dame.von.welt
27.06.2012 | 16:09 5

dOCUMENTA (13)

Hinfahren! Allseits von der Presse verrissen, freute ich mich ganz besonders auf den diesjährigen Besuch in Kassel. Weil die Kunstkritik Kunst und Kunstmarkt so gern verwechselt.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied dame.von.welt

Allein schon die -> baktrischen Prinzessinnen würden die Reise nach Kassel lohnen. Zauberhafte kleinformatige weibliche Figurinen, rund 4.500 Jahre alt, aus Nordafghanistan, Usbekistan, Turkmenistan, gearbeitet aus Speckstein und einer Art Alabaster, die mit einfachen Mitteln große Liebe zum wichtigen Detail zeigen und so frisch und schön sind wie wohl am Tag ihrer Entstehung. Es gibt davon etwa 80 auf der ganzen Welt, 8 davon sind in Kassel zu sehen. http://www.mydocumenta.de/bilder/2012/06/10/2348841/1153313411-wuerdevoll-baktrischen-prinzessinnen-sind-etwa-4000-jahre-alt-statuetten-stammen-zentralasien.jpg

Wer je im Hochsommer im Fridericianum war und spätestens im 1. und 2. Stock dem letzten Molekül Sauerstoff nachtrauerte, das bereits vor Stunden die Räume verlassen hatte, wird die Windinstallation von Ryan Gander in den beiden großen Räumen rechts und links vom Eingang lieben. Mir gefällt, daß Carolyn Christov-Barkagiev nicht nur dort ihren Besuchern viel Raum für eigene Gedanken und Gefühle läßt. Die beiden Hallen enthalten: beinahe nichts. Rechts zwei Vitrinen, links eine mit dem liebevollen Absagebrief eines angefragten Künstlers, der erst nach seiner Zusage feststellte, daß er zu seinem großen Bedauern keinen Beitrag zur dOCUMENTA (13) hatte.

Liebevoll erscheint mir ohnehin als DAS Stichwort der dOCUMENTA (13). Angefangen bei der Gestaltung des Katalogs, der einen sehr wohlsortierten Überblick verschafft, dessen Texte vom unsäglichen Kunsthistorikersprech frei sind und dessen vergleichsweise geringes Gewicht dazu ermuntert, ihn durch die Ausstellungen zu tragen und dort zu benutzen (erstaunlicherweise überlebte er sogar meine wenig liebevolle Behandlung und mehrmaliges Naßwerden ohne größere Spuren). Liebevoll ist auch die Komposition verschiedener Künstler in den größeren Räumen der verschiedenen Gebäude - in keinem einzigen hatte ich das Gefühl, daß sich um die Aufmerksamkeit der Betrachter geprügelt wird. Liebevoll fand ich überhaupt den Umgang mit den Arbeiten der ausstellenden Künstlern, denen durch gute Beleuchtung, hinreichend Raum, gute Hängung und Präsentation aller schuldiger Respekt gezollt wurde. Liebevoll erschien mir auch der Umgangston der Aufpasser in den Ausstellungen, der der Ticket- und Katalogverkäufer, der Kartenkontrolleure - es scheint im ganzen Gegensatz zur Buergel-documenta sehr gut mit dem betreuenden, dem aufbauenden Personal und den ausstellenden Künstlern umgegangen worden zu sein. Jedes Mal haut mich auch die Freude der Bewohner von Kassel an ihrer documenta und deren Besuchern um - es wird wohl jeder nicht unter drei Mal am Tag nach dem Weg, der dazu passenden Straßenbahn oder nach sonstwas gefragt - ich habe noch nie eine unfreundliche Antwort erlebt, sondern eher nette Menschen, die mich sogar irgendwo hinbrachten.

Mir gefiel außerordentlich, daß ich nur sehr wenige Namen der ausstellenden Künstler kannte und mir dadurch ein unvoreingenommenerer Blick auf die Arbeit ermöglicht wurde, insbesondere freute mich die große Zahl außer-europäischer/-amerikanischer Künstler, Carolyn Christov-Barkagievs Glaube an die Wirksamkeit von Kunst und ihr weit gefaßter Kunstbegriff, der weder die Begegnung mit Wissenschaften noch mit toten Künstlern, mit angewandter Kunst, mit Primärreizen und mit Irritationen scheut (als ein Beispiel für Irritation die botanischen Zeichnungen von Korbinian Aigner, der im Konzentrationslager Dachau Äpfel züchtete). Sie bedient mit ihrer documenta ausdrücklich nicht den Kunstmarkt, sondern betrachtet Kunst als internationale Sprache zur Zustandsbeschreibung der Welt und auch zur Fragestellung nach ihren Rettungsmöglichkeiten.

Es würde den Rahmen jedes Blogs sprengen, auch nur eine Lieblingsauswahl der ausgestellten Arbeiten zu treffen und vorzustellen - deswegen lieber die Aufforderung: HINFAHREN! Auf keinen Fall unter 2 Tagen - wir sahen trotz zügigem Schritt-Tempo in dieser Zeit vielleicht 20% der Arbeiten, nämlich in Fridericianum, documenta-Halle, Orangerie, Gebrüder-Grimm-Museum, Neue Galerie. Allein in der Karlsaue und bei den dort präsentierten rund 50 Arbeiten könnte man unendliche Stunden verweilen...von den zahlreichen Ausstellungsorten in ganz Kassel zu schweigen.

Besser auch bald oder mehrmals hinfahren - andernfalls bekommt man z.B. bei Yan Lei weniger Bilder und mehr farbige Flächen zu Gesicht. In einem beinahe kubischen Raum in der documenta-Halle hängen 360 Bilder in Petersburger Hängung, die Motive willkürlich dem Internet entnommen (reicht von Janet Jackson mit fremden Händen auf den Titten bis zum Mädchen mit dem Perlenohrring) und in einer chinesischen Kopierwerkstatt nachgemalt, von denen an jedem Tag ein Bild zu VW gekarrt, monochrom überlackiert und anschließend wieder aufgehängt wird.

Mir hat's große Freude gemacht. Wer bereits im Vorfeld ein bißchen gucken möchte, dem sei die -> Website des HR empfohlen, es ist aber zero Vorwissen nötig, nicht über Kunst, nicht über die documenta.

Nur Neugier, sehr bequeme Schuhe und eine gewisse Toleranz gegen das -> Stendhal-Syndrom...;-)...

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

dame.von.welt 27.06.2012 | 19:30

Hmnuja, sie läuft ja noch bis 16.9. Zwei Tage Zeit bis dahin sind zu schaffen, oder? Ich überlege ja im Moment, ob ich Anfang September nochmal hinfahre...;-)...

Hier sei noch zu weiterer Stimulierung die Website der dOCUMENTA (13) nachgereicht. Unterkunft ist auch kein Problem, halb Kassel scheint bei Freunden, in der Laube oder im Keller zu hausen und die eigene Wohnung über z.B. gloveler zu vermieten.