Ein Zaun gegen Fremdenfeindlichkeit

Greifswald Ein Studentenwohnheim und dessen Bewohner werden immer wieder Opfer fremdenfeindlicher Übergriffe. Kann ein Zaun schützen?
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Seit Beginn des Jahres häufen sich in Greifswald die Übergriffe gegen ausländische Studierende im Stadtteil Schönwalde II. Der von Plattenbauten geprägte Stadtteil gilt wegen seiner relativ hohen Erwerbslosenquote als sozialer Brennpunkt. Dort steht in der Makarenkostraße ein Wohnheim des Studentenwerks Greifswald, das vorwiegend von ausländischen Studierenden bewohnt wird. Insgesamt leben in dem Wohnheim etwa 80 ausländische Studierende.

Die ersten drei bekannten Vorfälle ereigneten sich im März und April. Einer indonesischen Studentin wurde ohne Anlass Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, nachdem sie ein Fenster öffnete, gegen das zuvor geklopft wurde. Wenige Tage später wurde ein Fenster des islamischen Kulturzentrum Greifswald zerstört, das sich in einem Gebäude in unmittelbarer Nähe des Wohnheims befindet und auch den größten Hörsaal der Universität, die „Kiste“, beherbergt. Mitte April wurde ein Student auf dem Nachhauseweg von mehreren Personen als "Scheiß Ausländer" beleidigt und mit einer Bierflasche beworfen. Die Polizei sah in den Übergriffen keine Häufung von fremdenfeindlichen Übergriffen und konnte in keinem der Fälle die Täter ermitteln.

Als Reaktion vereinbarte das Rektorat der Universität einen Runden Tisch mit Vertretern der Unileitung, Univerwaltung, des Studienkollegs, des Akademischen Auslandsamtes sowie des Studentenwerkes, des AStA, der Polizei und betroffenen Studierenden. Ausgeschlossen wurden hingegen neben Presse, Öffentlichkeit und professionellen Beratungsstrukturen für Opfer rechter Gewalt, auch die Betroffenen des islamischen Kulturzentrums.

Die Lampen leuchten wieder

Man beschloss bei dem Treffen kleinere Maßnahmen wie einen Wachschutz für das Wohnheim, der nachts alle zwei Stunden Streife geht, die Installation von Bewegungsmeldern und die Reparatur von drei Straßenlampen. Die Polizei regte die Installation einer Videoüberwachung an.

Im Juli wurden die nächsten Übergriffe öffentlich. Kulturzentrum, Wohnheim und Bewohner waren nachts mit rohen Eiern beworfen worden. Zwei Wochen zuvor drang eine Person in das Wohnheim ein und versprühte die Ladung eines Pulver-Feuerlöschers im Flur. Außerdem war in den Briefkasten des islamischen Kulturzentrums Schweinefleisch geworfen worden. Erst Wochen nach den Vorfällen wurden diese von Uni, Stadt und Lokalpresse publik gemacht. Der Verdacht kam auf, die Sache sollte klein gehalten werden.

Im ganzen Stadtteil sind darüber hinaus Propagandadelikte festzustellen. Das Gebäude des Hörsaals „Kiste“ wurde in den Jahren zuvor bereits mehrfach mit rechtsextremen Graffiti veschandelt. Erst vor wenigen Wochen verklebten Neonazis erneut Propagandasticker. An jedem zweiten Laternenpfahl - auch vor dem Wohnheim - klebte ein gelber Aufkleber mit der Aufschrift: „Landkreis Vorpommern-Greifswald. Ein Ort für Neonazis. National befreite Zone.“ Das war eine klare Ansage und Anspielung auf die Kampagne Kein Ort für Neonazis anläßlich des NPD-Pressefestes Anfang August in Viereck.

Umbaupläne inklusive Schutzzaun

Nun gibt es Planungen für den Umbau des Wohnheims. Neben energetischen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen im Inneren für mehr Wohnkomfort, solle das Gebäude aus Schutz gegen fremdenfeindliche Übergriffe eingezäunt werden und der Zutritt nur noch über einen Hauptzugang möglich sein, so die Pläne des Architekten. Der Parkplatz könne per Schranke gesichert werden. Am Zugang zum Wohnheim könnte eine Art „Concierge“ sitzen, der 24 Stunden aufpasst, wer das Gebäude betritt, und außerdem Servicedienstleistungen für die Bewohner erbringt wie z.B. die Annahme von Paketen und Post. Ob die Planungen umgesetzt werden, ist fraglich. Erstens fehlt dem Studentenwerk die benötigte Summe von ca. 5,8 Millionen Euro für die Umsetzung und zweitens ist der Standort für die Studierenden auf Grund seiner Randlage in der Stadt langfristig unattraktiv.

In der Öffentlichkeit wird fast ausschließlich über technische Sicherheitsmaßnahmen nachgedacht, obwohl das Rektorat vorschlägt, zur Verbessung der Integration die Bewohner der Wohnheime besser zu durchmischen. Der Runde Tisch und die Arbeit der Polizei haben versagt, wenn der einzige diskutierte Vorschlag ist, eine Gruppe Studierender einzuzäunen, damit sie unversehrt studieren können.

Währenddessen wird die Reparatur von drei Straßenlaternen als Sicherheitszugewinn verkauft. Laternen wirft man kaputt, Eier fliegen auch über Zäune und Zäune reißt man ein oder klettert drüber. Der geplante antixenophobe Schutzzaun wird entschlossene Übergriffe kaum abwehren.

An der Universität Greifswald sind über 12.000 Studierende eingeschrieben, davon stammen ca. 600 aus dem Ausland. Der größte Anteil der ausländischen Studierenden kommt aus Polen.

09:22 03.10.2012
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Geschrieben von

Oliver Wunder

Blogger, Diplom-Geograph, freier Journalist.
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