Die Kunst des Zuhörens

PUTIN-INTERVIEW Hubert Seipels ARD-Interview mit Wladimir Putin am vergangenen Sonntag deckte auf, was uns in der deutschen Talk-Kultur so lange gefehlt hat: eine echte Gesprächskultur
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Einen der spannendsten Momente der jüngeren Fernsehgeschichte erlebte ich am vergangenen Sonntag in der ARD. Das Erste strahlte ein Interview mit dem umstrittenen russischen Präsident Wladimir Putin, welches trotz weniger inhaltlicher Überraschungen, sehr umstritten war. Die Kontroverse liegt jedoch nicht in Putin begründet, zumindest nicht allein. Viel mehr sorgte die ungewöhnliche Gesprächsführung des Interviewers Hupert Seipel für Aufsehen.

Er ließ Putin ausführlich antworten, ganz ohne ihm auf pseudoinvestigative Art und Weise alle drei Sekunden ins Wort zu fallen und darauf zu lauern, dass der Befragte sich verhaspelt oder die Contenance verliert, wie es in der deutschen Talkshowkultur mittlerweile leider zum guten Ton gehört. Seipel führte ein essentielles Element der Konversation ein, die nicht nur im Journalismus, sondern auch in unserem Alltag lange vergessen zu sein schien – das gegenseitige Zuhören.

Schon von kleinauf haben wir gelernt, dass es unhöflich ist, seinem Gesprächspartner ins Wort zu fallen und ihm auf diese Weise mangelnden Respekt zu erweisen. Warum sollten bei der Begegnung von Politik und Journalismus nicht dieselben Regeln gelten? Kritisch ist nicht derjenige, der am Lautesten „WO BLEIBT DENN JETZT DIE WAHRHEIT? WARUM ÜBERLEGEN SIE SO LANGE? DAS WAR NICHT DIE WAHRHEIT, DENN IHRE ANTWORT GEFÄLLT MIR NICHT!“ schreit und versucht, im Stile eines Verhörs, wie man sie aus mittelmäßigen US-Krimiserien der 1970er Jahre kennt, dem Verhörten ein vermeintliches Geständnis in den Mund zu legen, während man ihn mit der Schreibtischlampe blendet. Wirklich kritisch kann nur derjenige sein, der seinem Gegenüber klare Fragen stellt und ihm im Anschluss die Möglichkeit gibt, ausführlich seine persönliche Sicht der Dinge darzulegen. Ganze ohne penetrantes Nachgehake, während der Befragte spricht.

Wie ist die russische Perspektive zum Ukraine-Konflikt? Will Putin einen neuen Kalten Krieg? War alles vielleicht doch bloß ein großes Missverständnis? Wer Lösungen finden und einen Sachverhalt vollständig begreifen will, der muss die Sichtweise aller Beteiligten kennen und anhören, egal wie unerträglich sie auch erscheinen mag. Unpassend und geradezu geschmacklos ist in diesem Zusammenhang daher auch der diffamierend konnotierte Begriff des „Putin-Verstehers“ – in einer Welt, in der wir geradezu süchtig nach immer mehr Informationen sind, um uns kritisch mit Argumenten auseinanderzusetzen und die Welt zu retten, sollte man danach streben, in diesem Falle Putin zu verstehen, was noch lange nicht mit einer Zustimmung zu seiner Haltung oder seinen Handlungen gleichzusetzen ist.

Hupert Seipel hat am Wochenende nicht den neuen TV-Sender „Deutsche Welle Kreml“ ins Leben gerufen – er hat uns mit diesem Interview an lang vergessene Verhaltensnormen erinnert, die vielleicht jeder von uns wieder verstärkt in sein Leben einbauen sollte: das gegenseitige Zuhören, das Ausreden lassen und vor allem eine angemessene Zurückhaltung. Vielleicht wird die Welt dadurch kein besserer Ort, aber wir könnten vielleicht besser verstehen, warum vieles in ihr sich so schlecht entwickelt hat.

06:55 18.11.2014
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Geschrieben von

Christian P. Krohne

Christian P. Krohne ist Politikberater aus Berlin.
Christian P. Krohne

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