Gotthilf Fischer trifft Alexander v. Humboldt

Grundverschieden ähnlich Am 16.12. wurden das Humboldt Forums eröffnet und der Tod von Gotthilf Fischer bekannt. Ein Anlass, beide Phänomene unter einem gemeinsamen Blickwinkel zu begutachten.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zwei Meldungen beherrschten die Feuilletons am 16. Dezember: Die Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin und der an diesem Tag bekannt gewordene Tod von Gotthilf Fischer. Ein Anlass, beide Phänomene unter einem gemeinsamen Blickwinkel zu begutachten. Unmittelbar mögen das Humboldt Forum und Fischer nichts miteinander zu tun haben. Aber beide bilden lose Enden des Deutschen Kulturlebens – die erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen, dies jedoch in grundsätzlicher Verschiedenheit.

Hier ein ethnologisches Museum in einem wieder aufgebauten preußischen Schloss, von den einen als Großtat herbei gesehnt, von den anderen in seinen verschiedensten Aspekten kritisiert.
Dort der schwäbische „König der Chöre“ , die Reinkarnation des heimatlichen, rührseligen „volkstümlichen Schlagers“, von den einen verehrt, von den anderen belächelt bis verlacht.

Expansion ist das eine verbindende Stichwort, mangelnde Reflexion das andere.

Das neue Königliche Schloss steht in der zweifelhaften Tradition historistischer Bauten, zudem davon profitierend, dass ein Teil jüngerer Deutscher Geschichte unsichtbar gemacht wurde. Den Palast der Republik gab es überdies nur einmal, Bauten der Hohenzollern finden sich reichlich. Der Monarchismus und die Hohenzollern, Kriege und Kolonialismus sind Teil der deutschen Geschichte, aber rühmen muss man sich damit wahrlich nicht. Ihnen ein bauliches Denkmal setzen, erst recht nicht. Wohl auch deshalb wurde flugs ein Grund kreiert, zu was mehr als als Fotomotiv der Neubau dienen sollte. Das Humboldt Forum war geboren. Wilhelm und Alexander von Humboldt mussten herhalten, obwohl sie so ziemlich das Gegenteil des preußischen Imperialismus verkörpern. Nun wohnt also eine ethnologische Sammlung von zumindest in Teilen zweifelhafter Provenienz - u.a. von den ehemaligen Schlossherren zusammengeklaut - im neugebauten Schloss. Ein stimmiger Ausdruck kleingeistiger Großmannsucht. Da waren in der Geschichte sogar die Hohenzollern schonmal weiter!

Gotthilf Fischer und seine Fischer-Chöre haben mit der „Straße der Lieder“ nicht nur Deutschland, sondern auch das umliegende Europa heimgesucht. Und weiter: Auch Vatikan, Jerusalem, USA u.v.m. standen auf der Reiseliste. Fischers Kosmos war groß und auch daheim überschritt er immer wieder - vermeintliche – Grenzen; so trat er bei der Berliner Loveparade auf.

Man mag seine Musik in ihrer stumpfsinnigen Simpelheit unerträglich finden, aber anerkennen muss man: er hat (Gesangs-)Kultur für resp. mit allen gelebt, gleich ob Laie oder Profi. Und er hat damit Menschen verbunden, zigtausende, weltweit, friedlich mit Gesang. Kein Wunder dass sich unter seinen Auszeichnungen der Weltfriedenspreis der Internationalen Chorolympiade befindet. Er war wohl ein Weltbürger, zumindest ein Grenzüberschreiter, ganz im Alexander-Humboldtschen Sinne. Sie hätten sich gewiss verstanden.

Sollte das Humboldt Forum je eine Ausstellung über Deutschen Kulturimperialismus kuratieren – Gotthilf Fischer dürfte nicht fehlen. Als leuchtendes Gegenbeispiel - dafür, dass es mal eine Zeit gab, in der das kriegerischste das von Deutschland ausging, ein Angriff auf Ohren war. R.I.P., Gotthilf Fischer.

23:11 16.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katrin Lechler

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare