Wider die Mär von SOZIALER-Marktwirtschaft

SOLIDAR-Wirtschaft 5 Beitrag über Solidar-Wirtschaft, Un-Soziale Markwirtschaft, Solidarische Ökonomie in Brasilien, Frauen-Kooperativen in Honduras und Mosambik in fünf Folgen
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Foto: Logo der Vereinigung der land- und viehwirtschaftlichen (Frauen-) Kooperativen Maputo (UGC), Motto: "Indem wir produzieren, bilden und befreien wir uns"

Liebe dFC,

Seitdem Union und SPD jetzt gemeinsam das „Hohe Lied“ der (UN)-SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT singen, uns zukünftig zum Großen Genmais-Fressen ins Kanzleramt einladen, wo wir dann die Behandlungs-Resultate des MERKELSCHEN TOTSPARDIKTATES bezüglich unserer „kranken europäischen Brüder“ serviert bekommen, die sich doch tatsächlich schäublegleich am eigenen Haarschopf aus dem Dreck gezogen haben, und wir dann vom aufgeräumten Vizekanzler die rosigen Aussichten unserer kapitalistischen deutschen Zukunft vernehmen, möchte ich bescheiden daran erinnern: Es gibt auch ein Wirtschaften außerhalb von Kapitalismus und Sozialismus, nämlich die SOLIDAR-WIRTSCHAFT. Vielen von Euch wird sie zumindest dem Namen nach bekannt sein, Einige werden sie ausprobiert haben.

Ich werde hier in fünf Folgen meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu dieser Wirtschafts- aber auch Lebensform einstellen (selbstverständlich nicht in „wissenschaftlicher“ Form, das überlasse ich Uniseminaren).

Die erste Folge beschäftigt sich mit der Definition der Solidar-Wirtschaft.

Die zweite bezieht sich auf unsere verehrte „Soziale Marktwirtschaft“ (für mich „Unsoziale Marktwirtschaft“), die die deutsche angeblich „humane“ Variante des Kapitalismus beleuchtet, und die nach herrschender Auffassung der politischen und wirtschaftlichen Oligarchie im Lande (jetzt mit Verve von der GROKO inszeniert) den Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung markiert, die keiner weiteren Fortentwicklung bedarf.

Die dritte Folge geht auf die Bedeutung der Solidar-Wirtschaft in Brasilien ein.

Die Vierte beschreibt ein Beispiel in Honduras (Frauenkooperative COMUCAP in Marcala).

Die fünfte Folge beschäftigt sich mit der Union der Frauenkooperativen (UGC) in Maputo, Mosambik.

Folge 5

Frauen-Kooperativen (UGC) in Maputo, Mosambik

Im jüngsten UN-Bericht über die menschliche Entwicklung (2013) steht die ehemalige portugiesische Kolonie Mosambik (25 Mio. Einwohner, 800.000 km2 Oberfläche) auf einer Skala von 187 Ländern auf dem drittletzten Platz mit einem Entwicklungsindex von 0,327 (der Index ist zusammengesetzt aus Gesundheit, Erziehung und Einkommen: 50 J. durchschnittliche Lebenserwartung, 1,2 Jahre durchschnittlicher Schulbesuch und 906 US$ durchschnittliches Prokopfeinkommen/Jahr). Honduras steht auf dem 120. Platz mit einem Index von 0,632. Jedoch leben die indigenen Völker von Honduras, inkl. Lenca, in gleich schwierigen Lebensbedingungen wie der Durchschnitt der Mosambikaner. Vgl. auch die von mir oben angegebenen Untersuchungen. Im Vergleich dazu nimmt Brasilien den 85ten Rang ein mit einem Index von 0,730. Aber auch hier wird die Solidar-Wirtschaft vor allem vom ärmeren Teil der Bevölkerung praktiziert. Schließlich ist der Vergleich mit Deutschland interessant, das auf dem fünftbesten Platz mit einem Index von 0,920 rangiert (Durchschnitte: Lebenserwartung 80,6 Jahre, Ausbildungsjahre: 12,2 und 35.431 US$ jährliches Prokopfeinkommen), und in dem die Solidar-Wirtschaft quasi inexistent ist. Es scheint, dass mit dem Eintritt in eine Überflussgesellschaft Solidar-Wirtschaft negativ korreliert, d. h. Menschen allgemein geldgieriger und egoistischer werden und ihre vormals vorhandenen sozialen Kapazitäten „gegenseitiger Hilfe“, wie sie nach den beiden Weltkriegen in Deutschland existiert haben, ad acta legen. M. A. n. wird sich diese Tendenz jedoch mit zunehmender materieller Ausgrenzung von immer mehr Europäern, aufgrund veränderter Weltmarktbedingungen, umkehren. Das wird jedoch nicht nur eine ökonomische Konsequenz der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung in den Metropolen sein, sondern auch eine ethische.

Mosambik erfreut sich seit 1992 einer friedlichen Entwicklung mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten von bis zu 8%/Jahr, die allerdings ausschließlich einer winzigen Oberschicht zugutekommt (der ehemaligen sozialistischen Nomenklatura und der Einwanderer aus dem pakistanisch-indischen Raum sowie der Weißen, die zunehmend aus Zimbabwe, Südafrika und aus Portugal einwandern; Letztere seit Beginn der von Deutschland forcierten Euro-Krise in 2010 aufgrund des Merkelschen Totspardiktates).

Das 1975 unabhängig gewordene Mosambik hatte zuvor zwischen 1964 und 1974 einen Befreiungskampf durchgemacht und zwischen 1977 bis 1992 unter einem Bürgerkrieg gelitten, der etwa 300.000 Tote durch Direkteinwirkung zur Folge hatte sowie (nach eigenen Schätzungen einer Enquete in 1990/91) 1,7 Mio. indirekt verursachte „Hunger-Tote“ (UNICEF gibt nur eine Ziffer von insgesamt 1 Mio. Todesopfer an). Ich kann nur vermuten, dass diese relativ niedrige Ziffer im Zusammenhang steht mit der Übernahme der Staatsgewalt nach dem Friedensschluss 1992 vonseiten der beiden Bürgerkriegsparteien, die unermessliches Leid verursachten, an deren Händen Blut klebt, die sich aber mit einer Amnestie selbst freisprachen und heute ihr Volk politisch regieren und ökonomisch auspressen. (ebenso wie in Angola) Dabei werden sie von internationalen Finanzinstitutionen und Staaten aus aller Welt hofiert, die die Schrecken des Bürgerkrieges ausblenden wollen.

Während des portugiesischen Kolonialismus seit dem 16. Jh. war Mosambik zuerst Quelle des Sklavenhandels, dann Exportland für auf Plantagenwirtschaft (Konzessionen an britische Unternehmen) und Zwangsarbeit beruhenden Produktion von Tee, Zucker, Tabak, Sisal und Baumwolle. Die Produktion von Steinkohle und später von Hydroenergie (Cahora Bassa-Staudamm des Zambezi-Flusses in der Provinz Tete) für den Industrieraum von Johannesburg in Südafrika wurde erst nach der Unabhängigkeit aufgenommen.

Unmittelbar vor und nach der Unabhängigkeit Mosambiks vom portugiesischen Kolonialismus (25. Juni 1975) reisten knapp 200.000 portugiesische Siedler, Händler und Staatsangestellte zurück in ihr Heimatland, darunter mehrheitlich Kleinbauern, die auf bewässertem Land der Flussauen in der Nähe größerer Städte produzierten. Durch diesen Exodus wurde die administrative und wirtschaftliche Basis des Landes entscheidend geschwächt. Die marxistische Guerilla-Bewegung FRELIMO unter der Führung von Samora Machel übernahm die Regierungsmacht und führte ab 1977, dem Beginn des Bürgerkrieges, die „estratégia de socialização do campo“ (Strategie der Sozialisierung des ländlichen Raumes) ein. Diese gründete auf zwei Achsen: (i) Staatsunternehmen als dominante Wirtschaftsform und (ii) Kooperativ-Sektor, der vor allem auf die traditionelle Familienproduktion baute.

Im Grüngürtel um die Hauptstadt Maputo herum (ehemaliges Lourenço Marques), wo einst portugiesische Siedler arbeiteten, entstanden die Frauen-Kooperativen, die sich zur UDC zusammenschlossen. Bald machten sie sich von den Frelimo-Strukturen unabhängig und starteten ihre Selbsthilfe-Initiative in einem von Bürgerkrieg, extremer Armut, Hungersnot und Arbeitslosigkeit geprägten Umfeld in und am Rande des Stadtgebietes von Maputo, einer Stadt, die im Laufe der Bürgerkriegsjahre durch die kriegsbedingte Landflucht bis auf 2 Mio. Einwohner anwuchs.

Zusammenfassend gebe ich hier in einer freien Übersetzung eines Artikels von Yvon Poirier aus dem Portugiesischen die Geschichte der UGC wieder (vgl. Y. Poirier, in dph, „União Geral das Cooperativas (UGC), Moçambique“, Juni, 2005):

Die Geschichte der UGC ist ermutigend. Nach bescheidenen Anfängen wurde die UGC eine der wichtigsten Kooperativen Mosambiks und ihre Bedeutung reicht weit über nationale Grenzen hinaus.

Es muss daran erinnert werden, dass das in 1975 unabhängig gewordene Land extrem arm war. Im Rahmen einer Überlebensstrategie schlossen sich 1980 sieben Kooperativen, die 250 landwirtschaftliche Produktionsbetriebe umfassten, in der UGC zusammen.

In den Dokumenten der UGC wird Folgendes festgehalten: „Die Bewegung bestand hauptsächlich aus arbeitslosen Frauen, mit geringer Schulbildung und völligem Fehlen technischer Fähigkeiten. Anfangs war das Ziel: Lebensmittel zu Großhandelspreisen zu erstehen und parallel dazu ergänzende Einkünfte durch den Verkauf von eigen produzierten landwirtschaftlichen Produkten zu erzielen. (Während des Bürgerkrieges bekam die UGC Nahrungsmittelhilfe verschiedener internationaler Geber und versorgte bald die gesamte Stadtbevölkerung mit selbst erzeugtem frischem Gemüse. In dieser Zeit hatte die UGC bis zu 10.000 Mitglieder. H.G.) Das von der UGC organisierte interne Ausbildungsprogramm führte dazu, dass die Mitglieder ihre Fähigkeiten auf technischem, organisativem und administrativem Gebiet stetig verbesserten. Heute sind viele Frauen in Entscheidungsfunktion ihrer Familien hineingewachsen. Zu Ende der 80er Jahre begann die UGC schwerpunktmäßig die Produktion von Hühnerfleisch für die Hauptstadt zu übernehmen.“

Im Jahr 2005 umfasst UGC insgesamt 200 Kooperativen mit 6.000 Mitgliedern, davon sind 95% Frauen. UGC ist aktuell der größte Produzent von Hühnerfleisch in Mosambik. Ein komplettes Produktionsprogramm wurde auf die Beine gestellt, von Brutmaschinen bis zum Schlachthof. Neben den Ausbildungsprogrammen hat UGC Gesundheitsposten (auch für Nicht-Miglieder) auf die Beine gestellt, ein Mikrokreditsystem und eine Spar- und Kredit-Kasse eingerichtet. (Seit einigen Jahren ist UGC auch in die Verarbeitung und Kommerzialisierung von Cashewnüssen eingestiegen. H.G.)

Zu Beginn war die Initiative marginal und unbekannt. Heute ist UGC im ganzen Land bekannt und auch über die Grenzen hinaus. Die UGC-Präsidentin Frau Cossa erwähnt, dass der Präsident der Republik hin und wieder an den Vollversammlungen teilnimmt. Mit einigem Humor fügt sie hinzu, dass jetzt selbst Männer darum bitten Mitglieder der Kooperative zu werden.

Frau Cossa ist eine ausgezeichnete Botschafterin ihrer Organisation und unterhält wichtige Aktivitäten in Mosambik, internationalen Foren in Afrika und der übrigen Welt. Seit 2001 ist sie auch Abgeordnete des Stadtparlamentes von Maputo.

Schlussfolgerung

Ebenso wie COMUCAP in Honduras ist UGC über die Jahrzehnte hinweg von ausländischen Gebern unterstützt worden. Sonst hätte UGC in den Kriegs- und Friedensjahren nicht erfolgreich überleben können. Die Motivation zur Gründung war eine materielle Überlebensfrage, die gleichzeitig auf einen Emanzipationsprozess der Frauen in extremer Armut und unter Männer dominierten gesellschaftlichen Strukturen abzielte. Das Fortbestehen von UGC in einer verschärften Wettbewerbssituation seit dem massiven Eindringen ausländischen Kapitals, besonders im Süden des Landes mit der Hauptstadt Maputo, ist entscheidend davon abhängig, wie sich die Aufrechterhaltung des Solidar-Gedankens einerseits und die Verbesserung der technischen Fähigkeiten der Mitglieder andererseits sicherstellen lässt. Auch die UGC hat seit dem Friedensvertrag 1992 etwa zwei Jahrzehnte gebraucht, um sich zu konsolidieren.

Ich kann mir vorstellen, dass der Aufbau einer SOLIDAR-Wirtschaft in Deutschland und Europa eine Entwicklungs- und Konsolidierungsphase von etwa einem Jahrzehnt benötigt, vorausgesetzt, sie wird durch eine öffentliche und private ausreichende Anschubfinanzierung gefördert. Die beruflichen Voraussetzungen auf unserem Kontinent sind dazu viel eher als in der Peripherie gegeben. Andererseits gilt es, den SOLIDAR-GEDANKEN wieder in unseren europäischen Gesellschaften zu verankern, was jedoch sicher durch die immer heftiger werdende Konkurrenz aus dem außereuropäischen Ausland und die durch den internationalen Kapitalismus erzwungenen und unerbittlicher werdenden Arbeitsbedingungen gefördert wird.

Ende der fünf Folgen SOLIDAR-Wirtschaft

LG aus Panamá, CE

04:55 15.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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