Kinder lehren

Achtsamkeit - Meine Schuld
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Kleiner-Sohn war nicht gut drauf an diesem frühen Abend. Er war, ganz entgegen seiner sonstige Art, sehr wortkarg und verschlossen und machte einen betrübten Eindruck. Auf meine Nachfrage, was denn los sei, antwortete er, dass gar nix los sei.
Nun unterliegen Kinder Stimmungsschwankungen mehr als ausgewachsene Menschen es tun, dafür halten sie bei ihnen aber meist nur für kurze Zeit an. Seine Stimmung besserte sich aber auch nicht während und nach dem Abendbrot. Selbst meine flachsten Witze und Sprüche konnten nichts an seinem Gemütszustand ändern. Ich nahm ihn dann, in Abwesenheit der übrigen Familienmitglieder, beiseite und hakte noch mal nach, warum er denn so traurig sei. Erst druckste er nach Kinderart herum und sagte dann, dass es meine Schuld wäre. Ich war mir keiner bösen Tat gewahr, die diese Betrübtheit bei ihm hätte auslösen können. Er erzählte mir dann von einem Vorfall am Nachmittag, den ich so gar nicht (mehr) auf dem Monitor meines Bewusstseins hatte:

Kleiner-Sohn und ich waren in der Frankfurter Innenstadt unterwegs, um dies und das zu kaufen, um dies und das zu erledigen und wollten anschließend noch auf einen kurzen Sprung zu meinen Vater, der im Nordend wohnhaft ist . Als wir die U-Bahn-Station unter der Konstabler-Wache erreicht hatten, stand dort schon die U-5 abfahrbereit. Wir liefen etwas schneller, um die Bahn noch zu erwischen und stolperten mehr oder weniger in einen den Wagons. Dabei schubste ich einen Mann an, der eine größere Schachtel in der Hand hielt. Die Schachtel kippte und rutsche ihm aus den Händen, er konnte sie jedoch im letzten Moment auffangen. Ich entschuldigte mich höflichst, es sei kein Problem, murmelte der Mann schüchtern. Ein oft geübter, automatisierter Vorgang, den jeder kennt, der es gewohnt ist öffentliche Nahverkehrsmittel zu benutzen. Kleiner-Sohn und ich nahmen auf einer freien Sitzbank Platz. Ich sah den Mann, den ich versehentlich geschubst hatte, neben einem kleinen Kind, das einen Luftballon in der Hand hielt, an der Tür stehen. Unsere Blicke trafen sich, ich zuckte nochmals entschuldigend mit den Schulten. Damit war die Sache für mich erledigt. Die U-Bahn fuhr los, ich starrte aus dem Fenster und der Vorfall verschwand aus meinem geistigen Fokus. Nicht aber aus dem meines Sohnes.

Wie ich aus seiner Erzählung entnehmen konnte, ereignete sich dann folgendes: Das kleine Mädchen mit dem Luftballon, Kleiner-Sohn meinte, dass es ein Mädchen gewesen sei, klappte die Schachtel, auf der, laut seiner Aussage, eine Torte abgebildet war, auf, blickte hinein und machte eine Gesichtsausdruck, als ob es weinen würde. Kleiner-Sohn folgerte daraus → Mädchen mit Luftbalon + Tortenschachtel = Kindergeburtstag und Geburtstagstorte. Weiterhin zog er den Schluss, dass durch mein Anrempeln die Geburtstagstorte beschädigt worden war und ich somit daran schuld gewesen wäre, dass das kleine Mädchen hätte weinen müssen, und ihr somit den Geburtstag, auf den sie sich vermutlich sehr gefreut hatte, ruiniert hätte.

Er erzählte mir das ganze in einem so empathischen Ton, dass ich wirklich betroffen war und mich schuldig fühlte. Meine Relativierungs- und Rechtvertigungsversuche, das ganze sei ja nicht so schlimm, die Torte war sicher noch zu reparieren gewesen, und dass so etwas halt mal passieren könne, wurden von ihm nicht so richtig akzeptiert. Mein Nymbus als Vater hatte einen Knacks bekommen. Er verschwand auf sein Zimmer und lies mich mit einem schlechten Gewissen zurück.
Diese Sache ließ mich den ganzen weiteren Abend nicht los und ich diskutierte sie auch mit Frau. Ich phantasierte, ich hätte der Kleinen die Torte ersetzt und ihr noch eine große Packung Eis dazu geschenkt, um ihre Geburtstagsfreude wieder herzustellen. Tja, zu spät.

Wann war mir das Gespür, die Aufmerksamkeit, die Achtsamkeit für solche kleinen, menschlichen Alltags-Tragödien, zumal von mir verursacht, abhanden gekommen? Kinder scheinen diese Sensibilität noch zu besitzen.
Viel kann man lesen von der "neuen Achtsamkeit". Auf SPON, ZON und weiteren Publikationen sind in letzter Zeit Artikel darüber veröffentlicht worden. Gemeint war aber immer nur die Achtsamkeit gegenüber sich selbst. Man solle mehr schlafen, sich gesünder ernähren, sich entspannen, loslassen, mal in sich hineinhören, das Handy nach Feierabend abschalten. Alles gut und richtig, sollte man machen. Aber ebenso wichtig ist es, dass wir eine "neue Achtsamkeit" gegenüber unseren Mitmenschen kultivieren.
Sensibilität und Empathie sind in dieser Welt, in der jeder von uns von Ängsten geplagt wird, ob von Agitatoren, Politikern und Medien nur künstlich fabrizierten, oder von tatsächlichen, wichtiger denn je. Ob es mir gelingt diese Achtsamkeit wieder zu entwickeln und auszubauen, weiß ich nicht. Ich werde mich jedenfalls redlich bemühen. Meinem Sohn bin ich für diese Lehrstunde sehr dankbar.

17:29 02.11.2016
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Geschrieben von

Dampfbacke

Familienvater, selbst. ITler, männlich, 66er Jahrgang. / *** Meine Beiträge liegen auch immer als Audiofiles auf Soundcloud bereit. ***
Dampfbacke

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