras mit einer geschätzten Einwohnerzahl von etwa 1 Million. Siehe auch H. Gebauer, „Plan Estrategico de los pueblos autóctonos“ und „Nota Técnica sobre los pueblos autóctonos de Honduras“, 2007/2008).

Seit etwa drei Jahren ist das zentralamerikanische Land Honduras mit heute 8,6 Mio. Einwohnern (112.000 km2 Oberfläche) das Land in der Welt mit der weitaus höchsten Mord-Rate (91/100.000 Einwohner, vgl. dazu Veröff. des Büros der UN zur Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung). Im Vergleich dazu ist die Rate in Mosambik etwa 9/100.000 Einwohner (2011) und in Deutschland 0,8/100.000. Das bedeutet, dass in Honduras etwa 100 Mal mehr Morde im Jahr registriert werden als in Deutschland und 10 Mal mehr als in Mosambik.

Wie ist dieses kleine Land mit seinen überaus liebenswürdigen und friedfertigen Menschen, was ganz besonders auf die autochthonen Völker zutrifft (insg. etwa 15% der Gesamtbevölkerung), seit 2006 in den Strudel eines „failed states“ und „Narco-Staates“ hineingerutscht? Wie schwer ist es besonders für die Frauen und Kinder der indigenen Völker, sich einer tödlichen gesellschaftlichen Abwärtsspirale entgegenzusetzen? Was kann von dem Beispiel der Lenca-Frauen-Kooperative COMUCAP gelernt werden?

Ebenso wie andere lateinamerikanische Staaten leidet Honduras (Unabhängigkeit vom spanischen Kolonialismus 1821) bis heute unter dem gesellschaftspolitischen Erbe der Kolonialzeit, das heißt der „Drei-Klassen-Teilung“ in: 1. Nationale Oligarchie (bis Beginn XX Jh. spanisch-abstämmige Agrar-Oligarchie, die im Laufe des letzten Jahrhunderts durch die aus dem Nahen Osten – Palästina, Israel - stammenden Immigranten ersetzt wurde. Heute kontrolliert diese größte Immigrantengemeinde aus dem Nahen Osten in Lateinamerika – insgesamt mehr als 300.000 – die nationale Politik und Wirtschaft). 2. Nationale Mittel- und Unterklasse, aus der Vermischung mit indigenen Völkern hervorgegangen. 3. Afrika-Abstämmige (4% der Gesamtbevölkerung) und Indigene Völker (11% der Gesamtbevölkerung.

Honduras und Nicaragua sind die beiden ärmsten zentralamerikanischen Staaten. Honduras weist 60% arme Bevölkerung (Einkommen unter 2 US$/Kopf/Tag) auf und 40% extrem Arme (unter 1 US$/Kopf/Tag), worunter beinashe alle indigenen Völker fallen, die zu 70 bis 80% auf dem Lande leben, darunter zur Hälfte im Kaffeeanbau tätig (überwiegend Lencas). Die afrika-abstämmige Bevölkerung an der Karibikküste des Landes lebend (Garifuna und englisch sprachige Schwarze) zählen mehrheitlich zur unteren Mittelklasse und haben durch die Migration von Familienangehörigen ins Ausland und im Inland einen Lebensstandard erreicht, der Bildung bis zur Sekundarstufe und Grundgesundheitsversorgung sicherstellt.

Honduras produziert und exportiert hauptsächlich agrarische Produkte (besonders Kaffee, Bananen, Ananas, Melonen, u.a. sowie Fleisch), profitiert von den Transferzahlungen seiner mehr als 1 Mio. Arbeitsemigranten und der „Geldwäsche“ des organisierten internationalen Verbrechens (geschätzte mehr als 2 Mrd. US$/Jahr, laut einer von der Konrad Adenauer Stiftung gesponserten Untersuchung). Das internationale Verbrechen hat sich in Honduras seit 2006 krebsartig ausgebreitet, verursacht durch die militärische Bekämpfung der Drogenkartelle in Mexiko, die im Grenzgebiet von Guatemala, El Salvador und Honduras mithilfe der aus den USA ausgewiesenen Jugendbanden („maras“) ein neues internationales Verbrechenszentrum aufgemacht haben, um den Kokain-Handel ins nördliche Amerika abzusichern.

Das Volk der Lenca ist insbesondere in dem bergigen, mit Nadelholz bestandenen Grenzgebiet zu El Salvador zuhause, wo auf Höhen zwischen 700 und 1.400 m über dem Meeresspiegel gute Kaffeeanbaumöglichkeiten existieren. Noch ist ihr Siedlungsgebiet weitgehend in der Hand ihrer Familien, die auf kleinen Parzellen „milpa“ zur Eigenversorgung pflegen (gemischter Anbau von Mais, Bohnen und Kalebassen) sowie Kaffee im Halbschatten der Bäume anbauen, um zusätzliches Geldeinkommen zu erzielen.

SOLIDAR-Wirtschaft unter den Lenca und den übrigen indigenen Völkern, traditionell ein System der „Gegenseitigen Hilfe“, ist eine notwendige Überlebensstrategie gegenüber der Mestizen-Gesellschaft und der Nationalen Oligarchie; das vor allem aus Gründen der Verteidigung des ererbten Siedlungsgebietes und Kulturerbes sowie der Verteidigung politischer wie ökonomischer Rechte im multiethnischen Nationalstaat. Trotz dieser Solidarsysteme (die meisten Familien sind in Kooperativen - landwirtschaftliche, handwerkliche und Kredit- und Spar-Kooperativen – organisiert) sind die materiellen Lebens-Verhältnisse der Lenca und anderer indigener Völker durch extreme Armut, geringe Schulbildung (durchschnittlich 5 Jahre Schulausbildung), erhöhte Kinder- und Müttersterblichkeit und erhöhte Fruchtbarkeitsziffern der Mütter gekennzeichnet.

Welche Überlebensstrategie hat die LENCA-FRAUEN-KOOPERATIVE COMUCAP gewählt, um in diesem feindlichen nationalen Umfeld in Würde zu bestehen und nachfolgenden Generationen verbesserte Lebensbedingungen zu gewährleisten?

Dazu führe ich meine freie Übersetzung aus dem Spanischen eines Artikels der Tageszeitung El Heraldo vom 28.8.2013 an:

Marcala, La Paz, Honduras

Die schlechte Behandlung und Marginalisierung, denen sich die Lenca-Frauen ausgesetzt sahen, hat sich in eine Gelegenheit gekehrt, sich weiterzubilden und nachahmenswertes Beispiel für Andere zu sein. Es begann mit einem Radioprogramm über die Rechte der Frauen und führte bis zum heutigen Tag zu einem erfolgreichen wirtschaftlichen Projekt. Aktuell sind 256 Lenca-Frauen aus vier Kreisen, einschließlich Marcala, Mitglieder der Kooperative. In jeder dieser vier Kreise verbessern sich die Lebensbedingungen aufgrund der Produktion von organischem Kaffee, Sábila (Aloe Vera), Brombeeren, Orangen, Uchuva (kleine gelbe, vitaminreiche Frucht) und organischem Dünger. (Im letzten Jahr begann auch die Aussaat von La Masica und Gravilea, zwei Baumsorten, die erste wegen ihrer vitaminreichen Samen geschätzt, die zweite zum Schattenspenden für die Kaffeestauden. Des Weiteren wird der Gemüseanbau gefördert, um die Reichhaltigkeit der Ernährung zu verbessern. H.G.).

Alle Produkte werden nach der Ernte von den Frauen der Kooperative weiterverarbeitet, um einen Mehrwert auf dem nationalen und internationalen Markt zu erzielen. Für den Kaffee besitzt COMUCAP ein Weiterverarbeitungszentrum, wo der Kaffee geröstet und danach zum Export verpackt wird. In den letzten drei Jahren wurde zertifizierter Kaffee nach Deutschland und in die USA exportiert. 2013 wurden sieben Container mit jeweils 19 Tonnen geröstetem organischen Kaffee exportiert. Die Kooperative bearbeitet ca. 100 ha mit Kaffee, die von den Frauen und ihren Familien selbst verwaltet werden. Zur Zeit der Ernte und Verarbeitung (Rösten und Mahlen) entstehen zusätzliche Arbeitsplätze. Allerdings wären diese Erfolge ohne Unterstützung von internationalen NGOs nicht möglich geworden. (Etwa 120.000 Kleinbauern und Landarbeiter waren in 2013 im Kaffeeanbau in Honduras beschäftigt, davon waren etwa 10% in Kooperativen organisiert; darunter hauptsächlich Lenca-Kooperativen. Der honduranische Kaffee-Export hat 2013 einen Rekorderlös von 1,4 Mrd. US$ erbracht und wurde so zum wichtigsten landwirtschaftlichen Exportprodukt. Die Vermarktung und Verarbeitung des Rohkaffees wird allgemein von großen Exporteuren und Röstereien kontrolliert, die den Armutsstatus der kleinen Kaffeebauern perpetuieren. Aus diesem Grunde strebte die Lenca-Kooperative die eigene Weiterverarbeitung des Rohkaffees in Form von zertifiziertem organischen Kaffee an. H.G.)

Sábila (Aloe Vera) wird ebenfalls zu verschiedenen Produkten weiterverarbeitet. Das ganze Jahr über werden pro Monat knapp 2 Tonnen Aloe Vera verarbeitet zu essbarem Gel, Seife und Haarwaschmittel. Diese Produkte sollen jetzt nach Costa Rica exportiert werden.

Die Präsidentin der Kooperative Maria Elena Méndez sagte, dass die Kooperative in den zwanzig Jahren ihres Bestehens Ziele erreicht hat, die anfangs unvorstellbar waren.“Was mich anbetrifft, so habe ich neue Fertigkeiten erlernt und kann mich jetzt selbst im Leben verteidigen und die Erziehung meiner Kinder fördern.“ Zwei ihrer vier Söhne sind Buchhalter geworden und die jüngeren sind noch in der Schule. In den letzten beiden Jahren hat Frau Méndez die Kooperative repräsentiert, nachdem sie in der Vollversammlung gewählt wurde. Zusammen mit ihrem Ehemann wird sie die Lebensbedingungen ihrer Familie weiter zu verbessern suchen.

Eine weitere Produktionslinie der Kooperative sind die 30 verschiedenen Fruchtweine auf Basis der lokalen Früchte.

(Schließlich muss die Anstrengung der Kooperative auf sozialem Gebiet hervorgehoben werden, vor allem bezüglich der Ausbildung der Frauen und ihrer Familien sowie auch die verbesserte Gesundheitsversorgung. H.G.)

Schlussfolgerung:

COMUCAP entstand aus der Einsicht der Lenca-Frauen, sich gegenüber dem Machismus ihrer eigenen indigenen Gesellschaft und der Ausbeutung durch die übrige honduranische Gesellschaft zu wehren und sich zu emanzipieren. Ihr Überlebenskampf gegen doppelte Ausbeutung mündete in die selbstbestimmte, solidarische Wirtschaftsform einer Kooperative, in der sie die ökonomisch erfolgversprechendsten natürlichen Ressourcen ihrer Heimat nachhaltig ausnutzen, diese bis zum Endprodukt verarbeiten und jetzt auch beginnen, die Kommerzialisierung auf dem in- und ausländischen Markt in eigene Hände zu nehmen. Auf ihrem bisher 20 Jahre dauernden Entwicklungsweg haben sie nicht nur gesunde landwirtschaftliche Güter in biologisch-organischem Anbau produziert und verarbeitet, sondern auch soziale Dienste wie Ausbildung und Gesundheit gefördert. Das erreichten die Frauen weitgehend ohne die Unterstützung des Staates. Allerdings muss betont werden, dass nicht nur die Gewinnung wirtschaftlicher Freiheit, sondern auch die der politischen ohne finanzielle und technische Unterstützung von außen (NGOs) über 2 Jahrzehnte hinweg nicht möglich geworden wäre.

LG, CE

17:52 14.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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