Costa Esmeralda
28.12.2012 | 04:59 8

Wünsche für 2013

Jahreswende Der alte Mann am Meer hat keine Wünsche mehr. Was aber wünsche ich mir im Wahljahr 2013?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Costa Esmeralda

Wenn ich zu meinem Strandlauf aufbreche, steht die Sonne noch hoch über den Klippen von "Bella Vista", dem noblen Domizil von wohlhabenden Ausländern, die sich an der "Riviera" von Panama am Pazifischen Ozean einen idyllischen Alterssitz erworben haben. Seit Monaten begegnet mir vor den Sandsteinfelsen am Strand ein alter Mann mit zerrissenem, schmutzigen Hemd und kurzen Hosen, die ebenfalls bessere Tage gesehen haben. Sein Hund verstärkt den jämmerlichen Eindruck, den diese traurige, einsame Gestalt auf mich macht. Meine Freude über die überschäumende Natur und das täglich veränderte Schauspiel der Gezeiten und des Horizonts wandelt sich im Angesicht des alten Mannes augenblicklich in Wehmut über die Vergänglichkeit des Lebens und die Ungerechtigkeit der Verteilung von Glück und Unglück unter den Menschen.

Der Alte, der immer wieder dieselben Fetzen am Leibe trägt, pflegt eine Platiktüte aus einem Warenhaus bei sich zu tragen, in die er seine klägliche Ausbeute an kleinen Krebsen und Austern, die er zwischen den Steinen im Watt erbeutet, verstaut. Wenn die Sonne hoch steht, flüchtet er sich mit seinem Hund unter einen grossen Mangrovenstrauch und wartet die hereinbrechende Dämmerung ab, um am Strand von Bella Vista vorbei nach "San Carlos" zu gelangen. Dort tauscht er seine "Beute" gegen gekochten Reis ein, den ihm die dortigen Fischer vor ihrem Nachhauseweg zurücklassen. Beginnt die Dunkelheit, richtet er sein Lager auf Kartonresten in einem Fischerboot, in Gesellschaft seines Hundes und anderer streunender Hunde. Die Aasgeier lassen derweil von ihren Fischresten am Strand ab und lassen sich auf der Uferböschung zur Nacht nieder.

Wir haben mit der Zeit ein Begrüssungsritual eingerichtet: "Señor, wie geht's?" rufe ich ihm zu. Und er winkt lächelnd zurück. "Gracias, und Ihnen?"

Wenn der Hund mich beim Laufen begleitet, weil er Spass an der Bewegung hat, habe ich Angst, er könnte seinen Herrn vergessen. Doch der beruhigt mich. Der Hund kennt allein den Weg zurück zu seinem Herrn.

Heute habe ich den Alten unter dem Mangrovenbusch erst gar nicht bemerkt, denn sein Hund bellte mir nicht entgegen. Erst beim Zurückblicken sah ich, wie mir der Alte, unter dem Gebüsch halb versteckt, mit dem Arm einen müden Gruss zuwarf. Er schien mir einen noch gedrückteren Eindruck als sonst zu machen. Aber ich hatte keine Zeit zum Verweilen, wollte ich doch heute an den Fischern vorbei bis "Rio Mar" durch das Watt laufen, dort, wo sich die Surfer mit der Wucht der Wellen messen. Vielleicht würde ich den Alten auf dem Rückweg antreffen.

Und so kam es dann auch. Dort, wo Hunderte von Pelikanen jeden Abend auf riesigen Bäumen über den Felsen von Bella Vista übernachten, fand ich den Alten auf seinem Heimweg wieder. Unten am Strand hielten wir beide inne und bewunderten stillschweigend das Schauspiel, das uns die stolzen und weisen Vögel bei ihrer Heimkehr auf "ihre" Bäume boten.

"Señor, wo haben Sie Ihren Hund gelassen?"

"Seit heute bin ich allein. Er ist gestorben. Einfach so. War schon sehr alt. Wer weiss, wie lange ich es noch mache?"

"Señor, so etwas soll man nie sagen. Sie sind doch noch rüstig!"

"Wenn man wie ich allein auf der Welt ist und mittellos in die Jahre kommt, dann schwindet die Lebenslust. Sehen Sie, was mir bleibt? Es sind die Hunde, die Geier, die Pelikane und das Meer. Ich bin vom Mitleid der Fischer abhängig. "

In kurzen Worten erzählte er mir seine freudlose Lebensgeschichte, eine Geschichte, die er mit Abermillionen von Armen und Obdachlosen dieser Welt teilt.

Inzwischen war über dem Meer gen Süden der Horizont nur noch schwach rosa gefärbt. Im Osten stieg der Mond erst blass, dann mit immer stärkerer Macht wie ein grosser silberner Teller am Firmament empor. Jetzt konnten wir selbst unsere Schatten auf dem Sand verfolgen.

"Ich muss jetzt gehen und mein Lager richten. Hoffentlich haben mir die Fischer etwas Reis zurückgelassen. Heute Nacht werde ich zum ersten Mal ohne meinen Hund schlafen müssen. Señor, ich wünsche Ihnen ein gutes Neues Jahr. Für mich habe ich keine Wünsche mehr."

Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg nach San Carlos. Im Mondschein sah ich ihm nach, wie er hinter den auf dem Strand verstreuten Felsbrocken verschwand. Heute, kurz vor Jahresende, hatten wir unser erstes längeres Gespräch. Vielleicht war es auch das Letzte. Seine Worte waren so trostlos dahingeworfen, als hätte er selbst schon seinen Abschied aus dieser Welt beschlossen.

Zum Laufen war mir nicht mehr zumute, dafür aber zum Grübeln. Das Wattenmeer zur Rechten war silbern beschienen. Der Strand und die Böschung vor mir, dem Mond entgegen, riefen mir Schneelandschaften aus meiner Kindheit ins Gedächtnis, obwohl die Brise meinen nackten Körper warm berührte. Unwillkürlich musste ich an die Einsamen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten denken, die ich auf jeder Reise in die Heimat immer zahlreicher antreffe. Der alte Mann hatte für das kommende Jahr keine Wünsche mehr. Wie stand es da mit mir?

Ich habe, Gott sei es gedankt, noch Wünsche! Wie kann in unserer deutschen Wohlstandsgesellschaft die Zahl der Armen und Alleingelassenen immer grösser werden, während der Reichtum Einzelner ins Unermessliche gesteigert wird? Ja, ich habe Wünsche für 2013! Vor allem habe ich den Wunsch, dass die Verursacher von Elend, inmitten von Reichtum, aus ihrer selbstgerechten Herrschaft vertrieben werden. Und diese Verursacher von Misere und Armut sind gerade zum Jahreswechsel wieder angetreten, um sich erneut die Herrschaft durch das Volk bestätigen zu lassen. Wir kennen sie zu Angesicht, wie sie um Wiederwahl heischend jeden Tag aufgeplustert durchs Fernsehen stiefeln. Es genügt den Elends-Verursachern auch nicht länger, nur Deutsche unter ihre Seilschaften-Knute zu zwingen. Auch die übrigen Europäer müssen diszipliniert werden und am deutschen Wesen genesen.

Aber neben diesen Wunsch tritt noch ein wichtigerer. Die Herrschenden haben nur die Macht, die wir, die Bürger, ihnen geben bzw. überlassen, aus Bequemlichkeit, aus Angst vor eigenen materiellen Konsequenzen, aus Feigheit, uns mit den Bedürftigen zu solidarisieren. Da helfen auch noch so intelligente und "linke" Salon-Gespräche nicht darüber hinweg.

Ich wünsche mir nichts lieber, als dass ein Stück Humanismus in unsere Gesellschaft einziehen möge!

Auf ein Neues Jahr und ein Deutschland, das von uns Bürgern herrschaftsfrei regiert wird!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

Costa Esmeralda 28.12.2012 | 22:39

Lieber GEBE, auch Dir alles Gute!

Ich hatte einmal eine Idee, die leider Wunschdenken bleibt: Der Freitag könnte eine Monatszeitschrift für gesellschaftliche "Kritik, Reform und Utopie" als Beilage in allgemein verständlicher Sprache produzieren, die von der Community gestaltet wird und die bei alternativen Zeitungen, in Unis, an Schulen etc. umsonst reproduziert werden könnte. Deutschlands Jugend braucht Gegenentwürfe. Dazu könnten wir mit Erfahrungen beitragen. Das könnte sich selbst langfristig für "den Freitag" finanziell lohnen, da völlig neue Leserschichten gewonnen würden.

Costa Esmeralda 28.12.2012 | 23:14

Lieber JR's, gerade habe ich noch einmal hier nachgeschaut, während ich in einem Führer über Indien blätterte. Ich meinte erwähnt zu haben, dass ich immer noch über einen Trip durch Indien und China nachdenke. Stell Dir vor, heute besuchte mich ein Inder (Tamile) und schenkte mir diesen Führer mit der Empfehlung, mich einfach in den Vielvölkerstaat hineinfallen zu lassen. Es wäre tatsächlich ein Traum, von Ort zu Ort zu fahren, dort zu verweilen, wo einem nette Menschen begegnen und von ihnen Lebenslust und Lebensart erfahren und darüber berichten. Unsere Zukunft ist Weltbürgerschaft und Humanismus, zumindest versuche ich das meinen Kindern und Enkelkindern zu vermitteln.

Ich hatte Dir berichtet, mich häufiger bei Dir einklicken zu wollen. Indien und China werden unsere Zukunft ganz entscheidend mitprägen. Du wirst ab und zu von mir hören, obwohl ich an einer Anden-Saga von der Inkazeit bis heute arbeite und damit viel Zeit verbringe.

Auch Dir ein erfolgreiches Neues Jahr!

LG, CE

PS: Dank für Deine Wertschätzung!

JR's China Blog 02.01.2013 | 22:55

Der Freitag könnte eine Monatszeitschrift für gesellschaftliche "Kritik, Reform und Utopie" als Beilage in allgemein verständlicher Sprache produzieren ...

Ich glaube, wenn es dafür ein hinreichend großes interessiertes Publikum gäbe, würde der "Freitag" oder auch ein anderes Blatt das machen, Costa. Aber meine - zugegeben sehr begrenzte - Erfahrung lässt mich vermuten, dass die meisten Leserinnen und Leser sich nur ein bisschen raufen wollen. Ein Idol, ein Feindbild, und dann feste drauf.

Ich bin kein Pressemensch - vielleicht gerade darum kann ich ein bisschen experimentieren. Aber das Ergebnis scheint mir der real existierenden Presse Recht zu geben.

Aber ich beteilige mich gerne an der Entwicklung einer Idee wie der von ihnen beschriebenen. Der "Freitag" bietet ja immerhin eine Online-Plattform dafür, und HTML ist geduldiger als Papier.

Costa Esmeralda 03.01.2013 | 01:09

Lieber JR'S,

erst einmal ein Frohes Neues Jahr!

Ich bin gerade dabei, Deine Empfehlungen/Links zu konsultieren und finde sie sehr spannend. Bin damit aber noch lange nicht durch. Ich werde darauf eingehen und mich bei Dir melden..

Da ich jahrzehntelang aus dem deutschen Kontext entfernt gelebt habe, wenn auch per Deutsche Welle fernsehmässig anwesend, und selten von der deutschen Sprache schriftlich wie mündlich Gebrauch gemacht habe, muss ich mich erst allmählich wieder einfinden. Mein erster Roman ("Abschied von Bissau"), nach meiner praktischen Arbeit mit Menschen in unterschiedlichsten Ländern, war so etwas wie eine erste Auseinandersetzung wieder in deutschen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die letzten Jahrzehnte war ich es gewohnt, mich aktiv in ausländische nationale Auseinandersetzungen einzumischen, sozusagen als Moderator zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen aber auch als "Ermunterer" (nicht Stellvertreter wie Ché u. a. selbsternannte "Revolutionäre") für Marginalisierte, die begannen, für ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Menschenrechte zu streiten. Schon bevor ich Mitte der siebziger Jahre ausreiste, war mir als "libertärer" Angehöriger der 68er Generation ein passives Hinnehmen des gesellschaftlichen "Status quo" undenkbar. Zurück in Deutschland stelle ich fest, dass viele ehemals aktive 68er "stinknormale" Ausnutzer des Seilschaften-Systems geworden sind (SPD-, Grünen- und Linke-Mitglieder), wie ich freilich im Ausland auch vorher schon beinahe 100% der Deutschen als "Nutzniesser" der Entwicklungszusammenarbeit angetroffen habe. Letztere hatten sich allerdings am Reformeifer der 60er und 70er Jahre vorsorglich zurückgehalten, um ihre CDU/CSU und FDP-Seilschaften-Karrieren nicht aufs Spiel zu setzen. Was ich damit konkret sagen will, dem "L'état c'est moi!"-Verhalten von Frau Merkel und der deutschen politischen Seilschaften muss Widerstand entgegen gesetzt werden, und, wie ich aus Deinen Entgegnungen auf Pfeifel meine herausgelesen zu haben, die Utopie des vom Bürger appropierten "humanistischen" Staates sollte Stück für Stück angegangen werden, und zwar so, dass in der "Klassen-Auseinandersetzung", oder besser Auseinandersetzung zwischen Seilschaften-Staat und Zivilgesellschaft, letztere alle Schritte als Subjekt selbst formuliert und bewusst angeht.

Sei gewiss, dass ich mich schon bald wieder melde und wir zusammen mit anderen, die ebenfalls hier im Freitag und ähnlichen Foren bloggen, überlegen, wie unser praktischer Beitrag zur Bewegung aus dem gesellschaftlichen "Status quo" heraus aussehen könnte. Auch wenn das Wort an sich eine Kraft darstellt, so ist doch die Tat notwendig, dem Wort Flügel zu verleihen. Das, was uns einen sollte, ist guter Wille, Humanismus und, auch wenn es anmassend klingen mag: Verantwortung und Achtung den universalen Menschenrechten gegenüber und einer auf der Aufklärung basierenden Ethik des menschlichen Handelns.

PS: Hoffentlich stellen wir auf unsere "alten" Tage noch etwas auf die Beine!