Buchbesprechung: Heribert Schiedel – Extreme Rechte in Europa,

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Edition Steinbauer, Wien 2011, 118 Seiten, 22,50 Euro

Nach dem Massenmord von Utoya war, das Interesse am Thema so stark geweckt, dass es endlich auch in breiteren Bevölkerungsschichten Interesse fand.Bücher für die breite Masse fehlten lange. Die Lücke wurde jetzt durch mehrere Bücher geschlossen. Das erste – und aus meiner Sicht beste – will ich gleich zu Anfang vorstellen:

Heribert Schiedel – Extreme Rechte in Europa.

Warum ein Buch aus Österreich? Warum gerade dieses?

Die österreichischen Rechtsextremisten/Rechtspopulisten sind in der Europäischen Szene – mit dem Vlaams Belang eine der tragenden Säulen, vielleicht, besonders, seit der „Belang“ deutlich schwächelt, die tragende Säule schlechthin. Ihr bekanntestes Gesicht ist zwar Hans Christian (HC)Strache und auch die gleichzeitig als Vertreterin von Pax Europa bei der OSZE aktive Elisabeth Sabaditsch-Wolff macht wegen einer von ihr angefochtenen Verurteilung wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ reden. Die „Macht hinter dem Thron“, Strippenzieher und Hans-Dampf-in-allen-Gassen ist der Europaabgeordnete Andreas Mölzer, vom Blog „Gesamtrechts“ einst gepriesen als derjenige, der den Graben zwischen alten und neuen Rechten überwindet. In Österreich erscheint die Vergangenheitsbewältigung weniger intensiv als in Deutschland und rechtes Gedankengut etablierter.

Die FPÖ unter Haider bildete bereits 2003 mit den Christdemokraten unter Bundeskanzler Schüssel die Regierung (bit.ly/y5gtCG). Außerdem ist sie – darauf weist Heribert Schiedel zu Recht hin – zusammen mit dem belgischen Vlaams Belang „geradezu als Avantgarde antimuslimischer Vernetzungsarbeit zu bezeichnen“.

Der Autor des vorliegenden Buches, Heribert Schiedel, ist Mitarbeiter des renommierten Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, www.doew.at/ , forscht zu den Themen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus, FPÖ und Burschenschaften. Sein Ansehen reicht bis über den deutschsprachigen Bereich hinaus: so hat ihn bei diesem Buch der Herausgeber des angesehenen antifaschistischen britischen „searchlight magazine“ unterstützt.

Im Einzelnen

Heribert Schiedel benennt die Themen, die für Rechte zentral, und auch für viele Linke anschlussfähig sind: Einwanderung, Verteidigung Europas und seiner „europäischen Werte“. Ablehnung der politischen Integration Europas und einer europäischen Verfassung zugunsten völkisch-nationalistischer Konzepte. Er arbeitetu. A. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus sowie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den europäischen Rechtsparteien Und bringt – trotz nicht vernachlässigbarer Unterschiede – das Zusammengehen von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus auf den Begriff: „amalgamiert zu einem europäischen Syndrom“, oder: ein Vorurteilssyndrom. Schiedel wendet sich gegen den Gebrauch des Begriffes „Islamophobie“, denn er werde einerseits von islamistischen Gruppen zur Abwehr von Kritik instrumentalisiert, verunmögliche andererseits die Unterschiede zwischen Islamfeindlichkeit und (antimuslimischem) Rassismus sowie die zwischen Antisemitismus und Rassismus zu erfassen.

Des weiteren legt er dar, wie es der extremen Rechten möglich ist, mit dem Gebrauch von Europa als Kampfbegriff, „an herrschende Europa-Diskurse anzudocken“ und somit „den faschistischen Nationalismus in gesamteuropäischen Chauvinismus zu wandelten, Der rechtsextreme Bezug auf Europa habe sich erst mit der antimuslimischen Umorientierung … durchgesetzt, sei jedoch schon älter. Schiedel belegt das mit den Äußerungen eines österreichischen Ex-Nazis, für Deutschland hätte ich Ex-Waffen-SS-Mann Schönhuber zu bieten.

„Europäisierung des Rechtsextremismus“

Höchst erfreulich sind aus meiner Sicht die Hintergrundinformationen in diesem Kapitel.

Aus der obigen Liste rechter Diskurse – die, man kann es nicht oft genug wiederholen, auch „links“ anschlussfähig sind - hat Schiedel zwei Themen richtigerweise als „zentrale Inhalte rechter Mobilisierungen“ identifiziert: Euroskepsis und Islam-“Kritik“, um daran Möglichkeiten für Gegenstrategien aufzuzeigen: in Bezug auf „Europa“ konstatiert eine Schieflage zwischen der, rechte Mobilisierungen begünstigenden Deformierung des Demokratischen auf nationaler und dem weitgehend undemokratischen Charakter der EU durch die zunehmende Verlagerung von Regierungsmacht auf die trans- und supranationale Ebene. Gegenstrategie sei hier, „alternative Europakonzeptionen stark zu machen, die gleichzeitig überzeugende Antworten auf die wirtschaftsliberale Europäisierung“ (u.a. durch die EU-Kommission) „und die reaktionären Gegenstrategien der extremen Rechten“ böten und nicht damit zu verwechseln seien.

Um dem rechtsextremen, rassistischen, islam-“kritischen Diskurs zu begegnen, fordert er, sich von kritikloser Affirmation genauso wie von einseitiger Denunziation zu lösen, aber in der Positionierung „eindeutig“ zu sein. Dazu gehöre eine Religionskritik, die sich vom Ressentiment zuerst darin unterscheide, dass sie nicht behauptete Eigenschaften, sondern konkrete Handlungen zu ihrem Gegenstand habe. Sie arbeite sich nicht nur an der fremden Religion ab, sondern lege an die eigene die gleichen Maßstäbe an.

Obwohl auf Österreich und die FPÖ fokussiert, macht die gelungene Synthese zwischen Hilfe für die tägliche Praxis und akademischer Begriffsklärung dieses Buch auch in Deutschland zu einem must-read.

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22:40 11.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

DagmarSchatz

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