Tanz, als sähe dir keiner zu

Ausstellung Das MMK in Frankfurt zeigt erstmals alle Videoarbeiten der niederländischen Künstlerin Rineke Dijkstra
Ausgabe 10/2013

Da sitzt dieses rothaarige Mädchen namens Ruth in ihrer grauen Schuluniform auf dem Fußboden der Tate Liverpool und zeichnet das Picasso-Gemälde Weinende Frau ab. Hin und wieder schaut es hoch, die meiste Zeit jedoch ist es mit seinem Blatt Papier beschäftigt und dabei völlig bei sich. In ihrer Schlichtheit, in ihrer Ehrlichkeit und in ihrer Konzentration ist Ruth herzerwärmend.

Das gilt für fast alle Protagonisten in den Arbeiten der Fotografin und Videokünstlerin Rineke Dijkstra, die zurzeit in der Ausstellung The Krazy House im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu sehen sind. Aber da sind auch andere Ebenen: Stolz mitunter und Selbstbewusstsein, Scham und Unsicherheit. Besonders augenscheinlich ist das bei den Videos von Tanzenden, denen sich die 53-Jährige gleich mehrfach gewidmet hat. Denn obwohl die jungen Frauen und Männer in den Filmen The Buzz Club/Mystery World und The Krazyhouse vor der Kamera genau das tun sollten, was sie ohnehin gerade in der Diskothek getan hatten, waren sie plötzlich doch nicht mehr ganz bei sich selbst. Häufig lächeln sie verlegen, was angesichts manch wilder und bisweilen auch leicht aggressiver Tanzeinlagen besonders verletzlich wirkt. Sie werden beobachtet, und so fühlen sie sich auch. Absurd wirkt die Szenerie zusätzlich, weil Dijkstra für die Filme einen weißen Hintergrund aufgebaut hat – während um die Porträtierten herum die Party weiterläuft, sind sie (aus Sicht des Betrachters) von ihr isoliert. Der Niederländerin geht es um das Individuum, seine Entwicklung und natürlich auch die Gesellschaft, in die es hinein gehört oder der es sich zugehörig fühlt.

The Krazy House ist die umfassendste Ausstellung, die bislang zum Werk von Rineke Dijkstra in Deutschland gezeigt wurde. Gleichzeitig ist es die erste Ausstellung überhaupt, in der all ihre Videoarbeiten zu sehen sind (insgesamt sieben Stück). Doch diese Superlative können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schau im MMK eben keine Retrospektive ist – dafür fehlen zu viele wichtige fotografische Serien, für die Dijkstra nun einmal berühmt ist. Die einzige zusammenhängende Serie, die unabhängig von den Videos entstanden und dennoch in der Ausstellung zu sehen ist, ist Almerisa, für die Dijkstra zwischen 1994 und 2008 das gleichnamige bosnische Flüchtlingsmädchen auf ihrem Weg zur Frau porträtiert hat – mal schüchtern, mal gelangweilt, mal stolz, immer aber auf einem Stuhl sitzend und immer vor einer Wand in der eigenen Wohnung.

Nicht zu sehen sind hingegen ihre Porträts von Müttern mit ihren Neugeborenen, von Kindern und Jugendlichen am Strand, von Stierkämpfern nach getaner „Arbeit“ und die Langzeitserien über junge Soldaten. Stattdessen wird Kunst aus der hauseigenen Sammlung gezeigt, auf dass diese in einen Dialog mit Dijkstras Werken tritt. Dafür hat die Künstlerin selbst mehr als 50 Arbeiten von Andy Warhol, Douglas Gordon, Tobias Rehberger, On Kawara, Bruce Nauman, Marlene Dumas, Thomas Ruff, Jeff Wall und anderen ausgewählt. Und die verwandeln das MMK nun tatsächlich in ein Krazy House: Der Titel stammt von einer Großraumdisko in Liverpool, in der auf drei Ebenen sehr unterschiedliche Arten von Musik gespielt werden. Und die müssen ja auch nicht unbedingt immer miteinander harmonieren.

Rineke Dijkstra. The Krazy House Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, bis 26. Mai 2013

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