Schwimmende Särge

Rohingya Das Boot, das Journalisten der NYT und BBC am letzten Donnerstag vor Koh Lipe gefunden hatten, war (ist) seit Samstag spurlos verschwunden
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Schwimmende Särge
Verlassene Boote im Kaladan-Fluss

Bild: Anne Dirkse, http://www.annedirkse.com, CC-BY-SA 4.0

Fünf Drei Vier Mal wurde das Boot zurück gewiesen, drei zwei drei Mal von der thailändischen, zwei ein Mal von der malayischen Marine, nun ist es vermutlich gesunken.

(20.5. 9h Nein, ist es nicht, sondern wurde laut BBC gestern von Fischern aus Aceh trotz des indonesischen Verbots geborgen. Inzwischen hat auch Chris Lewa von The Arakan Project bestätigt, daß dieses Boot und seine 370 Insassen in Aceh angekommen sind) (Am 21.5. 8h30 noch mal korrigiert, das Boot wurde laut Chris Lewa 5 Mal zurückgewiesen, zum Schluß wurde es von der malayischen Marine bis in indonesische Gewässer begleitet. Eigentlich wäre dieser Blog jetzt Makulatur, da aber noch Tausende in vergleichbarer Lage sind, lasse ich ihn stehen.)

Auf dem Boot waren 350 Rohingya, viele Frauen und Kinder und wahrscheinlich auch ein paar weniger wichtige Menschenhändler. Solche, die nicht das Privileg hatten, mit Speedbooten abgeholt zu werden, um den thailändischen Razzien auf Menschenhändler und Sklavenhalter seit Anfang Mai zu entgehen.

Vor dem letzten thailändischen Push-Back hätte eine dünne Chance bestanden, daß die Flüchtlinge auf Koh Lipe an Land gehen dürfen, so krank und ausgemergelt sahen viele von ihnen aus. Das aber wurde verneint, man wolle nach Malaysia (und nicht von den Thai peinlich befragt werden), von der Thai-Navy nur zu gern akzeptiert. Die schulte schnell noch ein paar in der Bedienung des Seelenverkäufers.

Während das Boot repariert wurde (die Menschenhändler hatten Teile der Maschine und die Batterie ausgebaut, damit ihnen ihre Ware nicht davonschwimmen kann) war die Journalistin Taipeneeh Ietstrichai an Bord und sprach mit Passagieren unter Deck. Viele von ihnen wären sehr gern in Thailand geblieben, nach bereits 3 Monaten auf See unter Umständen, die sich niemand vorstellen mag.

Sieht man sich die Bilder genauer an, ist unschwer zu erkennen, wer auf dem Boot etwas zu sagen hatte und wer nicht. Der Mann, der sich noch im Wasser die Instant-Nudeln ungekocht aus der Tüte in den Mund stopfte, nicht. Die Frau im grünen Kleid mit Kind auf dem Arm, die den Verlust ihrer Familie in Myanmar und das Verschwinden ihres Ehemannes auf der Flucht beklagte, auch nicht.

Das Boot galt Anfang letzter Woche schon einmal als vermisst. Angehörige der Flüchtlinge und Chris Lewa vom Arakan Project hatten Kontakt per Mobiltelefon gehalten, bis er nach einem Notruf abbrach. Journalisten versuchten daraufhin, den letzten Standort dieses Handys ermitteln zu lassen, was die thailändische Tochterfirma einer norwegischen Telefongesellschaft zunächst verweigerte, Datenschutz.

Man kann vom Journalismus der New York Times und BBC halten, was immer man will, natürlich sind ihre Berichte aus der Hölle Boat-People-Porn.

Aber: Jonathan Head von BBC und sein New York Times-Kollege Thomas Fuller demonstrierten am Donnerstag, was auch möglich wäre: Search and Rescue, rechtliche Grundlage der Seefahrt für den Umgang mit Booten in Seenot. Flüchtlinge können keine Speedboote mieten, um sich selber zu retten oder um ihre Geschichten zu erzählen.

Nur: niemand will die Bilder von verhungernden und verdurstenden Menschen sehen, von Menschen, die so entrechtet sind, daß sie zu Hunderttausenden aus ihrer Heimat fliehen, die auf der Flucht so gequält werden, daß sie sich gegenseitig für eine Handvoll Nahrung töten, von Menschen, die ihre Pisse trinken, um nicht zu verdursten. Kaum jemand will das sehen und hören, lesen und wissen.

Ein Satz hat mich in den letzten Tagen beinahe am meisten schockiert: °Myanmar has suggested it may not attend°, es geht um das Treffen der Anrainer-Staaten am 29.Mai, das für die Boat People aber ohnehin viel zu spät kommt. Myanmar möchte aber an gar keinem Treffen teilnehmen, bei dem das Wort 'Rohingya' auch nur vorkommt.

Nun ist das Boot weg, aus den Augen, aus dem Sinn. Für die Menschenhändler ist das ein Umsatzverlust von geschätzten 500.000$. Die derzeitige Erpressungsssumme von Angehörigen der Flüchtlinge liegt bei 2000$, kann die nicht überwiesen werden, wird für etwa 550$/Kopf in die Sklaverei verkauft. Es sei denn, jemand kauft Flüchtlinge noch in Myanmar frei: 'The man buying back refugees from traffickers'

Noch nicht weg sind die 6000 bis 20.000 Boat People, die im Moment noch in der Andamanensee treiben, niemand kennt ihre genaue Zahl. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen, wenn nicht von Stunden. Ohne Wasser überlebt ein Mensch drei Tage.

Noch lange nicht weg ist das Gewebe aus Ressentiments, Entmenschlichung, Pogromen und Staatenlosigkeit, Werkzeuge des Genozids an den Rohingya in Myanmar und Garant für den steten menschlichen Nachschub für das Dreigestirn von Flucht, Menschenhandel, Sklaverei.

Ist es nicht eigentlich irre, daß schon ein paar Razzien gegen Menschenhändler in Thailand ausreichten, um die lukrative und gut geschmierte Umschlagung von Tausenden entrechteter Menschen pro Monat vorübergehend zum Stillstand zu bringen und es das sogar bis in unsere Medien schaffte?

Jetzt aber zurück zu unserer, viel bedeutenderen Realität: Shrimps aus Thailand, Supersonderangebot!

Völkermord zu Wasser und zu Lande

Rohingya, die am meisten verfolgte Minderheit der Welt

09:32 19.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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