Wer sind die Volksmojahedin Iran?

Opposition gegen Diktatur – Meine Erfahrungen mit dem iranischen Widerstand und den Volksmojahedin Iran – Bericht eines deutschen Sympathisanten
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Das Thema Iran macht Schlagzeilen. Ein schlecht recherchierter heute veröffentlichter Artikel bei Spiegel Online mit der Überschrift, „Volksmudschahidin in Iran: Amerikas neue Freunde“, der an vielen Stellen Desinformationen des Mullah-Regimes über die iranische Hauptopposition enthält, brachte mich dazu, diesen Text zu schreiben. Welcher meine persönliche Erfahrung der letzten zehn Jahre mit dieser Widerstandsorganisation widergibt. Hoffentlich gibt es bei Spiegel Online – welches sich gerne mit dem „moderaten“ Hassan Rohani befasst, auch einen Journalisten, der sich mal gründlicher mit der iranischen Opposition beschäftigt.

Mein Name ist Dirk Holzhüter, ich bin 49 Jahre alt und gebürtiger Deutscher. Ich habe keine familiären und persönlichen Beziehungen zum Iran.

Meine Mutter war die frühere Bundestagsabgeordnete Ingrid Holzhüter, die acht Jahre lang für die SPD im Bundestag saß, bis sie sich aus persönlichen Gründen zurück zog und leider 2009 an einer schweren Krankheit viel zu früh verstarb.

Meine Mutter war damals eine der ersten Abgeordneten überhaupt, die sich offen für ihre Unterstützung des iranischen Widerstandes und seiner Organisation im Exil, dem Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI) und seiner größten Gruppe darin, die Volksmojahedin Iran (PMOI/MEK), bekannte.

Eingebetteter Medieninhalt

Zu dieser Zeit gab es die ersten Atomverhandlungen zwischen Europa und dem Iran. Die Volksmojahedin hatten über ein Netzwerk im Iran aufgedeckt, dass das iranische Regime Uran in einer Anlage im Iran anreichert und die internationale Gemeinschaft wurde bereits dort vom iranischen Regime mit dem Bau von Kernwaffen erpresst.

Die Mullahs setzten damals für den Verhandlungsbeginn die Bedingung, dass man die Volksmojahedin Iran auf die internationalen Terrorlisten setzt. 1997 begannen die USA, die Mojahedin ohne jegliche Gefährdung des amerikanischen Volkes auf die Terrorliste zu setzen, später folgten Großbritannien und die EU. Erst 2012 befanden die letzten Gerichte die Listung für ungesetzlich und bezeichneten sie sogar teilweise als „pervers“ und die Regierungen mussten sie in teils historischen Entscheidungen von den Listen nehmen.

2008 nahm mich meine Mutter zum ersten Mal zu einer Veranstaltung des NWRI in Berlin mit. Dort wurde sie begeistert empfangen und ich werde diesen Abend nie vergessen. Ich habe die Geschichten der gefolterten Menschen angehört, die teilweise ihre ganzen Familien für friedlichen Widerstand verloren hatten. Doch am meisten blieb mir ein iranischer Sportler in Erinnerung, der in den Mullah-Gefängnissen durch Folterungen 11 Zähne verloren hatte. Er hätte ein berühmter Marathonläufer werden können. Ich werde seine Augen niemals vergessen, als er mir seine Geschichte erzählte.

Schockiert über die Dimension der Menschenrechtsverbrechen im Iran

Ich war so schockiert von der unfassbaren Ungerechtigkeit im Iran, dass ich beschloss, ebenfalls aktiv zu werden. Ich begann, für die Exiliraner ihre englischen Artikel auf der Webseite ins Deutsche zu übersetzen.

Meine Mutter erlebte damals für ihre Unterstützung der Menschlichkeit im Iran massive Kritik. Sie bekam Drohbriefe von dem in Deutschland erlaubtem AWAA e.V., einem Tarnverein und einem klaren Netzwerk von Agenten des iranischen Regimes, aber sie erntete auch massive Kritik von ihrer Partei in einer Zeit, wo ihr Kanzler Gerhard Schröder und Joschka Fischer die Botschaft des iranischen Regimes in Berlin einweihten und dabei einen iranischen Botschafter herzlich umarmten, der im iranischen Widerstand für seine Arbeit im Geheimdienst und schwerste Menschenrechtsverbrechen in den 80er Jahren mehr als bekannt war.

In den fast 10 Jahren meiner Tätigkeit traf ich viele Iraner im NWRI und auch zahlreiche Volksmojahedin, unter anderem 100 Mojahedin aus Camp Ashraf (Irak), echte und wirklich eindeutige politisch verfolgte Flüchtlinge, die im Irak kurz vor dem Abschlachten durch eine damals Mullah-freundliche irakische Regierung standen und die nur aufgrund einer massiven Kampagne in Deutschland und sogar eines Hungerstreiks der Exiliraner aufgenommen wurden, ansonsten hätte sie unsere Bundesregierung gnadenlos dort verrecken lassen

Ich kann nur sagen, dass all die widerlichen Vorwürfe von „Sektentum“ und anderen absurden Dingen völlig falsch sind. Ich habe in den ganzen Jahren (ich war fast täglich in der Berliner Geschäftstelle anwesend) nie irgendeinen Zwang oder Druck oder gar Sektenkult erlebt. Diese Menschen waren alle aus voller Überzeugung dabei und sie hatten alle einen brutalen Preis gezahlt. Sie wollten nichts anderes, als Freiheit in ihrem Land. Einen Iran ohne Diktatur.

Ich war in der Zeit sehr überrascht, wie friedlich, liebevoll und menschlich wertvoll diese Menschen waren. Jeder Deutsche, Christ, Parteiangehörige oder sonstige Aktivist durfte mitmachen und die Iraner hörten auch geduldig jede Kritik an. Ich kritisierte den Islam auch offen in den Gesprächen mit ihnen. Sie haben damit kein Problem und verstehen, warum ich so denke. Ich sehe das eigentlich so, dass wir beide gegen den islamistischen Fundamentalismus kämpfen und darin sehe ich keinen Widerspruch.

Denn die Leute dort verfolgen den moderatesten Islam, den man sich vorstellen kann, sie wollen eine klare Trennung von Kirche und Staat und sind sogar für eine Reform des Islam offen und auch eine Freundschaft mit „Ungläubigen“ wie mit mir ist für sie kein Problem. Für mich sind diese Menschen Freude und so behandeln sie mich auch. Sie helfen mir auch ohne Gegenleistung in der Not, wenn ich sie darum bitte und das ist einfach großartig und selbst wir Deutschen können viel über ihre Art der Menschlichkeit lernen.

Mein Treffen mit der Präsidentin des iranischen Widerstandes

2008 hatte ich das große Glück, Maryam Rajavi, die Präsidentin des iranischen Widerstandes, für einige Minuten bei einem Dinner in der parlamentarischen Vertretung privat zu sprechen. Sie ist eine charismatische und unglaublich starke Frau mit einer Ausstrahlung, die alle um sie in den Bann zieht. Aber sie hat mir in diesen Minuten des Gesprächs auch ihre sanfte Seite als Mensch und Frau gezeigt und am Ende blieb für mich nur der Eindruck zurück, dass ich so eine Kanzlerin gerne in unserem Land haben würde.

In den Jahren danach lernte ich nicht nur in Paris die über 100.000 Menschen kennen, die den iranischen Widerstand jedes Jahr unterstützen, sondern auch viele Vertreter aus der weltweiten Politik und auch andere Vertreter im NWRI, zum Beispiel einen bekannten kurdischen Anführer, der ebenfalls sehr beeindruckend war und dessen Brüder im Iran ebenfalls massiv unterdrückt werden, so wie viele andere ethnische und religiöse Minderheiten auch.

Ich lernte in dieser Zeit aber auch weniger schöne Dinge kennen. Ich lernte die volle Tiefe der Menschenverachtung der Mullahs kennen, lernte, dass seine heutigen Anführer an dem gewaltigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit 1988 an schätzungsweise 30.000 Menschen (meist Volksmojahedin) beteiligt waren und ich sah die rostigen Maschinen, mit denen die Mullahs kleinen Dieben die Finger abhacken und wie die wundervollen iranischen Frauen wie Vieh behandelt werden. Es schockiert mich auch nach Jahren noch, welch Wahnsinn in diesem Land tobt.

Ich lernte aber auch leider die hässliche Seite der Demokratie kennen. Ich lernte am Fall Iran, wie Massenmedien, Politik, Wirtschaft sowie politische und wirtschaftliche Stiftungen das Volk manipulieren, um dreckige Wirtschaftsdeals mit den Islamischen Revolutionsgarden abzuschließen, denen ein Großteil der Wirtschaft im Iran gehört. Ich lernte, wie die Lobbyisten des iranischen Regimes von den Universitäten bis hin zu den EU Abgeordneten diese bestechen und beeinflussen und wie Geschichten wie der „moderate Mullah Rouhani“ und andere Märchen fabriziert werden, um diese widerwärtigen Geschäfte vor dem deutschen Volk rein zu waschen.

Der iranische Widerstand und die Volksmojahedin Iran sind die beste menschliche, politische und gesellschaftliche Alternative zum Regime, die man sich vorstellen kann. Es sind gebildete, menschlich wertvolle und sehr kraftvolle Menschen aller Altersstufen, die lange Zeit für ihren Kampf um Freiheit und Demokratie kämpfen und viel dafür opfern.

Unter ihnen sind viele Frauen und Studenten und sogar abtrünnige Mullahs, die übrigens selbst gefoltert werden, wenn sie das Regime nur hauchzart in Frage stellen. Unter ihnen befinden sich viele Schriftsteller, Künstler, Sportler, Krankenschwestern und andere sehr wertvolle Menschen, die den Mullahs menschlich, moralisch und generell haushoch überlegen sind. Sie sind eine absolute sinnvolle Alternative und sie haben einen großen Rückhalt im Volk.

Das zeigen nicht nur die jährlich 100.000 Exiliraner in Paris, sondern das sah man auch bei den Volksaufständen in 142 Städten 2018 im Iran, wo selbst das Regime zugeben musste, dass die treibende Kraft dahinter die Volksmojahedin (MEK) war und das sieht man auch jedes Jahr bei den Spendenaufrufen des iranischen Widerstandssenders INTV, wo Tausende Menschen trotz Repressalien aus dem Iran spenden.

Ein Kleinspender, den das Regime dabei erwischte, wurde sogar hingerichtet, was zeigt, wie ernst die Mullahs diese Bedrohung wirklich nehmen und glauben Sie mir, davor haben die Mullahs weit mehr Angst, als vor einer militärischen Intervention oder Sanktionen. Die Mullahs fürchten die Volksmojahedin Iran mehr als Sie glauben und genau deshalb setzen sie alles daran, sie zu diffamieren und sie nutzen dabei alle altbewährten Erpressungsmethoden, die sie finden können.

00:30 12.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

D. Holzhüter

Menschenrechtsaktivist in Berlin
D. Holzhüter

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