Das Guttiversum: Deutschland, Wiege der Doppelmoral!

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Alarm! Geschrei! Gerangel! Empörung! Prostest!

Im geiffernden Hechtsprung stürtzt sich die Boulevardpresse fast schon refelxartig auf das frisch ertappte "copy and paste - Opfer".

Vorstellig heute: Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU).

Gepeitscht durch ein zumeist überhastetes und reflexartiges Prangerstakkato wird mal wieder versucht dem deutschen Wutbürger den Happen mundgerecht zu servieren.

Es funktioniert erneut. Dieser steht bereit zur Urteilsverkündung. Die Sinne vermeintlich ungetrübt, der Blick erhaben. Der Daumen senkt sich, das Urteil ist gefallen. Erneut denkt er eindimensional. Dies tut er gerne in Zeiten der undifferenzierten Berichterstattung. Am Liebsten hätte er einen Rücktritt! Und die Pensionsansprüche sollen sie ihr auch sofort zusammenstreichen! Gerne würde er auch wissen wer ihrem Mann die Unterhosen bezahlt hat! So kanns ja nicht gehen in Deutschland, meint er!

Bekräftigt durch Weisheiten die der eigenen Lebenserfahrung entspringen ("...mir wird ja auch nichts geschenkt.", oder "...wenn ich auf der Arbeit ein Stück Klopapier mitgehen lasse, werde ich auch gefeuert.") und sozialisierten Moralvorstellungen ("Guck ihn dir an, den alten Steuerhinterzieher und Schnäppchenjäger, wie widerlich." ) tritt als Moralapostel der BRD der wuchernde Kollektivverbund aus Mainstream-Medien und dem eigens gekünstelten, weil auflagensteigernden Begriff des Wutbürgers (gekünstelt deshalb, weil dem zweckgerichtet erschaffenem Wutbürger durch die Medien eine Beteiligungsfähigkeit an Meinungsgestaltungsprozessen vorgegaukelt wird, er in Wirklichkeit aber nur kanalsierte Informationen aufsaugt und sich tragischerweise instrumentalisieren lässt) auf den Plan um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Vergessen scheinen allerdings die eigenen Versuche, Weihnachtsgeschenke beim befreundeten Händler noch schnell unter dem regulären Verkaufspreis zu bekommen. Verblasst sind die Erinnerungen an gefälschte ärztliche Atteste mit welchen man sich in der Jugend vor blauen Briefen in Sicherheit wähnen konnte. Die Klausur, die man das ein oder andere mal bei der Freundin abschrieb um nicht sitzen zu bleiben, oder die frisierte Steuererklärung um dem Fiskus mal wieder mit Hab und Gut davonzukommen scheinen an solchen Tagen aus dem Gedächtnis der Menschen verbannt.

Übel nehmen kann man dem Deutschen nicht, dass sein Stuhl der Moral Acht Beine zählt. So muss er sich schon als kleines Kind mit der schwierigen Abwägung zwischen dem was vermeintlich richtig ist aber auch falsch sein kann und dem was vermeintlich falsch aber auch richtig sein kann auseinandersetzen. Alles eine Frage der Perspektive. So haben wir es gelernt. So wurden wir erzogen. Wir sind alle Kopierer. Unwahrheiten waren schon lange vor Guttenberg salonfähig und darin liegt das eigentliche Problem. In unserer Leistungsgesellschaft kompensieren die Deutschen seit langer Zeit persönliche Defizite, die nicht im Einklang mit den gesellschaftlich vorgegebenen Idealen sind durch dreiste Langnasigkeit. Nur hat sich niemand jemals darüber aufgeregt. Im Gegenteil es war ein offenes Geheimnis, geduldet vom Querschnitt der deutschen Bevölkerung, als Universalschlüssel für Aufstieg, Akzeptanz und Wohlstand in der deutschen Gesellschaft. Am Pranger der Transparenz stehen nun einzelne Personen. Sie sind Opfer einer paradoxen Erziehungskultur, die opportunistisch ausgerichtet ist und dazu verleitet in zweierlei Maß zu messen. Die Tickets fürs Guttiversum sind gelöst, wir sind alle mit an Bord. Schade eigentlich, aber immerhin haben wir es bemerkt!

23:03 31.05.2012
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Geschrieben von

Carl Château

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Carl Château

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kingprussia | Community