Vom Rauchschlot zum Dampfer

E-Zigarette Ein Nikotinjunkie berichtet über seine Konvertierung zur E-Zigarette in 6 Tagen.
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Lieber hören statt lesen? Da lang.

Eingebetteter MedieninhaltTag 1 - Am Rande der Verzweiflung wächst die Hoffnung.

10 Uhr
Vorsichtig entnehme ich dem quitscheentchen-gelben Päckchen, dass mir durch einen Mitarbeiter eines bekannten Logistikunternehmens vor wenigen Minuten übergeben wurde, eine fast schon enttäuschend kleine, weiße Schachtel. Aber trotz ihrer Schlichtheit, strahlt sie dennoch eine gewisse Eleganz aus. Hat irgendwie was von "Apple-Design". In dieser Schachtel befindet sich oben ein glänzender Stahlzylinder in der Größe und Form eines kleinen Prittstifts und darunter diverse Einzelteile. Keine Überraschungen, alles drin, wie es der Verkäufer im Netz angepriesen hatte.

Ich rauche seit 35 Jahren Tabak (Halfzware Shag) und davon zwischen 25 und 30 Gramm täglich, in handgerollten Zigaretten, ohne Filter. Ich rauche nicht, weil es mir schmeckt oder weil ich es genieße oder besonders cool finde, ich rauche weil ich nikotinabhängig bin. Und ich appliziere mir das Nervengift Nikotin via Zigarette, weil es so am schnellsten die Blut-Hirn-Schranke überwindet und dadurch am effektivsten im ZNS wirkt (Flash). Ich brauche zudem unbedingt das mehr oder weniger leichte Kratzen im Hals und den Druck auf die Bronchien (Throat Hit), sowie das begleitende Ritual um das eigentliche Rauchen herum. Wer behauptet er würde Zigaretten aus geschmacklichen Gründen oder wegen des Genusses rauchen, der lügt oder macht sich selbst was vor. Ein Raucher braucht das Nikotin und das Ritual des Rauchens so dringend, wie ein bedauernswerter Junkie eine Spritze und Heroin. So brutal einfach ist das.

Das Nikotin ist, gesundheitlich betrachtet, aber gar nicht das eigentliche Problem. Nikotin ist noch nicht mal auf der Liste der krebserregenden Stoffe der WHO aufgeführt. Es sind die ca. 70 000 anderen Stoffe, wie z.B. Benzol, Blausäure, Formaldehyd, Nitrosaminen, Kohlenstoffmonoxid, Feinstaub, welche beim Verbrennungsvorgang von Tabak entstehen, die einen Raucher jeden Morgen braune Bröckchen husten lassen, die dafür sorgen, dass Kleidung und Wohnung eines Rauchers stinken, wie ein übervoller Aschenbecher, die die Zähne eines Rauchers schmutzig gelb verfärben und einen Zungenbelag verursachen der aussieht wie Schimmel. Auf Grund der eingeschränkten Kondition geht Sex nur noch im "Opa-Modus", nach zwei Minuten keucht man nicht vor Lust, sondern weil man nicht mehr gescheit Luft bekommt und die Geräusche einer rasselden, pfeifenden Lunge sind alles andere als erotisch. Der Geschmacks- und Geruchssinn stumpft ab. Man ist wesentlich anfälliger für Infektionskrankheiten aller Art. Die Wundheilung dauert länger. Ein Raucher unterliegt auch vielen sozialen Einschränkungen: Einen Nichtraucher in seiner Wohnung zu besuchen und dort länger zu verweilen gestaltet sich schwierig. Kino-, Theater-, Kneipen- und Restaurantbesuche sind seit den (zurecht) strengeren Nichtraucher-Schutzgesetzen, nur noch selten auf meiner Liste der Freizeitgestaltungen. Arztbesuche und Behördengänge mit längerer Wartezeit werden zur Qual. Raucher-Inseln auf Flughäfen zu finden ist wie PokemonGo spielen ohne Smartphone. Die finanziellen Kosten des Rauchens sind exorbitant hoch. Ich habe im Laufe meiner 35 jährigen Raucherkarriere mindestens einen Porsche 911 Turbo S in Qualm aufgehen lassen. Ein Teil des Geldes landet bei multinationalen Großkonzernen, die ihre Finger weiß der Geier wo sonst noch drinn haben. Der größere Teil des Geldes, ca. 75%, geht in Form von Steuern an den Staat. Man stelle sich vor ein Nichtraucher würde jeden Tag vier Euro, einfach so, ohne Gegenleistung, an das Finanzministerium überweisen. Man würde ihn ohne zu zögern für verrückt erklären.

Klar habe ich versucht im Laufe meiner 35 jährigen Raucherkarriere von der Zigarette los zu kommen, unzählige Male. Mit Nikotinpflastern, mehrfach und mit Nikotinkaugummis, mehrfach. Nach ein paar Stunden hatte ich zusätzlich zu Kaugummi oder Pflaster eine Fluppe im Mund. Mir fehlte einfach der Throat Hit, also das Gefühl das man im Hals und in der Lunge hat, wenn man inhaliert. Mir fehlte es etwas in der Hand zu halten. Mir fehlte der langsam aufsteigende Rauch. Mir fehlt das mich ungemein beruhigende Ritual. Ja, ich weiß, ich bin ein weinerlicher, charakterschwacher Weichling.

Und damit komme ich wieder zurück zu dem kleinen Päckchen und dessen Inhalt. Es handelt sich nämlich um eine sogenannte E-Zigarette, oder besser um einen Verdampfer, denn wie ihr auf dem Bild sehen könnt, hat das Ding optisch nur bedingt etwas mit einer Zigarette tun. Eingebetteter MedieninhalGrößenvergleich: Zigarette - Verdampfer (E-Zigarette)
Die Funktionsweise und Technik ist vergleichsweise primitiv und rasch erklärt: Eine elektrisch beheizbare Drahtspirale ist mit einem Stück Watte oder Glasfaserwolle umwickelt, die sich mit einer Flüssigkeit (Liquid) aus einem Tank vollsaugt. Wird die Spirale beheizt, verdampft dieses Liquid. Es findet also, anders als bei der klassischen Zigarette (Pyro), kein Verbrennungsvorgang statt. Demzufolge bildet sich kein Rauch, sondern, du als intelligenter Rezipient wirst es dir schon gedacht haben, Dampf. Ein guter nichtrauchender Freund, der um meine Selbstverachtung auf Grund meines Zigarettenkonsums weiß, hat mich auf diese Art der Nikotinapplikation aufmerksam gemacht. Nach eingehender, ausführlichster und umfassendster Recherche im Netz, also nach drei, vier YouTube-Videos, war ich zu dem Ergebnis gelangt, dass es funktionieren könnte und hatte so ein Ding (Einsteigermodell) für 23 Ocken bestellt, plus 15 Ocken für Liquids in der Stärke 12mg Nikotin pro Milliliter. Jetzt liegt der Verdampfer also vor mir. Ich muss ihn nur noch zusammenbauen. Da ich mich über dieses Verdampfermodel schlau gemacht hatte, lasse ich den bebilderten Quckguide links liegen, schraube die drei Teile des Verdampfers bedenkenlos und ohne weitere Schwierigkeiten zusammen, und befülle den Tank mit Liquid der Geschmacksrichtung, Achtung Überraschung, Halfzware Shag. Es gibt da deren ein mannigfaltiges Spektrum an Geschmacksrichtungen: Tabakaromen, Fruchtaromen, Vanille, Kaffee, Whiskey, ja sogar Brathändchen und Pizza. Die Aromastoffe werden normalerweise in der Lebensmittelindustrie eingesetzt und da geht die Bandbreite gegen Unendlich. Die anderen zwei Komponenten in diesen Liquids sind Propylenglycol (E 1520) und Vegetable Glycerin (E 422). Beide Substanzen sind als Zusätze in Lebensmitteln, Tierfutter, Kosmetika, Zahnpaste, etc,. zugelassen. Damit werden übrigens auch die Nebelmaschinen in Clubs und auf Konzerten gefüttert. Ach ja, schnödes H2O ist auch noch drin. Jedes Liquid gibt es in verschiedenen Nikotinstärken, bis runter zu 0,0 mg/ml. Mein Plan besteht darin mich über einen Zeitraum X von 12 mg/ml auf 0,0 mg/ml "runter zu dampfen".
Gut, also, ich warte die empfohlenen zwei, drei Minuten, bis sich die Watte im Verdampfer mit dem Liquid voll gesaugt hat, dann nehme ich den ersten vorsichtigen Zug, erstmal paffe ich nur, inhaliere also nicht auf Lunge. Es zischt und knistert lauter als erwartet. Schmeckt aber gar nicht so schlecht, angenehm süsslich aber keineswegs nach Tabakqualm, sondern eher so, wie Tabak riecht, wenn man ein frisches Päckchen aufmacht. Ich nehme einen weiteren Zug, diesmal auf Lunge, ganz vorsichtig. Nicht vorsichtig genug, denn ich muss husten und husten und husten, aber noch während des Hustens weiß ich: es funktioniert, es wird funktionieren. Beim zweiten Zug ziehe ich noch vorsichtiger , muss aber immer noch husten. Der dritte Zug, noch viel vorsichtiger und langsamer. Kein Husten. Ich atme eine schöne, kleine, weiße Dampfwolke aus. Jep so gehts. Industriell verarbeiteter Tabak enthält Zusätze, die den Hustenreiz unterdrücken, diese Zusätze sind in den Liquids nicht vorhanden. Man muss eine andere "Zug-Technik" verwenden. Auch das weiß ich aus einem der schlauen YouTube-Videos.
Den Rest des Tages verbringe ich vor dem Rechner, lese mich weiter in die Thematik ein, scrolle durch Dampferforen, schaue Videos zum Thema, verfeinere nebenbei meine Zugtechnik und dampfe vor mich hin. Mein hassgeliebter Tabakbeutel liegt derweil samt Blättchen, von mir unbeachtet, in der Küche. Ich habe keinerlei Entzugserscheinungen und kein Verlangen nach Pyros (Zigaretten). Mit der Überzeugung diesmal etwas gefunden zu haben, was mich von der elenden Raucherei befreien wird, steige ich gegen halb eins ins Bett und schlafe den tiefen, traumlosen Schlaf des Selbstgerechten.

Tag 2 – Drum prüfe wer sich ewig bindet. /Härtetest I

7 Uhr 30
Bin gerade aus dem warmen Bett geschlüpft. Jetzt wird es spannend, denn die beste Zigarette für einen Raucher, ist die erste Zigarette des Tages. Da spürt man die entspannende Wirkung seines Gifts noch so richtig richtig. Das Nikotin flutet das mesolimbische System, besetzt die Acetylcholin-Rezeptoren und die Dopaminproduktion kommt auf Touren. Die im Laufe des Tages folgenden Zigaretten spürt man dann nicht mehr so stark. Die erste ist also ganz wichtig. Ok, der Verdampfer ist frisch mit Liquid befüllt, sein Akku ist frisch geladen und der Kaffe ist frisch in unserem Bodum-Klon zubereitet. Ich trinke ein paar Schlucke, dann ziehe ich am Verdampfer. Einmal tief, zweimal, noch tiefer, dreimal, ganz ganz tief. Der Flash bleibt aus. Das Nikotin aus einer Zigarette wird vom Körper binnen 10 Sekunden aufgenommen, das Nikotin in den Liquids hingegen, das übrigens nicht aus Tabak gewonnen wird, wird erst nach ein paar Minuten absorbiert. Hat irgendwas mit dem PH-Wert zu tun, glaube ich. Ich kann warten. Nach ca. fünf Minuten kommt der ersehnte Flash heftig und gut, sehr gut sogar. Dieses wichtige Kriterium hat der Verdampfer schon mal erfüllt, er bekommt ein Like von mir. Aber funktioniert auch das Tripple-K (Kaffee, Kippe, kacken)? Meine Verdauung ist so dressiert, das ich schon nach einer halben Tasse Kaffee und einer Pyro am Morgen, das stille Örtchen aufsuchen kann. Immer, jeden Morgen, ohne Ausnahme. Das Wort Verstopfung hat keinerlei Bedeutung für mich. Mein Darm ist heute wohl etwas irritiert, denn der Kaffeebecher ist schon längst leer als der Effekt eintritt. Aber bis auf diese kleine Verzögerung funktioniert alles bestens und wie gewohnt auf dem Porzelanthron. Der Verdampfer erhält ein weiteres Like. Wieder zurück in der Küche fällt mein Blick auf den Tabakbeutel, der dort seit gestern unberührt herumliegt, ich bedenke ihn mit einem mitleidigen Lächeln, zieh an der Dampfe und überlege ihn zu entsorgen, schließlich harmonieren der Verdampfer und ich ganz ausgezeichnet, viel besser als erwartet. Ich lasse diesen hybristischen [sic!] Gedanken aber schnell wieder fallen, als mir bewusst wird, dass ich nur einen (in Worten: EINEN) Verdampfer besitze. Was mach ich wenn er von einem auf den anderen Augenblick beschließen würde nicht mehr funktionieren zu wollen? Er wurde schließlich in China gefertigt. Was wenn der festverbaute Akku defekt ist? Was wenn ich ihn irgendwo liegen lasse? Wenn er mir gestohlen wird? Ich müsste wieder auf Pyros zurückgreifen und das will ich auf keinen Fall. Die aufkommende Panik unterdrückend, haste ich zu meinem Rechner, dank einer SSD ist Windows 7 innerhalb von 30 Sekunden betriebsbereit. Ich starte die auf dem Rechner installierte virtuelle Maschine. mit einer spezielle Linuxversion, die ich benutze, um sicher das böse, böse WWW zu durchstreifen. Da ich extrem paranoid bin, wenn es um Sicherheit im Netzt und Datenschutz geht (das ist schließlich mein Job) starte ich auch den VPN-Dienst und besorge mir heute mal eine Finnische IP-Adresse. So surfe ich den Händler meines Vertrauens an, und bestelle mir noch eine Dampfmaschine, eine Nummer größer diesmal und mit auswechselbaren Hochleistungsakku. Ach, was solls gleich noch ein paar Liquids mit dazu. Das Bestellsystem informiert mich, dass ich die Lieferung meiner Bestellung schon morgen erwarten darf. Jetzt, etwas beruhigter, surfe ich dampfend noch ein wenig die Nachrichtenseiten ab. Das Telefon blinkt. Ich nehme ab. Ein Kunde. Ich muss arbeiten.

Tag 3 - Nur das Wesen Mensch weiß nicht, wann es aufhören muss.

15 Uhr irgendwas
Ich sterbe. Mir ist sooo schlecht. So richtig richtig schlecht, bin kurz vorm Kotzen. Und mir ist total warm, obwohl ich friere. Ich zittere und mein Gesicht hat die Farbe eines chlorgebleichtes Hühnchens. Wenn ich sitze, will ich mich hinlegen, leg ich mich hin, dreht sich alles. Stehen geht mal gar nicht. Ich bin ein Idiot. Ich musste es natürlich übertreiben. Heute morgen ist der gestern bestellte Verdampfer gekommen. Eingebetteter Medieninhaltrechts der etwas größere Verdampfer

Und dazu dieses scheissleckere Liquid mit Kaffeearoma (12mg Niko/ml). Ich habe das Ding gleich ausprobiert. In den Tank passen locker vier Milliliter. Das entspricht, in der Nikotinstärke und wenn man die unterschiedlichen Resorptionsraten berücksichtigt, gut 30 Gramm Tabak. Und ich habe seit 10 Uhr fast drei Tanks weggedampft. Oh man. Gut, dass Frau sich diese Woche auf Seminar im Brexitland aufhält. Frau würde sich vor mir aufstellen, ihre Hände in die Hüften stemmen, und mir genüsslich ihr spöttisches, rechthaberisches, gemeines „Siehste, das haste nun davon.“ ins Gesicht werfen. Dieses Liquid mit Kaffeegeschmack ist aber auch zu lecker, und wenn ich das mit ein paar Tropfen von dem Vanilleliquid mische, noch viel leckererer. Jede Zigarette ist irgendwann mal zu Ende geraucht. Im Schnitt nach 10 bis zwölf Zügen. Dann mach man die Kippe aus und gut ist. Der Verdampfer hingegen ist praktisch so was wie eine Flatrate-Zigarette, der hört nicht nach zwölf Zügen auf, auch nicht nach 30. An dem kann man nuckeln bis halt der Tank leer ist und das sind echt ne Menge Züge. Zu dem leckeren Geschmack, der mich permanent an dem Ding nuckeln lässt, kommt noch hinzu, dass ich versucht habe so große und dicke Dampfwolken zu erzeugen, wie es eben die Leistung dieses Geräts zulässt und wie ich es in coolen YouTube-Videos gesehen habe. Eingebetteter Medieninhalt(Die machen das vermutlich mit Liquid ohne Nikotin)

An die Grenze meiner eigenen Leistungsfähigkeit habe ich dabei überhaupt nicht gedacht. Jetzt ist mir hundeelend. Fuck. Ich fasse es nicht, ich habe eine leichte Nikotinvergiftung. Vitamin C soll ja dagegen helfen. Ich exe einen Liter O-Saft und lege mich auf die Couch.

17 Uhr 15
Söhne kommen nach Hause. Ich liege noch auf der Couch. Mir geht es etwas besser muss aber noch blass im Gesicht sein, denn kleiner Sohn fragt besorgt, ob bei mir alles ok wäre. Ich erkläre ihnen die Situation. Großer Sohn stemmt die Hände in die Hüften und altklugscheissert: "Siehste, das haste nun davon". Ich ignoriere ihn, teile ihnen mit, das ich als Koch heute wohl ausfallen würde, sie sich aus der TK-Truhe bedienen können, wenn sie Hunger haben, und sie bitte bitte kein Schlachtfeld in der Küche hinterlassen sollen. Sie trotten von dannen. Ich schlafe wieder ein.

Tag 4 – Luftreinhaltungsgebot

8 Uhr 30
Nach dem allmorgendlichen Tripple-K, mache ich mich auf zu einem Kunden. Einer seiner Server zickt rum, und remote komme ich nicht drauf. Also ist ein OnSite-Einsatz angesagt. Es ist ein langjähriger Kunde. Eine Verkleidung mit Anzug und Krawatte ist deshalb nicht von Nöten. Ich steige ins Auto und fahre Richtung Frankfurt-Innenstadt. Wir wohnen etwas außerhalb, und für den Fahrtweg habe ich mal vorsichtshalber eine dreiviertel Stunde eingeplant, die Friedberger-Landstrasse und der Alleenring dürften, erfahrungsgemäß, um diese Uhrzeit ziemlich dicht sein. Die kleine Dampfe schmiegt sich sanft an die Innentasche meiner Jacke. Komisches Gefühl so ganz ohne Tabakpäckchen, Blättchen und Feuerzeug unterwegs zu sein. Rauchen im Auto ist ein absolutes Tabu. Selbst ich als mittelschwerer Raucher finde den Qualm und Geruch einer brennenden Zigarette auf so kleinem Raum unerträglich. Und der Geruch bleibt ewig im Auto hängen, da kann man lüften wie man will. Selbst mit geöffneten Wagenfenstern bei 180 Sachen, der Geruch bleibt hartnäckig in den Polstern und Materialien der Innenraumverkleidung kleben. Nicht mal die Dampfente oder Febreze kommen dagegen an. In jungen Jahren war ich Besitzer eines alten 66er DAF, und habe des öfteren mit drei weiteren Kumpels am Goethe-Turm im Wagen, bei geschlossenen Fenstern, dicke Joints weggezogen. Selbst wenn man gar nicht am Joint gezogen hatte wurde man alleine von dem sehr kompakten Rauch, der sich im Wageninneren sammelte, dicht. Sehr kostengünstig und effizient. Allerdings wurde ich den Dope-Geruch im Wagen nie wieder los und hatte immer Bammel, wenn ich an einer Grenze kontrolliert wurde (ja, damals gab es noch keine offenen Grenzen in Europa, liebe Kinder).
Im Haus ist das so geregelt: Rauchen nur auf der Terrasse und in der Küche und in meinem Arbeitszimmer. Frau und ich hatten uns diesen Bann vor Jahren auferlegt. Der Kinder wegen. Frau raucht wenig, vielleicht so fünf bis zehn Filterzigaretten am Tag, die meisten davon auf Arbeit. Eigentlich war es ihr nicht so recht, dass in der Küche geraucht werden darf. Aber da ich der Koch im Hause bin, konnte ich mich, unter der Bedingung eine leistungsfähige Entlüftung einzubauen, schlussendlich durchsetzen. Die Entlüftung ist so stark, dass immer ein leichter Unterdruck in der Küche herrscht, wenn sie läuft. Das merkt man, wenn man die Tür aufmachen will, sie leistet ein bisschen Widerstand und löst sich sich seit dem mit einem schmatzenden Geräusch von der Türdichtung. Aber die Sauerstoffversorgung ist nicht gefährdet.
Wie erwartet, die Friedberger ist dicht. Stop&Go. HR3 spielt die gleiche Playlist, wie bereits seit zwei Jahren. Radio ist so was von tot. Kann ich es wagen? Soll ich? Klar man. Ich fummle die kleine Dampfe aus meiner Jackentasche, drücke auf den Knopf und nehme einen richtig tiefen Zug. Eine fette Dampfwolke mit Kaffee-Vanille-Aroma erfüllt das Innere des Honda Civic. Der Herr im Wagen neben mir schaut etwas irritiert und grinst dann breit. Vielleicht ein ehemaliger Kumpel von den Sessions am Goetheturm? Die Wolke löst sich binnen Sekunden auf. Ich ziehe noch drei, vier mal bis zur Ankunft bei meinem Kunden. Nach eine Stunde bin ich wieder draußen. Das Serverproblem war schnell identifiziert und repariert. Der Port eines Gbic hatte …. IT-Gelaber IT-Gelaber. Jedenfalls steige ich wieder in den Honda und rieche nix, niente, nada. Super. Der Verdampfer bekommt ein weiteres Like.

Tag 5 – Lobe das Wasser, aber trinke den Äppelwoi. /Härtetest II

20 Uhr
Jupiter, ein Freund und mein Apfelweindealer ist vorbei gekommen. Jupiter heißt eigentlich Frederick, wird Jupiter genannt weil: Frederick = Fred = “Fred vom Jupiter“. Du verstehst lieber Rezipient? (Ja ich weiß, ist blöd und flach, hat sich aber nun mal so eingebürgert.) Wir haben es uns in der Sitzecke in der Küche gemütlich gemacht. Jupiter mit seinem Zigarettenpäckchen, ich mit meiner großen Dampfe, ein voller Sechser-Bembel und zwei Gerippte auf dem Tisch. Er beäugt misstrauisch meine Dampfe und fragt was das denn für eine Rohrbombe wäre, die ich da in der Hand halte. Ich berichte ihm von den vergangenen Tagen und schwärme ihm euphorisch von den Vorzügen des Dampfens gegenüber dem Rauchen von Pyros vor. Er will mal probieren. War mir klar. Ich hole die kleine Dampfe aus meinem Arbeitszimmer, drücke sie ihm in die Hand, erkläre ihm die idiotensichere Handhabung und wie er ziehen solle. Natürlich muss er husten, der Anfänger. Aber er gibt nicht auf und nach fünf, sechs Zügen klappt es bei ihm auch ganz gut. Er ist, wie ich, begeistert. Ich schütte uns die Gerippten voll mit Äppler bis sie, wie es sich gehört, überschwappen. Wir prosten uns zu. Das Stöffchen ist hervorragend, wie immer. Er stammt aus einem Kaff in der Wetterau, aus der Produktion eines kleinen Familienbetriebs. Jupiter versorgt Frau und mich monatlich mit einem 20 Literkanister.
"Alkohol und Nikotin, rafft die halbe Menscheit hin, aber ohne Schnaps und Rauch, stirbt die andre Hälfte auch." Wenn ich Alkohol, ob Bier oder Äppelwoi, trinke, brauche ich zwingend Zigaretten dazu. Alkohol verstärkt die Wirkung von Nikotin, Nikotin die Wirkung von Alkohol. Sie sind Bonny und Clide der legalen Suchtstoffe und gehören unbedingt zusammen. Wird diese gegenseitige Wirkungsverstärkung auch mit dem Verdampfer funktionieren? Schon nach dem ersten Sechser-Bembel kann ich diese ungemein wichtige Frage uneingeschränkt bejahen. Mal wieder ein dickes Like für die Dampfe. Gegen Mitternacht, nach zwei weiteren Sechsern, und ohne sich im Laufe des Abends eine einzige Pyro entzündet zu haben, macht sich Jupiter recht angeheitert zu Fuß auf den Nachhauseweg. Den direkten Link zum Onlineshop für Verdampfer habe ich ihn auf sein Taschentelefon übermittelt. Ich bin mir sicher er wird noch heute Nacht so ein Ding bestellen.

Tag 6 - Der Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange auf ihn freut.

23 Uhr 30
Frau ist heute von ihrem Seminar zurück gekommen. Natürlich hatte sie schon Kunde über meine einschneidende Lebensentscheidung. Kleiner Sohn und großer Sohn, diese Petzen, hatten sie ausführlich über meine kleine Unpässlichkeit am Tag 3 via WhatsApp informiert. Als ich sie gegen 13 Uhr vom S-Bahnhof abgeholt hatte, habe ich ihr zu Begrüßung die Zunge raus gestreckt, mit dem Zeigefinger darauf gedeutet, und sie gefragt: “Hi hu, hi hu?“ [Siehst du, siehst du?]. An diesem Morgen ist mir nämlich etwas ganz fantastisches aufgefallen. Bei der routinemäßigen Inspektion von Mund und Rachenraum, konnte ich feststellen, dass der hartnäckige Zungenbelag, verursacht durch Teer und Kondensat des Zigarettenqualms, vollständigst verschwunden war. Total der Hammer. Ein Nichtraucher wird meine Euphorie vielleicht nicht so ganz nachvollziehen können, aber so ein Zungenbelag ist resistent gegen Zungenschaber und Zahnbürste, vermutlich würde nicht mal eine Flex etwas gegen ihn ausrichten können. Ich kann auch wieder durch die Nase atmen, da muss ich mich erst wieder dran gewöhnen. Braune Bröckchen huste ich aber immer noch, und das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben, bis sich meine Lunge wenigstens so einigermaßen von 35 Jahren Qualmen erholt hat. Geduldig hat sich Frau meinen Bericht über die vergangenen Tage angehört, hat natürlich auch die Dampfe ausprobiert und sich dann ein kleines Model (Formfaktor Cigalike) bestellt. Eingebetteter MedieninhaltDie Cigalike ist der rote Stift neben der Pyro.

Jetzt liegt Frau auf der Couch und schläft. Sie sieht immer noch so hübsch aus, wie vor 20 Jahren. Ich gehe in die Küche um zu dampfen, denn wir beide sind uns einige, dass trotz der bedeutend geringeren Schadstoffemission eines Verdampfers gegenüber einer Pyro, wir nicht in den Wohnräumen dampfen werden. Mein Blick fällt auf das Tabakpäckchen, das immer noch, seit sechs Tagen unangetastet, auf der Küchenzeile liegt. Ich beerdige es im Mülleimer, mit einer klitzekleinen Träne im Auge.


Disclaimer:

Ich hoffe mit meinem kleinen Bericht den einen oder anderen Raucher neugierig gemacht zu haben. Wenn ja, dann folgt einfach der kleinen Auswahl an nützlichen Links, die ich weiter unten zusammengestellt habe und lasst euch in einem Offline-Laden für e-Zigaretten beraten. Dort kann man auch mal naschen und probieren. Wenn du, geneigter Rezipient, Nichtraucher bist, sei froh und bleibe es. Auch der Dampf einer E-Zigarette, ob mit oder ohne Nikotin, ist nicht gesund, nur wesentlich weniger schädlich. Ich ziehe mal einen Vergleich aus dem Strassenverkehr zur Risikobewertung heran: Ein Raucher ist wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn zur Rush Hour, ein Dampfer, wie ein Autofahrer, der zwar auf der richtigen Seite fäht, jedoch mit 200 statt der vorgeschriebenen 120 kmh unterwegs ist.

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Weitereführende links:

E-Zigaretten zur Raucherentwöhnung?

e-rauchen-forum.de

Vom Rauchen zum Dampfen

Gesundheitliche Probleme

Anfängerfehler beim Dampfen

E-Zigarette richtig rauchen

20:15 30.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dampfbacke

Familienvater, selbst. ITler, männlich, 66er Jahrgang. / *** Meine Beiträge liegen auch immer als Audiofiles auf Soundcloud bereit. ***
Dampfbacke

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