Nicht weit genug?

Bodenseetatort vom 4.12.| Abschied von der Konstanzer Ermittlerin Klara Blum/Eva Mattes. Und hoffentlich auch vom politisch korrekten Gesinnungskrimi. Mehr davon hält das Format einfach nicht aus.
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Stimmungsvoller lässt sich ein Tatort zum zweiten Advent kaum inszenieren. Es kommt ein Schiff geladen... Der Advents-Choral wäre die perfekte Filmmusik zur ersten Hauptszene gewesen. Kerzen (na gut, eher Fackeln), Apfel, Nuß und Mandelkern. Dazu Nebel (= Weihrauch) und ein Zweiglein Kleinblättrige Bergminze (= Myrrhe), das zu einer wichtigen Spur werden soll. Da fehlten nur noch ein paar überzeugende Krippenfiguren. Wenn der im festlich geschmückten Nachen feierlich einlaufende Tote allerdings Josef Christ heißt, ist das ja fast schon die halbe Miete. Immerhin ist die Leiche so zugerichtet, dass man an Jesus als Schmerzensmann erinnert wird und daran, dass das Leben einem oft übel mitspielt (siehe Karfreitag). Da mag man ins Philosophieren kommen und überlegen, wofür es sich zu leben lohnt. Und genau so lautet denn auch der Titel dieser 1002. Tatort-Folge.

Damit hätte es sein Bewenden haben können. Ein effektvoll dekorierter Tatort als gedankenschwerer Ausgangspunkt der Ermittlungen. Aber ab jetzt richtig Krimi! Tatü, tata. Dem Täter hinterher. Gezogene Dienstwaffe. Scharfes Verhör. Klara Blum und ihr als Spätpubertierender angelegter Kollege Perlmann grübeln angestrengt nach allen Regeln der kriminalistischen Logik, wer es denn wohl diesmal gewesen sein könnte: Der Gärtner? Zu Langweilig. Der Theo Gärtner? Schon besser. Der stand tatsächlich schon mal unter Verdacht, seine ehemalige Vermieterin umgebracht zu haben. Außerdem ist er schon 73, bei "Ein Fall für Zwei" rausgecastet, also ohne Job, und braucht bestimmt Geld. Wie so ziemlich alle Nebendarsteller, die in diesem Tatort mitgewirkt haben. Aber davon später.

Seit Actionfilmer Til Schweiger das Tatort-Format gründlich aufgemischt und damit Opas Sonntagabend-Unterhaltung in Frage gestellt hat, wird der künstlerische Anspruch in den Tatort-Produktionen noch verbissener gegen das solide Handwerk verteidigt. "Anspruch und Tiefe" fordern offensichtlich zu immer neuen formalen Experimenten heraus. Ein Lump, wer da noch spannende Unterhaltung erwartet. Die ultimative Tatort-Kombi besteht aus Gesellschaftsanalyse und Psychoanalyse. Und selbstquälerischer Selbstreflexion. Ein rechter Künstler leidet. An sich. An der Welt. Und am Leben auf dieser Welt an sich. Wer bin ich? Was soll ich noch hier? Hat das alles überhaupt noch einen Sinn? Welchen Sinn kann ich dem Ganzen vielleicht selbst verleihen, indem ich mein Innerstes oder meine innersten Grundüberzeugungen nach außen kehre?

"Haltung ist gefragt", teasert es da auf der ARD-Homepage zum Film, "wenn man die Witwe eines nicht nur berüchtigten, sondern auch viel geliebten, zu Tode gepeinigten rechtsextremen Vordenkers verhört. Wenn man den Giftmord an einem Anlagebetrüger recherchieren muss, auch wenn man diesem gar kein Wohlergehen wünschte. Wenn man drei greise weise Maiden kennenlernt, die Hexen sein könnten oder Heilige."

Oh, oh. Das kann für den Zuschauer nur böse enden...

Kaum ein Tatort-Kriminaler hat ja mittlerweile noch alle Latten am Zaun. Ist eben ein echt schwerer Beruf. Und die Motive der Täter sind auch nicht mehr so einfach zu enträtseln wie früher. Da muss immer mit dem Abartigsten gerechnet werden. Und erst die Opfer! Am Ende jagen abgedrehte Psychos abgedrehte Psychos, die sich zuvor an abgedrehten Psychos vergangen haben. Wo bleibt da der selbstverständliche Sieg des Guten über das Böse? Stattdessen machen sich Relativismus und Zynismus breit. Doch die Medienschaffenden legen mutmaßlich nur Zeugnis ab vom Zustand einer Welt, die eben ist, wie sie ist.

Het is wat het is
zegt de hollander.

Gleichviel. Hauptsache der Zuschauer wird in seinem Fernsehsessel bis zur Diagnose Schütteltrauma aufgeschreckt und durchgerüttelt und damit in seinen gottverdammt banalen Sehgewohnheiten verunsichert. Zu diesem Behufe engagiert man für Buch und Regie eigens unverbrauchte Leutinnen, die unkonventionelle Wege gehen. Hier beispielsweise die "Grenzbereichsspezialistin" Aelrun Goette. Nein, nicht Goethe, auch wenn sie ihre Brötchen im Osten verdient hat und (Dreh-)Bücher schreibt. Annabell, ach Annabell, du bist so herrlich unkonventionell...

Wichtigstes Alleinstellungsmerkmal des Bodensee-Tatorts war bislang ein Storyboard, dessen Einstellungsgrößen zuverlässig für einen freien Blick in die Landschaft sorgten. Dadurch waren bei 90 Minuten Gesamtlänge duchschnittlich 60 Minuten Bodensee-Panorama garantiert. Blieben also höchstens noch 30 Minuten für die Bodensee-Paranoia. Ein fairer Deal. Doch nicht mal der wird einem hier noch gegönnt. Danke, Annabell Goethe. Ein Trost: Es soll ja der letzte Bodensee-Tatort gewesen sein. Es ist vorbei, by, by Bodenmond, äh Junisee. Ach, Sie wissen schon.

Frau Goette hat in ihrem Leben ja schon so ziemlich alles gemacht: Mittlere Reife, Krankenschwester in der Psychiatrie, Vollzugshelferin, Model, Abitur, Philosophiestudium, Schauspielerin (GZSZ), Regiestudium (Babelsberg) und Theaterregisseurin. Genau die richtige Vorbildung, um das - siehe Advents-Choral - zwar "geladen" kommende, aber im Vergleich zur Lampedusa-Flottille mit nur einer Leiche noch lange nicht überladene Schiff "bis an sein’ höchsten Bord" mit all dem aufzufüllen, wes empörungsbereiten Gutmenschen gewöhnlich der Mund übergeht. Als da wären: Volksverhetzung durch ausländerfeindliche Reden und Schriften, Ausbeutung der Dritten Welt durch Textilproduktion zu Hungerlöhnen, Ruinierung mittelständischer Existenzen durch Anlagebetrug, Zynismus gegenüber den Opfern fehlender Sicherheitsbestimmungen, Kompromittierung taffer Rechtsvertreterinnen noch tafferer Menschenrechts-organisationen durch Schmiergeldangebote (bei Ablehnung wird's halt wie ein Unfall aussehen oder der Bakschischverweigerer verschwindet spurlos).

Im Rahmen der alles andere als systematischen Ermittlungen der Konschtanzer Meuchelspatzen, die permanent mit einem den Zerfall der Welt- und Wertordnung versinnbildlichenden Umbau ihrer Büroräume zu kämpfen haben, springt die Filmhandlung von einer unmotivierten Observation und einem spontanen Verhör zur/zum nächsten. Der rote Faden, der zur Aufklärung des anstehenden Falles führen soll, gleicht eher dem Schmuckband eines schlecht gebastelten Adventsgestecks, welches sich an den unmöglichsten Stellen durch das Tannengrün windet. Erstaunlich immerhin, was man in 90 Minuten doch so alles erzählen kann, das zwar unsere Gesellschaft bis in die entferntesten Feuchtgebiete durchleuchtet, aber die Aufklärungsstatistik kaum verbessert. Über allem, was da so gar nicht einleuchten will oder irgendwie auch gar nicht dazu gehört, bleibt immerhin diese tröstliche Erkenntnis: KommissarIn und Kommissar Zufall brauchen im Grunde gar kein Büro oder Büroinventar. Das bisschen Schreibkram macht sich von allein, sagt mein Mann, bzw. wird von "Beckchen" am Telefon erledigt.

Als Leidtragende der im Teaser angedrohten, von "Haltung" bestimmten Ermittlertätigkeit werden folgende "usual suspects" vorgeführt:

  • die gehirngewaschene Ehefrau des auf infam- rechtsintellektuell geschminkten Höcke-Verschnitts Josef Christ, in der - trotz zunächst zur Schau gestellter Abgeklärtheit - angesichts diverser Frauengeschichten des bis zur Hörigkeit vergötterten Göttergatten noch immer die Eifersucht brodelt;
  • deren Tochter, die - ei verbibbsch - heimlich mit einem maximalpigmentierten Artgenossen herummacht, was der Vater - so er denn noch unter den Lebenden weilte - sich sicher strengstens verbibbscht, pardon: verbeten hätte;
  • die mega-schöne, mega-coole, mega-reiche, mega-elegante, mega-zynische und mega-sozialdarwi-nistische Witwe des mit Zyankali vergifteten Mega-Anlagebetrügers vom Schweizer Ufer (Veronica Ferres soll diese Rolle abgelehnt haben!), der wohl nur aus rechtlichen Gründen weder Masch noch Meyer heißen darf, sondern einfach nur Mayer (Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen... Sie wissen schon);
  • ein steuervermeidender, kiffender und eben deshalb schon als Täter in Frage kommender Bootsverleiher mit dem Habitus des Antihelden (film noir und so), der zwar die weltanschauliche Grundposition des Drehbuchs vertritt ("Die Welt geht unter, wenn man sie kampflos den Schweinen überlässt!"), aber als potenzieller Lieferant von Charons Nachen in das kriminelle Geschehen tief verstrickt sein könnte und sich durch seine Flucht zusätzlich verdächtig macht.

Die wirkliche(n) Täterin(nen) war(en) dann aber - um dies schon mal zu verraten - eine mit ihrem Betrieb in Konkurs gegangene Gärtnerin (Welch eine das gesamte Kriminal-Genre bis zum Zerreißen ironisierende Mega-Pointe!) samt ihren zwei unterschiedlich tatbeteiligten Freundinnen. Diese erkennt zumindest der reifere Zuschauer sogleich als das einstige "Künstlerische Ader"-Geschwader, das um den verstorbenen Theater- und Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder herumscharwänzelte: Hanna Schygulla, Irm Herman und Margit Carstensen. Zu diesen gesellt sich dann als Vierte im Bunde auch noch Eva Mattes (Klara Blum). Quartett komplett. Eine schöne Homage an den Neuen Deutschen Film der 1970er und 1980er Jahre! Und schwingt da nicht - wie fernes Schlittengeläut - auch ein filigranes Spiel mit dem Namen Blum mit? Von Katharina und ihrer verlorenen Ehre zur ehrlich verloren wirkenden Klara. Wie schön! Und von Fassbinder zu Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta! Wahnsinn.

Wahrscheinlich liegt es an der schmusigen Atmosphäre dieses inoffiziellen cineastischen Klassentreffens, dass Blum eine geradezu mit dem Holzhammer gelegte Spur (ich sage nur: kleinblütige Bergminze!) zunächst übersieht. Vorteil: Steigerung der Spannung durch Verzögerung! Und Blum tappt bei ihrer Arbeit weiterhin derart im Dunkeln, dass mancherlei Lagerfeuer-Szenen eingestreut werden können, in denen entweder Rumpelstilzchen Perlmann oder die Gärtnerei-WG als Shakespeares drei Hexen (Macbeth) um die züngelnden Flammen herumtanzen. Da feiern Tiefsinn, Einfühlsamkeit und symbolhafte Bildwelten fröhliche Urständ. Etwa wenn Perlmann der mütterlichen Vorgesetzen das halbe Geständnis abringt, sich öfter mal zu verlieben, auch transgender, wenn's das enzyklopädische Drehbuch verlangt (siehe die Schmuse-Orgie mit Hanna Schygulla im Dschungelcamp der ehemaligen Gärtnerei!). Oder wenn die Gartenhexen bei der Brauchtumspflege ("Königsfest") eine Art Strohbären verbrennen.

Aber da ist ja noch der Schweizer Kollege Lüthi, der Blum auf den Boden der Tatsachen und mit der Nase auf eben jene kleinblütige Bergminze stößt, die ihren kriminalistischen Instinkt beim ersten Gärtnereibesuch noch nicht stimuliert hatte. Doch wo diese zu finden ist, so hat Lüthi nun endlich mühsam ermittelt, wohnt auch eine in dem Schweizer Fall dringend Tatverdächtige. So kann Lüthi darüber staunen, was niemanden wirklich erstaunen müsste. Dass sich da nämlich zwei Spuren aus der fernen Schweiz und dem fernen Deutschland (Wie weit ist es wohl von Konstanz nach Kreuzlingen?) sich ausgerechnet in einer ehemaligen Gärtnerei kreuzen. Donnerwetter! Damit fallen auch Blum die Scheuklappen wie Schuppen von den Augen und ihr wird unvermittelt klar: Gärtnerei, Gärtnerin und dann auch noch eine Gärtnerei-Untermieterin als potenzielle Giftmörderin! Wer war doch noch immer der Mörder? Na also! Und ist das nicht eine entzückend selbstironische Verballhornung des Genres? Ja, das ist dem aufmerksamen Zuschauer nicht entgengen.

Doch Blum macht nichts aus der schönen Pointe. In Anbetracht einer neuen Behutsamkeit als angesagte Polizeistrategie für den Umgang mit greisen IntensivtäterInnen bittet sie sich eine Stunde aus, um sich zunächst allein auf den Weg ins Hexenreservat zu machen. Das erinnert an "Die Bürgschaft" von Schiller (Ich flehe dich um drei Tage Zeit/Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit/Ich lasse den Freund dir als Bürgen/Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen), nicht aber an einschlägige Dienstanweisungen für Kriminalbeamte, sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Das ist nicht unkonventionell, sondern gefährlich unprofessionell. Und hat natürlich Folgen.

Die Figur des Lüthi - diese Nebensächlichkeit sei angesichts der vielen Geschichten, die mit der Krimihandlung auch nichts zu tun haben, einfach mal eingestreut - verkörpert ein gewisser Roland Koch. Dies könnte angesichts des sonstigen Auftriebs vergessener Prominenz und des kapitalismuskritischen Plots eine weitere besonders feinsinnige Pointe sein. Doch dass hier bewusst auf eine Verwechslung des einen mit dem anderen Koch spekuliert worden wäre, hieße wohl die Rafinesse der Drehbuchautorin zu überschätzen. Denn Goette lässt Lüthi im Verhör mit der multipel-coolen Anlagebetrügers-Witwe dümmlich pöbeln:

"Im Gegensatz zum Reichtum ihres Mannes haben wir unsere Zeit nicht gestohlen!"

Gegen welches allgemeines Denkgesetz wird hier wohl verstoßen, Frau Goette? Vielleicht hilft ein ähnliches Beispiel:

Nachts ist es kälter als draußen!

Na, fällt der Groschen?

In Verfolgung des o.g. kollegialen Hinweises platzt Blum nun tollpatschig mitten in die weltrettenden oder besser gesagt -rächenden Aktivitäten der Gefühlsmafia aus der Fassbinder-Gang, die im Stil einer Senioren-RAF just den abgefeimten Erzkapitalisten Maximilian Heinrich ( "Billinda") anschneidet, vermutlich in Ermangelung der bei Zusammenkünften dieser Altersgruppe sonst üblichen Sahnetorte. In Ermangelung schlabbern die Hexen aus Picknick Hummersuppe. Der Rest ist mit Strophe 5 und 6 unseres Advents-Chorals schnell erzählt:

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.

Im Klartext: Der Spannungsbogen des "Falles" zerstiebt in moribundem Klamauk, um sich ganz zum Schluss harmlos im privaten Abgang der Protagonistin zu versenden. Wird auch Zeit, denkt sich der reichlich strapazierte Zuschauer. Denn Blum ist nicht nur - wie in einer ziemlich blöden Eröffnungssequenz mit Perlmann und seiner sich mittels Sonnenbrille ungeschickt tarnenden Chefin bereits angedeutet - seit Jahren chronisch herzkrank. Es häufen sich nun auch die gravierenden Fehlleistungen. So kann sie bei ihrem Eintreffen in der geriatrischen RAF-Zentrale von der taffen Isolde (Irm Herman) nicht nur mühelos entwaffnet werden und landet in einer Art Papageienkäfig. Die scheibchenweise Schächtung von Billinda-Heinrich überfordert ihr krankes Herz zudem derart, dass sie den Tatgeschehen nur noch bedingt folgen kann und dem Bösen seinen Lauf lassen muss. Vielleicht liegt es aber auch an der auf niedrigstem Niveau geführten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Grundsatzdiskussion zwischen dem Rächerinnen-Trio und dem liebevoll hingerichteten Großunternehmer, dass sie fast wie im Stummfilm unter dramatischem Augenrollen wieder und wieder kollabiert. Als Isolde ihr zu Hilfe eilt, schießt sie mit einem - deus ex machina, ach, da isser ja - irgendwie aus der Einstreu ihres Gefängnisses aufgeklaubten Revolver auf Hanna Schygulla. Leider ohne den erforderlichen Anruf oder auch nur den Ansatz einer putativen Notwehrsituation. Egal. Die Schygulla flüchtet alsdann waidwund, aber solidarisch gestützt von ihren Clan-Schwestern Irm Herman und Margit Carstensen, vor der nach verstrichener Schonfrist endlich mit Blaulicht herannahenden Polizei im Ruderboot auf den nächtlichen Bodensee hinaus. Während Blum nach vermeintlich schwerer Herzattacke (röchel, röchel) überraschend schnell rekonvalesziert, endet der präfinale Abgesang der Spät-RAFlerinnen (man summt die Internationale) in einer Verpuffung urknallähnlichen Ausmaßes, deren Heftigkeit in keinem Verhältnis zu der Menge der brennbaren Flüssigkeit steht, die zuvor (Zwischenschnitt) aus einem Putzeimer relativ sparsam über das Fluchtboot versprengt worden war.

"Sie sind weit gegangen, Frau Blum!" kommentiert Perlmann altklug die letzte Diensthandlung seiner mütterlichen Freundin und Kollegin. Die antwortet in einer unübertrefflichen Mischung aus begreiflicher Endzeitstimmung und unbegeiflicher finsterer Entschlossenheit: "Nicht weit genug!"

Als schon zu weit empfindet es spätestens jetzt der geduldige Zuschauer. Immerhin vermerkt er dankbar, dass sich der klaffende Spalt aus Weltschmerz und Sinnsuche für einen kurzen Moment schließt, um die Handlung in die fast heitere Bildsequenz eines mit offener Heckklappe und sperrigem Hausrat davonfahrenden Kombis der unteren Mittelklasse (Farbe: ein frisches Kaminrot) ausmünden zu lassen. Denn dies ist unschwer als Start der Klara Blum in den entschleunigten Vorruhestand und ein neues, hoffentlich lohnenswerteres Leben, vor allem aber als Ende des Films auszudeuten.

Die zentrale Frage nach dem Wofür des Lebens, die im ARD-Tatort notorisch an die Stelle des inzwischen wohl weithin als banal empfundenen Whodunit getreten ist, erfährt in der philosophischen Auseinandersetzung zwischen Neoliberalismus und neuer Aufklärung leider keine über den Einzelfall hinausweisende Klärung. Dies dürfte der Vielzahl der Lebensentwürfe geschuldet sein, die nach dem Abspann noch im Raume stehen bleiben. Foltertrauma, aber wenigstens noch glücklicher Besitzer eines globalen Textilimperiums? Einsame Witwe, aber wenigstens mit Villa und Seegrundstück? Mit sich zufrieden, aber tot? Kurz vor dem Herztod, aber endlich mehr Freizeit? Noch im Dienst, aber ohne Pflegemutter? Multikulti, aber Halbwaise?

Mit all dem kann man leben. Ob sich das lohnt, ist letztlich Geschmackssache. It depends, wie der Englishman das in der beneidenswerten Kürze einer Welthandelssprache auszudrücken in der Lage ist. Der im ethischen Relativismus orientierungslos zurückgelassene Tatort-Zuschauer indessen verfällt in rhythmische Schaukelbewegungen und tröstet sich vielleicht mit diesem Liedchen aus fernen Kindertagen:

Jetzt fahr'n wir über'n See, über'n See. Jetzt fah'n wir über'n See. Mit einer hölzern' Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wuhurzel. Mit einer hölzern' Wurzel. Kein Ruder war nicht dran.

04:42 05.12.2016
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