Krieg um die Köpfe

Kongress FU Berlin Der Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie machte die zunehmende Militarisierung zum Thema
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Ich will einen Stoff von solcher Gewalt schaffen, dass er Kriege überflüssig macht, „schrieb der Chemiker Alfred Nobel einst an die Friedensaktivistin Berta von Suttner. Dass das kurz darauf von ihm entdeckte Dynamit diese Wirkung keineswegs hatte, veranlasste ihn zur Stiftung des Nobelpreises. Ähnliche Hoffnungen verbanden Wissenschaftler auch mit der Erfindung der Atombombe. In einer „nicht mehr eroberbaren Welt“, so der Sozialpsychologe Josef Berghold auf dem Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie in Berlin, ist der Einsatz jeder hoch entwickelten Waffentechnologie eine Realitätsverweigerung. Wie das verdrängte Bewußtsein herrschender Eliten ein „quasi-psychotische Ambivalenz“ annehmen kann, zeigte er am Beispiel Eisenhowers, der die Rüstungsspirale des Kalten Krieges wie kein anderer drehte und gleichzeitig feststellte: „Hochrüstung ist Diebstahl an bedürftigen Menschen“.

„Krieg um die Köpfe“ war die letzte Woche an der Freien Universität stattfindende Tagung benannt, die die zunehmende Militarisierung zum Thema machte. Dieser Krieg wird, so die These des Mitveranstalters Klaus-Jürgen Bruder, mit immer größerer Intensität im „Diskurs der Verantwortungsübernahme“ geführt, der Deutschland zu einem stärkeren Engagement bei militärischen Interventionen drängen will. Dabei werde von den politisch Verantwortlichen alles getan, die noch widerstrebende Bevölkerungsmehrheit für eine weitere Militarisierung zu gewinnen.

Natürlich spielen die Medien hier eine herausragende Rolle. So prangerte Ulli Gellermann die Ukraine-Berichterstattung von ARD und ZDF an, die statt der Meinungsvielfalt der Formierung einer möglichst einheitlichen Meinung der Gebühren zahlenden Zuschauer diene. Auch der Journalist Rainer Rupp sah hier eine Medienkampagne am Wirken, wie sie in ähnlicher Weise schon in den Jugoslawienkriegen zu beobachten war. Die Nato benutze dabei den Krieg gegen den Hitlerfaschismus zur Legitimation ihrer Militäreinsätze. Angebliche Gräueltaten an der Bevölkerung dienten dabei als Rechtfertigung, vor deren Hintergrund ein Krieg als geradezu zwangsläufig erscheinen müsse..

Aber nicht nur in den Medien wird der „Krieg um die Köpfe“ geführt. Auch die 60 zivilen Hochschulen, die wehrtechnische Aufgaben übernehmen, fördern die Verbreitung militaristischen Gedankenguts. So beschrieb der Politikwissenschaftler Peer Heinelt am Beispiel des 2006 eingeführten Studiengangs „Military Studies“ an der Universität Potsdam, wie die Bundeswehr Fakultäten infiltriert. Der dortige Studiengang wird einerseits von den philosophischen, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen der Uni, andererseits vom Bundeswehrinstitut für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften getragen. Die Mehrzahl der Lehrenden hat aber einen militärischen Hintergrund und propagiert den Umbau der Bundeswehr zu einer „Armee im Einsatz“, worunter eine global aufgestellte Interventionstruppe zu verstehen ist. Von den Absolventen des Studiengangs, „Masters of Military Studies“ genannt, versprechen sich die Verantwortlichen eine Multiplikatorenfunktion bei der Verbreitung ihrer Ideen. Deshalb werden sie bei der Stellensuche massiv protegiert.

Auf dem Kongress wurde auch die Eingebundenheit der eigenen Zunft in die Kriegsmaschinerie thematisiert. Die spielte, wie Almuth Bruder-Bezzel am Beispiel von Militärpsychiatrie und Psychoanalyse im ersten und zweiten Weltkrieg skizzierte, bei der Behandlung von kriegstraumatisierten Menschen eine unrühmliche Rolle. Als Gutachter, Krankschreibende, Bewilliger oder Versager von Entschädigungen trieben Psychiater und Therapeuten ihre eigene Professionalisierung voran, wobei sie sich stets an den Vorgaben des Staates und der Versicherer hielten. Den vielen Menschen, die an den Grauen des Krieges irre wurden, die zitterten, sich pausenlos erbrachen oder an Schüttellähmungen litten, attestierten sie eine „Kriegsneurose“, die selbstverständlich nicht auf die Schrecken des Erlebten, sondern auf eine organische oder psychogene Degeneration der Betroffenen zurückgeführt wurde. Je länger und aussichtloser die Kriege wurden, desto brutaler wurden auch die Behandlungsmethoden: Das ganze Arsenal moderner psychiatrischer Folter wurde hier entwickelt und angewandt: Sensorische Deprivation, Elektroschocks, Auslösen von Erstickungsangst, Erniedrigung, Dauerbäder, Exerzieren bis zum Zusammenbruch etc.. Was im ersten Weltkrieg begann, wurde im zweiten nahtlos fortgesetzt. Demgegenüber mutet die Behandlung heutiger Kriegstraumatisierter geradezu menschlich an, auch wenn die Zielsetzungen die gleichen geblieben sind: Eine möglichst schnelle Wiedereinsatzfähigkeit der Soldaten und das Bestreben, Renten und Entschädigungen möglichst klein zu halten.

Doch auch wo sich Therapeuten nicht selbst schuldig machen, können ihre Konzepte mißbraucht und gegen die Menschen gewandt werden, wie Thomas Gebauer von Medico International am Begriff der „Resilienz“ aufzeigte. Einst von Psychologen entwickelt, um die Defizitorientierung der Psychotherapie zu überwinden und die Aufmerksamkeit auf menschliche Ressourcen zu lenken, ist Resilienz bzw. Widerstandsfähigkeit wie Gebauer sagt, “zum neuen Stern am Himmel von Pädagogik und Psychotherapie“ aufgestiegen. Dabei wird sie immer mehr als individuelle Bewältigungskompetenz verstanden, die die politische Einflußnahme zum Schutz von Menschen vor negativen Erfahrungen ersetzen soll. Resilienz wird deshalb nicht nur in Workshops gegen Stress und Burn-Out trainiert, sondern auch zunehmend zur Prävention von psychischen Schäden im Krieg und bei Kriegshandlungen zu nutzen versucht. So hat die US-Army ein 125 Millionen Dollar schweres Resilienzprogramm eingeführt, das Soldaten beibringen soll, alles, was die Kampfkraft stört, von sich abprallen zu lassen. Ähnlich werden heute in Israel Schulkinder darauf trainiert, sich von Gewalt nicht mehr überraschen zu lassen. In simulierten Terroranschlägen sollen sie lernen, ihre Angst durch Atemübungen und positives Denken einzudämmen.

An solchen Beispielen bestätigte sich wiederum Moshe Zuckermanns Beschreibung Israels als einer durch und durch militarisierten Gesellschaft, in der der Krieg ein ständiger Begleiter ist. Dabei so Zuckermann, gewöhnten sich die Menschen immer mehr an den Krieg. Vom Ausnahmezustand werde er zur Normalität. Dennoch würden die kriegsgefährdeten Regionen von einer „Matrix der Angst“ beherrscht. Damit ist nicht nur eine reale Angst z.B. im Augenblick des Bombardements gemeint, sondern auch eine Ideologie, mit der selber wieder Politik gemacht wird. Der Krieg werde dabei zur Ablenkung von sozialen Problemen mißbraucht: „Ihr redet von Wohnungsnot, ich rede von den Bomben, die der Iran in 10 Jahren auf Israel fallen läßt“, antworte Netanjahu den protestierenden Studenten. Mit solchen Parolen würden soziale Anliegen angesichts einer von außen kommenden Kriegsdrohung als Lappalien abqualifiziert.

Was Menschen letzten Endes in Kriegen töten und zu Massenmördern werden läßt, wurde schließlich anhand des Films „Das radikal Böse“ von Stefan Ruzowitzky diskutiert. Der Dokumentarfilm lehnt sich an die Geschichte des Hamburger Reservepolizeibataillons 101 an, das im zweiten Weltkrieg mehr als 38000 jüdische Zivilisten umbrachte. Dabei waren die Polizisten weder fanatische Nazis noch Psychopathen, eher „ganz normale Männer“ wie auch der Titel des Buches von Christopher Browning , auf dem der Film aufbaut, besagt. Noch beunruhigender: Ihnen wurde die Teilnahme an direkten Erschießungen von ihrem Kompanieführer freigestellt. Im Film werden die möglichen Motive der Täter ausgelotet. Dazu werden wie auch in Brownings Buch berühmte sozialpsychologische Experimente – das Milgram-Experiment, das Zimbardo-Gefängnis-Experiment und das Gruppenkonformitätsexperiment von Solomon Ash – zur Diskussion gestellt. Im Film wie auch im Buch wird der innere Zwang zu einem gruppenkonformen Verhalten als stärkstes Motiv ausgemacht. Obwohl die meisten Bataillonsangehörigen das Töten anwiderte, fürchteten sie die Isolation, in die sie das Ausscheren aus dem Kollektiv gebracht hätte. Der Verleger und Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, der den Film auf dem Kongress vorstellte, hielt noch andere Erklärungen bereit: Herrschaft über Leben und Tod zu haben, so seine These, ließe die eigene Sterblichkeit vergessen. Die Täter, die einen Völkermord exekutieren, würden daher von Allmachtsphantasien, die eine Gottesgleichheit suggerierten, angetrieben. Ob sich solche Erkenntnisse auf moderne Massenmörder wie zum Beispiel die Terrormilizen des IS oder Boko Haram übertragen lassen, blieb leider undiskutiert. Es bleibt aber zu befürchten, dass wir über die Frage, was Menschen in Gruppen dazu bringt, Menschen zu töten, noch lange und immer wieder neu nachdenken müssen.

Nachtrag: Nachdem die Kongresse der Neuen Gesellschaft für Psychologie von der FU bis jetzt immer als Lehrveranstaltungen begriffen wurden, - unter anderem weil einer der Veranstalter FU-Professor ist -, verlangte die Universität dieses Jahr eine horrende Miete, so dass die Tagungen in der bisherigen Form nicht mehr stattfinden werden. Klaus-Jürgen Bruder als Vorsitzender der NGfP sieht hierin die „neoliberale Form des Redeverbots, weil die Universität sich nicht mehr als der Ort der freien Diskussion versteht, sondern nur für die bezahlte zur Verfügung steht.“ Die freie unzensierte Rede und die offene Diskussion würden zwar nicht verboten, sie würden aber unbezahlbar gemacht. Die Teilnehmenden haben eine Resolution gegen die Ausgrenzung kritischer Wissenschaft durch die Universität eingebracht. Hier der Link:

http://www.ngfp.de/2015/04/brief-der-teilnehmerinnen-des-ngfp-kongresses-2015/

.

11:30 13.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare