Alles muss raus

Trödel Alte Dinge können für ihre Eigentümer Zuhause bedeuten – aber was sind sie wert? Auf Entrümpelung mit dem Trödelhändler Ivo Lavetti, der mit ihnen handelt

Das Küchenfenster im ersten Stock geht auf. Kurz erscheint Ivo Lavettis Kopf, dann ein Gummibaum – "Baum fällt!" Der Pflanze hinterher stürzt ein Prasselregen aus Tassen, Gardinen, Teppichen, Sofapolstern. Wie aufgerissene Mäuler schlucken am Boden Container die Einrichtung. In Else Hubers Wohnung (Name geändert) riecht es noch nach Polstermöbeln, die Jahrzehnte lang die Nähe eines Menschen aufgesogen haben. Was bleibt, wenn Lavetti und seine Helfer fertig sind, sind Gardinenleisten und Lichtschalter. Sie brechen Regaltüren heraus und treten Schrankrückwände durch. Was anders nicht kleinzukriegen ist, schafft der Vorschlaghammer. Die Schränke waidet Lavetti selbst aus. Gläser, Zierteller mit Lochmuster, eine Bonbonniere in Hennenform – ab in die Kiste für den Laden.

Eigentlich hat Ivo Lavetti ein großes Herz für Dinge, gut 240 Quadratmeter misst sein Laden in Tübingen, den er seit 1993 betreibt. "Ivo Lavetti Original Tübinger Krempeltempel" steht außen, wie ein Gütesiegel. Hier landet, was er aus Wohnungen holt, die er auflöst. Es gibt Handarbeitszeitschriften, Porzellangeschirr mit Blumenmuster, Lateinbücher, Hängelampen. Doch Lavetti hebt nichts auf, weil es für die Eigentümer einen ideellen Wert hatte. Lavetti hebt Dinge auf, die er verwerten kann. Selbst der Spiegel im Klo seines Ladens ist verkäuflich. Was Lavetti als unverkäuflich einschätzt, landet auf dem Müll.

"Alles Lavetti!"

Als er 20 war, machte er die ersten Geschäfte mit Trödel. Jede Woche baute er seinen Stand auf einem Flohmarkt auf, aß Bratwurst mit den Standnachbarn, schwatzte mit den Stammkunden. Heute ist Lavetti 51, trägt grauen Schnauzbart und Bauch und ist der bekannteste Gebrauchtwarenhändler der Region: ein Hüter des Guten und Alten, von dem die Kunden nicht nur Schnäppchen und Sammlerstücke erwarten, sondern auch Flohmarktflair. Studenten, Sammler und Nostalgiker kaufen bei ihm. Eine Stammkundin hatte ihre Studenten-WG fast komplett mit seinen Sachen eingerichtet. Es klingt nach geprüfter Qualität, wenn er sagt: "Alles Lavetti!"

Und seine Stimme schwillt vor Begeisterung an, wenn er von den Zeiten erzählt, als der Markt auf dem Tübinger Festplatz mit seinen 50 Ständen noch als groß galt und Flohmärkte keine gesichtslosen Umschlagplätze für neuen Billigkram waren. Die "Megakotzbrocken von Märkten" heute mag er nicht. "Heute schreien die sich teilweise an, die Verkäufer mit ihren Armaturen und dem ganzen neuen Zeug." Der Hüter des Guten und Alten gehört mittlerweile selbst zum alten Eisen.

Die Sammler werden weniger, jüngere Kunden stöbern oft staubfrei bei Ebay. Zudem bieten viele Läden heute Ähnliches an wie er, oft für einen wohltätigen Zweck und mit Hilfe von Ein-Euro-Jobbern und Fördergeldern. Mehr als 300 Sozialkaufhäuser gibt es mittlerweile in Deutschland. Einerseits fangen sie Menschen auf, die der Arbeitsmarkt nicht nimmt. Sie bieten billigste Möbel, Haushaltsgeräte und Kleider, die arme Familien dringend brauchen. Andererseits konkurrieren sie mit Trödlern, Entrümplern und Handwerkern, die Löhne, Mieten und Mehrwertsteuer voll zahlen müssen.

Zum Sammeln, Lavettis Leidenschaft, gehört daher auch das Wegwerfen. Die Mieten in der Region um Tübingen sind hoch. Deshalb hat er noch ein großes Lager in Sachsen – das aber auch voll ist. Wuchtige Möbel wie Else Hubers Kleiderschrank kosten Lavetti viel Platz und lassen sich nicht mehr so gut verkaufen wie früher, das maßgeschreinerte Stück landet deshalb im Müll. Rasend schnell reißt Lavetti in der Wohnung die Schubladen auf, grapscht Schneebesen, einen Strauß Besteck, fährt mit der Hand wie mit einer Baggerschaufel in die Packkisten. Hubers Sohn bietet ihm Zeitungspapier an, zum Einpacken. Er winkt ab: "Das lohnt nicht, wenn was kaputt geht, geht's kaputt." Im Küchenschrank stehen noch Kakao, Mehl, Vorratsgläser. An der Wand hängt der Kalender, er zeigt das Foto eines Bauerngartens, Oktober 2009.

Nur blasse Vierecke bleiben

Da musste die 87-jährige Huber ins Krankenhaus. Dass sie ihre Wohnung nie mehr betreten, sondern gegen ein Zimmer im Altenheim tauschen würde, wusste sie damals noch nicht. 40 Jahre zuvor war sie mit ihrem Mann eingezogen. Was sich in vier Jahrzehnten angesammelt hat, schafft Lavetti in vier Stunden raus. "Da liefen meiner Mutter die Tränen hinunter, wenn sie dabei wäre", sagt ihr Sohn. "Wir würden sie auch nicht zuschauen lassen", antwortet Lavetti. Er weiß, wie schwierig das Entrümpeln für Angehörige ist. Als seine Großmutter starb, wollte er keinen Schritt in ihre Wohnung setzen, schon gar nicht ihre Sachen anrühren.

Doch im Job kann er sich solche Sentimentalitäten nicht leisten. Seine Kunden auch nicht. Je nachdem, wie lange Lavettis Männer arbeiten und wie viele Container sie bestellen, kostet ein Standard-Einsatz 1.000 bis 3.000 Euro. Und gar nichts, wenn sie viel Wertvolles finden. Das ist bei Huber nicht der Fall. Von Büchern wie Jakob und Adele, dem Sofa und Wandteppichen, die jetzt im Müll liegen, zeugen nur mehr blasse Vierecke mit Staubkante auf der Tapete.

Fertig. Lavetti schwingt sich in den Laster. Hinten Herd, Kühlschrank, Waschmaschine und eine Kiste mit einer Tischlampe, einer Zinnwärmflasche und einem Metallbaukasten. Elektrogeräte zur Deponie, Schatzkiste in den Laden, der Rest ins Lager. Die Wärmflasche landet im Schaufenster. Früher hätte Lavetti versucht, 100 oder 150 Mark dafür zu bekommen. Jetzt hofft er auf 25 Euro und klebt ein Etikett mit 30 drauf. Den Metallbaukasten aber braucht er gar nicht einzuräumen. Ein Spielzeugrestaurator, den er noch aus Flohmarkt-Zeiten kennt, ist schon zur Stelle. Vorsichtig nimmt er den Pappdeckel ab und geht mit dem Finger über die Zahnräder. Dann legt er 130 Euro auf den Tisch. Vor 50 Jahren war der Kasten ein teures Geschenk für Kinder, jetzt ist er ein teures Geschenk für Männer mit Sehnsucht nach alten Zeiten.

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14:00 21.11.2010
Geschrieben von

Dagny Riegel

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Ausgabe 18/2021

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