Cüneyd Dinc
19.03.2017 | 17:50 29

Jubeltürken und europäische Öffentlichkeit

Erdogananhänger Das mediale Bild von Türken in Europa wird derzeit von den „Jubeltürken“ Erdogans dominiert. Dies bedeutet neue Probleme für Europa, welche man sorgsam beobachten muss.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Cüneyd Dinc

Seitdem AKP Politiker in europäischen Ländern ausgeladen werden, um für das Referendum zu werben, ist das Porzellan zwischen Europa und der Türkei und insbesondere Präsident Erdogan zerschlagen. Insbesondere nach dem der türkische Außenminister und die türkische Familienministerien einen Einreiseverbot für Holland erhielten, sind AKP Politiker und erst recht Erdogan außer Rand und Band. Alle versuchen sich in übelster Beschimpfung und Nazi-Vergleichen gegenüber Deutschland und Holland zu übertreffen, was dann auch über die AKP nahen Medien an die Erdogan Fans in der Türkei und in Europa weiter vermittelt wird. Nun scheint es, dass Erdogan und seiner AKP Politiker einen weiteren diskursiven Schritt in der Europa Beschimpfung gehen und einen Kulturkonflikt zwischen „Halbmond und Kreuz“ zu erkennen glauben. Böse Zungen würden gar behaupten, die AKP Anhänger würden solche einen „umgekehrten“ Kampf der Kulturen sogar herbeisehnen. So reibt sich der gemeine Europäer die Augen, der ja in den letzten Wochen so einiges aus der Türkei an Beschimpfungen sich gefallen lassen musste und wohl noch gefallen lassen muss und fragt sich in was für einem Alptraum er doch geraten ist. Warum ergötzen sich Erdogan und seiner Anhänger an immer wüsten Nazi-Vergleichen und Kulturkampf Parolen? Haben wir es mit dem Ausfall eines zu allem entschlossenen Herrschers zu tun, der sich seinem Ziel nährt, alleine über die Türkei zu herrschen, um am Ende eine „neue Türkei“ nach seinen Vorstellungen zu erschaffen?

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Kommentare (29)

weinsztein 20.03.2017 | 04:16

"Herr Cüneyd, leben Sie auf der europäeischen Seite Istanbuls?"

Sehr geehrte Frau Imagine,

Sie sind hier ins Freitag-Forum eingere"ist, weil Sie die Frage bewegt, ob Güneyd Dinc links oder rechts vom Bosporus lebt. Das würden Sie als Europäerin gerne wissen. Aber warum? Empfinden Sie selbst Ihre Frage mittlerweile nicht ziemlich doof?

Warum ist das für Sie wichtig, Frau Imagine, ob Güneyd Dinc links oder rechts vom Bosporus lebt?

Ich bin deutschstämmig und lebe meist an der türkischen Ägäis. Also auf dem - geographisch gesehen - asiatischen Teil der Türkei.

Sie stellen komische Fragen, Frau Imagine.

Aussie42 20.03.2017 | 05:33

Interessante journalistische Einschaetzung. Daraus ersieht man auch, dass die in Europa lebenden Tuerken immer noch mehr Tuerken als Europaer sind.

Erdogans Verhalten wird aber nicht nur von den parteipolitischen Konflikten in der Tuerkei bestimmt.

Die bevorstehende oekonomische Pleite haben Sie angesprochen, aber auch militaerisch und aussenpolitisch steht Erdogan mit dem Ruecken zur Wand.

Seine Invasion in Syrien ist ein Desaster, ueber das von den westlichen Medien kaum berichtet wird. Durch seine Schaukelpolitik zwischen Nato und Russland hat er sich zwischen alle Stuehle gesetzt. Von keiner der beiden Seiten bekommt er kaum noch Daten der Luftaufklaerung. Seine Invasionsarmee ist damit blind.

Aussenpolitisch wird er kaum mehr Ernst genommen. Seine wichtigtuerischen Nazi-Vergleiche gehen ins Leere.

Insgesamt gesehen, ist Erdogan am Ende, egal ob er das Referendum gewinnt oder nicht. Er hat die Tuerkei destabilisiert, wie kaum jemand vor ihm. Die Kurden haben diese Schwaeche erkannt und ausgenutzt und haben jetzt ein zusammenhaengendes Staatsgebiet an der Suedgrenze der Tuerkei.

Eine strategische Meisterleistung des Sultans. Es fehlt nicht mehr viel, dann wird die Tuerkei zum weiteren failed state. Die vielen Bombenanschlaege sind ein deutliches Warnzeichen.

Achtermann 20.03.2017 | 08:45

Seitdem AKP Politiker in europäischen Ländern ausgeladen werden, um für das Referendum zu werben...

Hat sie denn jemand eingeladen? Sie drängen sich zu Dutzenden auf, um außerhalb des eigenen Landes für eine Diktatur zu werben. Dass da "ausladende" Staaten Zurückhaltung üben, ist ein positives Signal.

...sind AKP Politiker und erst recht Erdogan außer Rand und Band.

Diese Annahme ist naiv. Kein führender Politiker der AKP ist außer Rand und Band. Sie spielen, dass sie außer Rand und Band seien, um die Türkinnen und Türken außer Rand und Band zu bringen. Erdogan will schließlich das Referendum gewinnen. Allerdings: Wer außer Rand und Band ist, wird beim Auszählen der Stimmen schon mal fünf gerade sein lassen.

Aussie42 20.03.2017 | 09:49

Naja, so einfach wird das nicht. mit nem Vasallenregime.Muss ja auch nicht sein.

Die "interessierten" Maechte haben schon jetzt erstklassige Logenplaetze um die Ereignisse bei den Tuerken zu beobachten und jederzeit eingreifen zu koennen.

Die USA mit den (allerdings sehr eigenwilligen) Kurden. Die Russen mit Assad.

Die See und Landgrenze zur Tuerkei sind inzwischen dicht. "Fluechtlinge" sind auch keine Drohung mehr fuer die EU.

Son bisschen tuerkischer Tumult ist also nicht dramatisch.

Als potentieller failed state ist die Tuerkei fuer Islamisten sehr attraktiv. Dann geht's schneller. Lybien II.

Cüneyd Dinc 20.03.2017 | 10:58

na na es gibt genug Türken hier in Deutschland die sich als Deutsche sehen und gegenüber den Hasstriaden von Erdogan nur ein Fremdschämen übrig haben. Nur wie schon gessagt es sind derzeit die Jubeltürken Erdogan die medial das Bild in der deutschen (und auch holländischen) Öffentlichekeit dominieren.

Aber in allem anderen haben Sie recht. Außenpolitisch sind alle Drohungen und Beschimpfungen nur leeres Gerede. Er weis troty Anbiederung An Trump und Putin, dass er immer noch auf die Europäer angewiesen ist, den es sind die Länder der EU mit dem die Türkei den meisten Handel betreibt. Es ist auch ein Zeichen der Verzweilung, das er versucht die Auslandtürken zu mobiliseren, weil er glaubt, das er sie als Waffe gegen die Europäer benutzen kann.

Erdogan und die AKP haben das Land wirtschaftlich ruiniert, massenhaft Leute verhaftet, Menschen ihrer wirtschaftlichen Grundlage ausgeraubt, Leuten wie mir ihre Karriere zerstört, usw. Das da referendum knapp wird ist logisch-

Nur vergessen wir nicht: Auch wenn beim Refrendum ein Nein kommt, kann ja Erdogan wie bisher per Notstandsdekret weiterregieren, so wie Mubarak in Ägypten. De Facto haben wir schon eine Alleinherschaft-

denkzone8 20.03.2017 | 11:09

deine gering-schätzung

der potenzen des türkischen potentaten

ist mir schwer erträglich:

vom failed state ist die türkei weiter entfernt als der iran.

äußere isolation und ethnische opposition

dynamisieren nur die errichtung einer aggressiven diktatur.

und solange die putin-connection hält,

ist der sonder-weg der türkei möglich.

ausfälle in der tourismus-branche werden

eine diktatur nicht in die knie zwingen.

Aussie42 20.03.2017 | 11:32

Naja ueber die Integration er Tuerken wollen wir nicht streiten. Ich erinnere mich noch gut, dass bis Anfang der 80er Jahre in Berlin nur die Omas aus Ost-Anatolien ein Kopftuch trugen...

Die wichtigere Frage ist wohl, was jetzt aus der Tuerkei wird.

Ich denke auch, dass es beinah egal ist ob Erdogan das Referendum gewinnt oder nicht.

Bedrohlicher ist m.E. dass 60 Jahre Saekularisierung zunehmend zurueckgedreht werden. Stattdessen wird ein turkisch-sunnitischer Nationalismus propagiert, der die Nation m.E. weiter spaltet.

Schon bisher war die Integration der kurdischen Minderheit immer ein Problem. Jetzt auch noch die Spaltung in Traditionalisten und Sekulare. Dazu die schwankende Oekonomie und der schwachsinnige Krieg in Syrien. So langsam hat das Land ein oder zwei Probleme zuviel. Vorallem weil es keine innenpolitische "Instanz" gibt, die an Problemloesungen interessiert ist.

Aussie42 20.03.2017 | 11:47

Ich habe unten zu einen Kommentar des Autors was geschrieben, das auch auf Deine Bedenken eingeht.

Einen failed state unterscheidet sich m.E. von einer Diktatur darin, dass es mehr als einen Diktator gibt, die sich gegenseitig das Leben schwer machen.

Uebrigens, ob Erdogan eine Putin-Connection hat, ist m.E. schwierig einzuschaetzen. Putin haelt sich seit einem halben Jahr alle Optionen offen. Er wartet offensichtlich ab, wie das US-Drama ausgeht. Das kann man in einem halben Jahr vermutlich genauer erkennen.

Erdogan ist im gegenwaertigen weltpolitischen Umbruch nur ne Ratte.