Niemand fühlt sich zuständig

Wohnungslosigkeit Immer mehr Menschen in Deutschland steht kein eigener Wohnraum zur Verfügung. Die Bundesregierung kennt die Zahlen, ignoriert jedoch ihre politische Verantwortung
Niemand fühlt sich zuständig
Die Zahl der Obdachlosen wird auf 39.000 geschätzt, ein 50-prozentiger Anstieg im Vergleich zum Jahr 2012
Bild: imago/Müller/Stauffenberg

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist in den vergangen Jahren dramatisch gestiegen. Waren im Jahr 2010 noch 248.000 Menschen ohne eigenen Wohnraum, beläuft sich die Zahl 2014 bereits auf 335.000. Ein Anstieg von 35 Prozent. Die Zahlen gehen auf eine Antwort der Bundesregierung auf schriftliche Fragen der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Linken Sabine Zimmermann zurück.

Als wohnungslos werden Personen bezeichnet, die nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen. Das trifft sowohl auf Menschen zu, die in temporären Notunterkünften untergebracht oder auf Nutzungsverträge angewiesen sind, als auch auf Menschen, die ganz ohne Wohnraum sind. Die Zahl der Obdachlosen wird auf 39.000 geschätzt, ein 50-prozentiger Anstieg im Vergleich zum Jahr 2012. Asylbewerber, die nach den genannten Kriterien ebenfalls als wohnungslos eingestuft werden müssten, werden bei den Angaben nicht berücksichtigt.

Die Regierung bezieht sich bei ihren Angaben auf die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnugslosenhilfe e.V., die in regelmäßigen Abständen die Anzahl der Wohnungslosen in Deutschland schätzt. Der Verein prognostiziert, dass die Zahl bis 2018 gar auf 536.000 Menschen anwächst, was ein Anstieg von 116 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010 bedeuten würde.

Politische Verantwortung: Fehlanzeige

Als Ursachen für die steigenden Zahlen nennt die BAG Wohnungshilfe eine verfehlte Wohnungspolitik bei gleichzeitiger unzureichender Armutsbekämpfung. 2014 hätte es insgesamt 86.000 Wohnungsverluste gegeben, davon 33.000 durch Zwangsräumung. Durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors würden zudem immer mehr Menschen in Gefahr geraten, ihre Wohnung zu verlieren. Die Bundesregierung sucht die Verantwortung derweil lieber bei den Menschen selbst: „Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psycho-sozialer Ursachen.“, heißt es in der Antwort auf die Fragen von Zimmermann. Die Wohnungshilfe kritisiert diese Haltung gegenüber dem Freitag scharf. Es fühle sich für das Problem schlicht niemand zuständig, die politische Verantwortung werde seit Jahren weggeschoben.

Die Opposition im Bundestag kritisiert vor allem die Weigerung der Großen Koalition, offizielle Angaben in Deutschland überhaupt zu erheben. „Der Wohnungslosigkeit muss der Kampf angesagt werden. Dazu muss die Bundesregierung endlich eine Statistik zur Zahl wohnungsloser Menschen etablieren.“, kommentiert Zimmermann. In anderen europäischen Ländern (u.a. Frankreich, Spanien, Italien) und auch im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist dies seit langem der Fall. Eine letzte bundesweite Erhebung des Statistischen Bundesamtes datiert auf das Jahr 1992. Seit dem werden die Augen vor dem Problem verschlossen. Eine Chance, dies zu beheben, bietet sich Anfang 2017. Dann wird ein Antrag der Grünen, der die Bundesregierung zu einer Erhebung dieser Daten verpflichtet, im Ausschuss für Arbeit und Soziales eingebracht.

15:21 08.12.2016

Kommentare 12

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar