Spalier für den Präsidenten

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Willkommen in unserem Blog KauntDaunGauck! Von heute an bis zu dem feierlichen Ereignis, auf das wir uns (fast) alle so überparteilich freuen, gibt es täglich einen Stimmungsbericht aus einer anderen Ecke unseres erwartungsfrohen Landes.

Mit dem Zählen beginnt

goedzak (1)

Halle – die Stadt! An diesem Montag.


Den Kopf voll Gedanken zur einen Hälfte an mein kleines Privatleben, zur anderen an die hoffnunggebenden Ereignisse auf der nationalen Bühne, radle ich dem Orte meines Broterwerbs entgegen. Da taucht vor mir eine Menschenmenge auf, wo sonst nur eine Menge Menschen entlang eilen. Festlich, für einen ungewöhnlichen Anlass gekleidete Personen mit noch schlaff herabhängenden Winkelementen in den Händen. Ernste Gesichter, alle in eine Richtung blickend. Volkspolizeiwagen, die quer zur Straße stehen. Ordner mit ordentlichen Armbinden ordnen mit straff vorgereckten Winkelementen.


Die Pflicht ruft, ich bahne mir meinen Weg und rolle ihn hinab. Es wird lauter. Ermutigende Marschmusik ertönt. Kampf- und Bekenntnislieder sind zu vernehmen.

Egal, wer kommt, / egal, wer geht, / egal, es kommt nicht darauf an höre ich, und Ich werde da sein wenn ihr mich braucht / Ich bin bereit, ich nehm’s mit allen auf / Der Weg wird weit sein, wir müssen gehen / Um alle Abenteuer zu bestehen. Dann noch in voller Lautstärke Holt die Fahnen aus dem Schrank, / Schwarz-Rot-Gold muss weiter wehen...

Ich kenne die neuen Kampflieder nicht. Mein letzter Besuch einer Kundgebung liegt über zwanzig Jahre zurück. Aber sie sind schön laut und mit elektronischen Beats unterlegt, so Love-Parade-mäßig. - Ah, jetzt weiß ich, woran mich die Festbekleidung der Menschen um mich herum und ihre blauen und rosa Perücken erinnern! Die Kleiderordnung war früher auch anders.


Es wird noch lauter. Winkelemente recken sich nun in die Höhe. Die Gesichter sind angespannt vor Erwartung. Die Ordner lassen nun niemanden mehr auf die Straße und ich stecke mit dem Rad in der Menge fest.


Noch weit hinten, aber schon erkennbar, rollt ein fahrbarer Untersatz heran. Eine wichtige Mannsperson steht auf ihm, den Kopf stolz emporgehoben, den Blick huldvoll auf die Massen gesenkt. Daneben ein mütterlich lächelndes Frauenzimmer. Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Gleich sind sie heran. Die Menschen mit ihren verantwortungsbewussten Gesichtern holen schon Luft für die Huldigungsrufe.


Da trifft mich ein Schwarm harter kleiner Gegenstände an den Kopf. Goldtaler, denke ich, oder Ecstasy-Dragees? Dann wird mir schwarz vor Augen.


Aber nur kurz. Der eine der beiden Sanitäter reicht mir einen Becher lauwarmen Tees. Ich lehne dankend ab, es schwimmt ein neongrünes Bonbon darin.


Endlich kann ich wieder aufblicken. Ich sehe in 50 Metern Entfernung den breiten Rücken eines stattlichen Mannsbilds mit einem graumelierten Hinterkopf, der bedächtig nach links und nach rechts nickt, wie’s grade passt.


19:43 20.02.2012
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Geschrieben von

countdowngauck

Amanda, Calvani, goedzak, kay.kloetzer, Magda und merdeister zur aktuellen Lage in verschiedenen Ecken der Nation
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