Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

ZEIT-Autor Jörg Lau schrieb heute in einem Facebook-Eintrag, er würde gerne beim nächsten Auschwitz-Gedenktag einen russischen Veteranen in Bundestag sprechen hören, die hätten schließlich das Lager befreit. Eine Idee, die nicht genug unterstützt werden kann, doch muss bis dahin noch viel Gedankenschutt abgeräumt werden. Zu diesem Thema empfehle ich auch Beitrag und Diskussion von Magda: www.freitag.de/community/blogs/magda/die-bitterkeiten-der-befreiung

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Zugegeben, die Überschrift habe ich geklaut – Ernst Busch hat dazu ein sehr pathetisches Lied über die „Söhne der Revolution“ geschrieben, die zu einer „lichtdurchfluteten Welt“ beigetragen haben, etwas, das ich so nicht unterschreiben würde, aber es bleibt: der wesentliche Anteil der Völker der Sowjetunion am Sieg über Hitler wurde allzulange schändlich kleingeredet, was sich unter anderem daran zeigt, daß im Westen das Ende des Zweiten Weltkriegs auf den 8. Mai festgesetzt wurde – da hatten die WEST-Alliierten in Berlin die Kapitulationserklärung gegengezeichnet. Die Unterschrift des Sowjetmarschalls Schukow war erst nach Mitternacht auf dem Papier, also am 9. Mai.
Unlängst ließ „das Vierte“ mit der Ausstrahlung des Films „der Teufel spielte Balalaika“ noch die Atmosphäre der 50er und 60er Jahre aufleben, in der ich aufgewachsen bin: damals war für viele Männer das Thema „Gefangenschaft“ noch sehr präsent und es wurde in vielen Filmen aufgearbeitet: meistens wurden die sowjetischen Gefangenenlager als Unrechtssysteme gezeichnet, in denen dumpfbackige Offiziere ein tyrannisches Regiment führten, die durch eine nicht näher bezeichnete „Menschlichkeit“ besiegt wurden. Und die, von denen die Filme erzählten, sie hätten am schlimmsten gelitten, waren die menschlichsten. Und die Herren Genossen wurden übergriffig – im „Balalaika“-Film grapscht der negative Held das erste Mal in Minute 28. Dienstliches und Privates konnten „die“ – im Gegensatz zu den ordentlichen Deutschen – nicht auseinanderhalten
Übrigens wäre es eine Untersuchung wert, woraus sich das genuin russische und asiatische Personal jener Filme rekrutierte.
Wir lernten – in infamer Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse – daß die deutschen Soldaten durch Arbeit vernichtet worden seien – z.B. im Bleibergwerk, aus dem der Held des ersten Straßenfegers des Deutschen Fernsehens, „So weit die Füße tragen“ flüchtete. Ja, die Männer mussten in den Lagern hungern, aber die Bevölkerung musste es auch. Und im übrigen: daß Stalin die Soldaten und deutschen Zivilisten teils verschleppen und so lange für den Wiederaufbau der Sowjetunion arbeiten lassen konnte, wäre ohne Absprache mit den Westalliierten nicht möglich gewesen.
Das Gesamtbild: irgendwie hatten wir den Amerikanern unsere Befreiung und Demokratie zu verdanken, die Sowjets waren unkultivierte dumme Bauern, gefangen in einem Unrechtssystem. „Halbasiatisch“, um ein Wort von Rudi Dutschke zu gebrauchen. Unterscheidungen zwischen den in den Kampf involvierten Völkern der Sowjetunion nahmen wir nicht vor und als wir in der 68er Zeit die Sowjetunion für uns entdeckten, entdeckten wir auch, wie sehr wir unsere Eltern damit ärgern konnten. Aber wirklich Gedanken über das Land und besonders über die Menschen und ihr Opfer machten wir uns wohl alle nicht. Das „Untermenschen“-Bild und der Narrativ vom „Reich des Bösen“ saßen fest.
Erst nach der Wende wurde dieses Bild modifiziert. Eine Freundin von mir, Sprachmittlerin für Russisch, erzählte mir, daß sie sehr viele Aufträge für Briefe in die ehemalige Sowjetunion hatte: ehemalige Kriegsgefangene wollten Menschen in der Sowjetunion besuchen oder zumindest Kontakt aufzunehmen und bei meinen Aufenthalten in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion lernte ich, daß es – während des 2. Weltkriegs – wirklich ein einiges Sowjetvolk gab: so wurde das Bild oben am 9. Mai 1998 in Gali, in der umstrittenen georgischen Region Abchasien, aufgenommen: das dort stationierte russische Fallschirmjägerbataillon lud zur Siegesparade trotz damals virulenter Rubelkrise, ganz selbstverständlich die georgischen und abchasischen Veteranen ein. Wodka und Brot an einem Grab oder einer Gedenkstätte, wie hier am Treptower Ehrenmal, ist übrigens eine kaukasische Sitte.

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Bundeskanzler Schröder 2005 zur Siegesparade eingeladen wurde, wurde im Hinblick auf die „Männerfreundschaft“ mit Putin zwar bekrittelt, aber niemand nahm so richtig zur Kenntnis, welches Versöhnungszeichen das war. Allerdings: gedankt wurde der Roten Armee und ihren Millionen Soldatinnen und Soldaten im vereinten Deutschland bislang noch nicht, nicht nur für die Befreiung der Konzentrationslager, sondern auch für die Befreiung des deutschen Volkes, für den Millionen ihr Leben, aber zumindest ihre Jugend opferten. Deswegen unterstütze ich den Vorschlag von Jörg Lau, am nächsten Holocaust-Gedenktag einen oder eine von ihnen im Bundestag sprechen zu lassen.

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Bildnachweis: Bild (1), "Veteranen", 09.05.1998, Gali/Georgien, (c) Dr. Dagmar Schatz Bild (2), "Wodka", 09.05. 2011, Berlin Treptow, (c) Frank Kopperschläger, Bild (3) "Helden", 09.05. 2011, Berlin Treptow, (c) Frank Kopperschläger, kopperschlaeger.net/

19:48 28.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

DagmarSchatz

Das ultimative Auskunftsblog über Gewichtsprobleme, Islamismus und die Welt im Allgemeinen.
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