Witz, Macht und schöne Zähne

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Warum Witz im Karneval ein Instrument der Machtausübung und harte Arbeit zur self-promotion ist.

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Ich stamme aus dem hillige Kölle, einer der Städte, in denen man bei Karneval, so man ihn ernst nimmt, oft nichts zu lachen hat. Oft war der Karneval auch Instrument einer „Integration“, wie die Narren sie verstanden: Karnevalistin Gertie Ransohoff nahm sich 1932 wenige Tage nach dem Selbstmord ihres jüdischen Ehemannes das Leben, Karnevalist Karl Küpper wurde 1936 nach einer regimekritischenBüttenrede verhaftet und der jüdische Karnevalist Hans Tobar erhielt Auftrittsverbot. Ab 1935 wurde von den Mitgliedern der Karnevalsgesellschaften der Ariernachweis verlangt.

Berüchtigt war die in jener Zeit häufige Judenhetze auf den Festwagen, nicht nur jenen der Rosenmontagsumzüge, sondern auch jener der „Veedelszöch“. Nach dem Krieg hörte man die NS-kontaminierten Namen wie Thomas Liessem wieder, doch Namen wie den des „Edelweisspiraten“ Jean Jülich der in Yad Vashem als „Gerechter der Völker geehrt wurde, hörte man nicht. Anfang der sechziger Jahre schien es dann an der Zeit, endlich mal die „Imis“ zu integrieren, die ungeliebten Flüchtlinge, die in den meisten Aufnahmegegenden als recht aufgezwungen empfunden wurden: der Vater einer meiner Klassenkameradinnen, aus den „verlorenen Ostgebieten“ zugewandert und mittlerweile zu Wohlstand gekommener Fabrikant hatte es geschafft, im „Dreigestirn“ di Figur des „Bauern“ besetzen zu dürfen – einen „Imi“ als Prinzen? Nein, also wirklich, das sei, 20 Jahre nach Kriegsende, noch zu früh, das brauche Zeit … Mittlerweile ist das vordergründig kein Problem mehr: so wurde es problemlos akzptiert, daß et „Klumse Heidi singe Seal“ auf dem Festwagen der Roten Funken mitfuhr und deren Uniform trug. Einheimisch Firmen sponsern traditionsgemäß die Kamelle, Strüüßjer, Pickolö’scher und was da sonst Feines noch vom Wagen geworfen wird – das Allerfeinste Richtung Promitribüne.

Ja, vordergründig ist der „Imi“ schon lange integriert, wie kommt es, daß er allerdings humoristisch“, versteht sich, immer noch verhandelt wird? „Wir Kölner – der Imi“, wir und die Anderen.

So waren die im Karneval verhandelten Themen auch häufig Themen, mit denen der „Andere“ ausgegrenzt wurde: 1937 wurden in Mainz angeblich weinpanschende „Talmudjuden“ mit einem eigenen Wagen bedacht und schon damals gehörte es zum Repertoire vieler „Humoristen“, die tatsächliche oder vermeintliche Sprache des „Anderen“ nachzuäffen – und so stand auf dem entsprechenden Festwagen: „Han mer gemacht Eintopf“, will sagen: betrügerisch Wein gepanscht. Noch klarer – auch in der intendierten Verächtlichmachung - würde dieses höhnische Nachäffen, „jüdeln“ genannt, in den Judenfiguren des Werner Kraus in „Jud Süß“. 1937 hieß es in in einem Karnevalslied:“Et deit sich alles freue, mir sinn jetz bahl su wick, mir wääde jetz in Deutschland, die Jüdde endlich quitt. In jeder Stroß do hadde mer, ne Jüddelade stonn, et jitt noch immer domme, die dobei kaufe jonn. Met dä Jüdde es jetz Schluß, se wandere langsam us.“

Mittlerweile hat der Karneval ein neues „Anderes“ im Visier:Nachdem 2006 in so mancher Variante „die Angst vor dem Islam“ durch die Medienlandschaft ging und nicht nur die Crème der deutschen Unterhaltungsindustrie, sondern auch Deutschlands Karnevalisten gaben zu Protokoll, man würde sich nicht trauen, über den Islam Witze zu machen. 2007 „traute“ sich das Düsseldorfer Festkomitee mit einem Wagen, mit dem als „deftiger Spaß“, so die Süddeutsche Zeitung, transportiert wurde, was nicht nur Henryk Broder und schon lange erzählt und was für die meisten „Islamkritiker_innen“ zur Grundüberzeugung gehört: eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist „feinsinnig“, d.h. gaga und überflüssig.

„Trauen“ tat sich dieses Jahr auch ein Mitglied des „Mainzer Carneval-Verein“ was auf der Homepage des Mainer Carneval-Verein 1838 .V. wie folgt angepriesen wurde:

„Derweil wagte sich Patricia Lowin an eine Thematik heran, die Brisanz in sich birgt. Doch ihr starker Auftritt als Chefmoderatorin von „Döner TV“ brachte der in Strapse, Dirndl und Kopftuch gehüllten Rednerin nur Lobeshymnen ein. Moderatorin „Ayshe“, deren Onkel Izmir Übel natürlich eine Dönerbude hat und „ganz frisches Gammelfleisch“ vermarktet, zeigte auf ihre eigene Art, was man heutzutage unter Integration zu verstehen hat. Sie definierte Begriffe wie Gebärmutter, Babywindel („Das heißt auf türkisch Güllehülle“) oder Mainzer Fastnachtslieder völlig neu und hatte zu guter Letzt noch einen augenzwinkernden Tipp für all diejenigen im Saal parat, die während des Sitzungsmarathons dringend aufs stille Örtchen mussten: „Auf Basar gibt es keine Toilette, auf Basar bescheißt jeder jeden.“ Dem wäre wohl nichts mehr hinzuzufügen.“

Der Vollständigkeit halber sei noch das hinzugefügt, wie der Verein einen weiteren Redner anpreist: „…nahm als aus dem Rheinland kommender „Spielmann Karls des Großen“ so manchen Sozialschmarotzer ins Visier…“. Da ist man doch von der Überschrift des Beitrages, „Die MCV-Redner – eine Klasse für sich!“ vollkommen überzeugt. So kam Frau Dr. med. dent. Lowin, Zahnärztinmit dem Tätigkeitsschwerpunk „Implantologie“ und “Oralchirugie“ ins hessische Fernsehen. Das Video kann in voller Hässlichkeit noch immer auf youtube bewundert werden. Integration ist Bein-Zeigen, Türken-Deutsch nachgeäfft und auch sonst lässt Frau Doktor kein Klischee aus: Türkinnen sind Putzfrauen und Türken kriminell. Das das Ganze wurde getoppt durch „Döner-TV“. Ist es Frau Doktor wirklich entgangen, wie sehr sich türkische Community und die Antirassist_Innen – aus gutem Grund! – gegen den Begriff „Döner-Morde“ gewehrt haben und es erreicht haben, daß dieser Begriff zum Unwort des Jahres wurde? Getoppt wurde das ganze durch den Namen des fiktiven Onkels: „Izmir Übel“ und die Erwähnung von „Gammelfleisch“. Die Mainzer Karnevalsjuden 1937 panschten Wein und die Mainzer Karnevalstürken 2012 packen Gammelfleisch in die Döner. In Alice im Wunderland heisst es an einer Stelle, „Wer die Macht hat, hat die Definitionen“. Wer die Macht hat, hat (immer noch) den Humor und bestimmt, über was und über wen gelacht wird. Insofern demonstrierte „Ayshe“ , daß sie zu den „Machthabern gehört. Und – deswegen habe ich auch die Praxisschwerpunkte genannt – geht sie offensichtlich davon aus, daß Türk_innen sich weder Implantate noch professionelle Zahnreinigungen leisten können (beides ist im wesentlichen keine Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen) und – Putzfrauen oder Kriminelle – selbstverständlich nicht privatversichert sind, für sie als Patient_Innen nicht infrage kommen. Als denVersuch von Machtausübung empfinde ich auch die Ankündigung, die Sendung in seinem dritten3. Programm, möglicherweise auch in anderen Dritten zu wiederholen. Was wetten wir, daß das als Diskussionsbeitrag zur Meinungsfreiheit „verkauft“ wird? Daß selbst BILD - unter voller Namens- und Berufsnennung! – einen äusserst kritischen Artikel veröffentlichte, sollte sie nachdenklich machen, vielleicht auch das, was die „Lausitzer Rundschau“ anlässlich der Diskussion um den Begriff „Döner-Morde“ schrieb: „Effekthascherei geht oft vor Nachdenklichkeit“. Aber ich fürchte, es wird was Anderes passieren: Sie wird zur Ikone von Menschen, die wie Thilo Sarrazin sich „den Mund nicht verbieten“. Und so ein Mund lässt sich gerne durch professionelle Zahnreinigung und Implantate verschönern. Und kann sich das dann auch leisten.

18:44 11.02.2012
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Geschrieben von

DagmarSchatz

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