Die Günter-Grass-Debatte – eine Bitte um Versachlichung

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Günter Grass verdient Respekt dafür, daß er sich geäußert hat, aber leider nicht für das wie. Ein Text ist schlecht, wenn er hinterher noch ausführlich erklärt und präzisiert werden muss. Und jetz wird polarisiert, was das Zeug hält. Das führt nicht weiter. Versachlichung tut not.

Günter Grass verdient Respekt dafür, daß er sich zum Themenkomplex Israel/Iran kritisch geäussert hat. Doch von einem guten Text – hier: einem Gedicht – erwarte ich, daß er alles erklärt, was er zu erklären vorgibt, doch genau das tut der Text nicht, was sich nicht nur daran zeigt, dass Grass selber seinen Text in mehreren Interviews „nach“-erklärt, sondern auch, daß uns ExegetInnen auf beiden Seiten der Barrikade den Grass erklären– und dabei nicht an ad-Personam-Angriffen sparen. Business as usual für die deutschen Dependancen des Nahost-Konflikts.

Grass tanzt den Sarrazin

Respekt gebührt Grass dafür, daß er, „mit letzter Tinte“, noch einmal das Wort in Sachen Nahostkonflikt ergriffen und seine Ängste überwunden hat. Daß er es aus Freundschaft für und aus Sorge um Israel gesagt habe steht leider nicht im Gedicht. „Zu dem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien … Ja, das hoffe ich auch, aber dann mögen sie erkennen, daß sie schweigen aus Angst vor BauchrednerInnen eines halluzinierten Israel – und nicht wegen eines Tabus.

„Was gesagt werden muss“ hört sich an wie das Sarrazin’sche „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ – und das steht in unheilvoller Tradition: Schon 1922 veröffentlichte Henry Ford sein Pamphlet „der internationale Jude“ ausdrücklich mit dem Anspruch, die „Zensur“ zu durchbrechen, dass man in zu kritisierenden Zusammenhängen Juden nicht einmal beim Namen nennen dürfe, damit nicht offenbar würde, wo sie überall ihre Finger drin hätten. Das spiegelt sich heute z.B. in der Behauptung, man dürfe bei Berichten über Kriminalität die Herkunft der Täter nicht nennen, damit nicht offenbar würde, dass die Mehrzahl von ihnen „mohammedanische“ Migranten sei.

Und genau das drückt Grass mit der Überschrift auch aus und die ExegetInnen sprechen ihm nach:ein Tabu wurde gebrochen! Daß in weiteren Zeilen deutlich wird, daß es wohl doch um die eigenen Ängste ging:„Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,sobald er missachtet wird; das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig …“ Das sind intrapsychische Prozesse!

Über Kriegskunst und Nuklearsprengkörper

Sunzi, dessen vor fünfundzwanzig Jahrhundertenniedergeschriebene Aussagen zu Strategie und Taktik in „die Kunst des Krieges“ bis heute nicht nur in den Streitkräften vieler Länder, sondern auch in Kursen für Manager aufmerksam studiert und an die neue Zeit angepasst wurde, schrieb im 3. Kapitel:

„In all deinen Schlachten zu kämpfen und zu siegen ist nicht die größte Leistung. Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. … Der kluge Anführer unterwirft die Truppen des Feindes ohne Kampf; er nimmt seine Städte, ohne sie zu belagern; er besiegt sein Königreich ohne langwierige Operationen im Felde. … Dies ist die Methode, mit einer Kriegslist anzugreifen, indem man das Schwert in der Scheide läßt.“

Ich denke, daß genau das die Taktik ist, die die israelischen Falken verfolgen. Dort hinein passt die Stuxnet-Attacke, dort hinein passen die hinterhältigen Morde an den Atomwissenschaftlern, die Kampagne „Stop the Bomb“ und – all die Kampagnen à la: „Kein Krieg gegen … Solidarität mit …“, die in diesem Widerstand-Brechen-Szenario als Schallverstärker wirken und den Druck erhöhen –im Sinne der israelischen Kriegstreiber.

Wer vom Einsatz von Nuklearsprengkörpern als Angriffswaffe faselt, hat die Einsatzgrundsätze für eine solche Waffe nichtverstanden. Wie schreibt Sunzi? In der praktischen Kriegskunst ist es das Beste überhaupt, das Land des Feindes heil und intakt einzunehmen; es zu zerschmettern und zu zerstören ist nicht so gut.“ Was für einen Sinn machte ein zerstörtes Land?

Wer die aktuellen Probleme der israelischen Angriffsplanung studieren will - und der USA damit - , der kann sich diese Schrift des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses vom 28. März zu Gemüte führen:

·Für einen kompletten Stopp wäre die Zerstörung von sieben Anlagen und zwei Uranminen erforderlich (S.7).

·Die israelische Führung ist bis heute nicht einig, ob sie die Wirkung von Sanktionen abwarten will. (S.11 ff)

·Der Rückhalt in der Bevölkerung ist so groß nicht.

·Zwei ehemalige Mossad-Chefs haben einen möglichen Angriff kontraproduktiv genannt.

·Der Angriff – in dem die deutschen U-Boote in der Tat eine Rolle zu spielen scheinen (S14, Fußnote 54) – müsse besser vorbereitet werden.

·Obwohl Netanyahu die Devise ausgegeben hat, Israel wolle und könne sich nur auf sich selber verlassen, fürchte man die Vorbehalte der USA und weitere internationale Delegitimierung.

·Das Atomprogramm des Iran könne maximal drei bis fünf Jahre verzögert werden, die Risse innerhalb der iranischen Gesellschaft würden geschlossen (S.35), der Iran würde seine internationale Isolierung durchbrechen. (S.36) Israel hätte nicht nur mit der Gegenwehr des Iran, sondern auch mit Angriffen von Gruppen wie Hamas und Hisbollah auf sein Territorium zu rechnen. Dieses Territorium kann mit iranischen Mittelstrecken erreicht werden.

Einen „regime change“ zu erreichen ist eine „fantasy“.

Als Letztes: der Angriff auf die Atomanlagen ist in der Tat mit „Bunker Buster“- Nuklearspreng-körpern geplant (S.31), deren Sprengkraft bis 5 Kilotonnen beträgt und die sich ihr Ziel selber suchen. Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten: ist der Iran wirklich „nahe an der Bombe“, so ist mit großem Fallout zu rechnen, der entweder ostwärts nach Pakistan und Afghanistan zöge oder westwärts nach Saudi-Arabien und in die Golfstaaten. Zöge er nord-westwärts, erreichte er die Heiligen Stätten der Muslime, aber danach auch Israel. Ist der Iran es nicht, wäre der Fallout geringer – und ein Angriff noch wahnsinniger. Aber die USA scheinen – so mein Eindruck – auf Israel zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Deswegen darf ich noch einmal auf das hinweisen, was ich hier zitiert habe: „" Sicherheit vor dem Iran verlangt auch Sicherheit für den Iran. Die Iran-Problematik ist nicht militärisch lösbar. Ein Gesicht wahrender Ausweg mag für Teheran die Teilnahme Irans an einer groß angelegten Friedenskonferenz für den Nahen Osten sein ... ". Das kann man auch sachlich und unaufgeregt vertreten, ohne sich von vermeintlichen Tabus beirren zu lassen.


00:47 08.04.2012
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Geschrieben von

DagmarSchatz

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