Isabelle Eberhardt - Ein muslimisches Frauenportrait – ganz anders

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Isabelle Eberhardt, 1877-1904, Anarchistin, Reisende, Wahrheitssucherin, Alkoholikerin, Drogenkonsumentin, Spionin, wurde, bedingt durch ihren frühen Tod, zur Projektionsfläche für jedeN, der/die sich mit ihr beschäftigte: die AnarchistInnen sahen in ihr die Anarchistin, die Feministinnen eine frühe Feministin, die Hippies in ihr eine Vorreiterin von Drogenkonsum und Freier Liebe – für mich gehört sie zu denen, die mir nicht nur den Mut gegeben haben, 1987 zum Islam zu konvertieren, sondern auch zu versuchen, zwischen den Welten zu vermitteln.

Anarchistische Wurzeln

Lauf! Geh! Nur zum Bersten hält die Wolke inne!
und nur zum Weinen bleibt der Abenteurer stehn!

Die Lebensgeschichte von Isabelle kann zeigen, daß auch eine Frau, auch mit sämtlichen Brüchen in der eigenen Biographie, mit sämtlicher Unvollkommenheit des irdischen Lebens im Islam eine spirituelle Heimat finden und dabei politisch wach sein kann. Ihre Lebensgeschichte aus Projektionen und Mythen herausgeschält werden.
Durch das, was sie hinterläßt. bringt sie dem, der es liest, ein Bild islamischen Lebens nahe, das das zeigt, was durch den Einfluß der Europäer - hier der Franzosen - zerstört, verbogen. pervertiert wurde, aber auch, was erhalten und unzerstörbar ist.

Isabelle wurde am 17. Februar 1877 als jüngstes von fünf Kindern einer adligen Russin in Meyrin am Genfer See geboren. Ihre Mutter, Nathalie Eberhardt, hatte mit ihrem Mann, einem deutschbaltischen General, bereits fünf Kinder. Ihr privilegiert-adliges Leben scheint sie gelangweilt zu haben, denn sie schätzte zunächst die Gespräche des neu eingestellten Hauslehrers, Alexander Trofimowski, der in manchen Quellen als „entlaufener Pope“, dazu noch russisch (!) bei armenischer Herkunft beschrieben wird. Woraus ein „Pope“ „entlaufen“ könnte, ist mir vollkommen unklar. Und ein Armenier ist erst einmal Mitglied der armenischen Kirche. Da eine Konversion nirgendwo beschrieben ist, habe ich an Babas (der in den Quellen zu Vava, oder sogar Va Va verballhornt ist) angeblicher Nationalität so meine Zweifel. „Armenier“ soll bestimmt einen tragischen Flor verleihen. Baba bedeutet übrigens „Vater“. Nathalie verliebte sich in Trofimowski, der Gatte habe sie angeblich unter Überreichung eines bombastischen Rosenstraußes freigegeben.

Zu dieser Zeit lebten in der Schweiz viele russische "Emigranten" - politische Oppositionelle, die mit ihren Aktionen gegen das Zarenregime gescheitert waren und nun hier Ihren anarchistischen, kommunistischen und volkssozialistischen Träumen hinterherhingen. - Auch Lenin stieß später zu ihnen und viele Flüchtlinge der jungtürkischen Bewegung.

Die Familie bezog eine Villa, die von Isabelles Vater als ökologisches Mustergut geführt wurde, die aber ansonsten einem anarchistischen Heerlager glich. Die Kinder gingen nicht in die Schule, sondern wurden von ihrem Vater bzw. Ziehvater unterrichtet, und mußten dafür Garten- und Landarbeit verrichten, wobei man Isabelle schon als Elfjährige rauchenderweise Gartenarbeit verrichtet haben,

Mit zwölf Jahren soll Isabelle schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Italienisch gesprochen haben, zur gleichen Zeit fing sie an, sich selbst Arabisch beizubringen, mit vierzehn fing sie an, nach den Regeln des Islam zu leben. Einige Quellen berichten über eine Korrespondenz mit dem Großmufti von Jerusalem, doch gilt das nicht als sicher. Gesichert ist jedoch die Korrespondenz mit James Sanua /Yaqub Sanu aka Abu-Naddara, einem jüdisch-sephardischen Islamgelehrten, politischen Journalisten, Satiriker, Autor und Begründer des ägyptischen Films.

Etwa zu dieser Zeit beginnt sie mit Schreibversuchen:

Mein Körper ist im Okzident und meine Seele im Orient
mein Körper ist im Land der Ungläubigen und mein Herz ist in Istanbul,
und mein Herz ist in Oran (Stadt in Algerien)

Im Original sind diese Verse bereits in Arabisch geschrieben worden.

Nachdem die Familienverhältnisse immer extremer werden - ihr geliebter Baba entwickelte sich immer mehr zum Tyrannen, der drei der ältesten Kinder bereits in die Flucht getrieben hat, reist Isabelle 1897 mit ihrer Mutter nach Algier, wo beide Frauen nunmehr auch formell zum Islam übertreten. Wenig später stirbt die Mutter hier und wird auf dem Islamischen Friedhof begraben.

Politisch war das die Zeit, in der Frankreich seinen Einfluß in Nordafrika immer weiter ausdehnte: Tunesien war gewaltsam erobert worden, in Algerien hatten sich die Franzosen bereits festgesetzt und von hier aus versuchten sie ebenfalls, mehr oder weniger gewaltsam nach Marokko vorzudringen. Eine europäische Oberschicht fühlte sich bereits heimisch in den "Europäervierteln" der großen Städte (die Unterteilung charakterisiert heute noch viele Städte in Nordafrika) und streiften fasziniert durch die Viertel der "Eingeborenen". Es gab unter den Europäern neben Militärs, Glücksrittern und Verwaltungsbeamten auch andere: "Vergessenssucher" (so der Titel einer der ersten Ausgaben unter dem Isabelles Werk veröffentlicht wurde), für die Kif-Rauchen und Orientschwärmerei das Vehikel zur Flucht aus Europa und vor sich selber war.

Es gab solche, die bereits mit ehrlicher Empörung auf die Zerstörung des Lebens dort überhaupt reagierten, und es gab solche mit einer Sehnsucht im Herzen...
Getrieben von dieser Sehnsucht drang Isabelle immer tiefer in die Welt ein, die sich ihr dort eröffnete: als erstem Europäer gelang es ihr, tief in die Wüste vorzudringen, das Leben von Oasenstämmen, die Feste, das Leben während des Ramadan und vieles andere mehr festzuhalten, aber auch das Leben derer, die von der europäischen Militär- und Geistesinvasion beschädigt und zerstört wurden: der jungen Männer, die unter falschen Versprechungen in die "Eingeborenen"-Regimenter, die Spahi-Truppen gelockt worden waren und sich dort selbst verloren, der Frauen, die zu erbärmlichen Prostituierten in den "Eingeborenen"-Vierteln herabgesunken waren, aber auch derer, die in dieser "Goldgräber"-Atmosphäre unzerstört geblieben waren.

Und alle Texte von ihr sind - trotz ihres weiterhin sehr irritierenden Lebens durchdrungen von einer tiefen Gottergebenheit, mit der sie ihre gesamte Existenz, sei es in den seltenen Momenten der Freude, oder den häufigen Momenten der Depression und Verzweiflung in die Hände des Allmächtigen legt.

Ihr Leben bleibt bis zu Ihrem frühen Tod 1904 äußerlich weiterhin tief zerissen, und diese Zerrissenheit lebt sie in drei Existenzen, die sich auch in ihrer Kleidung ausdrücken: Fräulein Eberhardt, die Journalistin und Schriftstellerin, die man nach den ersten Erfolgen in den "Salons" bestaunt, Mme Ehnni, die sich bemüht., ihrem aus der "Eingeborenen"-Armee als Leutnant ausgeschiedenen Gatten eine gute muslimische Ehefrau zu sein und - als Sidi Mahmoud, dem Gottsucher. Diese dritte Existenz als Mann in Männerkleidern war ihr Weg, Gott näherzukommen; als Sidi Mahmoud ritt sie in die Wüste, getrieben von Sehnsucht nach dem Absoluten, führte Gespräche mit Schriftgelehrten und Marabouts, als Sidi Mahmoud wurde sie in die Bruderschaft der Kadiriya aufgenommen, akzeptiert und unterwiesen, als Sidi Mahmoud ging sie ins Khulwat, auf die Reise zum Herrn der Macht.

Ihre Schriften wurden in den 20er Jahren erstmals wieder aufgelegt, der Titel "Im heißen Schatten des Islam" sagt bereits alles über den Kontext und braucht nicht weiter kommentiert zu werden. In den 60er Jahren wurde sie dann von den Hippies, später von den Feministinnen vereinnahmt.

Es gilt, sie besonders auf dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse des ARABISCHEN FRÜHLINGS wieder neu zu entdecken.

23:04 22.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

DagmarSchatz

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